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Der Israelit · 1911-07-06 · Heft 27 (6.7.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 27 (6.7.1911)
Date
1911-07-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27. Sette 8 6 Juki 1911._ Ernst. Derselbe Körper, der eben noch beweglich war und warm pulsierte, ist nun steif und kalt, das eben noch leuchtende Auge ist nun geschloffen. Derselbe Körper, der sonst so viel Lust und Leben um sich her verbreitete, wird jetzt von Würmern verzehrt. Und ich sab, was noch schrecklicher ist, den Kampf der kleinsten Organismen im Blutkreislauf, wie die Amöbe sich wie ein Raubtier auf die Beute losftürzt, die Spirillen sich an die Blutzellen heranschrauben und sie organisch und mechanisch töten, wie wie sie wie wilde Bestien im Blutkörperchen herumfahren, sah physisches und geistiges Leid, und Tag sich verwandeln in Nacht. Und Elend sah ich, kraffes Elend, und Unwissenheit, krasse Unwissenheit, — wozu aufzählen? wer sah dergleichen nicht? War da Tod, war da Elend, war da Unwissenheit! Liebe Freunde, so fragte ich überall, ist das nicht schrecklich? Sehen Sie doch nur, wieviel Not, Mühe, Angst und Schmerz erduldet jener und jene, in kurzer Spanne Zeit! Doch fast überall wurde mir zur Antwort: Machen Sie doch die Augen zu, Einfältiger, dann sehen Sie nichts davon! Denken Sie doch nicht daran, Sie, dummer Kerl, dann merken Sie nichts davon! Soll ich im Traume weiterleben? Nein, und tausendmal nein! Wenn das Uebel verborgen ist, so ist es nicht geheilt. Wenn der Vogel Strauß bei herannahender Gefahr, vielleicht um nichts zu sehen, den Kopf versteckt, so ist die Gefahr nicht minder nahe. Mit dem sanften Hinträumen ift's zu Ende, sobald man über die Welt, in der man lebt und über unser Verhältnis zu derselben ernstlich nachzudenken beginnt. Vor allem sehnt man sich nach. Gewißheit und sucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Gewißheit zu erlangen. Doch wie sehr man sich auch müht, den Schleier zu lüften, dieWissenschaft bescheinigt nur die Größe unserer Ungewißheit und erzählt einige Fabeln. Anfangs denkt man „das sind ja nur Fabeln, die wollen wir den Kindern lassen." Doch dann merkt man zuletzt, daß a l l e s nur Fabeln sind und daß wir gar nicht über Fabeln hinauskommen. Wir bemühen uns mit aller Kraft, setzen Hebel an und Schrauben, doch können wir das Geheimnis nicht lösen und merken zuletzt, daß alles nur relativ wahr ist. Mein Jüngster jauchzt. Ich gehe an sein Bett. Da liegt er in blühender Gesundheit, lächelt mir entgegen und jauchzt wieder. Warum soll ich weinen, wo noch jede Kloge schweigt. Mir aber wird Angst bei dem Gedanken, daß das Gewühl und Treiben der Welt den Kleinen fortceißen könne und daß Schein und Trug ihn hindern die Wahrheit zu finden. Der JSraeltt._ Wir armen Gefoppten! Wollen wir lustig sein? Kommt! Wir wollen unseren Weg mit Rosen bestreuen. Wir haben nur ein Glas vor die Augen zu halten. Willst du alles grün sehen, nimm ein grünes Glas! Blauen Himmel willst du haben, nimm ein blaues Glas! Siehst du jetzt alles in verschönertem Lichte. Pfui, nur nicht sich selbst betrügen! Wir müssen deu Mut haben richtig hinzuschauen. Alle, deren fröhlicher Tanz jetzt noch rauscht und die an den Freuden der Minute hängen, wie bald wird ihre Freude sich in Niedergeschlagenheit und Ueberdrutz verwandeln! Wie bald wird der rasche Gang des Augenblicks sich in schneckenförmige Bewegung umgestalten! Es tobt der Kampf zwischen Schicksal und Mensch: beide siegen und werden besiegt, bis das Grab den müden Kämpfer empfängt. Was half nun alles Kämpfen und Ringen, alles Jagen nach dem Lorbeer?' Nun aber zum Kern! Was ist das Resultat? Es häufen sich Fragen auf Fragen. Wer hat mich hierhergebracht? Was soll im hier tun? Wie kann ich, die mir verliehenen Kräfte gebrauchen, wie kann ich mein Tätigkeitsbedürfnis befriedigen? Wenn wir Zeit haben, so wollen wir spekulieren, ob die Vorstellung des Raumes in der inneren Einrichtung unseres Wesens gegründet ist oder ob Raum, unabhängig von unseren Vorstellungen eine Eigenschaft der