Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1911)
- Date
- 1911-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448830--66692-2494866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
Sette 8. Kt. 26 te SSvttM. 80. Junt 1911. Vorstandes- 4. Anträge der Mitglieder- 5. Bericht über die Synode von 1911- 6. Verschiedenes. Die Einnahmen 1910 betrugen M. 2774,79, die Ausgaben M. 2276,69. Der Kaffabestand Ende 1910 betrug M. 1599,01. Akesüm- 24. Junt. Am Sonntag, den 18. Juni, veranstaltete der Deutschnationale (lies: antisemitische) Handlungsgehilfe nverhand im Konzerthause zu Breslau seine diesjährige große Heerschau. Interessant ist es zu vernehmen, daß es um die finanzielle Lage des Verbandes infolge der großen Ausgaben für seine maßlose Agitation sehr schlecht steht. Aus dem Berichte geht nämlich hervor, daß man gezwungen ist, die Sparkaffenguthaben der Mitglieder zu 40 Prozent zu allgemeinen Bereinszwecken zu benutzen. 0!) Dänemark. Die Enfithetöung im Dberrabbinerftonfliftf. Kopenhagen, 26. Juni. Heute ist die erstinstanzliche Entscheidung in dem seit nahezu zwei Jahren schwebenden Konflikte zwischen Oberrabbiner Lewenstein und der hiesigen jüdischen Gemeinde getroffen worden. Der vom Oberrabbiner gegen die Amtsenthebung erhobene Einspruchwurdeabgewies en, indem ihm eine Abfindungssumme von 50,000 Kronen zugesprochen wurde und die Repräsentanten in die Kosten verurteilt worden sind. Diese Abweisung ist nach Ansicht des Gerichtshofes durch den Wortlaut des Vertrages bedingt, während sich die Gerichtsbehörde andererseits auf den prinzipiellen Standpunkt des Klägers stellt. Im einzelnen führt die Begründung folgendes aus: 1. „Die Repräsentanten waren nicht berechtigt, dem zweiten Geistlichen eigenmächtig das Recht zur Aufnahme von Proselyten zu erteilen. 2. Das Inserat des Klägers vom 14. Januar 1910 als Protest gegen dieses Vorgehen der Repräsentanten berechtigte dieselben nicht, den Kontrakt mit Kläger aufzuheben. 3. Da der Kläger seine Amtspflichten nicht verletzt hat und auch sonst nichts getan, das ihn unwürdig machen könnte, sein Amt zu bekleiden, war die Suspension unvereinbar mit dem mit Kläger geschloffenen Kontrakt. 4. Da Klägers Protest gegen die kontraktwidrige Suspension an sich kein hinreichender Grund zur Verabschiedung war, war auch die Verabschiedung kontraktwidrtg." Trotz dieser grundsätzlichen Auffassung der Sache konnte sich der Gerichtshof auf Grund der im Kontrakte vorgesehenen Anstellungsbedingungen zur Annullierung des Beschlusses der Repräsentanten, gemäß dem Wunsche des Klägers, nicht verstehen. Oberrabbiner Dr. Löwenstein hat gegen diese Entscheidung Rekurs ergriffen und es steht zu hoffen, daß dem Manne, dessen einziges Vergehen es ist, daß er seine Amtswirksamkeit im Sinne unserer p"mn auffaßte, doch noch zu seinem Rechte verholfen wird. Oestevrnkh. Hach den Wahlen. «. Wie«, 26. Juni. Verhängnisvoller als ihre großen Verluste an Mandaten dürfte der christlich-sozialen Partei der Umstand werden, daß sie nun im Reichsrate vollständig führerlos ist. Weiskirchner und Geßmann, beide Rivalen um das Erbe Luegers, sind durchgefallen. Lichstenstein und andere Politiker von Rang und Namen ebenfalls. Bei der in dieser Partei herrschenden Korruption und Mißwirtschaft dürste sie nun ohne Direktive vollends an Macht und Einfluß verlieren. Handels- Minister Weisktrchner hat bereits die Konsequenzen aus diesem Volksurteil gezogen, indem er seine Demission anmeldete und sollte ihm, (wie inzwischen geschehen. D. R.) das ganze Kabinett Bienerth Nachfolgen, so