Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1911)
- Date
- 1911-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 26 •tx Simm. 29. Juni 1911 sitzenden mit der größten Gelassenheit dieses feierliche Wort ebenso feierlich zu brechen — dieser Verband, der neben dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und dem „Gemeindebund" naturgemäß an chronischer Beschäftigungslosigkeit krankt und der darum immer auf -er Suche nach neuen Aufgaben ist, versendet an die Vorstände sämtlicher Synagogengemeinden folgendes Rundschreiben: „Die vierte öffentliche Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden wird am 5. Nov. d. IS. in Berlin fiattfinden. Die Ziele und die bisherige Wirksamkeit deS Verbandes dürfen wir bei Ihnen alS bekannt voraussetzen und verweisen im Übligen Ms den GrschästSSertcht für die letzten anderthalb Jahre, der als Drucksache folgt. Die Hauptversammlung setzt stch satzungSgemüß zusammen: A. auS den Delegierten der Gemeinden, B. aus den Delegierten von Verbänden, C. aus Einzelpersonen, welche der Ausschuß deS Verbandes unter Berücksichtigung von Wünschen der Gemeinden und Verbände und sonstiger jüdischer Organisationen zur Teilnahme beruft. Die Zahl dieser Einzelpersonen darf nicht größer sein als der vierte Teil der nach A und B zu berufenden Vertreter. Nach § 4 A 2 werden Vertreter aus denjenigen Gemeinden, welche weniger als 1000 Seelen umfassen, aber mit Nachvargemeinden derart verbunden werden, daß die Zahl der zu vertretenden Seelen 1000 beträgt. Die Verbindung wird durch den Ausschuß geregegelt. Ihre Gemeinde ist mit .... anderen zu einem Bertretungsbezirk verbunden worden, als dessen Borschlagsort die Gemeinde.gewählt ist. Diese wird Ihnen Vertreter für Ihren Bezirk bis zum 15. Juni Vorschlägen." Eine dem Verband fernstehende Gemeinde, die dieses Rundschreiben dieser Tage erhielt, fragte darauf an, wie man dazu komme, sie plötzlich zwangsweise für den „Verband" zu allnektieren und erhielt darauf folgende Antwort: „Auf Ihr gefälliges Schreiben vom 15. d. M. betreffend die Vertretung auf der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden erwidern wir Ihnen ergebenst, unter Ueoersendung des Satzungen des Verbandes: Der Verband der Deutschen Juden vertritt die allen deutschen Juden gemeinsamen Interessen. Daher soll auf feiner Hauptversammlung die Gesamtheit der deutschen Juden ihre Vertretung finden. (Bisher fanden 1905, 1907 und 1909 Hauptversammlungen in Berlin, Frankfurt a. M. und Breslau statt.) ES werden deshalb die Wahlbezirke vom Ausschuß des Verbandes aus allen jüdischen Gemeinden Deutschlands, ohne Rücksicht darauf, ob sie dem Verbände bisher als Mitglied einen Beitrag leisten ober nicht, zusammengestellt und die Borschlagsorte für die Bezirke nach der Größe und Bedeutung der Gemeinde gewählt. Wünschenswert wäre es selbstverständlich, wenn nach und nach auch alle diejenigen Gemeinden, die es bisher unterlassen haben, sich entschließen wollten, die Wirksamkeit des Verbandes durch etnm Jahresbeitrag zu unterstützen, wie es alle größeren Gemeinden tun. Auf unser im April versandtes Rundschreiben haben auch wieder etwa hundert weitere jüdische Gemeinden dem Verbände einen jährlichen Beitrag bewilligt. Dieser Beitrag soll nach einem Beschlüsse des Ausschusses mindestens 5 Pfennig auf den Kops der Mitglieder der vetr. jüdischen Gemeinde betragendoch ist ein Mindestbeitrag von Mk. 5— jäh lich festgesetzt." Da haben wir die Bescherung! Neben dem alten Gemeindebund mit seinen leider noch ein wenig unbequemen Satzungen soll ein neuer Gemeindebund etabliert werden, in dem das vom „Verband der deutschen Juden" erfundene geniale System der „Volksvertretung von oben" zu geradezu künstlerischer Vollendung entwickelt wird. Früher ernannte der Verbandsausschuß „seine" Vertreter überhaupt selber, und Herr Cohn in München oder Herr Wolf in Frankfurt erhielt eines Tages die überraschende Mitteilung, daß