Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1911)
- Date
- 1911-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Rr. 27 Der Israelit. k. Juli 1911. „Gänzlich unberufene, unausgereifte Männer drängen sich in den Vordergrund und entfalten eine Agitation, dir man als erfreulich nicht wird bezeichnen können. Speziell tt die Verquickung des Zynismus mit der gegenwärtigen Politik in Galizien verfehlt und bekauerltch. Der Zionicmus hat mit der galizischen Politik nichts zu tun, und es ist nur als rin StrevkN nach Markt zu betrachten, wenn die -tonistischrn Führer sich des Volkes bemächtigen und Politik im Namen-cs Zionismus führen." Früher verstand es auch die „Well", zwischen Kongreßzionismus und nationaler Parteipolitik unreifer Köpfe eine gewisse Grenze zu ziehen. Das scheint jetzt anders geworden zu sein — nicht zum Vorteil des Zionismus und seines Ansehens. * * * Auch eine Reihe von Privatzuschriften trug uns der besagte Artikel ein, die, soweit sie Richtigstellungen enthalten, hier Erwähnung finden sollen. Zunächst teilt uns ein Wiener Leser unter dem Pseudonym „Emeth" mit, daß der zionistische Kandidat in Wien-Leopoldstadt nicht 700, sondern 1010 Stimmen aus sich vereinigte. Wir nehmen davon Notiz, ohne darum nur im entferntesten von unserer Meinung ül er das untaugliche Mittel der Zählkandidaturen zur Erreichung eines unter Umständen noch untauglicheren Zwecks, der Stimniknzersplitteruna, abzuweichen. Herr P. Stahl aus Kolomea berichtet uns über die auch im dortigen Wahlkreise von polnischer Seite unternommenen Wahlschwindkleien, die ebenfalls zu blutigen Exzessen geführt hätten, wenn das durchaus besonnene Einschreiten der Zionisten dies nicht noch rechtzeitig verhindert hätte. Wenn dem so ist, so soll das Verhalten der Kolomea er Zionisten lobend anerkannt und als Muster für das ihrer Gesinnungsgenossen anderwärts in den österreichischen Landen dahingestellt werden. Daß im übrigen letzten Endes nicht die „lärmenden" jungen Nationalen, sondern die mit den F?inden zu einer Politik der Entrechtung der jüdischen Massen verbündete jüdische Assimilation die trostlosen Zustände in Galizien verschuldet hat, wissen wir und ist in unserem Blatte oft genug zum Ausdruck gelangt. Das hätte uns nicht erst ein Herr P reczep aus Leipzig auf drei engbeschriebenen Setten zu beweisen brauchen. Natürlich darf unsere Verurteilung der mittelbaren und unmittelbaren Urheber der blutigen Vorfälle unser Mitgefühl für die unglücklichen Opfer in keiner Weise beeinflussen. Dem folgenden vom Galizischen Hilfsverein in Wien uns zugegangenen Aufruf geben wir hier mit der Hoffnung Raum, daß er Beachtung in den weitesten jüdischen Kreisen finden möchte: „Neber Drohobhcz in Galizien ist eine entsetzliche Katastrophe hereingebrochen. Wäh end der eb?n abgeschlossenen RetchsratSwahl find 25 Menschenleben zum Opfer gefallen, weitere 25 ringen schwer verletzt mit dem Tode. Frauen hrben ihre Gatten verloren, mehr als 80 Kinder stnd zu Waisen geworden. Die Familien sind der Not, der Verzweiflung preiSgegelcn. Wir appellieren an alle, . welche die Fähigkeit, den Schwerz linkerer mlizusühlen, nicht verloren haben, sich mit uns zu vereinigen. Wir können die Toten nicht mehr lebendig machen, aber wir können durch rasche Hilfe die