Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1911)
- Date
- 1911-06-22
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18. No. 25. einsichtsvolle Kultunsverwaltung lehnte ohne weiteres LaS Gesuch beS betr. Beamten ab und motivierte ihren ablehnende» Standpunkt dahin, daß die Vergütung von MischeberachS nicht mehr zeltgeMStz fct und nur geeignet wäre, die Stellung des Lehrers in der Gemeinde herab zudröckeu. — Dagegen bewilligte man gleichzeitig ohne, weitere Debatte dem Lehrer in anbetracht der eingetretenen Teuer ungsverhälwtsie eine ansehnliche Gehaltsaufbesserung. Hut ab vor einer solchen Gemeinde! Und nun daS Gegenstück. Stn reicher Kaufmann aus Rorddeutschland, der über ein Jahreseinkommen von 5—6000 M. verfügt, reifie mit seiner jungen Gemahlin am ersten Sabbat nach seiner Vermählung zum Besuche feiner kranken Mutter, nach seiner Hetmatgemetnde. Ec wird natürlich als Gast mit besonderer Ehre empfangen. Er läßt sich als Bräutigam zur Thora rufen, bestellt mehrere MischeberachS, laßt sich Echod jrchid fingen und schickt dem Borbeter als Gratifikation für die ihm auf Bestellung geleisteten Dienste eine Ehrengabe von sage und schreibe einer Reichsmark. Der betr. Lehrer-Borbcter sch'ckt das königliche Geschenk Per Postanweisung wieder zurück an den noblen Spender und erhält von diesem — nebenbei erwähnt — früheren Schüler folgende Antwort. Herrn N. N. in N. Im Besitze der Postanweisung freue ich mich, aus deren Zusendung schließen zu dürfen, baß auch Sie allmählich zu der Uekerzeugung gekommen sind, daß es sich mit der Stellung eines mit gut.m Auskommen versehenen jüdischen Bolksschulsthrer nicht verträgt, sich durch Entgegennahme der leider immer noch vereinzelt üblichen Mischrberachgelder unverdienterweise etwas fchcnfcn zu lassen. Ich hoffe gerne, daß diese auch wohl Ihre Anschauung fich allmählich überall Bahn bricht und dadurch mancher Betrog denjenigen Personen zugewendet werden wird, die es wirklich verdtmen, unterstützt zu werden. N. N. Jeder weitere Kommentar würbe die Wirkung dieses von Beleidigung gegen den jüdischen Lehrer-Borbeterstand strotzenden Briefes abschwächen. Wenn die jüdischen Lehrervorbeter fich noch länger zu Almo enempfängern degradieren, dann ve dienen sie mit Recht die Behandlung, die in diesem Falle zu Unrecht einem Angehörigen dieses Standes zuteii wurde. Wer kennt nicht die den Lehrer herabsetzenden Redensarten, die er auf öffentlichen Plätzen über sich ergehen lassen muß, wenn er auf einen mtfcheberachreichen Tag zurückblicken kann? Sie haben auch früher schon manchen charaktervollen Kollegen veranlaßt, auf diesen Nebenverdienst freiwillig zu verzichten, wie folgendes Beispiel beweist: In einer mittleren Gemeinde mit Elementarschule an der Südostecke Kurhefsens prahlten vor ca. drei Dezennien die Gemeinbemttglteder öffentlich mit den hohen Spenden, die sie dem am Orte in Ehren ergrauten Lehrer zugewendet halten. Als Letzterer hiervon erfuhr, ltrß er eine Gemeindeversammlung anberaumen, in welcher er die Erklärung abgab, daß er vom Tage ab keinen zweiten Mischeberach mehr zur Ausführung bringen werde. Und der charakterfeste Lehrer hielt trotz seiner bescheidenen Gehaltsverhältnisse redlich Wort — und lebe noch 20 Jahre lang in Ehren! Möge die Ausübung der Mischeberachö in Zukunst gratis erfolgen, ober mögen diese Gelder in die Gemeindekaffe für wohltätige Zwecke fließen, darüber mögen die Gemeinden fich schlüssig machen. Wir Lehrer wollen keinen Anteil mehr haben an dtesen Almosen. Das find wir unserem Stande und unserer Ehre schuldig. Die 3 EebrerbildimflsanstaUen im Kreise ilnterfranken. (Fortsetzung.) Die Frequenz der Anstalten bewegt sich seit einer Reihe