Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1911)
- Date
- 1911-07-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Qee LSw tltt. Bette «. Sk. 28 13. Juli 1911. stellen. Ueber unsere Vorstellung freilich können wir nicht hinauskommen. (Schluß folgt.) LCf*. CorrespondenzeM a. KachNtdle«. KeprSsentsnlen-Sitzung Berlin, 2. Juli. Die letzte Sitzung der Repräsentanten vor den Ferien war meist mit Zuwendungen und Subventionen und Abrechnungen ausgefüllt. Herr Rentier Ferdinand Schlesinger spendete für die Erhaltung von Gräbern und für das Krankenhaus je 25,000 Mk. Die Vorlage betr. Satzungen der Baukommission der jüdischen Gemeinde wird vertagt. DieKommission zur Revision der Kassen und des Depositoriums hat nichts beanstandet, bittet aber einen anderen Modus statt der Stichproben einzuführen. An Stelle des ausscheidenden Herrn Geheimrat Timendorfer wird Herr Justizrat Breslauer zum Gemeindeältesten gewählt. Zur Erhöhung des Schornsteins in der alten Synagoge wurden Mk. 621.90 bewilligt, zur Erhöhung von Tünch- und Malerarbeiten für die alte Synagoge 4000 Mk., zur Erweiterung des Wafserrohrleitungsnetzes auf dem Friedhofe Weißensee 2539 Mk., zur Renovierung der Amtswohnung des Leiters der Mädchenschule 1950 Mk. Für die durch die Trauerfeier für Herrn Dr. Ungerleider entstandenen Kosten Mk. 1422.31. Erhöht wird der Beitrag zum Religionsunterricht an der Apelschen Schule von 420 auf 600 Mk., für das Israelitische Krankenhaus in Neuenahr von 100 auf 200 Mk. Der für den Synagogenveretn Beth Zion bewilligte Subvention von 770 Mk. wird auf 1500 Mk. erhöht. Der Reltgionsverein Ahawas Scholaum erhält außer den bewilligten 4500 Mk. eine außerordentliche Beihilfe von 2000 Mk. Der Schöneberger Synagogenverein, welcher 380 Mitglieder hat, erhält eine Jahressubvention von 12,000 Mk., die Religionsgemeinde Rixdorf einen Zuschuß von 1000 Mk. Die Subvention für den Religionsverein Westen wird auf 12,000 Mk. erhöht. Dem Lutsenstadtischen Brüderveretn wird ein Vorschuß von 3000 Mk. bewilligt. Außerdem wurde Subventionen bewilligt: an den jüdischen Volksvereinfür Kurbedürftige in Bad Nauheimfür die Anstellung einer Hilfskraft für die Gemeindebibliothek zur Katalogisierung der Wolffschen Sammlung u. n. m. In geheimer Sitzung wurde Herr Rabbiner Dr. L. Rosenthal in Köln einstimmig zum konservativen Rabbiner gewählt. Ueber die Wahl eines liberalen Rabbiners werden nach den Ferien Beratungen stattfinden. - Stuttgart, 12. Juli. (Privattelegramm.) Der Verwaltungsgerichtshof hat heute die Berufung der Israelitischen Kirchengemeinde Stuttgart gegen Paul Aron verworfen und das Urteil des Kreisgerichtes bestätigt. Oesteweirh. Lemverg, 10. Juli. In Drohobycz zieht allmählich wieder die Ruhe ein. Beruhigend wirkte es, daß der Bezirkshauptmann Pianktewtcz und der Kommissär Ltszowsky, gegen welche die meisten Beschuldigungen erhoben wurden, und gegen die daher auch die Erbitterung am größten war, bis auf wetteres von ihren Aemtern suspendiert wurden. Man glaubt nun im Allgemeinen, daß die Untersuchung über die Vorgänge am Wahltage unparteiisch und unbeeinflußt werde geführt werden können. Auch sonst beruhigen sich die Gemüter allmählich, und der Verkehr zwischen den Anhängern der einzelnen Parteien hat sich wieder eingestellt. Der Versuch, diejenigen Kaufleute, so insbesondere die Gruppe der Fischhändler, welche als Anhänger Dr. Löwen st eins bekannt find, geschäftlich