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Der Israelit · 1911-07-13 · Heft 28 (13.7.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 28 (13.7.1911)
Date
1911-07-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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18. Jult 1911. Der J-raeltt. bex Umdrehungsbewegung und ihre gemeinsame Translation im Raum berechnet werden können. Sicher, sicher, so sollte man meinen, den Weg der Berechnung müssen wir einschlagen. Auf logisch reflexivem Weg müssen wir langsam und mühevoll immer weiter vorwärts schreiten bis uns Antwort wird auf all unsere Fragen, die des Lebens Seligkeit und Pein betreffen. Wir müssen die Vernunft einmal frei sich entfalten lassen. Die sich selbst verstehende Vernunft begreift, daß die tiefste Wurzel und die edelste Frucht alles menschlichen Strebens das Wissen ist: Verständnis dessen was ist, Erkenntnis dessen, was sein soll, alles Geschaffenen Kraft und Maß erforschen, der eigenen Geistestätigkeit Gesetz und Regel zu ergründen und von allem Endlichen zum Unendlichen den Weg zu suchen. In heutiger Zeit liegen die Verhältnisse so, daß jeder es als Ehre ansieht, als Freund der Wissenschaft zu gelten, und daß es keine größere Schande geben kann, als wenn jemand ein Feind der Wissenschaft, die doch im allgemeinen offenbar allen zum Heile ist, wäre. Um dieser Ehre, als Freund der Wissenschaft betrachtet zu werden, teilhaftig zu sein, bekennen sich viele ohne weiteres zu einer Ansicht, sobald sie hören, dies sei eine wissenschaftliche Ansicht ohne genau -zu prüfen, ob diese Ansicht wirklich Anspruch darauf hat, wissenschaftlich genannt zu werden oder nicht. Ohne genau zu erwägen, ob vielleicht Sonderintereffen vom rechten Wege ablenkten oder Triebe und Neigungen veranlaßten, daß man den Weg des Irrtums einschlug oder ob Dinge vorhanden waren, deren angebliche Erkenntnis man der falschen Mitteilung anderer verdankte, behauptet man kühn, es mit absoluter Wahrheit zu tun zu haben und daß jeder Irrtum ausgeschlossen sei. Der meiste Irrtum kommt dadurch zustande, daß viele keine klare Vorstellung von dem haben, was Wissen und was Glauben heißt. Es gibt wohl kaum ein Wort in der Welt, das so vielfach mißverstanden und so vielfach wissenschaftlich falsch angewandt wird als das Wort Wissen. Den meisten gilt ihr subjektives Wissen oder Glauben als Wissen. Viele glauben, daß sie es nur dann mit echtem Wissen zu tun haben, wenn es sich um etwas handelt, was sie mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit den Händen zu tasten vermögen, während dies, nebenbei gesagt, nicht einmal Wissen sein braucht. Daß aber ein Mensch einmal aus seinem Alltagsverstand herausgeriffen und von Bewegungen erfüllt werden kann, die stärker sind als seine anerzogenen und angewöhnten Begriffe, das will gar manchem nicht in den Kopf. Man will nicht begreifen, daß es Dinge gibt, die man weder hören noch sehen kann und und so begeben wir uns in unsere Kabinen, um zu schlafen. Ich glaube, ich bin der einzig? Passagier, der sich, wie zuhause auf dem Festland, so entkleidet zur Ruhe niederlegt und' ohne Gedanken an eine Gefahr keinerlei sogenannte Vorsichtsmaßregeln trifft. Vas sollen die törichten Vorbereitungen auch? Mögen andere sich auch nur halb angekleidet hinlegen; ich bin ohnehin etwas fatalistisch veranlagt. Aber im ^>ennde meines Herzens ist mein Fatalismus nur das unbedingte Vertrauen in die ewige Waltung eines bvhererr Wesens, das uns allerorts schützt, oder unser Lebensziel sletzt. Und sang ni-cht vorhin auch das Keine jüdische Weib vertrauensvoll, daß der Hüter Israels nicht schläft und nicht schlummert? Bon den immer höher gehenden Wogen eingewiegt, von dem immer stärkern Brausen des Meeres eingesungen, schlafe ich auch bald ein, fest und traumlos bis zu Tagesanbrlkch. (Fortsetzung folgt.) Oie sterbende Gemeinde.*1 Das Landstädtchen Kieserburgheim war von alters n der Sitz eiper anschnjichey jüdischen Gem«mde. 