Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1911)
- Date
- 1911-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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6 Juli Ml sind wegen Geisteskrankheit in eine Heilanstalt verbracht, und die Regierung hat bereits der Kommission mitgeteilt, daß sie sie dafür haftbar mache. Oesterreich, vom emigrsflonslwngreß Wien, 3. Juli. Je näher der Termin für den auf Ende August anberaumten Emigrationskongreß herankommt, desto mehr schwinden die Aussichten auf einen Erfolg und eine nachhaltige Wirkung seiner Beratungen. Zwei für die jüdische Wanderung sehr bedeutsame Organisttionen, der Hilfsverein der deutschen Juden und die Jca, werden sich an dem Kongreß nicht beteiligen. Nach dem dem hiesigen Kongreßbureau von der Konferenz der russischen Delegierten zugegangenen Berichte wurde dort u. a. beschlossen, ein zentrales Organ für Emigrationswesen ins Leben zu rufen, wobei auch Vertreter der großen jüdischen Organisationen in London, Paris und Berlin heranzuziehen seien. Ferner wurde beschlossen, eine spezielle Emigrattonsbank zu schaffen. Es wurde festgestellt, daß die Stellung der verschiedenen Gemeinden dem Wiener Kongresse gegenüber eine durchaus sympathische sei. An der Konferenz beteiligten sich (wie wir in unserem Petersburger Spezialberichte seinerzeit mitteilten. D. Red.) die Vertreter der verschiedenen Parteien im russischen Judentum. Drohovpcz, 2. Juli. Die Untersuchung über die blutigen Vorfälle vom 19 Juni wird von einer gemischten Kommission, bestehend aus Vertretern der Staatsanwaltschaft von Strij, einem Gendarmerieoberst, einem Militärauditor und zwei Lemberger Polizeibeamten geleitet.. Die Zahl der Toten ist auf 27 gestiegen, drei ringen mit dem Tode. Es steht die Suspendierung des Bezirkskommissars Dr. Lyszkowski bevor, dem die Schuld an dem blutigen Zusammenstoß beigemeffen wird. Es wird behaupret, daß Liszkowskt, nachdem der Oberleutnant Hütrl das Kommando „Fertig" gegeben hatte, Feuer kommandierte, worauf die Soldaten in der Meinung, daß ihr Offizier eben Befehl gegeben habe, schossen. Das würde aber noch nicht er klären, wieso fünf Salven abgegeben wurden. Es ist auch festgestellt worden, daß ein Polizeibeamter zwei Herren, die vor dem m litärischen Kordon den Platz passierten, zurief: „Meine Herren, gehen Sie sofort weg! Es wird gleich geschaffen werden!" Der Advokat Dr. Auerbach, der als Vertrauensmann der Zionisten im Wahllokal anwesend war, wurde von Dr. Lyszkowski verhaftet, weil er nicht mit dem Rücken zur Wahlurne sitzen wollte. Eigentümlich berührt die Anordnung der Lemberger Statthalterei, die die Militärassistenz nicht nur nicht zurückgezogen, sondern sogar durch Maschinengewehrabteilungen verstärkt hat. — Dr. Löwen st ein, der das Mandat niedergelegt hat, wird nicht mehr kandidieren. Der ganze Haß der Bevölkerung richtet sich gegen den eifrigen Parteigänger Löwensteins, Vizebürgermeister Feuerstein, der die ganze Wahlkampagne für Löwenstein geleitet hat.. Er mußte, um sein Leben in Sicherheit zu bringen, die Stadt verlassen und auch in Wien, wohin er flüchtete, den Schutz der Polizei in Anspruch nehmen. Ungttvtt. vberrsbbiner Moritz Suchs? 