er dazu ausersehen worden sei, als „Delegierter" der — ,nun sagen wir, der jüdischen Volksseele, auf dem nächsten Verbandstage, mitzudemonstrieren. Das drückte die Bedeutung der Verbandstage denn doch allzusehr herab und so entschloß man sich denn zu einer kleinen, aber nur scheinbaren Modifikation: Jetzt sucht sich der Ausschuß nämlich, statt selber zu „berufen", einfach die Gemeinden aus, die den anderen ihre Vertreter vorzuschlagen haben, und die wohl auch der Suggestion des Berliner Ausschusses schon aus Gleichgültigkeit nicht unzugänglich sind. Das ist das umgestülpte pyramidale preußische Landtagswahlsystem: Urwahl von Wahlmännergcmeinoen im Verbandsbureau zu Berlin, allwo indirekt also die Herren Abgeordneten ernannt werden; Klassenwahl in optima forma, wobei die Großgemelnden durch die ..Verbände" doppelt und dreifach repräsentiert werden, die kleinen Gemeinden als solche verschwinden. Es wird Leute geben, die in dem ganzen Unternehmen eine Spielerei oder jedenfalls einen Versuch mit untauglichen Mitteln erblicken — w ir sind nicht optimistisch genug, um so zu denken. Die kleinen Gemeind en wissennicht, wozu sie sich gebrauchen lassen. Sie glauben, der „Verband" vertrete wirklich nur die den deutschen Juden gemeinsamen Interessen : nämlich die staatsbürgerlichen, und sie gehen ahnungslos in die Falle. Ist aber der Berbandstag, ob auch auf noch so groteske Weise einmal „gewählt", dann wird sein Votum durch alle Zeitungen depeschiert und in tausend Zungen zu einer Willenskundgebung der einheitlichen deutschen Judenheit aufgebauscht, so daß — der Gemcindebund sich den Luxus des Schmollend mit den Rabbinern in aller Ruhe gestatten kann. Zu verhindern, daß diese Folgen eintreten, scheint uns im Augenblick die wichtigste Aufgabe aller Freunde der Wahrh it und Freiheit auf dem Gebiete des religiösen Lebens. . WTS / * U-t,. Kochenrvnöschau. Die niliance-IDahlen. Noch ist das Endresultat der Alliancewahlen nicht bekannt gegeben und es wird noch eine geraume Zeit verstreichen, bis man, wie sich böse Zungen ausdrücken, „da unten tief in der Türkei das Wahlunglück Reinachs wird fertig korrigiert haben". So leicht geht es nämlich auch dort nicht mehr. Auch das jüdische Orient erwacht (siehe Korrespondenz Konstantinopel in letzter Nr. des „Israelit") und fängt an, sich von der geistigen Abhängigkeit von der Alliance zu emanzipieren. Wie dem immer sei, die Wahlen in Deutschl a n d und seinen Nachbarländern haben, wie wir bereits kurz berichtet, einen vollen Sieg der Deutschen Conferenzgemeinschaft gebracht. Wie ungemein groß das Interesse der Mitglieder an diesem Siege war, beweist der Umstand, daß die Wahlbeteiligung für ganz Deutschland durchschnittlich 70°/« der Wahlberechtigten betrug und in einzelnen Gemeinden sogar 90°/° erreichte. Soweit bis jetzt festgestellt ist, sind in Deutschland 6400 Stimmen gegen Rein ach abgegeben worden, die durch die bis dahin bekannten Wahlresultate in der Schweiz, in Holland, Belgien ufw. auf 8600 anwachsen, von 10,000 Stimmen, die nach bisheriger Feststellung insgesamt abgegeben wurden. Nimmt man noch hinzu, daß auch die drei Mitglieder des Zentralkomitees in Amerika Protest ge gen die Wiederwahl Reinachs einlegten und somit keine gerade günstige Wahlprognose für Reinach in der neuen Welt geboten haben, so muß, wenn sich die Berichte einiger jüdischen Zeitungen von der bereits erfolgten Wiederwahl Reinachs bestätigen sollten, mit gewaltigem Hochdruck auf die orientalischen Kerntruppen der Alliance zu Gunsten des Spiritus rector der Pariser Zentrale eingewirkt worden sein. CA-C,. « Die Zukunft unserer Kinder. (Zum Wochcrrabschuitt.) Nach einer Ueberlieferung hat Korach nur die Rücksicht auf seine Kinder und Enkel zu dem Frevel geführt, den er mit dem eigenen Leben bezahlte. „Was veranlaßte Korach, der doch so hell sah, eine solche Torheit zu begehen? Sein Blick gerade hat ihn irre gekettet. Er sah tm Geiste die