Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1911)
- Date
- 1911-07-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Grtu 8 Ro. 37 Lrr Stmttt 0. Juli 1»11 Osten wohnhaften Juden endgilrig dnrchgeführt sein und diejenigen Juden, deren Wohnrecht nicht außer allen Zweifeln steht, werden einen Ausweisungsbefehl erhalten. Bezeichnend für den Wind, der von „oben" weht, ist auch die Tatsache, daß der sonderbare Heilige und gefährliche Antisemit, der bekannte Mönch Jlliödor, der, wie erinnerlich, in Zeriein, seiner kirchlichen Oberbehörde trotzend, auch den Sieg davontrug, vor einiger Zeit vom Zaren in besonderer Audienz empfangen und von ihm ganz außerordentlicher Gnnstbezeugungen teilhaftig wurde. Der famose Mönch hat sich nach dieser Audienz ganz in den Dienst der anti semitischen Hetzpropaganda g e st e l l t. — Diese aufwieglerische Tätigkeit wird von den russischen Juden mit um so größerer Beunruhigung verfolgt, als Jllkodor cs niemals unterläßt, seine Hetzreden gegen Juden mit ciner anschaulichen Beschreibung seiner Audienz denn Kaiser eiuzuleiten. Wie sehr leider diese traurige Lage das russische Judentum zu entmutigen vermag, zeigt die zunehmende Zahl der Taufen. Allein auch die Zahl der zum Judentum Rückkehrenden ist nicht gerade gering. Luut offizieller russischer Statistik sind vom 17. Oktober 1905 bis zum l. Januar 1909 im ganzen 409 Personen vom orthodox-russischen Glauben zum Judentum übergetreten. Es sind das fast ausnahmslos solche Personen, die vor dem Manifest über die Freiheit der Konfessionen vom Judenttun zur russischen Kirche übergetreten waren. ■! ' :—=3 Sofia, 2. Juli. Auf eitlem Ausflug, den Zar Ferdinand in die Umgebung Tirnowas unternommen hatte, befand sich unter den zah!- reichen Gästen auch Deputierter Farchi. Farchi wurde von Zar Ferdinand in ein längeres Gespräch gezogen, und als er gelegentlich bemerkte, daß er der erste jüdische Deputierte sei, antwortete König Ferdinand sichtlich erfreut, daß er stets ein Anhänger des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger Bulgariens ohne Unterschied der Konfession und Nation gewesen sei. vekmizcdm. Mainz, 30. Juni. Am 26. d. Mts. nahmen die Arbeiter an dem Neubau der Synagoge der Hauptgemeinte die Arbeit nicht eus. Der Neubau liegt an einem Platze der Neustadt und wird von dem nichtjüdischen Bauunternehmer Schreyer ausgeführt. Es kommen 30 Maurer und 55 Hilisar beitet in Frage. Der Grund der Arbeitsniederlegung ist folgender: Die JSr. RAtgionSgemetnde hat dem Unternehmer Schreyer bet Ausführung des Baees zur Bedingung gemalt t, daß aus religiösen Gründen am Samstag nicht gearbeitet werden darf. Die Vertreter der Artetier haben nun bet den» Verstand der sraelitischen Gemeinde, sowie bet tem Unternehmer Schreyer' vorgesprcchen, damit den Arbeitern, die den Sabbat feiern uüssen, eine Entschädigung genährt werde. Der israelitische Gemeindevorstand e.llärte, das sei Sache des Unrernehmrrs, der die Arbeit mit der Bettngung übernommen Härte, daß an den israelitischen Feiert g.n an dem Bau nicht gearbeitet werde und Schreyer müßte für Entschädigung der feiernden Arbeiter aujkommen. Un:ernehmer Schreyer hat abgrlehnt, irgendwelche Entschädigung iu zahlen. Fürih, 2. Juli. Anläßlich seines 90. Geburtstages bestimmte Se. König!. Hoheit Prinzregent LuNpold einen allgemeinen Spiel- und Turntag für sämtliche Mittelschulen Bayerns, damit sein Inten sse für die körperliche Ausbildung der Jugend bekundend. An diesem Feste betetitglen fich in hiesiger Stadt neben dem Königlichen Gymnastum und der K^l. Realschule auch die Israelitische Realschule, dre mit der höchsten Punktzahl von 15 den besten Erfolg errang. Nachmittags and in Anwesenheit der städtischen Behörden, hoyer Militärs, sowie unter großer Beteiligung