Dinge außer uns ausmacht,' ob die Zeit als eine Form der Urmaterie angesehen wird oder als eine der Formen des empfindenden Ich oder ob sie als abstrakter Zustand der unmittelbaren Außenwelt zu erklären ist oder ob man sie lediglich zum Gesetz, zur Beziehung zwischen den Vorgängen zu machen hat. Auf unseres Lebens Wohl und Wehe sind solche Spekulationen von minimalem Einfluß. Auch wenn alle Erscheinungen des geistigen und materiellen Lebens fein säuberlich in ein System untergebracht sind, innere Befriedigung läßt dadurch allein sich nicht erreichen. Wenn durch Theorien und Systeme allein der Mensch glücklich gemacht werden und die Antwort auf alles Rätselhafte erfolgen könnte, dann wäre alles in schönster Ordnung, denn an Maximen und Systemen mar nie ein Mangel. Systeme allein können nicht den Frieden des Herzens herbeiführen, und wenngleich das Glück hundertmal matheryatlsch demonstriert ist, hat es sich doch noch keiner andemonstriernr lassen. Mancher Professor hält . sich für glücklich und schaut mit Bedauern auf das Loos des Bergmanns herab, der höchstens nur am Feiertage das Sonnenlicht schaut. Vielleicht aber hält der Bergmann sich für glücklich und schaut mit Bedauern auf den armseligen Professor, weil dieser von den Strahlen der brennenden Weltfackel nicht mehr entdeckt als die Beleuchtung seines Katheders ausmacht und über dem Ringen und Streben nach Bücherweisheit mit geschwächten Augen kein Wohlgefallen mehr am glänzenden Lichte findet. Was soll ich denn eigentlich? Ich fühle Kräfte in mir und möchte mich gern nützlich machen. Darum schaffe ich. Was soll ich aber schaffen? Das Eichhörnchen braucht harte Nüffe, um die Zähne zu wetzen, damit ihm diese nicht zum Munde hinauswachsen. Wenn all meine Tätigkeit zwecklos und unnütz sein sollte, und alles eitel und sinnlos ist, dann möchte ich gefoppter Narr lieber heute denn morgen der Welt „ade" sagen. (Fortsetzung folgt.) Lomrpouaelire« «. llacblicbte». Derrtsrtze« M«1«h Berlin, 28. Juni. Gegen den Redakteur der Zeitschrift „Liberales Judentum", Rabb. Dr. Seltgmann in Frankfurt a. M., hatte unser gesch. Mitarbeiter, Herr Rabb. Dr. E. Biberfeld in Berlin, wie in Nr. 45, Jahrg. 1910 unseres Blattes mitgeteilt, Beleidigungsklage wegen eines in der Seligmann'schen Zeitschrift erschienenen Artikels erhoben. Die Streitsache ist nunmehr in schiedsgerichtlichem Verfahren dadurch erledigt worden, daß der beklagte Rabbiner Dr. Selig mann folgende Erklär u n g abgiebt: „In dem Artikel: „Dr. Biber selb contra D r. Blau" in Hest 10, Jahrg. II der Monatsschrift „Liberales Judentum" hat Herrn Rabbiner Dr. Biberfeld nicht der Vorwurf gemacht werden sollen, daß er denunziert habe, sondern es hat nur der Empfindung Ausdruck gegeben werden sollen, die Artikel des Herrn Dr. Biberfeld hätten, wenn auch unbeabsichtigt, eine solche Wirkung haben können." Seneraloerlammlung 9er Israelififtfien Religionsgefellftnaff Stuttgart. Stuttgart, 2. Juli. Am 5. Juni d. Js. fand die Generalversammlung der Israelitischen Religionsifi'tncn Channe mit bc.nt träncnverwaschcuen, unsauberen Gesichtchen herab. „Wie alt?" gegenfragte die Mutter den Professor, siebenundzwanzig Monheiten". Er sieht mich jetzt fragend an, als habe er die kleine, häßliche Frau, die reichlich ein Dutzend Jahre älter aussieht, als sie mit ihren sechsundzwanzig ist, nicht recht verstanden. Tenn das kleine Mädchen ist so unentwickelt und schwächlich, als sei sie kaum ein Jahr alt. Leib Friedmamt, der Bater, tritt seht hinzu und sucht sich und seine Frau förmlich zu ^entschuldigen, daß Ehanne weint uno so elend und schwächlich ansüeht. Ich fasse, ohne recht zu wissen warum, das tlerne Mädchen bei der Hand, die fieberisch heiß ist. „Das Kind hat offenbar Fieber", sagte ich, mehr yim Professor, als zu den Eltern. „Es hat auch KljOtt mehrmals erbrochen", fügt daraus die Mutter!:inzn. Mein Professor ist augenscheinlich mehr erugt, als die Eltern, die bald mich, bald den vornehm aussehenden großen Mann mit ängstlich fragenden Blicken anseheu. Sie halten ihn für einen Arzt. Spä- :it ko au teu sie gar nicht