7"sr. A. G. Hroßwardem, 30. Juni. Oberrabbiner Moritz Fu chsz ist, wie bereits gemeldet, am 27. ds. in Trencsenteplicz, wo er zur Kur weilte, in seinem 67. Lebenjahre plötzlich verschieden. Wiewohl der verewigte y'T schon seit vielen Jahren an einem schweren Leiden trug, kam doch die erschütternde Nachricht von seinem Hinscheiden unerwartet und erfüllte jeden, der diesen allgeliebten und geehrten Führer D« JSnÄtt. im Reiche des jüdischen Geistes kannte und zu würdigen verstand, mit tiefem Schmerz. Oberrabbiner Fuchsz wurde im Jahre 1844 in Vagszered (Kom. Preßburg) als Sohn des dortigen Rabbiners Benjamin Fuchsz 7"2tt geboren. Nach Beendigung seiner Schulzeit zog er nach Preßburg, wo er in die ro’w des berühmten ns'iD aro, eintrat schon als junger durch seinen eisernen Fleiß und hervorragenden Scharfsinn berechtigtes Aufsehen erregte. Nach Ableben seines Vaters wurde er als. Nachfolger desselben zum Oberrabiner in Vagszered gewählt und nach 8jähriger segensreicher Tätigkeit dortselbst als Oberrabbiner nach Großwardein berufen. In seinem Wirken innerhalb dieser Gemeinde konnte er seine genialen Fähigkeiten ganz entfalten. Alle Vorurteile der damaligen Zeit mit der Kraft seiner Persönlichkeit bekämpfend, gründete er gemeinsam mit dem sel. Gemeindepräsidenten I. Ullmann 7"2£? die erste jüdische Mittelschule im Lande, welche ganze Generationen dem Judentume im Sinne von S. R. Hirsch 7"ST erzog. Aus Initiative des Oberrabbiner Fuchsz Y'xt wurden ferner in Großwardein noch andere Gemeindeinftitutionen, wie ein jüdisches Spital, eine jüdische Volksküche rc. ins Leben gerufen, welche diese größte n^np des Landes, auch qualitativ über viele anderen Gemeinden hervorragen Gberrabvinrr M. Frrchvr . SM", ■ i, , läßt. Außerdem leitete der Verstorbene Jahrzehnte hindurch eine große ro'JT, aus der viele namhafte D'327 und sonstige n"n hervorgingen. Sein rmiö7 war weitbekannt/ aus allen Teilen des In- und Auslandes wurden r07Kttf seiner Entscheidung unterstellt, denn er galt als eine der größten Autoritäten auf talmudischem Gebiete. Auch im politischen Leben des ungarländrschen orthodoxen Judentums nahm Oberrabbiner Fuchsz eine hervorragende Rolle ein. Seine Meinung war im Kampfe der Orthodoxie für ihre völlige Separation durchaus ausschlaggebend, denn in jedem Wort, jeder Aeußerung dieses Mannes widerspiegelte sich sein fester, unbeugsamer Charakter, den auch seine Gegner und politischen Feinde respektieren mußten. Die ungarische Orthodoxie, die unter seiner Leitung zielbewußt zum Ausbau ihrer Autonomie schritt, verliert in ihm einen ihrer besten und charakterfestesten Söhne, ein Verlust der in diesen schweren Tagen des Kampfes unersetzlich zu sein scheint. Auch als Mensch erfreute er sich durch Herzensgüte und liebevolles Wesen der Achtung aller. Empfing er doch selbst den Aermsten der Armen stets ms’’ D\i5 "ODZi und stand er doch den ums Brot Kämpfenden mit Rat und Tat zur Seite. Seit vielen Jahren war er auch als Mitglied der Repräsentanz in der Leitung der Stadt Großwardein vertreten, und auch in dieser Eigenschaft entfaltete er eine stille, aber ersprießliche Tätigkeit. ~ ''' - nsrgT "gjarr - Die irdischen Ueberrefte unseres allverehrten Obrrrabbiners wurden durch eine zwölfgliedrige Deputation der nynp vom Kurorte Treue, senteplicz nach Großwardein überführt und hier von vielen