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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Rasch erhob sie sich und legte, heute schon ohne Hilfe der Muhme, die ihr bereits vertraut gewordenen Kleider an. Als sie hinaus in die Küche kam, schrie die dort beschäftigte Frau laut auf, sie hatte im Augenblick in Wirklichkeit geglaubt, ihren verstorbenen Knaben vor sich zu sehen, aber sie hatte sich sehr rasch gefaßt. „Was bist du heute schon so früh aufgestanden, von wegen deiner Feiertage habe ich dir eigentlich die Sonntagskleider von meinem Dicki geholt, die möchten dir auch gut stehn." „Nein, ich danke euch, liebe Muhme, aber das wäre nicht gut gewesen, wenn dann die Nachbarn oder der Bruder Küchenmeister gefrügt hätten. —" „Hast recht, Kleines, das war' nicht gut gewesen. Aber am Sonntag und an unfern Feiertagen, da mußt du doch die guten Kleider anziehen." Ltah atmete tief auf, erwiderte jedoch nichts, endlich sagte sie: „Heute und morgen habe ich Feiertage, aber übermorgen da möchte ich auch gern helfen, Ihr müßt mir dann nur sagen, was ich tun soll, ich werde mir Mühe geben und werde mir alles gut merken." „Schon gut, Kind, das habe ich mir auch schon gedacht. Mußt nur heute und morgen viel essen und trinken. Und dann übermorgen, wenn du frisch sein wirst, fahren wir schon früh in einem Nachen hinaus aufs Wasser und fangen Fische und die trägst du dann in die Häuser, du weist doch, wie es mein Dickt immer getan hat." „Ich weiß", erwiderte Ltah „und ich werde gewiß alles genau so tun, wie Ihr mir es sogen werdet." Aber angstvoll pochte ihr Herz bei dem Gedänken, in die Häuser der Christen zu gehen, die ihre Glaubensgenossen so furchtbar bedrängt hatten, die ihren Vetter und alle, die ihr teuer waren, in den Tod getrieben hatten. — Aber sie mußte ihre Angst überwinden, durfte nicht zögern der Frau, oie so viel für sie getan hatte und noch tat, ihre Erkenntlichkeit zu zeigen und alles, was in ihren Kräften stand, zu tun, um sich ihr nützlich zu machen. Als sie jedoch am DonnerStag mit der Muhme im Nachen über die spiegelglatte Wasserfläche fuhr und sich gedankenlos über den Rand des Nachens neigte, da staunte sie über den fremden Knaben, der aus der Tiefe zu ihr emporschaute - sie hatte sich selbst nicht erkannt. Sie lachte laut auf und erzählte der Muhme von ihrem seltsamen Abenteuer und auch von ihrer Angst, die sie in den verflossenen zwei Tagen zuweilen nahezu überwältigt hatte. Die Schmiedin aber schüttelte mißbilligend den Kopf. „Geh, Dickt, geh, das war nicht schön von dir gewesen, daß du hast glauben können, ich möcht dich irgendwo hinschicken, wo es hätte gefährlich für dich sein IWÄ" Es war in der Tat merkwürdig, mit welch freundlichem Interesse Liah überall, wohin sie kam, betrachtet wurde. Das unglückliche Schicksal, das den Knaben der Schmiedin getroffen hatte, hatte unter den Bürgern Jorks allgemeines Mitleid erregt, es war doch kein Judenjunge, den der Pfeil des hochmögenden Grasen getroffen h itt<», und wenn es auch keinem in den Sinn kam, den leichtfertigen Schützen zur Rechenschaft zu ziehen, den Schmerz der ihres Kindes beraubten Mutter fühlten namentlich alle Mütter mit. Und daß sie auf den Rat der Nachbaren einen verwandten Knaben im Alter des ihr entrissenen Kindes zu sich genommen hatte, fand man sehr begreiflich, namentlich da er ihr bei ihrem Erwerb behilflich sein konnte. Wenn Liah nach ihrem Namen gefragt wurde, sagte sie stets, die Muhme nenne sie Dicki. Im übrigen sprach sie wenig, weil sie ihre Angst doch noch nicht vollständig überwunden hatte, aber sie beantwortete eingehend alle an sie gerichteten Fragen und gewann durch ihr bescheidenes und doch freundliches Wesen die Sympathie Aller. Die Schmiedin war hocherfreut, als sie von allen Seiten das Lob ihres Lieblings vernahm, sogar die Frau des Lordmajors rühmte ihn. „Glück habt Ihr mit eurem Buben," sagte sie, „der eine ist ein Engerl droben im Himmel und der andere ist ein gar lieber Schatz, von dem werdet Ihr noch viele Freuden haben. Und so fein schaut er aus, man könnte meinen, er wür' ein Herren kind." „Das liegt so in 'm Menschen, meinte die Schmtedin, er hat solch glatte Haut, an der bleibt kein Stäuberl hängen, darum schaut er immer sauber aus. Aber mein anderes Geschwisterkind, der Bruder Küchenmeister drunten bei den Benediktinern, sagt immer, der Bub müßt' mehr essen, dann möcht' er schon anders auSschauen. Na, ans Essen laß' ich's doch nicht fehlen, aber —" „Ach, auf die Klosterlrut' müßt Ihr nichts geben, die meinen, es gibt nichts besseres als wie Essen und Essen und wieder Essen, aber was verstehen die von Kindern! — Dem Buben sieht man's an, daß er's gut bet euch hat, sonst möcht' er nicht so lieb und so freundlich und so zufrieden ausschauen. Und gern muß er euch haben; wenn er was gefragt wird und er sagt, die Muhme hat dies gesagt, oder die Muhme hat das gksagt, dann