Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1911)
- Date
- 1911-06-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2S Hunt 1911 niffe des Privatlebens derer bloßzustellen, die in ihrer Synagoge eine führende Rolle spielen. Wie weit fie vom jüdischen Judentum abgerückt sind, das sah und hörte in den letzten Wochen jeder, der Augen zu sehen, Ohren zu hören hat. Die Mädchenkonfirmation en gros ist ihre letzte verzweifelte Anstrengung, den Strom, der aus der jüdischen Gemeinschaft reißenführt, zu dämmen. Fünfhundert weißgekleidete Mädchen — so hallt es in ihrem Blätterwald wieder — haben bei 16 Grad Reaumur drei Stunden hindurch den Hymnus gesungen, Ani maamin rezitiert, Tillim gesagt und so das Judentum des größten Budapester Tempels gerettet. Ist es da nicht klar, daß sich die Neologie von der unverfälschten Orthodoxie nur um eine Variation, die aber das Wesen in den Herzpunkt trifft, scheiden? Denn während die Orthodoxie die Kristallisierung der Ewigkeitsidee des Judentums bedeutet, verkörpern jene die Christianisierung eben desselben Gedankens. Rußland. Petersburger Brief. Wetersönrg, 23. Juni. Im Vordergründe des öffentlichen jüdischen Interesses steht der demnächst stattfindende Emigrationskongreß, der, wiewohl er in Wien tagt, doch recht eigentlich eine russisch - jüdische Angelegenheit ist. Eine große Versammlung, die, von allen Auswanderungsbureaus im Rayon beschickt, dieser Tage hier stattfand, beschloß nach eingehenden Vorträgen von Rechtsanwalt Mandel und Professor Pasmanik und nach Anhörung eines Referates des Vertreters des Kongreßkomitees, Herrn Davidowitsch, der über die Vorgeschichte und den Arbeitsplan des Kongresses sprach, an diesem teilzunehmen und mit allen Kräften und Mitteln die Auswanderungsorganisation zu unterstützen. Es wurde eine Resolution gefaßt, die den Zusammenschluß aller Organisationen zum gemeinsamen Vorgehen bei der Regelung der Emigration als unabweisbare Notwendigkeit erklärt. Die Resolution verspricht sich vom Kongreß eine befriedigende Lösung der wichtigsten Fragen im Auswanderungswesen, eine opetimistische Auffassung, die aber nicht in allen hiesigen Kreisen geteilt wird. Die maßgebenden großen Organisationen, vor allem die Jca, halten sich vom Kongresse fern, und es ist, wie man in der Petersburger Konferenz erfuhr, auch den hiesigen Agitatoren trotz eifriger Verhandlung nicht gelungen, die Leiter der Jca in dieser Beziehung eines Besseren zu belehren. * * Wiederum hat eine Periode rigoroser Ausweisungen begonnen, und zwar wieder in der so viel heimgesuchtenStadt Kiew. Allen jüdischen Apothekergehilfen, etwa tausend an der Zahl, ist vom Senat in letzter Instanz das Recht abgesprochen worden, sich ferner in der Stadt aufzuhalten. Sie müssen binnen acht Tagen die Stadt verlassen. Die Betroffenen, unter denen sich eine große Anzahl Familienväter befinden, sind in unbeschreiblicher Not. Im Gouvernement Grodno, das zum Rayon gehört, werden die Juden in brutalster Weise aus den Dörfern vertrieben. * * * Die Rabbiner-Kundgebung gegen die Blutlüge hat die schwarze Presse sehr in Harnisch gebracht. Die Progromblättchen in Moskau, Kiew und Charkow suchen die Kundgebung Satz für Satz zu „widerlegen" und daraus den Beweis zu konstruiren, daß der Ritualmord den Juden doch nicht fremd sei. Wie würden fie sich auch sonst gegen diesen Verdacht so empfindlich zeigen? „Und, so deduziert die schwarze Logik der Berbändler weiter, die Lehre Mosis verbietet selbst das Blut eines