des Pubiilums ein Schauturnen statt, an dem auch sämtlrche Schaler des Israelitischen Realschule tetlnahmen. Den Erfolg, auf den bce Israelit, ^eaIfdju^e mit Rtcht stolz sem kann, verdankt sie in erster Lmie Herrn Lehrer Aron Hirsch mann, der den Turnunterricht in den oberen Klassen erteilt und dem die Einübung des Wettspiels oblag. Petersburg, 2. Juli. Bei dem feierlichen Empfang der amerikanischen Flotte in Petersburg befanden sich in de. amertkanlfchen Flotte 6 0 jüdische Offiziere und 480 jüdische Matrosen, welche zum größten Teil aus Rußland und Pc len stammen und vor Jahren nach Amerika aur gewandert waren. Ob wohl die Pässe dieser amertkantschln Juden, die es wagten, den heiligen Boden zu betreten, in Ord nung waren? . . . New Uork, 27. Juni. Präsident Taft hat dem Oberst Garrard des 15. Kavallerieregiments eiren scharfen Verweis dafür erteilt, daß er sich gegen die Zulassung eines jüdischen Soldaten zum Offizierskorps ausgesprochen hat. In dem Verweise, der im Anfrage des Präsidenten dem Oberst Garrard erteilt wurde, heißt es u. a.: „Oberst Garrard ist dahin verständigt worden, daß er kein moralisches Recht besitze, den Er fluß seiner Stellung dazu zu benutzen, um das Avancemlnt eines mutigen und fähigen jungen Mannes aus dem Grunde zu verhindern, weil dieser der jüdischen Rasie angehört Ein solches Vorgehen beweist nicht nur Vorurteile, die bei einem Osfizier in seiner Stellung und von seimr Erfahrung nicht vorhanden sein selben, sondern auch die Unfähigkeit, in gerechter Weise die Qualisilation des Kandidaten zu prüfen, die sich sowohl durch seine Dirnstleistung als das vorzügliche Ergebnis seiner theoretischen Prüfungen erweist." Gleichzeitig Hai Präsident Taft Auftrag erteilt, daß der Kandidat im September seine letzten Prüfungen vor der Kommission einer anderen Garnison abzulegen hat, deren Zusammensetzung die Möglichkeit ähnlicher Vrurteile ausschließt. Uercin$w«$en. Frankfurt a. M» 30. Juni. War das ein Stürmen, Drängen und Protestieren am letzten Dennerslag Abend in dem vollgelüllten kleinen Saal des Kaufmännischen Vereins, daß man stch zeitweise in eine erregte national-jüdische Wahlversammlung in Wien oder in Lemberg versetzt fühlen konnte. Schon am Eingang empfing uns ein. Roter Radler, der uns einen Zettel folgenden Inhalts in die Hand drückte: „Wir protestieren gegen die Berufung des Herrn Dr. Mossinsohn zu einem Vortrage. Des sogenante „Hebräische Gymnasium" in Jaffa, die Wirkungsstätte des Herrn Dr. Mossinsohn, ist eine Stätte der religiösen Verderbnis für die jüdische Jugend des heiligen Landes. Herr Dr. Mofstnsohn ist der. jcn ge Lehrer dieser Anstalt, der den Bibelunterttcht aus Grund der christlichen Btbelkrittk erteilt. Herr Tr. Mossinsohn hatte den Mett, vor wenigen Tagen in einer Versammlung in Nürnberg zu sagen: „Die Orthodoxie gleicht einer Kcnservenbüchse, deren Inhalt nur solange gut bleibt, als sie luftdicht der schloffen ist. Wird fie aber geöffnet, so daß Luft eindrtngr und die Außenwelt damit in Berührung kommt, so verdirbt der Inhalt." Dadurch hat Herr Dr. Mossinsohn das Recht verwirkt, vor Juden mit jüdischer Gesinnung über jüdische Angelegenheiten zu sprechen. Mehrere gesetzestreue Zionisten." Diesen etwas unfreundliche Empfang kann man mit Rücksicht auf die Person des Gastes vielleicht bedauern. Gerechtfertigt ist indessen dieser Protest vollkommen, und nicht die Protestler, sondern der Vorstand der Ortsgruppe ist letzten Endes für diese dir harmonische Ouvertüre des Vortragsabends veranwortlich zu machen. Herr Dr. Mossinsohn stellt ein Programm dar, das Programm des Kultur-Zionismus, der im hebräischen Gymnasium zu Jaffa seinen drastischen Ausdruck gefunden hat. Es ist das Programm, das seit Jahr und Tag vom orthodoxen Flüget im