begreifen, daß ein Professor lein Arzt sein könnte. Er übernimmt cs, deu Schifssarzt zu benachrichtigen. Ter saß gerade im Nauchsalou und unterhielt sich mit einigen Tarnen und Beeren. Wir kannten uns schon und mir hatte er schon abends zuvor, als wir .in seiner Cabine b?isammensaßen, manches ans seinem freudenarmen Leben erzählt. Ich hatte sein Vertrauen gewonnen, wie er -uir versicherte, obwohl er sonst gegen Kollegen, die das Schiss zur Ueberfahrt benutzen, sehr zurückhal- H„t> sei: auf Grund mancher Erfahrung, die ihn verschlossen gemacht. (Fortsetzung folgt.) (Die Sab-athstrrbe auf der Hygienischen Ausstellung.) Im Mai—Junt-Hest der in Dresden erscheinend n „Bausteine" ist soeinn auS der Jeder des Mtntsteraldirektors Geh. Rates Dr. Carl Roscher ein Aufsatz erschienen, der die Ausmcrksamkett weiterer Kreise ve dient. Unter dem Eindruck der jütischen Gruppe aus der Internationalen Hygiene-Ausstellung inDrcsten, insbesondere derSadbatstube, halte der Verfasser, wie er selbst erk ärt, den Dresdener Rabbi er, H.rrn Dr. Winter, um einen Aussatz über die Bedcutung der Sadbatwethe ersucht und im Anschluß an dcsscn Ausführungen bemerkt He r Geh. Rat Roscher, daß die 99 Abteilungen der Ausstellung nichts enthalten, was sich an Bedeutung mit dem Sabbat (bezw. dem Sonntag) messen könne, wie er hier sein ergreifendes Symbol in der Sabbat st ube gefunden habe. Wä^rind die christliche Sonntagsruhe diesmal in Dresden gar nicht zuc Geltung komme, was als ein schne.er Fehler bezeichnet wird, zeuge diese Symbolifierung der Sabbatweche vo.r dem richtigen Takt der Leitung der jüdischcn Gruppe. Gleichzeitig bringt dcr „Dresdener Anzeiger" emen Aufsatz über biblische und jüdische Hhg'ene, in dem Herr Pwstssor August Wünsche stch mu hoher Anerkennung über die jüdische Abteilung der Dresserer Ausstellung aussprtcht. (Eine Ausstellung der Fauna und Flora der Bibel.) In dem berühmten Londoner Naturhistorischen Museum erregt gegemmütig_eiuc tu ihrer Art einzige Ausstellung das Interesse Tausender von Besuchern. Es ist die vor einigen Tagen eröffnete „Ausstellung der Fauna und Flora der Bibel". Tie Ausstellung gibt eine genaue Darstellung aller tu der Bibel erwähnten Tiere, Pflanzen und Steine. Man sieht den Walfisch, ausgestopfte Exemplare jener Tiere, die Noah in der Arche hatte, uiti> derjenigen, mit deren Fett die Arche und dann das Stistzett gedeckt war, .üräher, die Heuschrecken Egyptens :c. In einem Schächtelchen sieht man Muster verschiedener in der Bibel genannter Steine. Auch Stücke jener Sorte von Holz, das Noah zum Baue seiner Arche verwendete, sind zu sehen. Das Holz stammt von einem Bamn, der in Armenien wächst, an Härte den Eichen gleichkommt, und auch jetzt zum Schissbau verwendet wird. Ferner sind Exemplare aller jener Blumen-, Pflanzen- und Äräuterartcu, deren Duft deu Heiligen Tempel erfüllten, zu sehen. Bon jenen Objekten, die nicht zu haben waren, oder die im Gebäude nicht untergebracht werden konnten, wurden Photographien angesertigt und ausgestellt. Jedem Anssteltnngsobiekt ist die Benennung, sowie eine wissenschaftliche Erläuterung dessen beigefügt, ans welchem Wege sestgestellt wurde, daß. es tatsächlich dem entspricht, das in der Bibel unter diesem Namen erwähnt ist Ueberdies befindet sich in der Ausstellung eine Sammlung aller jener Werke, welche seit 4:)(> Jahren über die Bibel veröffentlicht wurden. (Antisemitische Fnvianergcschichten.) Ter Truck sehlerteusel hat der „Teutschen Tagesztg." in einer ihrer letzten Nummern eine ganz hübsche Lehre gegeben. In einem langatmigen Leitartikel ergeht sich das agrarisch-antisemitische Blatt in einer völlig vagen Beweisführung, um zu behaupten, die in Frankfurt am Main geplante Universität solle und werde» wenn sie wie geplant ist, zustande kommt, eine jüdische Universität sein. Das ging denn doch dem Druckfehlerteufel für seine Wahrheitsliebe zu weit und er sorgte dafür, daß die llnsinnigkeit des Artikels durch die Ueberschlist — „eine i ndis che Un i v e r s i t ä t" karrikiert wurde! —!

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