'Als aber die neue Zeit hereinbrach und die großen Städte und die Jndustrieorte ihre aufsaugende Tätigkeit begannen und Handel und Verkehr gierig an sich rissen, da vollzog sich eine allmähliche Abwanderung der jüdischen Bevölkerung nach den größeren Plätzen des Landes. Zuerst verlegte eine wohlhabende Familie, die — wie man sagte — ihr Schäflein ins *) Aus der jetzt bei F. Kunssmann, Frankfurt a. M., erschienenen vermehrten und verbesserten Auflage des Buches: „Einsames Land von Dr. Wilhelm Münz. die dennoch wahr find) man will nicht verstehen, daß die Menschheit noch aus anderen Dingen zusammengesetzt ist als aus mechanischen Uhrwerken und Genuß- und Arbeitsmaschinen. Gerade die ungeheueren experimentellen Erfolge, welche die Wiffenschaft auf manchem Gebiete aufzuweisen hat, blenden die meisten derart, daß sie auch dort Wahrheit wähnen, wo größte Unsicherheit und Täuschung vorhanden ist. So schworen die meisten z. B. auf Darwins System. Mit allen Mitteln der Vergleichung und der Spekulation wurden die Spuren vergangener Entwicklungen und Umwandlungen aufgesucht, damit wir die Verwandlung und Erhaltung der Arten erkennen. Damit war natürlich der Phantasie freiester Spielraum gegeben. An kein Dogma wurde so innig geglaubt wie an den ursprünglichen Darwinismus. Das Ergebnis schien so einleuchtend, daß es als selbstverständlich betrachtet wurde. Wohl wurde nachgeprüft, aber zumeist nicht in der Absicht, wirklich zu kontrollieren, sondern nur das bestätigt zu finden, was man gern beweisen wollte. Es war ja auch sehr schwer, überhaupt etwas ktarzustellen, da ja nur die wenigsten Forscher selber pflanzen und züchten, und die es tun, verstehen in den meisten Fällen die Resultate der Wissenschäft nicht klarzustellen. So konnte es geschehen, daß Jahrzehnte verstrichen, bis wir ein klares Urteil zu faffen vermochten. Alle Achtung vor Darwin! Seine Verdienste um die Wissenschaft sind gewaltig, und gar manches, was er behauptet, mag ewig wahr bleiben. Aber gar viele seiner Deduktionen sind nur wertlose Phantasiegebilde, die die Menschheit irre führten. Auch seine Theorie vom Kampf ums Dasein ist nur sehr relativ wahr. Nicht die besten Bäume tragen die meisten Früchte, sondern die, denen der fruchtbarste Standort angewiesen worden. Darwin wähnt, daß, wenn zwei verschiedene Qualitäten Weizen ausgesät worden, zu erwarten sei, daß bald die fruchtbarere Sorte überwiegt und die minderwertige verschwindet. Die Erfahrung lehrt das Gegenteil: die minderwertigen bastardieren mit den guten, und das Ganze wird minderwertig. Es ist ja ganz klar, daß, wenn dauernd züchterisch ein gegriffen wird, um dies oder jenes zu erzielen, sich mancherlei ergibt, was sich beim gewöhnlichen Gang der Natur nicht ergeben hätte. Wir haben es jedoch mit dem regulären Gang der Natur zu tun, und da sind es denn doch ganz andere Gesetze und Zusammenhänge, die dominieren. Wir merken bald, daß wir trotz all unseres Wissens und unserer Apparate noch weit davon entfernt sind, ins Innere der Natur schauen zu können. Der bloße Augenschein trügt, und mit Trockene gebracht hatte, ihren Wohnsitz nach der Hauptstadt. Nach einem längeren Zeitabstand folgte eine zweite, die bessere Taseinsbedingungen aufsuchen und den Bindern eine zeitgemäße Erziehung angedeihen lassen wollte: dann kam eine dritte an die Reihe, welcher die heranschleichende Sorge dr n Wanderstab in die Hand gedrückt hatte. So schritt die Abbröckelung vor. — Wie wenn eine Wassertonne leck wird, und Tropfen aus Tropfen drängen ins Freie, anfangs langsam sickernd, ab?r allmählich schärfer strömend, bis das Gefäß leer ist, jo erging es der jüdischen Gemeinde in uieserbürgheim. Tie von dem Leben und den kommenden Tagen noch etwas erwarteten, hatten den Staub der Heimat von den Füßen geschüttelt und andere Orte ausgesucht. Nur die Alten und die Siechen, die sich nicht mehr entwurzeln ließen, blieben bodenständig und der Scholle der Väter treu! Die Alten und die Siechen! Wie die Jahre so kamen und gingen, wanderten auch sie über Land, aber nicht weit hinaus, sondern nur bis zum Friedhose, der draußen im hügeligen Gelände im Schatten der Föhren lag. Dort reihten sie sich den Generationen von Abgeschiedenen an, deren Grabdenkmäler wie ein steinerner Wald aufragten. Das war eine reich bevölkerte Totenstadt — aber die Gemeinde der Lebenden schwand sichtbar dahin. Die Synagoge, die in der guten alten Zeit die Zahl der Andächtigen kaum fassen konnte, wurde immer öder; die Reihen lichteten sich immer mehr, und klaffender und breiter wurden die Lücken in den Bänken . . . Endlich schlug die Stunde, da die letzte jüdische Familie der Stadt Lebewohl sagen sollte. Lebewohl! . . . Nach zwei Richtungen nahmen die Abzichenderr ihren Weg. Ter alte Großvater, dem zuliebe die Familie in der kleinen Stadt geblieben war, hatte §kr 28 Seite & dem Mikroskop