Zionismus aufs heftigste tekampst wir). Ter Geist, der tm Hebräischen Gymnastum zu Jaffa waltet, und der sich früher schon auch in anderen Kulturtnstiturionen des Zionismus geltend machte, hat recht eigentlich zum Entstehen der Misrachi-Fraklion geführt, die gegen die Förderung des antijüdtschen Gymnasiums durch den Notionalfonds einen mannhaften, wenn auch erfolglosen Kampf geführt hat. Und nun weiß die hiesige Ortsgruppe, die alle Ursache hätte, die Gefühle ihrer religiös gesinnten Mitglieder?u schonen, nichts Besseres zu tun, als den vornehmsten Vertreter des Gymnasiums, des Systems, aus dem es geboren ist, des Kulturzionismus, hierher zu cinem Propagandavortrag für sein Werk zu berufen. Das ist, gelinde gesagt, eine Provokation unvernünftigster Art, die eine Antwort durch obigen Protest auch vom zionistischen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt erscheinen läßt. Dr. Mossinsohn führt in seinem Referate etwa folgendes aus: Die ztvntstenseindltche Debatte im türkischen Parlament beweise nichts und sei auch zudem stark aufgebauscht worden. Wenn eine Stimmung in Konstanttnopel gegen den Zionismus herrscht, so sei sie zum guten Teile durch die Alliance hervor gerufen worden. Zum Glücke habe nur die Regierung, nicht aber auch die türkische Nation Jntereffe an Palästina, und erstere würde es viel lieber sehen, wenn Palästina durch die Juden, als durch die Araber kultiviert werde, da sie gegerüber den letzteren einen schweren Stand hrben würde, während die Juden ein staatserhaltendes Element teS Friedens seien. Die Gefahr, die von den europäisct.en Mächten der zionistischen Arbeit in Palästina drohe, werde durch dm Umstand paralysiert, daß alle Staaten stch in biejer Beziehung gegenseitig eifersüchtig bewachen. Cs zeuge von einer vollständigen B rkennurg der palästinensischen Verhältnisie, auf Grund der letzthin dorgelommenen Schlägereien von einem Pogrome in Arabien zu sprechen. Die Unruhen haben für die Tapferkeit der jüdischen Jugend Palästinas glänzendes Zeugnis abgelegt. Eine größere Gefahr als die arabische Bevölkerung bilden für die jüdische Kolonisation die reichen Effendts, die aber wenig Popularität im Lande genießen. Die jüdische Kolonisation schreite langsam und sicher vorwärts. Wenn auch keine neuen Kolonien in großer Zahl gegründet werden, so werden doch d!e alten immer mehr ausgedaut und ausgestaltet und es ist eine erfreuliche Erscheinung, doß die meisten Auswanderer, sobald sie in der Fremde die röligen Mittel erlangt haben, wieder ins Land kommen, um d'e Arbeit auf dem heimatlichen Boden wieder aufzunehmen. Die musterhafte Selbstverwaltung in den Kolonien sei die kräftigste Widerlegung aller Vorurteile in Bezug auf die jüdische Disziplinlosigkeit. Auch die industrielle Kolonisation in den Städten entwickle sich in gesunden Bahnen und übe einen köchst wohltuenden Einfluß auch auf den IP'N 21V', ouf die alte Generation, aus, die imwer mehr das Bestreben zeigt, stch von der Chaluka zu emanzipieren. Die hebräsche Sprache entwickle stch nach und nach durch die Notwendigkeiten des Lebens und des Verkehres zu der einzigen Umgangssprache, die die Juden der verschiedenen Länder in Palästina miteinander verbindet. Auf dem Gebiete der Kindererziehung habe das neue Palästina Hervorragendes geleistet, besonders die Kindergärten, die den ersten Keim zur Heranbildung eines neuen jüdischen Typus geben. Von den anderen Kulturinstituttonen sei besonders die Kunstgewerbeschule Bezalel hervorzuheben. Der Rest des Vortrages brachte eine diskrete und daher um so geschicktere und wirksamere Agitation für das Hebräische Gymnastum, in dem nach Angabe des Redners alle Disziplinen nicht nur tn hebräischer Sprache, sondern auch in „jüdischem Sinne" unterrichtet werden. Man hatte