Tausenden mit tiefer Trauer empfangen. Die fand am 29. ds. statt, an der die Stadtbehörde, mit Obergespan von tl a t k y und Bürgermeister R i m l e r an der pitze, Vertreter sämtlicher Konfessionen und mehr als 60 Rabbiner teilnahmen. Zuerst hielt der Sohn des Verewigten, Herr Rabbiner Benjamin Fuchsz-Nagzbanya einen tieferschütternden NLvN, wonach Oberrabbiner Akiba Schreiber -Preßburg in tiefer Bewegung den unersetzlichen Verlust für das ganze orthodoxen Judentum beklagte. Ferner sprachen noch Oberrabbiner Klein-Hahni, Silberstein- Waitzen und Straß er- Tokay. Hierauf wurde der p7K, von einer unübersehbarer Menschenschar begleitet nach dem Friedhof überführt und die irdischen Reste des V'St pHItt pttt der Erde übergeben.!;1D121? pHX "OT RrrManv. Petersburger Brief. Petersburg, 1. Juli. Durch die europäische Presse erfahren wir, daß wir Juden uns auf eine Aera neuer Beschränkungen und Verfolgungen gefaßt zu machen haben. Hiesige Zeitungen dürfen darüber noch nicht sprechen. Aber es ist diesmal keine Fabel, die neue Aera kündigt sich bereits an und wir sind auf alles gefaßt. Zunächst die Vertreibung der Juden aus Nikolajew. Seit jeher gilt Nikolajew als das Barometer der antijüdischen Stimmung der russischen Regierungskreise. Während die Rechtslage der anderen Städte klar ist, und man genau weiß, ob in ihnen Juden wohnen dürfen, oder nicht, ist Nikolajew direkt den Launen der Machthaber ausgesetzt. Die Dekrete und Senatserklärungen wechseln mit einander ab, laut welchen Nikolajew bald zum jüdischen Ansie^lungsgebiet gehört, bald wieder aus demselben hinausdekretiert wird, womit auch das Wohnrecht für Juden verbunden ist. So oft in Petersburg die Stimmung zuungunsten der Juden umschlägt, beginnt man an der Wohnrechtsfrage der Niro» lajewer Juden zu mäkeln. Es ist nun bezeichnend für die jetzige Stimmung in den Regierungskreisen, daß jetzt wieder mit einem Male Nikolajew als außerhalb des Ansiedlungsrayons liegend bezeichnet und der Auftrag erteilt wird, sämtliche Juden aus der Stadt zn weisen. Den Ausgewiesenen wurden 2 Wochen Frist zur Abwicklung ihrer Geschäfte gewährt. Da jedoch die plötzliche.Vertreibung sämtlicher Juden auf den Handel der Stadt schädlich wirken könnte, haben hervorragende christliche Kreise petitioniert, den Erlaß rückgängig zu machen. Die Antwort steht noch aus. Doch ist die Hoffnung gering und die ungewiffe Lage der tausenden von jüdischen Familien eine höchst traurige. Nun liegen auch im fernen Osten bereits die Dinge so, daß man die Juden, die dort mit ihrem Gute und Blute für die Kultivierung des Landes gearbeitet haben, entbehren kann. Wie die „Rjetsch" aus Wladiwostok erfährt, hat der Generalgouverneur des Amurgebietes Gonzati allen Gouverneuren seines Gebietes den strengen Auftrag erteilt, ihm bis zum 1. September d. Js. genaue Aufstellungen und Personaldaten über die in ihren Rayons wohnenden Juden einzuliefern. Besonders sei hervorzuheben, welchem Berufe die betreffenden Juden nachgehen, aus wie viel Personen ihre Familien bestehen und ob die Betreffenden schon in irgend einen Prozeß verwickelt waren und schließlich aus welcher Rechtsgrundlage sie das Wohnrecht in ihren Wohnsitzen haben. Bis zum 13. September dieses Jahres muß die Revision der Wohnrechte der im fernen