Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1911)
- Date
- 1911-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. Jutt 1911 Der Jsraektt Ro. 87. Sette 8 eine Frage, die das heiligste Gut im Reiche des Geistes, die Religion, betrifft, mit dem Schutzmannsdegen jäh gelöst wird. Aus dem Mißbehagen über dieses unglückliche, unnatürliche und geisteslähmende Zwangsverhältnis, unter dem heute jede Staatskirche lebt und leidet, ist auch die an sich wenig gerechtfertigte, durch den Fall Jatho ausgelöste Proteststtmmung zu erklären. Wir impreußischen Judentum genießen noch den Vorzug, unser religiöses Leben frei von den beengenden Klammern eines hohen Kirchenregimentes und unter dem segensreichen Einfluß des Austrittsgesetzes von 1876 regeln und ausgestalten zu können. Danken wir Gott dafür und hoffen wir zugleich, daß all die Organisationsentwürfe, mit denen man uns von Berlin aus von Zeit zu Zeit beglückt, noch lange fromme Wünsche bleiben. Denn müßte nicht ansonst der gleiche Schutzmann, der heute Jatho den Zugang zu seiner Kanzel versperrt, morgen — wie im Reiche des Oberrats — auch die Kinder gesetzestreuer Eltern neologem Religionsunterricht zuführen? Und wer dem von Willkür und Nachahmungssucht erfundenen, die Herrschaft der „jüdischen Landeskirche" beanspruchenden Großgemeinde-Judentum das Postulat des eigenen Gewiffens entgegenzusetzen wagte, dem würde leise bedeutet werden, „aus dem Judentum" auszutreten. Und noch eines. Man bekommt es gar oft von denen, die bei uns und in Ungarn so gern die Friedensschalmeien blasen und zur Zwangseinheit rufen, zu hören, daß eine Kluft zwischen der gesetzestreuen und neologen Richtung im Judentum, wie etwa zwischen beiden Konfessionen des Christentums, nicht bestehe, daß das Judentum vielmehr, ähnlich der verschiedene Richtungen umfassenden evangelischen Kirche Raum genug unter seinem schützenden Dache für alle religiösen Richtungen und Schattierungen habe. Auf die Dauer geht es aber auch anderswo mit dieser Zwangseinhett nicht. Das hat der Fall Jatho drastisch genug gezeigt. In Amerika, wo solche gemütsretcheJathos gewiß keine seltenen Erscheinungen sind, ist dennoch ein „Fall" Jatho undenkbar, weil dort die kirchliche Organisation, auf dem Prinzips der reinlichen Scheidung aufgebaut, jeder religiösen Richtung uneingeschränkt ihren Spielraum gewährt und so jede Reibungsfläche zwischen den einzelnen Religionsgruppen von vornherein ausschaltet. Auch hier im Kölner Fall wird bei aller Anstrengung, die die Jathofreunde heute noch aus begreiflichen Gründen machen, innerhalb der Kirche ihren Sieg zu erfechten, ihnen am Ende nur ein Mittel bleiben, um den Frieden zu erhalten und ihren moniell und Förmlichkeit, die er öffentlich verhöhnt und ist vielleicht ber erste, der die Phrase von der „Innerlichkeit der Religion" erfunden hat, welche Gott aus d m Leben bannt und ihm dafür den inneren Menschen, Herz, Gefühl, Gemüt als alleinige Domäne mit den Worten überweist: 'n „Wenn nur das Herz von Gvtt erfüllt tft" Um so entschiedener betont Moscheh, als er das den Empörern bevorstehende Verhängnis ankündtgt, wie seine gan^>e göttliche Sendung nicht als Anerkennung des Gottesgesetzes int Herzen, sondern der Verwirklichung durch die Tat gilt. 77 13 HND NLD '2 ll'Vpvn *?2nK mwvb '2N2V '2*72- Gegen diese Fälschung der jüdischen Wahrheit durch ihre Feinde in unserem eigenen Innern, erscheint die Gehässigkeit unserer äußeren Feinde von nur untergeordneter Bedeutung, die aber heute vielfach überschätzt wird. Wenn eS für die Bekenner les Judentums angesichts ihrer Verlästerung und derjenigen ihres religiösen BekenntniffeS noch eines Trostes bedürfte, wenn der Beweis erst noch zu erbringen wäre, wie gerade diese verlogenen Beschuldigungen dafür bürgen, daß man keine wahren vorzubrtngen hat, die Erzählung von Balak und Bileam, diesen ersten Verlästerern Israels genügte, um Viesen Trost in reicher Fülle zu spenden. Sie versetzt uns Jahrtausende zurück, in eine Zeit, in wacher man uns den rituellen Mord von C^ristenktndern noch nicht