Größe seiner ihm entstammenden Nachkommen. Samuel, der Moscheh und Aharon gleich kam (Psalm 99, 6), ferner vierunbzwanztg seinen Enkeln entstammende Hütergruppen, die sämtlich durch den heiligen Gottcsgeist weissagten (Chr. l, 25, 5), da dachte er, diese Größe soll meinen Kindern beschieden sein und ich soll sie zugrunde richten?" xhx?i?n matrS mn n» rrn np'arc mpi ,i2v'n mbir rn nbttbtr nto /mrtan irr rwb pn«i ntr» 7222 Siptrtr »Steibir nribtwa -r"2i ibtr wipa S«ibiri virra pntti ttran rma 711x22712 jbi2tf V22 '22b m’iair "itrsx H2X '121 p'nb 2'22 nbx ^>2 nöxitr?N7,1X 121X '2X1 Mbb "ibr*? mw 11 nbiTn (Kbirun tsnib)- , Diese Worte enthalten einen schätzenswerten Schlüssel für das rätselhafte Gebühren Korachs und vieler seiner Nachahmer. Wenn auch Korach nichts glaubt, oder wie feine Gesinnungsgenossen anzunehmen pflegen, gerade wett er nichts glaubt, war er doch einer von den Klugen. Wenn er auch das.Verständnis für das Verbrechen verloren hat, das sein Auftreten bedeutet, aber baß ks eine Torheit war, gegen einen Moses und Ahron den Kampf so keck zu wagen, das mußte ein so klug berechnender, weitsichtiger Mann, wie es Korach war, doch stch selbst sagen. Deshalb findet die psychologische Weisheit -er Weisen, gerade sein weitausschauender, Kinder und Enkel umfassender Blick habe den Vater und Großvater zum Meuterer gemacht, um auf diese Weise die glänzende Karriere seiner Nachkommen zu fichern, wenn er selbst auch darüber zu Grunde gehen müßte. In dem Regime des GotteSgesetzeS erblickt er — wie so viele gletchdenkende Zeitgenossen — einen Hemmschuh für jede seinen Kindern einst beschiedene höhere soziale Stellung. Unter der Führerschaft eines Moscheh und Ahron kann eine andere Größe nicht auskommen, deshalb glaubt er es der Zukunft, der Karriere seiner Kinder und Enkel schuldig zn sein, durch sein keckes Auftreten 'ft ftjj IN'Vb 1221 seinen Nachkommen den Weg zu den ihnen winkenden Würden und Ehren zu erleichtern. 7DW71 l'tTir 177 V22P 'S1? HB' HiO *6l |nb pbirv „Er hat aber," fährt das Wort der Weisen fort, „nicht richtig gesehen, denn seine Söhne kehrten in Teschuba zurück, und dadurch gerade entstammten ihnen jene Größen." Ein Korach, der Gott und sein Gesetz leugnet, der Haus und Kind daher nicht der göttlichen Fürsorge zu unterstellen vermag, kann nicht ohne bange Sorge an die Stunde denken, in welcher er die Seinen einst verläßt, und sie dann wirklich verlassen zurückbleiben. Seine Klugheit will daher für Kind und Enkel lange voraussorgen. In ihrer Verblendung glaubt diese Klugheit für den Gegenstand ihrer Fürsorge nichts besseres tun zu können, als ihn von dem Gesetz zu emanzipieren, das doch Gottes Liebe b.n Sterblichen gereicht, um damit ewiges Leven in ihre Reihen zu pflanzen. Da ist es dann einer der ergreifendsten Züge in GotteS wunderbarer Wallung, wie gerade an den Kindern solcher Eltern diese kurzsichtige Klugheit so oft zu Schanden wird, wie gerade die Kinder abgefallener Eltern tov Gott und seinem Gesetz Halt machen auf der abschüssigen Bahn, auf welche Pflichtvergessene Ettern ste geführt, um zu ihrer von Gott gebotenen Pflicht zurückzukehren, und durch ihre Rückkehr noch das Verbrechen zu sühnen, das die „klugen" Eltern auf flch geladen. Wären Korachs Söhne dem Beispiele ihres Vaters gefolgt, so wäre ihnen die Größe, die ihnen der Vater durch sein Verbrechen fichern wollte, niemals geworben. So aber weckte das Verhängnis, das den Vater in ewige Nacht begrub, die Kinder zum hellen, ewig leuchtenden Lichte. Korach leugnet Gott und die Lieder seiner Söhne preisen ihn mit einer Innigkeit, die sie zu den herrlichsten unseres Psalmbuchs machen. Korach sucht Israel zu verächtlicher Geringschätzung der von Gott gebotenen Mtzwoth zu verleiten, und seinem Nachkommen Elkana gelingt es in Zeiten ttübster Pflichtvergifsenhett, Israel wieder für die hingehende Erfüllung der Mtzwoth zu gewinnen, (ögl. Midrasch Jalkut zu 1. 1.) Korach sucht