Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1911)
- Date
- 1911-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der JSraeM. IS Juli 1SU. Sklaventum und Verdummung befreit hat und ihnen zu einem neuen Leben des Lichtes und der Freiheit verholfen -hat." „Es ist tiefbetrübend," heißt es weiter im Ausrufe, „daß man uns von deutscher Seite zumutet, gelegentlich der Wahlen unser inneres Wesen zu verleugnen und das aufzugeben, was dem jüdischen Volke von jeher zur Ehre und zum Ruhme gereichte: Vertrauen, Anhänglichkeit und Dankbarkeit!" Antebi ist ein Mann, der sein Werk kennt und es wohl weiß, welchen Ton man anschlagen muß, um den Weg zu den Herzen sener Schüler zu finden. Die anderen Lehrer der Alliance, alle mit echt Pariser weltmännischer Geschmeidigkeit begabt, wissen das ebenfalls. Und so kann es wohl sein, daß auch die deutsche Prüfungskommission eine dem Gesetzesbuchstaben ganz entsprechende Majorität für die Pariser Liste mit Reinach im Oriente finden wird. Und doch würde auch in diesem Falle unseres Erachtens die Prüfungskommission ihren Weg nicht umsonst gemacht haben. Sie wird es an Ort und Stelle erfahren, wie durchgreifend und tiefgehend die Alliancearbeit im Orient ist und wie sie es dort durch ein ganzes Heer von gehorsamen Kreaturen fertig gebracht hat, die jüdische Jugend für unabsehbare Zeit in ihr völlig aus dem Judentum hinausführendes Schlepptau zu bringen. Wird auch somit die Wahl Reinachs durch das Ergebnis der Prüfung nicht umgestoßen, so wird doch die Expedition wertvolle Lehren heimbringen, die für die Gestaltung der weiteren Tätigkeit der Deutschen Konferenzgemeinschaft und für ihr Verhältnis zu Paris bestimmend sein könnten. Der Swang?um Schaffen im Offen. In den letzten Nummern des Ztnwn, des hebräischen Organs der Gesetzestreuen in Rußland, ist an erster Stelle ein Aufruf veröffentlicht, der von dem üblichen, leider stereotyp gewordenen „Notschrei aus dem Osten" sehr abweicht, überhaupt nicht als Hilfe-, sondern als Sammelruf gedacht ist und als solcher die Beachtung aller verdient, die die Entwicklung der innerjüdischen Dinge in Rußland mit Spannung verfolgen. Der Appell ist von 19 Rabbinern Rußlands unterzeichnet — unter ihnen die allbekannten Meister der Diaspora: Chaijm Solowezik, Bres k/ Grodsenski, Wilna/ Meisel, Lodz/ Friedmann, Karlin/ Rabbinowitz, Minsk/ Rabbinowitz, Poniwesch/ Naftali Silberberg, Warschau und die Chassidimrabbis aus Gur, Kotzk, Lady u. n. m.— und enthält u. a. folgende bezeichnende Sätze: Promenadedcck, in meinen Plaid gehüllt, meinen Feldstuhl einnahm, stand plötzlich der Schiffsarzt vor mir. Ich liebe, sobald die. Nacht hereinbricht, während der ganzen Seefahrt mich von aller ltzesellschast zurückzuziehen. Drei gewaltige Rätsel umgeben «nick dann: ein nnermeßlicl>es Meer, der Simmel und die Finsternis. Wenn dann zuweilen die Klänge der Musik in abgerissene«« Akkorden zu mir dringen, so empfinde ich das als Dissonanz, als Störung. Es gibt kein großartigeres Alleinsein, keine erhabenere Einstimmung in die Natur, als die Nacht auf dem Meere; sortgetragcn von den Wogen und durch die Finsternis gleitend. Man bewundert den kühnen und erfindungsreichen Mcnschengeist, der den Ranne auf pfadlosem Meer überwindet, die Sterne als Eornpaß, mit zu Hilfe nimmt, mit Hilfe eines kaum tetlergroßen Instruments seinen B^eg sicher bahnt, und in undurchdringlicher Finsternis von seinen: Ziele nicht abirrt. Und trotz dieser gewaltigen Macht über die Nalnrkräste, ist derselbe Mensch ohnmächtig und unwissend über sein eigenes (beschick; vermag er nichts über das unendlich Kleine in sich selbst: das er, vielleicht und bestenfalfö, zn erkennen, aber nicht zu erfassen vermag. Er kennt die Entfernungen der Gestirn:;. ihren Laus auf unzählige Jahrtausende hinaus, er bestimmt bis aus die Sekunde den Eintritt der Jahreszeiten, der Sonnen-, Mond- und Erdfinsternisse. Doch derselbe Mensch weiß nicht, was ihn, selber am kommende«: Lag, in der nächsten Stunde, vielleicht schon ht der nächsten Minute wiederfahren «nag. Welche Widersprüche der Natur! Welche Wirrnis des Lebens! Ta reißt mich der Schiffsarzt aus meiner: Grübeleien. In der Dunkelheit erkannte ich ih«: erst an der Stimme. Ob ich mit ihm die kleine Patientin ansehen wollte? Freilich will ich; eine Konsultation, oder ein ärztliches Konsilium auf hoher See kann „In den letzten Jahren hat die Presse als politischer und Kulturfaktor der Menschheit ungemein an Macht gewonnen und ihr Einfluß auf die öffentliche Meinung und das gesamte öffentliche Leben wächst mit jedem Tage." „Auch im jüdischen Leben, das von alteisher einzig die Thora zum Maßstnbe und zur Richtschnur hatte, machte sich in den letzten Jahren in dieser Beziehung ein Umschwung geltend, indem man auch hier anfing, die Presse als wichtiges Organ der öffentlichen Meinung zu erkennen und ihr mehr Einfluß auf das jüdische Leben einzuräumen, als letzterem dienlich war." „Denn es waren durchaus religiös Abseitsstehende, die es verstanden haben, diese Macht ihren Zwecken dienstbar zu machen, während die Gesetzestreuen, die die weitaus größe Zahl bilden und die großen Massen hinter sich haben, leer ausgingen und dieses wertvollen Mittels, mit dem Volke in Fühlung zu bleiben, entbehrten." „Dieses Mittel muß nun, bevor es zu spät ist, geschaffen werden. Die Verhältnisse drängen gebieterisch zur Gründung geeigneter gesetzestreuer Organe in Jargon und hebräischer Sprache usw." Diese Worte enthalten nicht viel Neues, aber tat Munde dieser Männer muten sie doch wie ein vielverheißender Sonnenstrahl der Erkenntnis an, wie der Anbruch einer neuen Aera für das auf Thorageift basierende jüdische Leben in Rußland. Wir verfechten seit Jahr und Tag die Meinung, daß nur mit den allermodernsten Waffen der Sphinx, diesem vielköpfigen Ungeheuer des Abfalls in Rußland, wie es in den Kreisen der sozialistischen Arbeiter, der nationalen Reltgionsphilosophen, der Assimilationsintelligenz und der Taufstudenten je nach Lebensartung und Gesinnungsrichtung so liebevoll gepflegt wird, beizukommen ist. Nun sieht man in den maßgebenden berufenen Führerkreisen erfreulicherweise diese Notwendigkeit der positiven Arbeit, den Zwang zum Schaffen, wie der neueste Ausdruck in der deutschen Parlamentsprache lautet, ein. Und man läßt es bet dieser Einsicht nicht bewenden, sondern man rafft sich zur mutigen Tat auf. Das ist ein Schritt, von dem wir uns viel, von dem wir uns alles versprechen dürfen. Freilich muß der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß man bet der nun in die Hand genommenen Ausgestaltung des gesetzestreuen Zeitungswesens nicht stehen bleibt. Gewiß ist die Zeitung das bewährteste Mittel der Volksbelehn:a«: nicht oft erlebe«:; hatte ich überhaupt noch nicht erlebt. Wohl hatte ich, als der Schiffsarzt selber schwer tränt darniederlag, ■etiiniaf einige hundert Auswanderer während der Fahrt geiiilpst, erber ,:och nie aus Sec eine Konsultation vollzogen. Schtveige«:d steigen «vir in den Schisfsraun: hinunter, gehen lautlos die Lausgänge durch und treten in .ünen kleinen Rauin, in welchem cs auch hospitalmäßig aussieht. In einen, kleinen Bettchen liegt Leib Friedmanns Chanele; daneben sitzt die Mutter und singt «nit leiser Stinnne eine eintönige Melodie. Sie urrterbricht sich auch bei unseren« Eintritt nicht, kaum daß sie zu uns hinblickt. „Ijach muß wcenen, ija.ch muß klogen; ijach Hab' gehatt ka güte fcheh." Eine traurige Melodie, ein tra««riger Text. Das Gesicht des Kindes glüht in Fiebcrröte. Stirn, Wangen «rnd Händchen, der ganze arn:selige Körper, strahlen Hitze ans. Ter Aten: geht kurz und *rasch, dam« und «van«: von einen: leiser« Knisteru begleitet. Tie Lungenentzündung ist perfekt. Das unansehnliche, häßliche Weibchen, mit den: verwirrten, ungepflegten Haarscheitel, dein rnager«: Gesichtchen, mit den hervorstehenden Backenknoche««, über die ei«« paar kleine dunkle Augen ängstlich hervorblicken, erhebt sich und bleibt an: Fuße des Bettchens scheu stehe««. Bald sieht sie mich, bald den Arzt an. Jeder Blick ist Angst und Mißtrauen; bald wie eine stumme Frage, wie eine zage Bitte. Ais «vir mit der Untersuchung fertig sind, setzt sie sich wieder an das Bettchen. Das Kind ist unruhig geivorden und beginnt heiser zu weinen. Da beginnt das kleine Mütterchen wieder