wird man ihm von jüdischer Seite keine Träne nachweixen. Dem Jüdischen Klub haben die Wahlen ein Ende bereitet. Denn sein einziges gewähltes Mitglied, Dr. Strauch er, gehörte schon vor Einzug der jüdisch-nationalen Miniaturfraktion ins politische Leben dem Parlament an und zählt sich jetzt zu den „Wilden". Außer ihm find noch 9 jüdische Kandidaten gewählt, von denen 2 der deutsch-liberalen, 5 dem Polenklube und 2 der sozialdemokratischen Partei angehören. Wie verlautet, hctt jedoch Löwenstein (Führer der Polen) mit Rücksicht auf die blutigen Vorkommnisse während seiner Wahl, sein Mandat niedergelegt. Die Aufregung ob der Vorgänge in Drohobycz hält hier an. Die Jüdisch-nationalen Wiens haben letzten Sonntag eine große Protestverfammlung veranstaltet und eine Sammlung für die Hinterbliebenen der Opfer eingeleitet. In Drohobycz wurden am 20. Juni sechs von den Getöteten in aller Stille beerdigt. Den Särgen dursten nur die nächsten Angehörigen folgen. Ansammlungen in den Straßen, die der Leichenzug passierte, wurden nicht geduldet. Der Friedhof war vollständig von Militär abgesperrt. Militär und Gendarmerie patrouillieren in den Straßen, doch herrscht überall Ruhe. Von den Dächern wehten Trauerfahnen, die Geschäfte waren gesperrt. Eine Abordnung oppositioneller Wähler hat sich heute nach Lemberg begeben, um beim Statthalter über die blutigen Vorfälle und über den zu Gunsten Löwensteins geübten Wahlterrorismus Beschwerde zu führen. Ungarn. Hkerraökiner A«chs V'sr. Hroßwardein, 27. Juni. (Privattelegramm.) Oberrabbiner Fuchs-Großwardein ist heute in Bad Trencsenteplitz, wo er sich zur Kur weilte, plötzlich verschieden. (Oberrabbiner Fuchs war einer der bedeutendsten DMliö in Ungarn und als in der gesamten jüdischen Welt bekannt. Mit seinem Heimgang erleidet das Thorajudentum und die ungarische Orthodoxie insbesondere einen unersetzlichen Verlust. Wir behalten uns eine eingehende Würdigung des Lebens und Wirkens des großen Mannes für die nächste Nummer vor. Die Red.) llngariscker Brief. (Von unserem Korrespondenten). 2. B. A. Budapest, 8. Juni. II. Prof. Max Schächter, der sich als Mediziner und Redakteur einer wissenschaftlichen Zeitschrift einen guten Ruf erworben hat, gefährdet diesen durch seinen geharnischten Artikel: „Eine Religion — zwei Konfessionen", den er für das Jntelligenzblatt: „Pesti Nrplo" geschrieben hat. Es scheint, daß für den gelehrten Chirurgen nur das Physische Leben in der Krankenstube Gegenstand objektiver Forschung sein kann. Es geht ihm der wissenschaftliche Sinn für den Kampf der Prinzipien vollends ab, der, was wenigstens die orthodoxe Zentralkanzlei betrifft, in dieser in kondensierter Form zum Ausdruck gelangt ist. 18 wäre schon längst mehr keine Spur — meint er — von einem Bestreben nach Zweiteilung, wenn durch die (vom König zurückgegebene) Brandschatzungssumme Haynaus nicht die zwei Kriegführenden, sogenannte Durchführungskanzleien erhalten hätten. Nicht zwischen den Juden, sondern zwischen den die jüdischen Angelegenheiten in ihren Bereich ziehenden Durchführungskanzleien tobt der unheimliche Kampf. Darüber muß die jüdische und nicht jüdische Oeffentltchkeit informiert und so der Weg frei gemacht werden, der vielleicht zur Lösung >es verwickelten Problems führt." Er mejnt dann zum Schluß, daß nur durch die"Einberufung des einheitlichen Kongresses, auf dessen Zusammensetzung die beiden Kanzleien keinen Einfluß haben dürfen, die Frage gelöst und der lang ersehnte Friede herbeiaeführt werden kann. Denn nur die Kanzleien stören ihn, die für ihre