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Der Israelit · 1911-06-29 · Heft 26 (29.6.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 26 (29.6.1911)
Date
1911-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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29. Junt 1911 Der JSraAtt 9to. 2«. Seite 8 Wäre aber nun wirklich diesmal Reinach gefallen, was dann weiter? Wir haben diese Frage bereits einmal gestellt und sie in dem Sinne beantwortet, daß mit dem Sturze Reinachs keineswegs das System der Alliance gefallen und der jüdischen Sache, in deren Namen der energische Kampf gegen Paris geführt wurde, noch lange nicht geholfen wäre. Nun wird diese Frage von einer Seite gestellt, die über den Verdacht der Orthodoxie erhaben ist und daher darauf Anspruch machen darf, auch in denjenigen neologen Kreisen, die an sich mit Recht gerade Reinachs Person zum Gegenstand des Angriffes wählen, gehört zu werden. In zwei die Krisis in der Alliance behandelnden Leitartikeln schreibt die hebräische „Hazefirah": in No. 131 und 132 nach einem Berichte über die bisherigen Wahlresultate wie folgt: „Allein hat denn der Ansgang der Wahl;« wirtlich die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, und bat denn dieser Kamps, der auf der ganzen Linie gegen Reinach so heiß entbrannt ist, auch seine innerliche Berechtigung? Liegt denn darin der Schwerpunkt der ganzen Frage, ob Reinach gewählt wird oder nicht? Worin unterscheidet sich Reinach von seinen anderen Freunden, die in der Leitung sind und bleiben und die Alliance mit ihrem Geiste beeinflussen? Ist es denkbar, daß seine Kollegen, die ein Vierteljahrhundert Schulter an Schulter mit ihm gearbeitet haben, sich in ihrem Innern so wesentlich von ihm unterscheiden? Wir wollen uns keiner Täuschung hingeben und lieber die Sachen sehen, wie sie sind. Tas Komitee der „Miance" ist durch und durch von der Seuche der Assimilation ergriffen. Ob nun Reinach gewählt wird oder nicht, ans Paris wird Israel die ersehnte Hilfe nicht erstehen. Aus diesem Milieu und von diesen Leuten ist die Rettung nicht zu erwarten." Indem das Blatt nun noch auf die Stellung der Alliance zum Zionismus und ihre unsaubere Kampfmethode im Orient eingeht, nimmt es die französischen Rabbiner, diese festesten Stützen der „Alliance" Pariser Observanz, scharf aufs Korn. „Und die Rabbiner, die Mitglieder des Pariser .Komitees der Alliance, haben die etwa bisher nur bin geringsten Protest gegen Reinach erhoben? .Haben sie irgendwann Anstand genommen. an seinen Ausfällen gegen Inden und Judentum? Haben sie es etwa, für nötig gefunden, von dem Manne nbznrücken, den die jüdische Öesfentlichkeit als einen grimmigen Feind erkannt hat? Oder haben sie sich etwa aufgerafft, »in auf andere Weise die „Alliance" im jüdischen Sinne zu beeinflussen, etwa ihre Institutionen nach religiöser Richtung auszubauen und eine Aenderung des "Lehrplanes in ihren Schulen herbeizuführen, die eS ermöglicht hätte, daß die Alliance-Schüler nicht »whr zu schlechten Franzosen, sondern zu vollen und guten Juden erzogen lverden? Vor einiger! Jahren, als jlrf) die Anklagen gegen das Schulwerk der „Alliance" rm Orient derart häuften, daß sich die Pariser Zentrale der Forderung der Deutschen Konferenzgemeinschast, eine Jnspeklionskommission nach dem Orient zu schicken, nicht „lehr verschließen konnte, da wurden Leute dahin geschickt, die die Pariser Zentrale