Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1911)
- Date
- 1911-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ein Centralorgan (Or das orthodoxe Judentum Begründet hob Dr. Lehmann in dir»« 92. Jatirgami, y-anhturJ a. M . Oen 29. Juni 1911. 3. Tamus 6671, AS 26 pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabr (Kunstdruck) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 8 Kr* Rußland i Hub* England 8 ah., Amerika 60 et»., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Fra. 2.60, Abonnement» bei allen Postanfialten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem «erlag. Heftausgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: SO Pfennig für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferntenannahnre nur durch Haas enstein u. Bögler A.-G, Frankfurt a. M., nad deren Filiale«. Zahlnng-en können anßer direkt an den Bettag erfolgen per Tonto bei der «. K. Vöstsparkatze «We* 9t*. 79 MS. Tont» bei beop/S. Postsparkastenanrt vnbapest 9t». 18494. Tont» bei der Viigaer Tonnnerzbanik in Vtig« und deren Filialen. 6er ItadiOrudi Oer flrflhel und Correfponöeiuen Oes „Israelit“ fff nur unter genauer QueKenanaabe, und, feinett es fldi um urOiere Rufltte handelt, nur nadi vorheriger Oenehmtuuna gestattet. Inhattsüberstchl. l. Leitartikel: Orientierung im Gelände. — 2. Wochenr und schau: Die Allianremahlen. — Revision des Htlsnerproresses. ---3. Aufsätze: Oberrabbiner Dr. Lerner: Dir zwei neuesten Gutachten über Feuerbestattnng und Aschenurnrnbrisrtzung. — ^Homiletik. Die Zukunft unserer Kinder. — 5. Kleines Feuilleton: Arthur Kahn: Gin Meeresgrab. — Vom Hofiudrn Dasfewi. — Bon den engli'chen Krönungsfeierlichkeiten. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Erklärung). — Berlin (Jüdische Rußlandreisende.) — Karlsruhe (Verein der Gesetzestreuen in Baden.) — Breslau (Nationale Handlungsgehilfen.) — Dir Entscheidung im Odrrradbinerkonsiint. Kopenhagen. — Mach den Wahlen. Wien. — Großwardein (Oberrabbiner Fuchs b''¥!•) — Ungarischer Drirf. — Petersburger Drief. Petersburg. — Das Testament des Daran Albert Rotschild. London. — Dir Wahlen in Dulgarien. Sofia. — Der Sultan in Saloniki. Saloniki. — Der Waad Aair. Jerusalem. 7. Vermischtes: Nürnberg. — Gießen. — Königsberg i. Pr. — Königsberg i. Pr. — Breslau. — Cafiel. — Archshosen (Württb.) — Königshütte. — Ostrowo. — Karlsbad. — 8. Vereinswesen: Gelnhausen. - Hamburg. — Bad Kissingen. - Cassel. — 9. P er so n alten: Marburg. — Königsberg i. P. — Breslau. — Posen. — Labischin. — Hohensalza. — Pinne. — Straubing. — Alsen (Bayern.) — Sagan. — Kitzingen. — Reinheim. — Wien. — Brasso. — 10. Sprechsal. — Briefkasten. — Bereinskalender. — Familiennachrichten. —11.Beilagen: Feuilleton-Beilage: Sarah Gugenheimer: Kiah. — Literarische Warte: Literarische Rundschau. Von Nabb. Dr. Kaatz in Zabrze: Noch einmal drr Sifra. — Bücherschau. — Literarischer Bericht. Orientierung im Gelände. I. In dem großen Kampfe um die Zwangsorganifatton, der die preußische Judenheit seit Jahren in Atem hält, ist die dritte Schlacht geschlagen worden, während auf dem rabbinischen Neben-Kriegsschauplatz eine nicht minder wichtige Entscheidung gefallen ist. Staub und Pulverdampf, der die Kämpfenden bisher einhüllte, verziehen allmählich, die Waffen ruhn,.. des Krieges Stürme schweigen, und es wird Zeit, sich ein wenig im Gelände umzuschauen. Das soll in möglichst knappen Bemerkungen geschehen. 