Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1911)
- Date
- 1911-07-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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n euilleton. Eiab. Historischer Roman von Sara Gugenheimer. (Fortsetzung.) Mit unverhohlenem Staunen vollzog Ltah die Anordnungen und brachte der Kranken ein längliches hölzernes Kästchen, die dasselbe mit sichtlicher Befriedigung entgegennahm. „Das hat mein Gottseliger selber gemacht, bevor unser Dicki war geboren worden und da hinein haben wir immer alles gegeben, was wir uns haben ersparen können. Sie hatte bei diesen Worten das Kästchen geöffnet und aus demselben einen ungefähr sechs Zentimeter breiten Gurten aus doppelter, fester Leinewand genommen, in den Geldstücke eingenäht waren, immer zwei nebeneinander. „Darin ist Gold," flüsterte sie mit glücklichem Lächeln, „lauter Gold. — Und nun geh' her, Dickt, gleich jetzt ziehst den Gurt an — unter den Gewändern — auf'm nackten Leib. — Und da lastest du ihn, bis ich werd' wieder gesund sein — dann gibst ihn mir zurück — und wir legen ihn wieder in das Kästchen, und das tun wir wieder in die Bettstatt. — Wenn ich aber nicht werde gesund werden," fuhr sie mit bebender Stimme fort, „wenn ich — du weißt schon, was ich meine — dann ist der Gurt dein — aber du darfst zu keinem Menschen davon reden — auch nicht zu den Klosterleuten — und alles, was mein ist, ist dein — darüber werde ich mit dem Bruder Küchenmeister reden. Aber —" „Nicht! nicht!" schluchzte Liah, „Ihr dürft nicht solch schlimme Sachen reden! — Ihr werdet doch sehr bald wieder gesund werden, es ist Euch doch heute schon besser wie gewesen —" Die Kranke erwiderte nichts, die Augen waren ihr zugefallen. Sie hatte anfangs schwer und stockend gesprochen, dann aber leicht und fließend, wie in gesunden Tagen, das schien doch zuviel für sie gewesen zu sein. Liah hatte, der Weisung der Kranken entsprechend, den Gurt angelegt, dann hatte sie die Streu und die Betten wieder in die Bettstätte gelegt, hatte das Zimmer aufgeräumt und ihre einfache Toilette geordnet. Und als die Kranke noch immer ruhig zu schlafen schien, war sie htnausgegangen zu den Ziegen, hatte sie gemelkt und ihnen Futter gegeben. Dann eUte sie wieder in das Zimmer, um zu sehen, ob die Kranke ihrer nicht bedürfe, doch als sie sie dem Anscheine nach noch ruhig schlummern sah, schlich sie wieder hinaus in die Küche, um die Milch zu kochen, damit die Muhme, sobald sie erwache, frisch gekochte Milch trinken könne. Die Kranke erwachte nicht so bald. Ltah saß an ihrem Bette und lauschte ihren zwar Irtwas beschleunigten, koch ziemlich regelmäßigen Atemzügen, nur hin und wieder schien der Atem auf einige Sekunden auszusetzen, dann zog sich jedesmal das Herz des jungen Mädchens angstvoll zusammen, doch als sie es dem Geistlichen klagte, legte derselbe kein Gewicht darauf. Das komme bet Kranken häufig vor, meinte er, der Dicki habe nichts weiter zu tun als dreimal im Tag den Rosenkranz abzubeten und die Heiligen um ihren Beistand anzuflehen. Die Kranke schlief unaufhörlich, Tag und Nacht. Ltah fürchtete beständig, sie könne verhungern, darum wagte sie es auf ihre eigene Verantwortung, ihr hin und wieder einige Tropfen Milch einzuflößen und war glücklich, daß ihr dieses gelang. Der Bruder Küchenmeister kam täglich einigemal, saß eine halbe Stunde an dem Bette der Kranken, fühlte ihr den Puls, betete