non Jahren in ziemlich gleichbleibendem Rahmen, nur innerhalb der einzelnen Kurse zeigen sich oft merkwürdige Zahlenunterschiede. Kleinere Jahrgänge werden dann durch größere nachfolgende wieder ausgeglichen. Im Bestand des Lehrkörpers weiten die Berichte der Präparandicn Wechsel und Veränderungen auf, am Seminar ist hinsichtlich der ordentlichen Lehrer keine Veränderung eingetreten. Tie Ziffern der Ausgabeposten für Lehrerbesoldung zeigen erfreulicherweise steigende Tendenz. Tie Kuratorien verdienen hierfür volle Anerkennung, ebenso für die Schaffung von Pensionslassen. Wünschenswert wäre volle Gleich-- - stellung der Lehrpersonen hinsichtlich ihrer Besoldungsverhältnisse mit den Lehrern der staatlichen Anstalten. Dadurch würden auch diverse Unstimmigkeiten bczgl. der Gehaltsverhältnisse beseitigt >und Verstimmungen bei den ohne Grund stiefmütterlicher Bedachten behoben, die Berusssreudigkeit gemehrt. Für das Notwendigste, den nervus rsrum, müßte natürlich wieder die jüdische OKsamtheit cintreten. Einzelne Entwürfe der in Bayern angestrebten Revision der Jndengesetze Der Israelit. wollen auch die Obsorge für die Lehrerbildung als Aufgabe einer Zentralkasse einbeziehen. Wenigstens hoffnungsvolle Aussichten für eine, so Gott will, nicht zu ferne Zukunst. Tie Berichtsangaben über Schulfeiern, Ausflüge, Gesundheitsverhältnisse rc. bewegen sich im Rahmen des Normalen und bedürfen hier keiner besonderen Registrierung. Umso wichtiger sind die Verzeichnisse der Lehrpensen. In den Prosansächern sind die gesetzlichen Normen für die Lehrerbildung in Bayern maßgebend. In den Religionsfächern ist eine entsprechende Stoffverteilung zwischen Präparandenschule und Seminar auf mehreren gemeinsamen Konferenz^ der beteiligten Lehrkörper vor einigen Jahren beschlossen und seitdem durchgeführt worden. Seit mehreren Jahren landen keine solchen Besprechungen mehr statt. Und doch wäre es vielleicht nicht unwichtig, solche wieder hie und da abzuhalten. Tie Lehrstoffberichte zeigen im großen und ganzen bei beiden Präparandenschulen ziemliche Uebereinstnnmung. Kleinere Abweichungen beweisen, daß bei aller Uniformität doch der Individualität Rechnung getragen werden kann. Denn für das Gesamtbild ist es wohl belanglos, ob hier die Mischnahtraktate Bezah, Rvschhaschanah, Megillah, Berachoth, Suckah oder dort für B.zah bei sonstiger Nebereinstimmung Taanis gelernt wurden. Und doch mögen für die Auswahl und Reihe ganz bestimmte Verhältnisse maßgebend gewesen sein, Imponderabilien, die sich nur aus dem lebendigen Un-- terrichtsbetrieb heraus erklären und verstehen lassen. Das deutlichste Bild der Leistungen dürste sich wohl ergeben, wenn jedes einzelne Lehrfach in seiner Entwicklung durch alle 6 Bildungsjahre hindurch verfolgt wird. Wünschenswert wäre, wenn auch aus den Berichten der Präparandenschulen die auf jedes Fach entfallende Stundenzahl sich ersehen sieß^; beim Srminarbericht ist dies der Fall. Im Pentateuchunterrichte wird im Brrlaus der 3 Präparandenjahre der ganze Pentateuch durchgcarbeitet, außerdem noch die Wochensidrah kursorisch. (Daß im Berichte Burgpreppach das 5. Buch Moses fehlt, dürfte wohl nur Irrtum oder Druckfehler sein). Im 2. und 3. Kurs geht neben dem Pentateuchübcrsetzen ein selbständiger Unterricht in Raschi einher. Das Seminar setzt diesen Raschiunterricht fort, vertieft ihn durch besondere Berücksichtigung der talmudifchen und halachischen Begriffe und besonders im Oberkurs durch Beiziehung anderer Kommentare, insbesondere Ramban. Das Hauptgewicht wird weniger auf die Quantität als vielmehr auf Gründlichkeit und Vielseitigkeit gelegt, namentlich im Interesse zu erzielender Selbständigkeit. Neben dem