vorwerfen konnte, weil e8 noch keine gab, sie führt uns das israelitische Volk in der Wüste vor, wo es durch seine vollständige Isolierung vor dem Borwurf der Ausbeutung anderer Bolksklaffen geschützt war, und dennoch! Gerade auS jener Zeit stammt der erste Versuch, Judentum und Juden heit durch Verlästerung unschädlich zu machen, um UNS so für alle Zeit gegen die Wiederholung religiösen Prinzipien einen Boden zu sichern: der Austritt aus der Landeskirche. Und wir Juden Preußens sollten nns nicht angesichts dieser Kämpfe dessen freuen, daß wir bisher von der Zwangsjacke der Einheitsorg anisation verschont blieben und zudem gegenüber den Härten des Einzelgemeindezwanges im Besitze eines dem Frieden und der gesunden Entwicklung des jüdischen Gemeindelebens dienenden Austrittsgesetzes sind? Drohobyc? und Köln. Die in Drohobycz gefallenen Schöffe haben ein seltsames Echo in der „Welt" — dem in Köln erscheinenden zionistischen Parteiorgan — gefunden. Daß auch die Herren der „Welt" die unglücklichen Opfer von Drohobycz terzlich beklagen, wer sollte es bezweifeln? Dafür sind sie ja anständige Menschen und Juden. Allein da es doch einmal geschehen ist, könnte man da nicht die Ereignisse ein wenig ausschlachten und etwas agitatorisches Kapital daraus schlagen? Der Kongreß ist vor der Türe und braucht jetzt schon die ganze Kraft und — die gesamten Spalten des Blattes auf. Und nun strahlen in diese Welt der Wahlaufrufe, offiziellen Bekanntmachungen, Nationalfondsmitteilungen und Schekelausweise, in diese Welt, in der man sich selbst als treuester Parteigenosse so gräßlich langweilt, blutigrot die Ereignisse von Drohobycz hinein. Es ist, wie schon gesagt, höchst schmerzlich, und man empfindet aufrichtige Trauer. Aber nun hat doch der Zionismus Opfer gefordert, wirkliche Opfer an Leben und Gesundheit. Märtyrer! Blutzeugen! Warum kurz vor dem Kongresse auf diese so wohlklingenden und zugkräftigen Schlagworte verzichten? Das ist menschlich begreiflich. Nun kommen die bösen Spielverderber und erlauben sich kühnlich, die Sache mit anderen Augen zu sehen. Zu ihnen gehört diesmal auch der „Israelit", und darüber ärgert sich die „Welt" ganz besonders. Ein Zitat aus unserem Artikel in Nr. 25 über die Wahlkämpfe in Oesterreich wird in der letzten Nummer der Welt als oorxns ä6!icti„festgenagelt", aus dem hervorgehe, daß wir „den Zionismus als den intellektuellen Urheber der entsetzlichen Vorfälle" anklagen. Das ist mit Verlaub eine krasse — wir wollen nicht sagen: Fälschung — Unrichtigkeit. Wir haben mit unseren Anklagen gegen den Zionismus, dort, wo nach unserer Ansicht Grund dazu vorlag, nie zurückgehalten und haben auch gar keinen Anstand genommen, ihm die intellektuelle Verantwortung für manche Auswüchse im jüdischen Geistesleben zuzuschreiben. Hier aber richtete sich ähnlicher Bestrebungen zu feien. Daß die Erzählung der Thora uns ermöglicht, die ganze Anzettelung mit ihren wahren und vor geschützten Motiven zu verfolgen, daß sie uns die Gesinnungen und Anschauungen vorführt, die den König von Moab und sein Volk bestimmten, den mit prophetischem Geiste ausgerüsteten heidnischen Seher zu berufen, um über Israel den Fluch auszusprechen, das ist ein Moment, reffen Bedeutsamkeit nur von dem wunderbaren Ereignis selbst erreicht wird, dem die ganze Darstellung gilt. Sämtliche in der Thora enthaltenen geschichtlichen Darstellungen hatten ganz Israel zu Zeu-en. Wer hätte uns aber die Pläne eines Balak, die Erwägungen Moads und seiner Rotaöeln, den Segen und Fluch eines Bileam Mitteilen können, wer anders hätte das friedlich in seinen Zelten lag rnde Israel über die es bedrohenden Geschehniffe auf den Bergen Moabs mit wortwörtlich» r Treue unterrichten können, wer anders als derjenige, der allein die Gedanken und Gestnnungen der Mensclen kennt und der durch diese ihre Enthüllung seiner Thora das nicht wegzubeutende Gepräge der Göttlichkeit ver liehen hat. Verlästern konnten Balak und Bileam Israel nicht, aber die Verführung gelang ihnen und hätte auch die beabsichtigten Folgen