Verzweiflung mtltern, d e Not lindern. Wer rasch gbt, tfbt doppelt. Die Gefertigten haken sich zusarmiicngcsunken, um dieses Hiisswerk sofort zu beginnen, und bitten alle Jene, welche uns durch ihre Spende, und sei dieselbe in welchem Betrage immer, unterstütze wollen, ihre Gaben an den „Galizischen Htlfs verein" zu senden." Der Ausruf ist von den führenden Männern der Wiener Gemeinde und des öffentlichen jüdischen Lebens in Oesterreich unterzeichnet. Geldspenden nimmt das Bureau des Galizisch enHilfsverei ns (Wien, IX, Berggaffe Nr. 4) entgegen. Jln den Grenzen der €rkenntni$. Von Uv- M« Ascher in NeuchStel. „Das Judentum scheut nicht den Fortschritt der Wisse-'schast, es freut sich seiner und rechnet auf ihn. Nur weis; cs sehr wohl zu unterscheiden zwischen Tatsache und Hnpvthese, zwischen richtiger Prämisse und sehr ost an einseitiger Halbheit leidender Folgerung, zwischen dem bescheidenen Ernst wahrhaft in den Schachten der Erkenntnis arbeitender Männer und dem oft gedankenlosen Jubel an deren Resultate sich berauschender Jünger." (Hirsch, Einladuugkschrist zur öffentlichen Prüfung der Ilnterrichtsanstalten der Religionsgeselischast zu Frankfurt am Main' 1873). „Ich weiß zwar nicht, wie ich der Welt erscheineaber mir selbst komme ich vor wie ein Kind, das am Ufer des Meeres spielt und sich damit belustigt, daß es dann und wann einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich findet, indes der große Ozean der Wahrheit unerforscht vor ihm liegt." Das sagte Newton, der große Forscher. Wir können nicht über die Grenzen unseres Verstandes hinaus. Wenn wir auch alle Hindernisse überwunden hätten und von Erkenntnis zu Erkenntnis fortgeschritten wären, zuletzt gelangen wir an jene Grenze, über welche hinaus ein Erkennen nicht mehr möglich ist. Wenn wir bis dorten gelangt, wo die Dinge weder selbst noch in ihren Wirkungen zur Erscheinung kommen, wenn wir die Ursachen der Ursachen nicht mehr klar erkennen und die Folgen der Folgen nicht mehr klar berechnen können, dann heißt's „Hali", denn wir stehen vor der verschlossenen Barriere. Wie sehr wir auch darüber trauern mögen, wir müssen uns damit abfinden, daß das, was sich aus der Betrachtung der sinnenfälligen Dinge unmittelbar oder mittelbar ergibt, nur gleichsam gebrochene Strahlen sind, die durch die Hülle der Erscheinungen durchscheinen. Wir werden gar mächtig getrieben, vorwärts zu dringen, das Wesen der Dinge zu entschleiern, doch was wir erkennen, bleibt immer nur Bruchwerk. Vor uns sehen wir stets die gewaltige, unübersteigliche Grenzmauer. Wir stehen vor Rätseln, die wir nicht lösen, vor Widersprüchen, die wir nicht ausgleichen können und statt Sonne finden wir nur Schatten. Je weiter wir forschen, umso mehr erkennen wir, wie wenig wir erst wissen. D<.ch ganz lassen wir uns nicht einschüchtern: wir erkennen klar genug, daß wir nicht völlig vernunftlose Wesen sind. Den Himmel allerdings, den können wir nicht stürmen. Wir müssen uns damit zufrieden geben, daß wir die Wahrheit nur innerhalb gewisser Grenzen zu erforschen vermögen. Es muß doch wohl so gewesen sein! Auch ich spielte als Kind in Unschuld und glückselig rauschten meine Tage dahin. Freude nur war mein Genosse und Jubel herrschte um mich her. Als ein gefangener Schmetterling in