zu boykottieren, mißlang, und so ist anzunehmen, daß die Bevölkerung sich nunmehr ernstlich der Frage zuwenden werde, in welcher Weise die Hinterbliebenen der Opfer, insbesondere die zahlreichen Waisenkinder, einer gesicherten Existenz zugeführt werden könnten. Wie aus Drohollycz mitgeteilt wird, dürfte es auch bald zu einer Einigung zwischen beiden Hilfskomitees kommen. Dies ist umso notwendiger, als die gesonderte Tätigkeit der beiden Komitees schon jetzt bei der Verteilung der momentanen Hilfe an die ihrer Ernährer beraubten Familie verschiedene Ungelegenheiten verursacht, durch welche ein Teil der Betroffenen geschädigt ist, während andere von beiden Komitees Unterstützungen erhalten. Ungarn. llngaiMer Brief. (Bon unserm Korrespondenten.) Z. B. Budapest, 18. Juni. Diesmal bringe ich freudige Botschaft. Der konzentrierte Angriff unserer Feinde, die sich unter Führung der jüdischen Parlamentarier aller Parteien anschickten, die orthodoxe Landesorganisation zu sprengen, ist abgeschlagen. Die kompetente Behörde, das Ministerium für Kultus und Unterricht, ist den Drohungen, Anschwärzungen und Bitten nicht unterlegen. Graf Johann Zichy zeigte tieferes Verständnis für die Beurteilung der aufgerollten Judenfrage als unsere intimen Feinde: „Er hält die Schaffung einer jüdischen Autonomie sowohl vom Standpunkt der staatlichen Aufsicht als auch der Kulturpolitik für überaus wichtig, wie er denn auch die Organisierung der Ausbildung der Rabbiner — auf die seine Aufmerksamkeit durch den jüdischen Ankläger gelenkt wurde, der die Jeschiwos als Brutstätten der Unkultur und fanatischen Finstergeistes hinstellte — „und des Schulwesens für unaufschiebbar erachtet. „Nun aber kennt das Gesetz allerdings nur eine israelitische Konfession, doch ist es zweifellos, daß das Zusammewirken der Orthodoxen und Neologen unter den heutigen Umständen kaum denkbar ist. Es bestehen diesbezüglich außer persönlichen und objektiven Momenten auch gewisse wirtschaftliche Gegensätze." — Im Wege der Oktroyierung möchte Redner die neue Organisation schon vom liberalen Gesichtspunkte nicht schaffen. Täte er dies dennoch, dann müßte er sicherlich über ein tobendes Meer von Interessen und Gefühlen hinwegschreiten (so ist's!). Er werde binnen kurzem den Versuch machen, die besonderen zwei Gruppen zu einer gemeinsamen Tätigkeit aufzufordern. Unabhängig davon wolle er die Angelegenheit der Rabbtnerqualifikation studieren. Allerdings habe die jüdische Konfession auch jetzt ein ausgezeichnetes Rabbinerseminar, doch glaubt Redner, daß die allgememeine Bildung, welche sich die Rabbiner derzeit dort aneignen, nicht genüge, um als jüdische Seelsorger amtieren zu können." Dieses Resultat mit herbeigeführt zu haben, ist das ungewollte Verdienst des neuesten Pogromhelden Polonyi, der, wie es ihm Vonseiten seines Abgeordnetenkollegen, dem Pfarrer Johann Hyck, ins Gesicht geschleudert wurde, eine neue sizilianische Vesper einläuten will. Aus Haß gegen die liberalen Juden, die ihm das Leben und Sterben schwer machten, anaiysierte er ihre Angaben im Parlament und wies ziffernmäßig nach, wie ungerecht das Verhältnis der Beteiligung beider Konfessionen an den Benefizien, die der Staat zu vergeben hat, ist. „Es gibt 1260 orthodoxe und 1500 neologe Gemeinden, sagte er. Nun unterstützt der Staat die Israeliten mit 60,000 Kronen, wovon die Neologen, trotzdem sie nur 150 und die weitaus leistungsfähigeren