Vogels, ist das nicht der beste Beweis dafür, daß dem Juden der Blutgenuß ein unüberwindliches Bedürfnis ist.?" Man wäre versucht, laut aufzulachen, wenn nicht die Sache gar zu traurig wäre. $er Israelit. Gngland. Das Ceffamenf des Baron Albert Rnfhfrtiilö- London, 23. Juni. Hiesige Blätter veröffentlichen jetzt ausführliche Auszüge aus dem Testament des Baron Alber Rothschild, Chef des Wiener Hauses der Rothschild, welcher am 11. Februar im Alter von 66 Jahren in Wien gestorben ist. Der Verstorbene hat in England ein persönliches Vermögen im Betrage von 733027 Pfd. St. (17592000 K.) hinterlaffen, für welches dem englischen Staate die gesetzmäßige Steuer von 96249 Pfd. St. (2300000 K.) entrichtet wurde. Die Zahlen des gesamten Vermögens liegen nicht vor, aber es darf angenommen werden, daß der englische Anteil an demselben von verhältnismäßig geringer Höhe ist. Das Testament ist vom 22. Dezember 1909 datiert, und die Söhne, Baron Alfons Rothschild und Baron Louis Rothschild, sind zu Testamentsvollstreckern ernannt. Das Testament beginnt mit der Verfügung: „Mein Begräbnis soll nach jüdischem Ritus vollzogen werden, ganz wie das Begräbnis meiner tiefbetrauerten Gattin Bettina, die im Herrn ruht und an deren Seite ich zu liegen wünsche" Betreffs der wohltätigen Vermächtnisse äußert sich der Baron im Testament in folgender Weise: „Da ich den Umstand bedenken muß, daß ich eine zahlreiche Familie habe, und daß nach den Verfügungen des Gesetzes ohnehin ein hoher Betrag aus meinem Nachlasse wohl' tätigen Zwecken zugute kommt, kann ich dem Beispiele, das mir großmütig mein verstorbener Bruder Nathaniel gegeben, nur in beschränkterem Maße folgen und muß mir in dieser Hinsicht Grenzen ziehen." Er äußert dann den Wunsch, daß seine Kinder aus seinem Nachlasse zwei Millionen Kronen wohltätigen Zwecken zuführen, die er einzeln anführt. So ziemlich alle von ihm aufgezählten, zu berücksichtigenden Anstalten befinden sich in Wien. Das Vermächtnis seines Sohnes Alfons belastet er mit 400000 K., welche an das dem Gedächtnis feiner Gattin gewidmete Bettina-Hospital auszuzahlen sind. Das Personal seines Bankhauses wurde zum Teil mit namhaften Summen bedacht.! Knlgarien. Die Wahlen in Bulgarien Sofia, 25. Juni. Am 19. Juni haben die Wahlen zur Großen Sobranje (Parlament) stattgefunden. In Sofia wurde der jüdische Kandidat Apotheker Farchi mit großer Majorität gewählt. Es ist zum ersten Mal, daß ein Jude seinen Einzug in das Bulgarische Parlament hält. Seine Wahl ging fast kampflos vor sich. Ein Beweis, wie wenig günstig der bulgarische Boden für die vom rumänischen Nachbar eingeschleppte antisemitische Seuche ist. Der Sultan in Saloniki. Saloniki, 19. Juni. Wie an anderer Stelle Ihres Blattes bereits kurz mitgeteilt, gestaltete sich der Empfang des Sultans im hiesigen Judenvtertel besonders herzlich. Herr Rabbiner Jacob Meiir, der sich auch am offtzielen Empfang im Hafen beteiligte, wurde dem Sultan gleich nach dem geistlichen Oberhaupte der islamitischen Konfession vorgestellt und vom Monarchen in ein längeres huldvolles Gespräch gezogen. Erst nach ihm kamen die Vertreter der anderen Konfessionen an die Reihe. Als der Sultan am Freitag Mittag auf dem Wege zur Moschee den Weg durch das Judenviertel nahm, glichen die engen Straßen dieses Bezirkes einem blühenden Blumengarten. Guirlanden, farbenfrohe Fahnen und blütenprangende Ehrenpforten füllten den ganzen Weg aus, den Rv. W Tritt i der Herrscher zurückzulegen hatte. Hinter der Rabbinerdeputatton, die