als ihre Gesinnungsfreunde betrachten durste. Die beiden Rabbiner, deren einer Mitglied der Pariser Zentrale ist, haben im Oriente wohl nicht alles aufs beste eingerichtet gefunden, als treue, gewissenhafte Sendboten, die das Vertrauen ihrer Sender genießen, fühlten sie sich jedoch verpflichtet, nach Kraft und Möglichkeit alles zu beschönigen und zu rechtfertigen. Auch für die Fehler, die sich nicht mehr verdecken ließen, wußte man Entschuldiguttgsgrüttde in Fülle, sowie Anträge und Ratschläge, dieselben — natürlich ohne durchgreifende Aendernng und ohne die soziale und wirtschaftlich: Stellung der Lehrer zu gefährden — wieder gntzumachen." Der Rest des Artikels enthält eine vernichtende Kritik des Schulwesens der „Alliance" und besonders ihres Lehrerseminars für das Orient, welches als Quelle alles Nebels und als Brutstätte für den Geist des Abfalls und der religiösen Verneinung, der alle Unternehmen der Alliance ausgezeichnet, geschildert wird. Das sind lauter Dinge, die wir seit Jahrzehnten vorbrachten, die aber von dieser Seite anerkannt, doch wie ein mächtiges Erwachen der jüdischen öffentlichen Meinung anmuten. Ob die Deutsche Conferenzgemeinschaft bei der allgemein gegen die Pariser Mißwirtschaft herrschenden Stimmung es bei ihrem Siege in Deutschland bewenöen läßt? ReDifion des ßilsnerprojefles? Dem Rechte scheint sich eine Gaffe zu bahnen — auch in Oesterreich, wo bisher nicht der leiseste Hoffnungsstrahl in die dumpfe Zelle des armen Schufteigesellen, in dem man das Judentum treffen wollte, hineinleuchten wollte. Es trifft sich gut, daß just zur Zeit, da in Wien die feste christlichsoziale Bastille gefallen ist, sich das Material in der Sache des wegen Ritualmordes verurteilten Leopold Hilsner in einer Weise anfgehäuft hat, die eine Revision des Prozesses unvermeidlich macht. Ist aber die Revision einmal in die Wege geleitet, so muß sie mit einer Freisprechung des unglücklichen Opfers enden. Auch dieHilsnertragödie ist der Chrtstlichsozialen Werk, das, aus Haß und Hetzsucht geboren und auf Lüge gegründet, nun mit dem Zusammenbruch der Macht dieser Partei in sich selbst zusammenfallen mag. Von der jüngsten Audienz des Dr. Scheu beim Justizminister in dieser Angelegenheit haben wir bereits berichtet. Die Voraussetzungen, die der Minister bei dieser Gelegenheit für die Wiederaufnahme des Prozesses noch vermißte, sindwie man jetzt erfährt, inzwischen geschaffen worden, und eine neuerliche diesbezügliche Eingabe des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" in Oesterreich an das Justizministerium besagt nach einer kurzen, scharfen Präzisierung aller zur Beurteilung wichtigen Momente im Sinne der bekannten, kürzlich an dieser Stelle von uns besprochenen Broschüre zum Schluffe folgendes: „Ungleich sicherer als in irgend einem ähnlichen Prozesse liegt hier der Tatbestand vor, daß Hilsner, so WMig er sonst moralisch qualifiziert sein mochte, unmöglich an den Morden irgendwie beteiligt gewesen ist. Wenngleich daher die ehrerbtetiast Unterzeichnete Bereinsiettung in Erfüllung ihrer Aufgabe sich zunächst des Schutzlosesten aller Schutzlosen, des ganz allein auf sich angewiesenen Juden Hilsner annimmt, so handelt sie doch auch zugleich im allgemeinen Interesse, indem sie unausgesetzt gegrn diesen einzig dastehenden RechtSvruch sich auflehnt, gegen einen Schuldspruch, der nicht auf Grund objektiver Erwägung, sondern lediglich durch Voreingenommenheit zustande kam und der, falls keine Remednc geschaffen wird, eine ständige Bedrohung jedes Einzelnen bedeutet, der dem 20. Jahrhundert zur Schmach gereicht und eine.