allein kamr man denn doch nicht die Welträtsel lösen. Wir müssen uns vor Augen halten, daß wrnige aufgefundene Gramm Radium genügten, bisherige Grundlagen zu erschüttern. Es ist ausgemacht, daß Stoffe, die man bisher für Elemente hielt, sich in Gegenwart von Radiumemanationen in andere Stoffe umwandem laffen, sodaß man genötigt war, den Begriff „Element" so zu definieren, wie eS der jeweilige Stand der Wiffenschaft erlaubt. Alle Untersuchungen auf dem Gebiete der Eiweißchemie haben unsere Kenntniffe überaus bereichert. Mögen Untersuchungen über Aminosäuren, Polypeptide und Pröteinstoffe noch so erfolgreich gewesen sein, man wird doch nicht ernfllich glauben können, in das Wesen der Dinge etngedrungen zu sein! Wie gut wir auch Art, Wesen und Bedingungen der Fermentwirkung kennen, die eigentliche chkmische Struktur der Fermente ist auch heute noch nicht aufgedeckt. Hier steht man vor dunklen Rätseln, deren anscheinende Unlösbarkeit umso schwerer wiegt, als sich hinter ihnen die tiefsten Geheimnisse des Lebens verbergen. Es widerstrebt uns, noch Beispiel an Beispiel zu fügen, aus welchen die Unzulänglichkeit menschlicher Vernunft, die Geringfügigkeit menschlichen Erkenntnisvermögens hervorgeht. Man möchte uns vielleicht vorwerfen, daß wir uns in den bekannten Schlupfwinkel zurückziehen, den Spinoza „Asyl der Unwissenheit" nennt, während wir in Wirklichkeit die Wiffenschaft innigst lieben und nichts sehnlicher wünschen als wahres Wissen. Eben darum müssen wir genau wissen, wie weit wir zu gehen haben und müssen uns eingestehen, daß wir noch zu tief in unserem Milieu mit seinen besonderen Voraussetzungen stecken, als daß wir heute schon in mehr als Ausnahmefällen das Bleibende, das ewig Wahre aus allem sich Widersprechenden herausschälen könnten. Die Wege der Forschung find noch zu vielfach und zu verschlug gen, als daß wir leicht reine Wahrheit finden könnten, die eher auf geradem Wege zu finden ist und stets sehr einfach ist. Trotz aller epochemachenden wunderbaren Erfolge der Wissenschaft scheinen wir noch zu sehr von dem Zeitpunkt entfernt, wo die Resultate der Wissenschaft uns den Schleier, der über allen Erscheinungen ruht, lüften und uns für alle Fälle bleibende Wahrheit lehren. Trotz der Tatsache, daß das menschliche Erkennen so oft irrtümlich ist, kann man die Zuverlässigkeit des Erkennens jedoch nicht vollständig in Frage ziehen. Die Menschennatur ist nicht untrüglich, aber wahrhaftig. Im Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der vernünftigen Menschennatur können wir eine gesunde kritische Prüfung derselben andre müden Augen geschlossen und wurde aus dein stillen Markthaus zu den Föhren hinausgetragen, wo er eine noch stillere Wohnung bezog. Als aber die Trauerzeit vorüber war und für Haus und Geschäft ein Muser sich gesunden hatte, schickte sich der sohn mit seinen Angehörigen an, das Städtchen zu verlassen. Er nahm den Synagogenschlüssel und band an ihn ein Holzplättcheu, worauf er das Wort „Synagoge" schrieb. Ein ordnungsliebender, etwas umständlicher Mann, wie er war, bemühte er sich deutlich zu schreiben, und doch verschwamm die Schrift unter einer Träne, die unversehens aus seinen Augen fiel. Tie schwere Schicksalsstunde machte sein Herz erzittern. Voll Wehmut drückte er seine Stirn an die Fensterscheiben und ließ den umflorten Blick über den stillen, grasbewachsenen Marktplatz schweifen, wo der scharfe Herbstwind trockenes Laub von den nahen Feldern zusammentrieb. Er riß sich von diesen Betrachtungen los - - es kommt, wie es hat kommen müssen — und trug den Schlüssel aufs Rathaus, wo ihn der 'dümmerer in eine Schublade legte, darin andere zwecklose schlüsstt zu verschollenen, verlorenen Gelassen rosteten. Arme Synogoge, Zufluchtsstätte trostbedürstiger H.rzen, eine dem Untergänge preisgegebene, verschollene Ruine! (Tie anatolnchen Juden.) Türkische Zeitungen erhalten interessante Berichte über die jüdische Gemeinde in Bas-Kale in Anatolien. Die Juden dieser Gegend sprechen eine eigenartige Sprache, deren Existenz bisher kaum gekannt war. Es ist ein Gemisch von C h a l d ä i s ch und persisch und es scheint, daß die Juden dort die hebräische Sprache nur wenig kennen. Irr einem Briese an den Chacham Baschi bitten die Juden Anatoliens, ihnen Schn len zu errichten und wenn dies nicht möglich wäre, ihnen zumindest Lehrer zu senden.

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