unter Anführung des Oberrabbiners Joeob Meir sich an der Ehrenpforte aufstellte, standen viele Zehntausende Juden, die ihren Landesvater mit einem rauschenden Y?Dn 'IT und DT?» empfingen. Als der Wagen des Sultans sichtbar wurde, stimmten die Schüler der Talmud-Thoraschule den Psalm 'i ■j^ö not*' an. Der Sultan war sichtlich ergriffen. Er drückte Rabbi Meiir die Hand und sagte in hebräischer Sprache das eine Wort: ,,'nnütf"! Am Abend wurde dem Sultan von der jüdischen Deputation die kostbare in goldener Einfassung gehaltene Huldigungsadrefse überreicht. (Die im Feuilleton unserer letzten Nummer bereits besprochen wurde. Die Red.). Auch an dem allgemeinen feierlichen Veranstaltungen zu Ehren des hohen Gastes nahmen die Juden regen Anteil. In einem Bankett im Club der Jungtürken sprachen die Führer dieser Partei über das friedliche Einvernehmen der verschiedenen Konfessionen in der Stadt, welches in erster Reihe dem loyalen und vaterlandstreuen Verhalten der Juden zu danken sei. „Die Juden, sagte einer, sind das Element des Friedens, und der Vaterlandsliebe und haben viel zur Schaffung und Entwicklung der Türkei beigetragen." Beim Abschied ließ der Sultan Rabbi Jacob Meiir eine äußerst wertvolle goldene Uhr mit Kette überreichen. Nur Wenige aus den höheren Beamtenfreisen können sich einer derartigen Auszeichnung freuen. Außerdem spendete der Sultan dem jüdischen Spital „Bikur-Cholim" eine namhafte Summe. Fünfhundert Franken ließ er an die Armen ohne Unterschied der Konfession verteilen. * -i- * In einigen Tagen kehrt nun der Sultan wieder nach Konstantinopel zurück, jede Konfession und Natton wird ihn mit besonderen Ehren empfangen. Der Großrabbiner. wird ihm auf besonderem Schiffe entgegenfahren, ein zweites wird die Häupter der Gemeinde tragen. Die Ausführung des Festprogramms hat der Medschlich-Gismani übernommen. Inzwischen hat sich in Saloniki ein bemerkenswerter Vorgang abgespielt. Wie bekannt hat Rabbi Meier den Posten des Geoßrabbiners von Jerusalem erhalten. Als man seine Sachen zum Schiff bringen sollte, verweigerten die jüdischen Lastträger — andere sind in Saloniki nicht aufzutreiben — ihre Dienste/ nichts half, und das Schiff fuhr fahrplanmäßig — ohne Rabbi Meir — ab. Anläßlich der letzten katholischen Feiertage fanden in Konstanttnopel Prozessionen statt : der „Judio" stellt nun folgende Tatsache fest, die traurig aber wahr ist: die meisten Heiligenbilder wurden von jüdischen Kindern durch die Straßen getragen. Traurig! In unserer Stadt gibt es zwar genug jüdische Schulen — doch viele Eltern senden ihre Kinder in die Missionssschulen, weil nebenbei manches für fie abfallen kann: Freittfche, freie Aerzte, Apotheke, Krankenhaus usw., das sind alles Dinge, die der jüdischen Gemeinde hier fehlen. — Wann wird diesem Mangel abgeholfen werden? Die Mission z. B. unterhielt Jahre hindurch eine Lesehalle — mit Seelenfängerei verbunden — Der Verein „Hatttkwah" arbeitete in dieser Beziehung so energisch, daß die „Protestanten" ihren Saal schließen wollten — da erlahmten die schwachen Kräfte des genannten Vereins, da ihm keine Hllfe erstand/ wer will, wer könnte da helfen? Uatästtna. Der lvaaS Hair Jerusalem, 20. Juni. Am 15. d. Mts. nahm das von den Angehörigen aller aschkenafischen Gemeinden gewählte Kollegium der 80 Wahlmänner die Wahl des neuen Gemeindevorstandes, des sogenannten Waad Hair, vor. Es wurden in geheimer Abstimmung 23 Männer aus den verschiedenen Landsmannschaften zu Mitgliedern des Waad-