1. Symvotisches. Der Gemeindetag ist durch einen Akt von so weittragender symbolischer Bedeutung ringeleitet worden, daß auch der Skeptiker dabei nicht mehr mr Zufall glauben kann, Wenn man jahraus jahrein im Munde die unwahre Phrase Von der Einheit des religiösen Bekenntniffes im deutschen Judentum führt und durch die Tat diese Einheit jahraus jahrein verleugnet, dann rächt sich eben die beleidigte Wahrheit schließlich doch einmal, indem sie das System unjüdischen religiösen Leichtsinnes, das die Führerschaft in der deutschen Judenheit usurpiert hat, so unrettbar bloßftellt, wie dies in der Sabbatentweihungsaffäre der Fall war. Mit der Resolution, die der Gemeindetag gefaßt, ist nur die äußere Seite der Vorgänge berührt. Es mag ja sein, daß der Herr Generalsekretär des Gemeindebunds, der nicht das erste Mal seinen Amlseifer am Sabbat betätigt hat, künftig etwas vorsichtiger sein und den Wünschen des Gemeindetags Rechnung tragen wird. Allein die tiefer liegende Ursache der eiternden Krankheit ist damit nicht aus der Welt geschafft, und wo die eine Wunde sich schließt, wird die andere aufbrechen. Jüdische Gemeinden, Institutionen, die ihren ganzen Existenzgrund, ihren ganzen Daseinszweck in der Erfüllung des jüdischen Religion sgesetzes finden, werden sur die Erfüllung dieser Zwecke zu einem Bunde geeinigt, und über dem Bunde weht, durch die Persönlichkeiten der Führer gekennzeichnet, die Flagge — des Abfalls vom Gesetze und der Verleugnung des jüdischen Geistes! Dieser Widersinn ist die eigentliche Duelle all der erbitterten Kämpfe, die den Körper der deutschen Judenheit zerreißen, die innere Ursache des Widerstandes, den alle treuen Bekenner des jüdischen Gesetzes den politischen Bestrebungen jener offiziellen Fahnenträger bis zum letzten Atemzuge zu leisten sich verpflichtet fühlen. Es würde diesen notwendigen Kämpfen viel von ihrem verbitternden Charakter genommen, wenn man auf der Gegenseite das einfehen, nnd statt in blinder Voreingenommenheit auf die „Hyperorthodoxen" zu schimpfen, lieber ein wenig Einkehr hallen und dann begreifen möchte, daß alle Opposition gegen Zwangsorgan isation und Wanderarmenfürsorge, g egen Satzungsänderung und Judentage im tiefen Grunde auf eine, einzige Ursache zurückzuführen ist, diejenige nämlich, deren Wirken in der mit frommer Phrase und Sabbathöhnung eingeleiteten Gemeindebundtagung so «schreckend kraß zutage unseres ganzen organisierten jüdischen Lebens, auf den furchtbaren Gegensatz zwischen dem religiösen Charakter der an der Spitze stehenden, halb oder ganz der Assimilation verfallenen Persönlichkeiten und den unverjährbaren Rechten des durch sie beleidigten historischen Judentums. 2. Pekoratiouswcchsel. Im höchsten Grade bemerkenswert ist die über alle Mißerfolge erhabene vorbildliche Zähigkeit, mit der unsere Einheitspolittker ihre Pläne verfolgen. Diese Zähigkeit, die sich durch nichts verblüffen läßt, trat schon nach der Ablehnung des Machol'schen Entwurfes in der abenteuerlichen Arithmetik zutage, durch die eine Mehrheit in eine Minderheit verwandelt und die Weiterarbeit ermöglicht werden sollte. Sie äußert sich auch jetzt in dem geradezu erheiternden offiziösen Versuch, zu beweisen, daß auf dem Gemeindetag eine Mehrheit für die Satzungsänderung, ja sogar — man höre und staune'— beinahe eine Zweidrittelm ehrheit vorhanden gewesen sei! Und das alles, nachdem der Ausschuß des Gemeindebunds vor der Tagung schon selber bescheinigt hatte, daß die Gegner der Satzungsänderung „infolge der orthodoxen und zionistischen Umtriebe" die Mehrheit erlangt hätten, und nachdem, darauf gestützt, eine rührende Legende von Amtsmüdigkeit und tiefem Gekränktsein des Ausschuffes telegraphisch in die Presse lanciert worden war. Wir zweifeln infolgedessen keinen Augenblick daran, daß die Philippfon'sche Erklärung, der Gemeindebund werde sich nach dem ablehnenden Votum des Rabbinervrrbands von der Weiterarbeit an dem Organisationsgesetz zurückziehen-, ebenso ernst zu nehmen ist wie die Rücktrittstragödie vor dem Gemeindetage. Allein es ist bereits von langer Hand ein changement de decoration vorbereitet, das es dem Gemeindebund gestatten wird, ein kleines Schmollslündchen zu markieren und seinem Bundes- und Gesinnungsgenossen dem „Verband derdeutschenJuden" die zeitweilige Führung in der Organisationssache zu überlassen. Dieser wackere „Verband", der es so trefflich verstanden hat, zuerst durch eine feierliche Erklärung seines früheren Vorsitzenden, des Justizrats Fuchs, zur Organisationsfrage einige vertrauensselige konservative Herren für sich zu gewinnen, um nachher unter einem neuen Bor-