und bemühte sich, ihren Buben zu trösten, der beständig die Augen voll Waffer hatte. Auch die Nachbarinnen zeigten viele Teilnahme, allmählich wachte eine von ihnen bei der Kranken, denn sie wollten den unerfahrenen Buben nicht allein bet ihr lassen. So waren für Liah zehn Tage in namenloser Angst verstrichen, denn sie liebte die Kranke, die ihr so viele Wohltaten erwiesen hatte, aufrichtig. Schon in den Morgenstunden des elften Tages fand sie das Aussehen der noch immer Schlafenden auffallend verändert, ihr Gesicht hatte einen seltsam fremden Ausdruck, den das junge Mädchen nicht zu deuten wußte, als jedoch der Geistliche kam und sie ihn darauf aufmerksam machte, erwiderte er achselzuckend: „Es geht halt zuende mit ihr, gegen den Sensenmann ist kein Kraut gewachsen. Lauf ins Kloster, Dicki, sofort soll einer herüberkommen mit den Sterbsakramenten, wir müssen sie sogleich versehen." Liah rannte davon, als säßen die Furien ihr auf den Fersen/ fast atemlos vom raschen Lauf war sie kaum imstande, die Botschaft auszurichten, doch ebenso rasch eilte sie wieder zurück und brach laut schluchzend am Bette der Sterbenden zusammen. Die Stimme ihres Lieblings schien diese geweckt zu haben, ihre Augen öffneten sich, wie ein Lächeln zuckte es in den entstellten Zügen. „Dicki!", hauchte sie kaum hörbar, dann fielen ihr die Augen wieder zu. Liah drückte die zuckenden Hände, an ihre Lippen, wieder und immer wieder, dann kam der Geistliche mit den Sakramenten, die vorgeschriebene Handlung ward vollzogen und dann war sehr bald alles vorüber. Aufgelöst in Tränen kniete Liah noch immer an dem Bette der Dahingeschiedenen und bedeckte die erkaltenden Hände mit ihren Küssen und ihren Tränen, sie konnte es nicht fassen, daß sie sie nicht mehr hörte, und doch war es bekanntlich nicht das erste Mal, daß sie den Tod vor Augen sah. Seltsam, daß jene Schreckensnacht ihr gerade jetzt so lebhaft vor die Augen trat. — Doch nein, das war nicht seltsam, denn ohne jene wackere Frau, die sie so beweinte, hätte sie jene grauenvolle Zeit schwerlich überstehen können, darum flössen auch ihre Tränen unaufhaltsam. Der Geistliche hatte sich bemüht, sie zu trösten, die Nachbarinnen gleichfalls und hatten ihr vorgestellt, daß sie nicht zu viel weinen dürfe, sonst könne die arme Seele keine Ruhe finden. Endlich versiegten ihre Tränen und sie saß nun da mit gerungenen Händen und sah den Frauen zu, die sich um die Leiche bemühten und ihr ihre Sonntagskleider anlegten. Sie hatte mithelfen wollen, war aber zurückgewiesen worden. Knabenhände dürften keine Frauenleiche berühren. Gegen Abend kam der Bruder Küchenmeister wieder. Nachdem er bei der Toten gebetet hatte, setzte er sich neben ihren Dicki und nahm seine Hand. „Alsdann, mein lieber Sohn, fing er sanft an, jetzt haben wir miteinander zu reden. Du bist ein braver Bub, ein sehr braver Bub, das sagt alle Welt, und die gottselige Annamarie, heißt das, deine gottselige Muhme, hat dich sehr gern gehabt. Immer hat sie um dich gesorgt, schon im vorigen Jahr, weißt als ihr dazumal nicht gut gewesen war, da habe ich ihr das Wort geben müssen, daß ich mich ihres Dickis annehmen werde, wenn ihr einmal was zustoßen sollte. Und , nun ist's dazu gekommen. — Die Verstorbene hc? gesagt, alles, was sie zurückläßt, ist dein. Das Häusel, mit allem, was darin ist, das Schinakel mit den Fischeretgeräten und alles. Sie hat gemeint, du wärst so brav, am