einer mit Maikäfern gefüllten Botanisiertrommel binnen weniger Minuten aufgefressen wurde, da kam wohl Schmerzgefühl auf und Trauer und leise Ahnung geheimen Grauens, doch die Freude deckte schnell das Leid und in Seligkeit schwanden die Tage. Doch dann kam die Zeit des Erwachens. Man schaut zum Himmel hinauf bis dort, wo Himmel und Erde sich zu berühren scheinen. Man fuhr die Wolken kommen und gehen, man hört den Wind wehen. Dort wo gestern kein einziger Grashalm war, stnd jetzt viele emporgespxossen. Und jenes herrliche Finkennest? Wer hat den Vogel in der Kunst unterwiesen solch Wunderwerk zu schaffen? Man schaut weit und breit umher und fragt sich: woher die Erde, woher der See, woher Sonne, Mond und Sterne? Wer hält die Erde und die Wvlken darüber, wer schuf das Wasser und die Bäume auf der Flur? Können wir mit unseren Gedanken die Unendlichkeit des Weltenalls erfassen? Notwendig muß jemand da sein, der alles gemacht hat, der immer gewesen ist und nicht aufhören kann. Von Bewunderung erfüllt müssen wir uns fragen: wer hat dies alles hervergebracht? Bald auch merkte ich den Passagieren treiben, wo man die Einöden derselben Menschenklassen über sich ergehen lassen müßte, wie zn Lande, wo inan doch wenigstens noch die Flucht vor nnliebsainen Gesellschaftern ergreifen kann. Da kann inan schon vor Langeiveile seekrank werden. Anßerdem kenne ich ja die meisten Passagiere schon, weiß auch, worüber sie sich unterhalten. Herr Riesenthal erzählt jetzt andern Gilde- und Geistesgenossen von Konjunkturen, Pleites, pikfeinen und oberfaulen Kunden und Firmen. Ein Weinhändler aus Mainz debattiert mit einem Importeur, dessen Ausdrücke stark an das Publikum des Berliner Zoologischen Gartens erinnern, über Weinzölle, Faconchampagner und läßt immer von neuem einsließen, daß er 20000 Liter Wein an Bord rnitsührt. Und ein Opernsänger mit etwas vertrunkenem Gesicht und sonst schon etivas verwüstet, hat uns auch schon ein Tntzendmal von seinen Tournees erzählt. Und erst die Damen! Nachdem sie sich mit durchdringenden Blicken, die bis ans den Grund der Seelen dringen, drohend gegenjxitig gemustert und dann einander angenähert, haben sie sich auch schon wieder in bestimmte Gruppen abgcgrenzt. Eine große Klatscherei.entstand diesmal erst am vierten Reisetag. Diese Damen sind vielleicht für galaute Herren cnbciuniswürdig. We er der R'gie.urgs« beamte, der auch sonst ziemlich zugeknöpft ist, noch der Professor scheinen geneigt, tvcitgehendere Bekanntschaften machen 51t wollen. Und dann das Parfüm! Mir ward schon am ersten Tag übel davon. Wohin also irichen? Und wo wäre es da schöner als ans dem Jwischendeck, mit feinen vielen interessanten, meist auch noch urwüchsigen Menschen? Und dort habe ich mich doch noch ans allen Seereisen stets am besten amüsiert. Also stiegen wir Drei hinab aufs Zwischendeck. Ter Iwportenr ans Berlin, der in jedem Satz mindestens einmal das Wort Tiptopp gebraucht, sieht uns »rißbilligenden Blickes nach. Meine beiden Begleiter, der Beamte und der Professor, haben sich sofort mit den Leuten hier znrechtgefnnden. Sie unterhalten sich, so gut es der fremdländische Dialekt, der besonders den Professor sehr interessiert, znläßt, in der denkbar ungezwungensten Weise mit ihnen. Allerdings sind die Leute ein