Pentateuchunterrichte dienen in der Präparandenschule besondere Stunden für „Propheten" und „Bibl. Geschichte" der Bibelkundc. Es werden die sog. „Ersten Propheten" durchgearbeitet, einzelne Teile aus den Hagiögraphen behandelt und aus die Geographie Palästinas besonderes Gewicht gelegt. Die Pensenverteilung in Höchberg, je 2 Prvphctenbücher auf ein Schuljahr, will uns mehr zusagen, als die Burgpreppachs; doch mögen hier besondere Verhältnisse vielleicht maßgebend gewesen sein. Sehr praktisch erscheint die für Höchberg angegebene eingehende Behandlung der Textvergleichung von den Königsbüchern mit der Chronik. Daß Burgpreppach besonderen Wert auf die Durchnahme von Mischte legt, auch Wiederholung der biblischen Geschichte des Pentateuchs für nötig erachtet, dürfte im Interesse der Schüler liegen, die sich nicht dem Lehrberufe widmen. Im Seminar ist den Schülern Gelegenheit zu solcher Wiederholung geboten, j,« sie ist als Vorbereitung für die Schulpraxis in der Religionsübungsschule eine von selbst gegebene Notwendigkeit. Offiziell tritt im Seminar an Stelle der biblischen Geschichte die sog. jüdische Geschichte vom babylonischen Exil bis zur Neuzeit, die durch alle Kurse in einer Hand liegt, wie überhaupt das Seminar in der Hauptsache mit Fachunterricht arb.'itet. Aus den Prophetenb sichern wurde im Seminar das Buch Micha und alle Hastaroth im kombinierten I. und II. Kurs durchgearbeitet, im Oberkurs Jcsaias von Kap. 40 zu Endo. Neben diesem buchmäßigen Nachweis ist jedoch zu betonen, daß viele andere Gebiete der Bibel beigezogen wurden: Esra, Nehcmiah, Daniel, Chronik« im Geschichtsunterricht, größere Partien aus Hiob, Psalmen, Prediger im homiletischen Unterricht. Burgpreppach führt neben dem Ritualunterricht, der gleichwie in Höchberg diverse Abschnitte des Pflichtenlcbens nach Chaise, Odam und Kizzur Schulchau Aruch bczw. Dasz Jehudis behandelt, noch besonders Religionslehre, also systematischen Religionsunterricht, auf. Wir halten dies für durchaus wünschenswert und notwendig. Jedenfalls wird in Höchberg beim Unterrichte in Gebetübcrsetzen der diesbez. Religionsstoff mit e'mgeschlossen, denn im 3. Kurs, wo die Rubrik „Gebete" fehlt, sind als „Religionslehre" verschiedene Kapitel aus Sterns Religionsbuch angegeben. Tie aramäischen Teile des Gebetbuches, die Burgpreppach ebenfalls angibt, fehlen in Höchberg. Wir missen sie ungern. Der Ritualunterricht im Seminar setzt in den Unterkursen den Gang nach Chane Adam weiter, im Oberkurs wird Chochmath Odam benützt mit Auswahl praktisch religiöser Gebiete: Miloh, Pidion Haben, Awelos; dazu kommen die Schächtvorschriften nach Moreh lesovchim. Auch der „Religionsunterricht" findet seine fortgesetzte Pflege, allerdings mehr aus das religionsphilosophische Gebiet ausgedehnt. Hebungen ^im 22. Juni 1911 Schiur- und Predigtvortrag sind Prüfsteine für die gewonnenen Resultate. Eingehende, allseitige Behandlung vieler Piutim dient in gleicher. Weise dem Religionsunterricht wie der kantoralen Fertigkeit. Tie Pflege der kantoralen Bildung wird in neuerer Zei mitt besonderem Nachdruck von Laien wie a„s Lehrerkreisen gewünscht. Burgpreppach betont im Vorwort zum Berichte, daß es seit Jahren nach oieser Richtung tätig ist, indem die Schüler des II. u„d III. Kurses ihre eigenen Gottesdienste unter Aufsicht zweier Lehrer abhalten und dabei selbst als Vorbeter funktionieren. In Höchberg scheint dies nicht der Fan zu sein. Vielleicht bedarf es nur dieser Anregung, um auch hier ähnliches zur Einführung gelangen zu lassen. Würzburg besitzt seine eigene Seminarsynagoge, in welcher nur Seminaristen amtieren. Jeder Kurs hat eine Wochenstunde Unterricht im Synagogengesang durch den Kantor