lacht er über sein ganzes liebes Gesichterl und wird er dabei dunkelrot, das steht ihn» noch am allerbesten." Der Fischer Dicki wurde überhaupt, namentlich unter den Nachbarn eine allgemein bekannte und allbeliebte Persönlichkeit, der sich bemühte, gegen jedermann freundlich und gefällig zu sein, namentlich gegen jüngere Kinder. Und zuverlässig war er wie kein zweiter. Der frühere Dicki war ja auch kein schlimmer Bub gewesen, aber ein wilder Kerl war er gewesen und dieselbe Sache hatte man ihm hundertmal verbieten können, wenn's ihm gepaßt hatte, hatte er's doch wieder getan. Dadurch war er doch umö Leben ekommen. Und wie oft hatten ihm die Nacharsfrauen verboten, ihre kleinen Kinder mit in den Nachen zu nehmen, der am Ufer der Oufe an der Kette lag, er hatte es doch getan, halte die Kleinen selbst hineingehoben und sie dann im Nachen geschaukelt, und mehr als einmal war dabei ein Kind ins Wasser gefallen und wenn nicht zufällig immer jemand in der Nähe gewesen wäre, hätte cS schlimm werden können. Liah aber war es nur ein einziges Mal gesagt worden, daß sie kein kleines Kind in den Nachen lassen dürfe, und nie halte sie es zugelaffen, mochten die Kinder sie auch quälen so viel sie wollten,' in dieser Beziehung war sie unerbittlich, obgleich sie sonst eifrig bemüht war, die kleinen Kinder zu unterhalten, doch noch eifriger war sie bemüht, sie vor Schab, n zu behüten. Zuweilen, wenn die Nachbarinnen fortgehen mußten, dann vertrauten sie dem Fischer Dicki ihre Kinder an. Die Nachbarn sagten oft, die Schmiedin habe es gut getroffen, d.nn tn ihrem Bub n habe sie nicht nur einen Sohn, sondern auch eine Tochter. Nur die gleichaltrigen und älteren Buben wiren nicht gut auf den Fischerjungen zu sprechen, denn von ihnen hielt er sich fern. So vergingen die Jahre, die Schmtedin war glücklich und Ltah wenigstens nicht unglücklich, wenn auch ihre Sehnsucht, wieder unter Glaubensgenossen zu kommen, mtt den Jahren ehrr zuals abgenommen halte. Aber so oft sie ihre Pflegemutter dies hatte merken lassen, hatte sie es bereut, denn die einfache Frau, die ihr Pflegekind in Wirklichkeit wie ein eigenes liebte, konnte nicht begreifen, was demselben bei ihr fehlen konnte, tat sie doch ihr Möglichstes, ihm GuteS und Liebes zu erweisen. Und Liah liebte sie auch, davon war sie überzeugtalle ihre Bekannten beneideten sie um ihren Buben, der, wie die Frauen sagten, für seine Muhme das Blaue vom Himmel herunterholen würde. Ltah war j tzt 16 Jahre alt, sehr groß für ihr Alter, nahezu um einen Kopf größer als ihre Pflegemutter, aber schmal, sehr schmäl. Dennoch war sie gesund und kräftig, gewandt lenkte sie ihren Kahn, spannte das Netz uns und ohne Anstrengung hob sie die Fische, die-sie gefangen hatte. Die Schmtedin behauptete, sie habe eine glückliche Hand, die Fische ließen sich gern von ihr fangen. Und wenn Liah sich zuweilen in ihrem Nachen von der Strömung treiben ließ, dann dachte sie wohl, sie möchte sich so treiben lassen weiter und immer weiter, bis der Fluß sich ins Meer ergießen würde, ob sie nicht dort vielleicht Glaubensgenossen finden würde? und wenn sie dort keine finden würd?, so würde sie sich dort vielleicht erkundigen können, wo es noch Juden gäbe. Sie wollte und müßte Glaubensgenossen finden und wenn sie deshalb in ihre»» Nachen über das Weltmeer hätte fahren müssen! Sie fürchtete sich nicht! Lischuosscho kiwisi haschem! Aus deine Hilfe, Gott, hoffe ich! Denn sie wollte doch nur zu Glaubensgenossen, um mit ihnen Gottes Gebote halten zu können. Jetzt aber durfte sie noch nicht daran denken, oder vielmehr davon träumen, denn die Ausführung lag noch in weiter Ferne, denn die Muhme wollte nichts davon hören, hatte ihr erklärt, daß sie die Trennung von ihr nicht überleben würde. Und die wackere Frau gegen ihren Willen allein zu lassen, dazu hirtt sie sich nicht berechtigt. Trotzdem hatte sie noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, das Ziel all ihres Sehnens und Träumens zu erreichen. Die Schmtedin war nämlich noch eine recht stattliche Frau in den sogenannten besten Jahren und sie hatte ihr reichliches. Da hatte sich nun vor kurzem ein fremder Fischer in der Nähe angefiedelt und sein Auge auf die noch immer schmucke Frau geworfenin unverkennbarer Weise machte er ihr den Hof. Die ganze Nachbarschaft sprach davon, nur sie lachte und erklärte, sie werde ihrem Dicki keinen Stiefvater geben. Aber der Fischer ließ ihr sagen, sie habe nichts zu sülchten für ihren Buben, das wäre ein braver Bursche, den würde er auch gerne haben, und er fuhr fort, sich um ihre Gunst zu bewerben und Liah glaubte zu bemerken, daß die Weigerung der Muhme nach und nach weniger entschieden wurde. Das erfüllte sie mtt heimlicher Freude, denn sie hoffte, die Schmiedin nach deren Heirat eher verlassen zu können. (Fortsetzung folgt.) :4 mtia ■liüiäfca MM»

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