sind, die Hälfte, 30,000 Kr. erhalten. Das Einkommen des Landeshilfsfonds — dessen Geschichte genugsam bekannt ist — beträgt 400,000 Kr. pro Jahr. Die Neologie behält nun im Namen der brüderlichen Gleichheit und Eintracht 390,000 Kronen für sich. . . Und nun kommt der geehrte Kollege Bakongi und sagt, daß man den Zustand der Jeschiwos nicht weiter so belassen darf." — Bakongi ruft dazwischen: „So wie es heute ist, gewiß nicht." Polnyi: „Das sage ich auch. Nur kann die orthodoxe Gemeinde von den übrigen 10,000 Kr. keine gar große Hochschule errichten." Wenn Herr Bakongi gegen die Preßburger Jeschiwa etwas einzuwenden hätte, kann ja dem leicht abgeholfen werden. Sollen die Herren Neologen von den 400,000 Kronen 300,000 den Jeschiwos abgeben/ dann werden diese gleich anders aussehen." — „Das Parlament", führte er aus, „kann keinen zur Ausübung von Dogmen zwingen, oder bestimmen sich zu einer Konfession zu erklären, wenn er behauptet, nicht dorthin zu gehören." „Das Bestreben der Zwangsvereinigung ist gescheitert und wird immer daran scheitern, daß die Orthodoxen es nicht anerkennen, mit den Neologen eine religiöse Gemeinschaft zu bilden. Ich als Gesetzgeber halte mich nicht kompetent, darüber zu entscheiden, welche von beiden im Rechte sei, da mir die Literatur, das Turimkodex, der Schuchan' Aruch, Talmud und Gemarah fremd ist." Die Wege der Vorsehung sind wunderbar. Sie sind in ihren Verzweigungen und Verschlingungen fast unergründlich. Man fürchtete bet uns, daß die schutzlos im Parlament angegriffene Orthodoxie der eisernen Umklammerung des konzentrierten Angriffs nicht entrinnen werbe. — Szabolzi hat schon im Vorgefühl des hohen Glückes der Vereinigung eine Lanze für die so arg geschmähte, in Mad von brutaler Polizeigewalt auseinander gesprengte Jeschiwo gebrochen und einen Preis von 500 Kronen für ein Statut ausgeschrieben, das den beiden Konfessionen zur einheitlichen Basis dienen konnte. Die Stimmung im Parlament war entschieden gegen uns. Nicht ein Mann war im Haus, der den Geist Deals, der im Jahre 1870 im Namen der gefährdeten Gewissensfreiheit gegen den neologen Juden Wöhrmann die Orthodoxie beschützte, heraufbeschwor,' kein Mann, der wie der edle Dichterfürst Maurus Jokat im Jahre 1870 sich dagegen strenge verwahrte, „einseitige Informationen von einem, der als Jude austritt aber nur sein Judentum vertritt, zu schöpfen. Alles schien verloren, da trat der wilde Haß als versöhnend ausgleichendes Prinzip in die Wettordnung. Polonyi mußte aus der Versenkung emportauchen, um das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. Es kam per aspera ad astra durchs Dunkel zu den Sternen. Und die Herren von der neologen Seite müffens zufrieden sein, feiern sie doch eben mit Jubelsang und Trommelwirbel das Hundertjahrfest ihres Großen, ihres Einzigen: Leopold Löw. Der Mann müßte sich doch im Grab umdrehen, wenn er ihr heutiges inkonsequentes Treiben vernehmen sollte. Er hat nämlich in einem Werke (Zur neueren Geschichte. 319) über die Beschlußfassung des ungarischen Parlaments vom 18. März 1870 geschrieben: „Das Repräsentantenhaus handelte korrekt und weise, indem es die Orthodoxie in Schutz nahm, da der gegen sie auszuübende Zwang ein Gebiet betraf, auf welchem dem Staate durchaus kein Recht zusteht." Oder verstehen die in die Kutte gesteckten Philologen die Sache besser als ihr oberster Schutzpatron? Ist die Brut klüger als die Henne?