der Synagogengemeinde. Ter Sem,- narvorstand nimmt allwöchentlich die Thoravorlesnng mit den Seminaristen durch, die im Turnus „lairneii", wie er auch in einer besonderen Wochenstunde Belehrung und praktische Anleitung über den kulturll-synagogali',, Teil des Lehrerberufes erteilt. Es sind in letzt?,,' Zeit vielfach Wünsche nach Erweiterung und Berbesst rung der kantoralen Vorbildung laut geworden; dir Leistungen der Lehrerbildungsanstalten wurden nach ihren „Früchten" oft als unzureichend bezeichnet. Cs ist hier nicht der Platz, darauf einzugehen. Nur das möge hervorgehoben werden, daß bei Lehrern, di? ihre Ausbildung in Würzburg empfingen, auch stets festgestellt werden muß, ob sie oa das jüdische oder das katholische Seminar besucht haben, denn auch dieses nimmt jüdische Kandidaten auf. Die jüdische Grammatik war lange Jahre ei» Schmerzenskind. Seit mehreren Jahren zeigt ihr Vctrieb nach Ausweis der Berichte erfreulicherweise ei» wissenschaftliches Gepräge mit systematischem Aufbau. Für Mischnah kommen im 1. und 2. Praparandenkurs Traktate aus Seder Moed, im 3. Kurse hauptsächlich aus Nesikin in Betracht. Tas Seminar wähn für den kombinierten 1. und 2. Kurs schwierig?,? Traktate aus Seraim, im Oberkurs aus Noschim u.,d Taharoth. Talmudstosf ist für den 1. Präparandeukurs Berachoth, (ca. 10 Blatt) für den 2. Kurs in Höchberg Taanith, in Burgpreppach Bezah, für den 3. Kurs dort Bezah, hier Suckah. Das Seminar tun seit einigen Jahren die Kombination der zwei untere» Kurse aufgegeben; jeder Einzelkurs hat 4 Talmndstnnden pro Woche. Ter 1. Kurs lernte ca. 16 Blatt aus Traktat Sabbath mit Raschi und Tossafot; auch im 2. Kurs wurde Sabbath gelernt, allerdings andere Partien, ausgewählt hauptsächlich zum Zwecke der Anleitung zum selbständigen Lernen. Tie Befähigung hierzu wurde erzielt und damit die Zielaufgave dieses Faches im Seminar erreicht. Im Oberkurs wurde wie stets üblich aus Chullin gelernt in Rücksicht ans die Schechitah-Funktion des Lehrers. Hier wurde» neben Tossafot auch die Rischonim berücksichtigt. Cs find also ganz hübsche Erfolge zu verzeichnen. Ob es nicht praktisch und aneifernd wäre, nach entspr. Vorübungen im 1. Präparandenkurs dann im 2. und 3 und vielleicht auch im 1. Seminarkurs ein Traktat ganz durchzulcrnen, im 2. Seminnrkurs vielleictu Sugioh zu versuchen? (Schluß folgt.) Briefkasten. W. fn F. Besten Dank. Ich hatte den betreffenden Artikel bereits gelesen. Er ist zwar sehr gut gemeint, zeugt aber von einer rührenden Unkenrtnis der Verhältnisse. Der Vorschlag, „die Trennung auf ein Minimum zu reduzieren" und etwa gemeinsame Penfions- und Jnvaltdenkasien .u schaffen, würde von der Gegenseite mit Hohn u d Spott zurückgewiesrn werden. Srlbst ein gelegentliches Zusammengehen in Standesfragen fände heute noch keinen Anklang. Es wäre schon viel erreicht, wenn pch ein friedliches Verhältnis ermöglichen ließe) davon stnd wir, wenn nicht alles trügt, nicht weit entfernt. Bon einem Trenn ungs Prinzip kann beim „Bunde" absolut keine Rede sein. Herr Direktor Dr. Lange bat wiederholt auf den Tagungen deS „Bundes" seinr Bereitwilligkeit zu gemeinsamem Zusammenwirken auf neutralem Gebiet und die Hoffnung auf die Einigung der betten Organisationen ausgesprochen. Bezeichnend dafür Ist der schöne Toast, den er vor zwei Jahren bei der Fsttafel ausgebrach -, der zum Text den Anfang der - aftoroh von tfW IHK pb. Np p WIKl hatte und mit -^2 Q'NNA^ Vfll schloß. Er prü ztfierie aber auch unter dem Beifall der Bersammlurg die Voraussetzungen, unter denen die Einigung möglich wäre. Sie sird heute leider noch nicht gegeben, aber an dem abnormen Zustand trägt der „Bund" und seine Leiter nicht die mindeste Schuld.