erwartet, daß der Redner jetzt auch auf den Lehrplan im Einzelnen eingehen würde. Das tat er aber begreiflicher Weise nicht, sondern schilderte ganz im Allgemeine den „Segen", den diese Schule nicht nur tn Palästina, sondern auch tn Rußland stif.e, indem sie der jüdischen Jugend dortselbst einen Ersatz für das russische Gymnasium, das ihr verschlossen bleibr, tn Aussicht stellt und sie dadurch vor der Taufe bewahrt! So ganz stichhaltig kann Kennern der Verhältnisse selbst dieses wett he'geholte Argument nicht gerade erscheinen, denn bekanntlich sucht die russtsäe Jugend die Mittelschulbil ung lediglich zu dem Zwecke zu erlangen, um zu den Fachstudien auf den Untverstiäten zugclassen zu werden, während das hebräische Gymnasium bis sitzt zu einem Eintritt tn irgend eine Hochschule noch nicht berechtigt. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag konnte die Opposition, die stch schon leise temerkbar machte, noch nicht zu Worte kcmmen. Denn vorher betrat noch eine Frau Peosner aus Philadelphia die Nedne>tribi'me, UM die Ar Ssührungen des Vorredners zu ergänzen. Die Redmrin, die schon bei der Eröffnung des Airnds vom Vorstandstrsche aus feierlich begrüßt wurde, nannte fich wiederholt eine „poschute Jüdin" (einfache Judenfrau). Einer solchen sah fie aber wenig ähnlich, noch war es die Sprache einer guten jüdischen Frau, die sie führte. Sie sprach in bekannter englischer Suffragettenart mit viel Feuer und Verve und mit cinem Pathos, das in gar keinem Verhältnis zu dem höchst dürfttgcn Inhalt ihrer Rede stand. Sie appellierte zum Schluß an die jüdischen Frauen, sich möglichst an den Scheketsommlungen zu beteiligen. Nun konnte endlich die Disku ston einsetzen. Der Vorwurf der Feigheit, der tm Laufe des Abends oom Vorstandsiische und vom Rednerpulte herab so oft gegen die gesetzestrcuen Protestler erhoben wurde, war in keiner Weise gerechtfertigt. Denn diese waren nicht nur vollzählig im Saale vertreten, sondern wagten sich auch mmtg in die Arena. Wenn sie trotz: em nicht ganz zu Worte kamtn, so lag die Schuld wiederum nicht an ihnen, sondern am Verstände, tnr den Begriff der „Redefreiheit" in etwas eigenartiger Weise auffaßte. Herr Lehrer Baruch Stern, dem wiederholt bas Wort zr.r Geschäftsordnung mit der seltsamen Bemerkung: „die Geschäftsordnung sei der Vorstand", entzogen wurde, konnte stch endlich für zehn Minuten — denn länger durften die Diskusstonredner nach einem vom Vorstand hcrdeigeführten Beschlüsse nicht sprechen — Gehör verschaffen. Er bemängelte, daß Herr Dr. Mofstnsohn in seinem Vorträge die geistigen Strömungen in Palästina zu wenig berücksichtigt hätte. Er fragt, ob nicht bei all der rchönen Kulturarbeit die jüdische Seele nottetde. An eine hebräische Skizze, die jüngsthin im „Haschtlvach" erschienen ist, anknüpsend, schildert er den Geist der religiösen Bcrneinung, der Lehrer und Schule behrrrscht. Die Wirksamkeit des hebräischen Gymnasiums, meinte er, sei tn religiöser Beziehung weit zerstörender als die des hiesigen Phtlantroptn. Soweit aus dem Jahresbericht bekannt, lehre Dr. Mosstnsohn seine Schüler die Bibel lediglich als ein literaturhistorisches Produkt: möDnn 'nnSDH J21I22- Er überreichte, da er vom Borstandstisch und vom Publikum fortwährend unterbrochen ward, dem Vorstande der Ortsgruppe eine schriftliche Austrittserklärung für 20 Misracht- Mtlglteber, turen Annahme jedoch vom Vorstand verweigert wird. Herr Professor Wey l spricht tn ruhiger maßvoller Weise im Sinne des MtSrachi. Das Gymnasium, sagte er, iet die erste jüdische öffentl che Schule m der jüdischen Geschichte, d.e die Religion am schalte. Heer Dr. Mofsinsohu vehandrle in dieser Schule nachgewiesinermaßen im Sinne der Bibetkritik und zwar aus Grund der M a r t i' s ch e n Bibrlforschungen.