leise singend: „Hinai loi foniim, tv’loi jüschon, Schoimer Jisroail!" ' Es ist eine eigenartige Melodie in Molltönen, rung. Allein vor der Volkserziehung steht die Kindererziehung. Und auch im jüdischen Rußland wird dem die Zukunft gehören, der die Schule har. Wir glauben daher den Aufruf, den nur Böswilligkeit und Verkennung der sittlichen und intellektuellen Bedeutung der genannten Thoragrößen als bloße geschäftliche Reklame für den noch sehr entwicklungsfähigen j/'TMfin bezeichnen kann, richtig zu verstehen, wenn wir in ihm den ersten Schritt zur Ausführung aller wichtigen und tief ins jüdische Leben einschneidenden Beschlüsse der Rabbinerkonferenzen vom vorigen Jahre sehen. An den Grenzen der €rkenntni$. Bon Tr. M. Ascher in Nenchütet. II. Gibt es absolute Wahrheit- Die Dinge sind nämlich an sich vielleicht ganz anderer Natur als wir sie erkennen. Die scheinbaren Gegenstände unserer Erkenntnis, die Körper, sind zwar ihrem Begriffe nach unbedingt, aber diese Erkenntnis hat selbst nur bedingte Wahrheit und Gültigkeit, denn unserer Erkenntnis entsprechen keine wirklichen Dinge. Wir nehmen nichts anderes als unsere eigenen Gesichts- und Farbenempfindungen wahr. Wirkliches Licht existiert lediglich in unserer Empfindung. Absolute Wahrheit kann doch nur erreicht werden, wenn man den Gegenstand gerade so erkennt wie er ist. Warum sollte man angesichts der Tatsache, daß alles auf Schein beruht, nicht traurig sein? I Wenn aber auch unsere Erfahrung durch Täuschung bedingt, so gibt es doch gewiffe Wahrheiten, die gar nicht bestritten werden können und die bei aller Relativität der Menschenerkenntnis doch als Wahrheiten von allgemeiner Gültigkeit ihren ewigen Wert zu haben scheinen. Dazu gehören mathematische Darlegungen und alle Wahrheiten, die durch tausendfache Expirimente ihre Bestätigung finden. Um nur ein Gebiet hervorzuheben, aus welchem die Erfolge geradezu eklatant sind, so brauchen wir nur zu erwähnen, daß heute von einem Stern, den man selbst im stärksten Fernrohr nur als unbeweglichen kleinen Punkt wahrnimmt, durch Photographie und Spektralanalyse seine Entfernung, seine chemischen Bestandteile, seine Temperatur, fein Agregatzustand, die eventuelle Anwesenheit eines Begleitsterns, dessen Leuchtkraft und Entfernung, die Größe der Umdrehungsbahn, die Dauer der Umlaufszeit, die Geschwindigkeit die etivas Zuversichtliches ausdrückcn wolle«:, llnb so eintönig sie auch klingt, sie trügt etwas nach Hoffnung Ringendes in sich. Mit einen: Gefühl von Betleinmung höre ich der .singenden Russin zu, die die Melodie «u:d den Text, «vie unbewußt, ununterbrochen «viederholt. Auch der Schiffsarzt hat ausrnerksam zugehört. Er ist rücksichtsvoll gegen die armen russische«: Auswanderer, vielleicht weil er selbst ans arinen Verhältnissen hcrvorgegangen ist. Während er sich entfernt, urn eine Medizi«: zu bereiten, bleibe ich «nit der Mutter und dem kranke«: Kind in der«: dumpfen, heißen Raum und höre traumverloren dem singenden, unscheinbaren Weibe zu, das ununterbrochen toeiter ju««:mt: „Hinai loi jointm io'loi jüschon — — Nach geraumer Zeit kommt der Arzt zurück und ich verlasse mit ihn: das kleine Krankenzimmer. Wir begebe«: u,:s aufs Oberdeck. Ich bedarf frischer Lust. Da nicken legte sich ettvas so Schweres izud Beklemmendes auf meine Brilst, als läge eine Bergeslast aus mir. Obwohl ich Krankenstuben und Krankheiten zu sehen gewohnt bin, wirkte das eben Erlebte dennoch ganz anders auf n«ich ei,:, als sonst. Das «nag auch die Atuwsphäre des russischen Elends, das auf die arinen Juden dort so furchtbar schwer drückt, mit sich bringen. Der Doktor spricht, doch höre id> nur zerstreut zu. Die See begimlt bewegter z«: werden, über den Masten und durch die Stricke Pfeift ein klagender, Heller Ton, der an das Schreien einer Katze, oder auch an das klägliche Rusen eines KäutzchenS erinnert. Ich blicke zu dem Bordermaft empor, wo hoch ober: ein Licht brennt m:d ein Matrosr Ausguck hält. „Das bedeutet Sturn:", sagt der Doktor; und da ich nichts erwidere, fügt er hinzu: „Wenn jetzt ein Matrose hier wäre, würde er sicher sagen, es stirbt Jemand an Bord/' Ter Mnd wird schärfer *.