Ivenig scheu, fast furchtsarn, was sich aber rasch verliert, nachdem ich in dem ihnen geläufigen Idiom mit ihnen spreche. Eine kleine Gruppe Männer hat sich um den neuen Anschlag mit der kartographischen Ieichnnng versammelt und diskutiert über die Bedeutung dieser Bekanntmachung. Meist sind es russische und galizisch? Juden, die sich hierfür interessieren. Ta (ragt ein etwa dreißigjähriger, schmaler Mann, mit einem dünnen Bollbart und den Rudimenten von Schläfenlöckchen, was das heißt: im vierundzwanzigsten Breitegrad?" „ton is mer do?" „Siehste denn nit, daß mer nsfm Wasser sei,neu? Senn mer tommer nit nffin Wasser? uffm Jamm?" Ter Mann, der die Frage mit einer, sogar mit zwei Gegenfragen beantwortete, ein fröhlich um sich blickender Galizier, der seine dritte Ozcanfahrt machte und Frau und Kind ans der ungastlichen Hcnnar selber jebt h rübergeholt hat, blieb tut Recht. Niemand konnte bestreiten, daß wir uns, wenn auch am soundsovielten Breite- und Längegrad, doch vor allen Dingen aus dem Wasser befanden. Doch der Russe gab sich nicht zufrieden. Er wollte den „Taam" wissen/warum das ailgeküttdigt ivnrdc, mit dem Breitegrad. Tie Hauptsache sei doch, daß das Schiff auch wirklich „ans Amerika zu" fahre; unterwegs „nix anstoßt." Tu hast Recht, braver Leib Friedmann, daß du deinen sorgenfrei gewordenen Kopf anstrengst, was das mit dem Breiten- und Längengrad zu bedeuten hat. Diskutiere und streite nur mit deinem galizischen Reisegefährten, der in Amerika nicht nur eine gesicherte Existenz, sondern auch einen schönen englische» Namen, Mister Morris Eleveland, 'gefunden hat. Moifche Streichholz hat diese Namensinetainorphose ans eigener Autorität vollvogeu. Unweit von Moische, jetzt Morris Cleveland, und Leib Friedmann, der an die Rciling gelohnt, sich lebhaft unterhält, sitzen und liegen Frauen, Männer und Kinder ans allen über den Schisssboden ragenden Erhöhungen, ans Bänken und Kasten umher, um den wohltuenden, wärmenden Sonnenschein zn genießen. Manche staben sich ang nttsgestreckt, sogar aus dem bloßen Boden, um zu schlafen. Diese Leute vermissen keinen Luxus. Noch fühlen sie sich gedrückt. Ihr (klang, ihre Haltung, ihr ängstlich demütiges Inrücktreten vor jedem Mntrosen, der scherte Blick, mit dem sie jeden Schiffsvsfizier betrachten, läßt erkennen, das; sie die Atmosphäre des Druckes ihrer Heimat mitgenommen haben und sie von der neu gebotenen Freiheit noch keinen Gebrauch zu «rachen wagen; wie Kinder, welche die ersten Gehversuche machen. Soeben ruft eiire weibliche Stimme nach Leib Friobmanu. Seine Frau, von fünf Kindern umgeben, bedarf seiner Dienste. Ehannele, die Kleinste, welche ans dem Schoß der Mutter ruhig geschlafen hat, wein, laut und will sich nicht beruhigen lassen. Mein Reisegefährte, nird steter Begleiter, der Professor, welcher gleich wir, stets etwas Back- und Naschwerk oder Obst bei sich hat, um es gelegcrrtlich unter bcu Franc» und K Indern des Zwischendecks aiiziibriugen, reich; dem weinenden Kind eine Orange hin. Aber das kleine Mädchen streckt nicht nach Kinderart beruhigt die Händchen nach der Frucht aus, weint sogar noch lauter. Ter Professor, den ich als einen prächtigen Menschen während der drei Reisetage kennen gelernt, beugt sich in seiner ganzen Stattlichkeit jetzt zu der