besten für dich wäre, du würdest Geistlicher, dann hättest dich um gar nichts zu sorgen. Jedenfalls, wenn sie nicht mehr dasein sollte, solltest du zuerst zu uns hinüber in's Kloster, und dann könnt' man sehn, wir könnten auch mitsammen beraten. — Mir scheint, das ist ganz geschetdt, du solltest Geistlicher werden, das ist ja doch das Beste, was es gibt, zu was wolltest dich plagen und abrackern? Und mir scheint das Beste wäre, wir verkauften das Häusel mit allem, was drin ist, dafür könnt man schon ein anständiges Begräbnis schaffen,vielleicht möchte sogar noch etwas für dich übrig bleiben. — Aber wenn du im Kloster bist, so brauchst du doch nichts, und darum möchte ich meinen, das Schinakel und die Fischereigeräte sollte man nicht verkaufen, deine Muhme hat mir schon im vorigen Jahr gesagt, daß du mit all dem Kram ebensogut umzugehen weißt wie sie, und darum könntest du zwei dreimal in der Woche hinausfahren mit deinem Schinakel auf der Ouse und könntest für das Kloster Fische fangen. Liah, obgleich sie nichts weniger beabsichtigt als im Kloster ihren dauernden Aufenthalt zu nehmen, neigte unwillkürlich das Haupt, der Geistliche nahm das für Zustimmung zu seinem Plane. „Ich habe gewußt, daß dir das recht sein möchte, alsdann komm' Bub, laß' uns heimgehen in's Kloster." Liah schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich kann die Muhme nicht allein lassen, ich muß bei ihr bleiben." Sie war nun allein bei der Leiche, empfand jedoch durchaus keine Scheu. Sie hatte das Oellämpchen angezündet, das die Verstorbene an manchen Tagen vor einem Heiligenbilde brennen ließ. — Der matte flimmernde Schein erhellte das Zimmer nur dürftig und ließ das stille liebe Angesicht nur schwer erkennen, doch schien es Liah, als ob der starre fremde Zug, der es am Morgen entstellt hatte, geschwunden wäre. Das tat ihr wohl, sie wußte selbst nicht warum. Sie war überhaupt keines klaren Gedankens fähig, wiederholt war sie aufgestanden, um der Verstorbenen, wie in den letzten Tagen einige Tropfen Milch einzuflößen, doch hatte sie sich noch jedesmal rechtzeitig erinnert, daß das keinen Zweck mehr hatte. — Was hatte denn überhaupt jetzt noch Zweck? Sie wußte es nicht, in ihr war alles wie tot. — Sie hatte bet der Leiche wachen wollen, aber der Schlaf hatte sie überwältigt, und so hatte sie fest geschlafen, daß sie von dem Sessel, auf dem sie gesessen hatte, im Schlafe hinunter gefallen war, ohne zu erwachen. Auch hatte sie am Abend vergessen den Riegel vor die Haustür zu schieben, sie erwachte daher erst von den schweren Schritten der Männer, die den Sarg brachten. Hastig richtete sie sich auf, im ersten Moment ohne sich klar zu sein, was die Eindringlinge hergcführt, doch sie besann sich bald und zeigte den Männern, wohin sie das unheimliche Stück Möbel stellen sollten. Mitleidig blickten sie auf den bleichen, schmaleu Knaben. Das Begräbnis war vorüber. Mildherzige Nachbaren hatten den einzigen Leidtragenden, den hochaufgeschossenen schwankenden Knaben in ihre Mitte genommen und nach Hause geleitet. Und da saß nun das arme Kind allein, mit gerungenen Händen, wußte nicht, was beginnen, konnte noch immer nicht denken. Stunden vergingen, Liah merkte es nicht, wie stumpfsinnig saß sie da. Doch gleich in den ersten Nachmittagstunden kam der Bruder Küchenmeister, der vormittags nicht hatte abkommen können, um seinen Schützling zu holen. (Fortsetzung Mfli.)