- Rechtsstaates unwürdig genannt werden mutz. Die tiefergebenst Unterzeichnete BereinSlettung, welche bereits im Juli 1910 — wiewohl bedauerlicherweise ganz resultatlos — die Eingabe an die Generalprokurarur um Revision des Prozesses Hilsner gemacht hat, schließt sich dem durch Dr. Scheu unternommenen Schritte vollinhaltlich an und bittet htemtt neuerdings, die Revision des Prozesses Hilsner endlich und zwar auf einem national und konfessionell möglichst wenig durchwühlten Boden anordnen zu wollen. Die formalen Erfordernisse hiezu müssen in dem Mangel jeglichen Tatbestandes, ober auch in der Irreführung durch die erwähnte Aguoszierung eines angeblichen Zeugen erblickt werden, der später wegen Betrug zur Verantwortung gezogen wurde, durch dessen Aussage aber, wenn fie sich mit den Tatsachen wirklich decken könnte, nur bewiesen wäre, daß Hilsner zur vermutlich kritischen Zeit in dem Wäldchen sich gleich so vielen anderen aufgehalten habe." Die gegenüber Dr. Scheu gemachten Auslassungen des Juftizministers, sowie die allge meine, nicht zuletzt durch den Ausgang der Wahlen geschaffene Stimmung berechtigen zur Hoffnung, daß diesmal die Bemühungen zur Ehrenrettung des Judentums und — des österreichischen Justizwesens nicht erfolglos bleiben. Die zwei nettesten ümacdten über?euerbe$tatt««g and HscbettNrnenbeisetzttiig. Beurtt itt von Oberrabbiner Dr. M. Lern er in Altona. II. Im Gegensatz zu Maybaum ist Landrabbiner Dr. Silberstein, deffen Abhandlung in der Zeitung des Judentums, 21. April 1911 veröffentlicht wurde, offenbar bestrebt, über die Frage der Feuerbestattung und der Aschen Urnenbeisetzung aus dem biblischen und nachbiblischen Schrifttum ein objektives Urteil zu gewinnen. die jüdischen Stämme durch Zwietracht und Eifersucht zu trennen und sein Enkel Samuel sammelt Israel aus seiner reltgivsm und politischen Zerfahrenheit zu einem einheitlichen, achtunggebietenden Bolke. Korach greift in Mofcheh und Ahron Prophetie und Priestertum an und seine Nachkommen wachen schützend in vterundzwanzig von prophetischem Geiste beseligten Gruppen über das Heiligtum, welches der Ahn zerstören wollte. Diese wunderbare GotteSwaltung fVöK pj? ‘iplQ □'55 die Kindern und Enkeln die Sühne der Verirrungen von Bätem und Großvätern aufträgt, indem sie aus den Nachkommen gerade der fanatischsten Gottesleugner die begeistertsten Gotteskämpfer wirbt, leuchtet mir trostvoller Zuverficht aus der Geschichte des ersten Reformjuden und seiner Nachkommen. Wie viele von denjenigen, die im Herzen die Wahrheit deS alten, überlieferten Judentums erkennen und an-erkennen, ja seinen Anforderungen persönlich gerecht werden, hat die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder bestimmt, es düsen vorzuenthalten in der Meinung, ihnen so den Daseinskampf zu erleichtern und ihnen so leichter eine Position im Leben zu sichern. Diese weitschauenden und doch so kurzsichtigen Eltern sehen nur die Schranken, die daS Gottesgesetz ihren Kindern und Enkeln zieht und möchten fie ihnen durch eine Erziehung zur Gletchgültigkett aus dem Wege räumen. Aber fie haben den Blick für das rkine, wahre Lebensglück verloren, das nur aus der Erfüllung des Tonesgesetzes erblüht, das sie den Pfänden ihrer