gehabt, wenn nicht PtnchaS' rettende Tat den Gotteszorn beschwichtigt hätte. Darin liegt daS Tröstliche einer Parallele zwischen jenen alten heidnischen Verlästerern und den modernen, zeitgenössischen. Die letzteren verstehen sich nur aufs Lästern, deshalb sind sie ungefährlichdenn gegen Verlästerungen ist das jüdische Volk seii vielen Jahrtausenden gefeit. Hoch über unseren Feinden, den inneren und äußeren, wacht einst wie jetzt der Hüter Israels. Ihm mögen wir vertrauen und zuversichtlich seiner Verheißung entgegensehen: nx 'n ttntr '2 •-pan nnxi narr 1^2' unsere Anklage lediglich gegen die österreichisch-galizifchen Parteigänger des Zionismus, die, wie ja übrigens wiederholt schon in der zionistischen Presse selbst und von der Kongreßtribüne herab festgestellt wurde, durchaus nicht mit dem Zionismus als solchem zu identifizieren sind. Wir sagten in demselben Artikel, daß „in Galizien von jeher der Zionismus einTummelplatz für allerlei oppositionelleElemente istund es dort die jungnattonalen Feuerköpfe, denen es weniger um daS Baseler Programm zu tun ist als vielmehr um die Durchführung ihres eigenen innerp olitischen Programms, schon mehr wie einmal fertig gebracht haben, solcherart ihre Partei zu diskreditieren usw." Und eben gegen diese weitab von der Grundlage des Baseler Programms arbeitenden jungnattonalen Feuer köpfe sind auch, wie das aus dem ganzen Zusammenhänge des Artikels hervorgeht, die von der Welt zitierten Sätze des „Israelit" gerichtet. Indessen wird auch in diesem Zitate, das für unsere Herzensverhärtung und unsere einseitige Wertung der Vorgänge zeugen soll, ausdrücklich gesagt, daß „die aufgebotenen Arbeiter aus Boryslaw im Grunde harmlose, nur durch dieNot des Lebens erbitterte Menschen sind", daß ferner „in dem von ihnen erstürmten Wahllokale in nicht ganz legaler Weise zu Gunsten des „jüdischen" Allpolen Löwenstein „gearbeitet" wurde" und daß schließlich „nicht vorauszusehen war, daß die zweifellos übereifrige Soldateska gleich fünf Salven in die mehr lärmende denn wirklich revolutionirende Menge hineinsenden werde." Allein der Rest des Artikels läßt doch andererseits erkennen, daß der „Israelit", weit davon entfernt, sich gleich den Kölner Herren an tönenden Phrasen zu berauschen, es für feine journalistische Pflicht erachtet, auch den jungen Feuerköpfen, die im Namen des Zionismus die polnischen Wahlfälschungen ihrerseits mit etwas WahlterroriSmus beantworten und dadurch arme harmlose Menschen in Gefahr, ihre Partei, ja das Judentum in Mißkredit bringen, eine gewiß nicht unverdiente Lektion zu erteilen. Und das ist es, was der „Welt" so heftige Erschütterung' bereitet. Ein Mann, der dem östlichen Zionismus nicht fremd und fern steht, Fabius Schach, schreibt in der letzten Nummer des „Kölner Gemeindeblattes" inbezug auf die Gegenwartspolitik der galizischen Zionisten: eine» Meuilleton. Li« Meerergrav. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung.) II. Jeden Morgen zu einer bestimmten Stunde schlägt ein Schisssingenieur an verschiedenen Stellen des Schiffes eine Karte an, auf der die in den letzten 24 Stunden zurückgelegte Seemeilenzahl mitgeteilt ist, ferner, in welchem Breite- und .Längengrad sich das Schiff zur Zeit bewegt. Ich habe die Bekanntschaft zweier andrer Kajitts- Passagiere gemacht und mit ihnen für die Reisedauer Freundschaft geschlossen. Ter eine ist ein Regicrungsbeamter, ein liebenswürdiger, weltgewandter Mann; kein bischen Beamter. Ter andere ist ein deutscher Professor, der in Amerika nach Würmern und Schnecken grab.n will: also ein Zoologe. Wir haben soeben auf dem Promenadendeck einen kleinen Spaziergang beendet. Ich will aber jetzt ein wenig auf das Zwischendeck gehen, trotzdem Herr Riesenthal, Einkäufer eines großen Importhauses, uns eindringlich davor warnt, das Zwischendeck zu betreten, weil mau dort leicht „etwas abkrregen" kann. Ich bin nicht so ängstlich wie der Einkäufer, auch meine beiden Begleiter nicht. Was soll man denn auch den ganzen Tag auf dem «schiff und noch dazu unter den Kajüts-