Existenzberechtigung weder das Staatsgesetz noch die jüdische Tradition anführen können. „Die Kanzleien müssen geschlossen, die Präsidenten verjagt und der heilige Tempel des Friedens auf den Ruinen der beiden Vermittlungsbureaus errichtet werden." „Nur wenn man nicht mehr ,vermittelt^, wird im umfangreichen Judentum Eintracht und Zusammenwirken gedeihen, auf das das Gemeinwohl ein dringendes Anrecht hat." Daß dieser Friede für „uns" Kirchhofsruhe und Grabesstille bedeutet, verschweigt der „objektive" Forscher der Medizin wohlweislich. Uud auch, daß all das, was er fordert, das Wunschobjekt der neologen Kanzlei und der Partei bildet von der Stunde angefangen, da die „Schomre Hadas" durch königliches Reskript das Recht herleiten durfte, die Zwangsjacke der unseligen Kongreßstatuten abzulegen und in althergebrachter Form ihre Organisation, die sich auf den „Schulchan Aruch" gründet, auszugestalten. Die öffentliche Meinung war aber genugsam provoziert, um die haßtriefende Budgetrede Samuel Bakonyis zu verdauen: „Aus Sem Gebiete der Organisation", führte er aus, „herrscht bei den Juden völlige Anarchie. Infolge der unseligen Verhältnisse, die von den Berhetzern auf orthodoxer Seite herbetgeführt werden, konnte btS heute noch keine Autonomie erlangt werden. Die Quelle der Uebelstände ist hauptsächlich in der Ausbildung der Rabbiner zu suchen." In dieser Beziehung erwartet er von der Regierung die Anbahnung einer radikalen Reform. „Die Einheitlichkeit muß herbeigezwungen, der einheitliche Kongreß einberufen werden. Denn das Judentum war, ist und bleibt sür ewig einheitlich. Alles, was wie dogmatische Divergenz scheint, ist nichts als ein müßiger Tempelstreit darüber, ob der Kaotor von der Shnaaogenmitte oder von der Ostwand zu seinem Gotte betet." Und daß es so und nicht anders sein müsse, das weiß Samuel Bakonyi am allerbesten. Ist er doch der leibh aftige Schwager des Generalsekretärs der neologen Chewro Kadtscha, Dr. Franz Mezey, und hat aus dieser reinen Quelle die Information geschöpft, die, als Zwischenruf ins Parlament donnerte, daß nichts als Schachergeift und Profithascherei die orthodoxe Leitung abhalte, von ihrem Standpunkt zu weichen. Es scheint nun fast, daß die Alarmrufe geneigte Ohren gefunden haben. In Mada, wo die orthodoxeJugend seit fünfzig Jahren sich ungehindert fürs Leben in der dortigen Jeschiwa vorbereiten durfte, hat der Stuhlrichter — wohl auf höhere Weisung — auf Grund eines and 2123 erfolgten Beschlusses das Lernen verboten und die Bachurim, soweit sieaus anderen Gemeinden stammmen, einfach aus dem Orte verwiesen! Es ist wirklich zu verwundern, daß unsere Neologie, gerade um eine Zeit, da das westeuropäische Kulturjudentum die Schlachtreihen formiert, um die Schmach eines eccrasez l’infame Rufers zu tilgen,. mit derselben Parole zum Kreuzzug gegen das konservative Judentum in den Kampf zieht, weil dieses, auf sein verbrieftes Recht gestützt, es wagt, in alter Form dem urewigen Thoragetst zu huldigen. Daß die scheidende Grenzlinie nicht nur, wie sie behaupten, von der eifersüchtig um ihre Machtsphäre bekümmerte „Vermittlungs"kanzlei gezogen ist, beweist die korrigierte Statistik der Pester Kultusgemeinde, die im letzten Jahr allein 280 Persondn durch die Taufe ausscheiden mußte sehen und auch von solchen Individuen die Kultussteuer behebt, die bereits dem Judentum den Rücken gekehrt haben. Die Generalversammlung konnte sich nicht zur selbstbewußten Tat aufraffen, die Liste dieser abtrünnigen Ueberläufer zu veröffentlichen, da sie fürchtete, dadurch die Geheim-