Liebe verblendeter Weise vorenthalten und das auf keinem anderen Wege zu erreichen ist. Mögen ganze zeitgenössische Familien und Gemeinden dieser Verblendung folgend ihrer Jugend daS weiter zu vererbende GotteSeibe vorenthalten, die Treue der Treuen wird mit doppelter und dreifacher Hingebung ihren Kindern das Kleinod wahren, das diese „Klugen" geringschätzig von sich warfen. Stegessreudtg schweift ihr Blick über die trübste Gegenwart auf die heitere, sichere Zukunft hin, in welcher einst alle sich unter dem Rufe zusammenfinden, der aus dem Grade KorachS durch alle Zetten klingt: nvrr imini na« mwa* eine» Feuilleton. Ein llleeresgrab. Von Arthur Kahn. I. An einem trüben Märztag standen die Kajüts- Passagiere der ersten und zweiten Klasse eines riesigen Dampfers, der zur Abfahrt nach Amerika bereit lag, über die Brüstung der PramenadedeckS gelehnt und blickten interessiert auf den wimmelnden Menschenhaufen, den soeben ein kleiner breitgobanter Dampfer an seinen Bruder Goliath abgeladen hatte. Ruhig, unbeweglich, als befinde er sich auf festem Boden, lag der gewaltige Ozeandampfer ans der Rhede. Ruhig und hnstloS, aber doch flink und geübt, verrichtete das SchifsSvolk seinen Dienst. Einige Matrosen betrachteten gleichmütig den über den Steg drängenden, sich überstürzenden Menschenhaufen, von dem ein Teil, kaum daß er den Boden des Dampfers betreten, auch sofort mit größter Hast der Treppe zueilte, die hinab in den Bauch des Schisses führte. Tas sind die Erfahrenen und Wohlulitterrichteten, die wissen oder gehört haben, daß es selbst in diese«! arrnseligen Rauin dadrunten, ivo Matrahe an Matrahe, wie in einem Obdachlosenasyl ancinandcrgereiht, zugleich wie in einer K aserne überein andergebaut, bevorzugte Pl ätze gibt, die während einer ganzen Reise nicht nur Bett, sondern zugleich auch Wohnung bedeuten. Tic <rtellr'!i »iahe an einer Luke sind natürlich die gesuchtesten, weil Heller und der frischen Luft am nächsten. Das letztere ist aber das wichtigste. Wer noch nie in einem Zwischendecksschlafranin, zumal nach der ersten Rächt der Fahrt gewesen ist, der kann sich schwerlich den entsetzlichen (Kernch vorstellen, der da drunten herrscht. So begreift man also die Eile, mit der die Zwischcndeckspafsagiere sich „bessere" Plätze zu erobern trachten. Schnell wiro ein Sack, ein Bündel, ein Koffer, ein Korb oder eine Reisetasche auf die ausgesuchte Matratze — aus Seegras oder Stroh — geworfen, und das Besitzrecht ist für die Reisedauer gesichert. Es geht nicht immer friedlich dabei her, oft begleiten^ Zank und streit die Okkupation. Auch ans dem Seeschiff sucht jedermann ein Plätzchen an der Sonne, tvas hier natürlich auch nur figürlich zu verstehen ist, denn da hinunter ins Zwischendeck dringt nur wenig von Licht und Sonne. Und nirgendwo auf dem Schiffe täten diese beiden mehr »vt, als da drunten, wo es fürchterlich ist. Wer einmal mit Aufbietung seiner ganzen Ueberwindungskraft den entsetzlichen Geruch, der diesen Räumen anhaftet, ringeatmet hat, der wird ihn sobald nicht mehr los und zeitlebens daran nicht ohne leisen Schauder zurückdenken. Daher ist eS das Alter-schlimmste für diese armen Zwischendecklcr, wenn etwa das Wetter sie unter Teck zlvingt. Meist hat sich der Dampfer schon in Bewegung gesetzt, bevor noch die Auswanderer — um diese allein handelt es sich im Zwischendeck — mit der

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