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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Ihre Leser wissen bereits, daß vor ca. zwei Monaten die 60 weltlichen Mitglieder von Konstantinopel des Großen Nationalrats neu gewählt wurden. Aus diesem ist auch das neue Konsistorium, bestehend aus neun Mitgliedern durch Wahl hervorgegangen. Trotz allen Anstrengungen, erwiesenen Gesetzwidrigkeiten und Fälschungen seitens der Afsimtlanten, haben die Jüdischnattonalen in beiden Körperschaften die Majorität erlangt. Speziell im Konsistorium, welches das exekutive Organ des Großen Nationalrats bildet, sitzen Männer von gut jüdischer Gesinnung. Sie haben ein wirklich jüdisches großzügiges Programm für die Umwandlung der Schulen in echt jüdische Bildungsanstalten, wo nebst den Landessprachen der hebräische Untericht ganz besonders gepflegt werden soll. Sie wollen auch die Finanzen der großen Gemeinde von Konftantinopel saniren, die ganz kleinen Gemeinden und Gruppen in den Vororten zu einer großen Korporation von Machtfülle und Ansehen zusammenschweißen, kurz überall und in allen Dingen wollen sie mit der alten Schlamperei gründlich aufräumen. An gutem Willen und Tatkraft scheint es nicht zu fehlen. Gebe Gott, daß ihre gewaltig große Aufgabe zum Wähle der arg herabgekommenen türkischen Judenheit auch gelinge. In Konstantinopel hört man jetzt, wie Juden hebräisch mit einander sprechen, und zwar sind es fast ausschließlich jüngere Leute, die das Spaniolische durch das Hebräische verdrängen wollen. Ihre Zahl ist freilich noch nicht bedeutend, aber die Tendenz macht.sich bereits bemerkbar, und aller Anfang ist schwer. Wie die Verhältniffe sich auch gestalten mögen, die Spaniolen der Türkei werden in absehbarer Zeit das Problem ihrer Sprache lösen müssenfür daS-Spaniolische, das nicht mehr gehalten werden kann, muß Ersatz gefunden werden. Alle Juden im Lande werden und sollen die türkische Landessprache erlernen, aber ihre eigene „jüdische" Sprache wird das türkische niemals werden. Dazu fehlen alle wichtigen Vorbedingungen. Also was denn soll an Stelle des Spanioltschen treten? Irgend eine fremde Weltsprache? Das Französische etwa? Das wäre aus jüdischen und ottomanischen Rücksichten das größte Unglück, welches die Judenheit überhaupt betreffen könnte. Das Hebräische wird in der Geschichte der türkischen Juden eine hochwichtige Rolle spielen. Das sängt man hier an zu empfinden. . Im politischen Leben der Türkei tritt der Antisemitismus in die Erscheinung. Daran ist kein Zweifel mehr möglich. Wir Juden haben das hohe Lied der türkischen Toleranz und Gastfreundschaft so laut und überschwenglich in allen Sprachen gefeiert und besungen, daß die Herren. Türken sich für bemüsfigt halten darzutun, daß sie es auch anders können, daß sie nicht umsonst von Europa gelernt haben und daß sie die Juden verfolgen und verdächtigen können wie irgend einer, besonders dann, wenn die Juden sichs gefallen lassen. In den wiederholten „zionistischen Debatten" des türkischen Parlaments wollte man zwar angeblich nur den „staatsgefährlichen" Zionismus treffen, aber man schlug tapfer darauf los auf Juden und Judentum im Allgemeinen. Die Begriffsverwirrung, welche hier herrscht, ist gradezu beispiellos. Der tüchtige Finanzminister Djavid Bey, einer der hervorragendsten Männer der neuen „freien" Türkei mußte aufgegeben und über Bord geworfen werden, weil seine Vorfahren vor so viel hundert Jahren Juden waren. Man schreit und poltert gegen „jüdische Aus-, beutung", so oft von irgend einer Anleihe oder iraVSHQiQa' von irgend einem Unternehmen die Rede ist. Sir Ernst Cassel, der weiß Gott blutwenig mit dem Judentum und noch weniger mit dem Zionismus zu tun hat, sowie andere Finanzmänner werden genannt und verdächtigt, um gegen die Juden Stimmung zu machen. Türkische, arabische und griechische Zeitungen veröffentlichen blutrünstige Geschichten über eme jüdische Sette, die mohamedanische und christliche Kinder abschlachtet und was dergleichen Dinge noch find. Kurz, ein gewalttgeS Keffeltretben gegen das Judentum im Allgemeinen, nicht etwa gegen den Zionismus allein. Es ist gewiß nicht gut für die aufstrebende Türkei, wenn sie grade das Verwerflich sie, den Antisemitismus, aus Europa importierte. Gut und nützlich ist jedoch für uns Juden, wenn wir die Sachlage klar und richtig erkennen. Amerika. ümeriltanUdier Brief- (Von unserem Korrespondeten.) Werv-Hork, 24. Mai. Zwei Punkte- Die Einwanderungsfrage und die Anerkennung von Päj i en jüdisch - amerikanischer Bürger seitens Ru ß l a n d s, beschäftigen schon seit geraumer Zeit unsere dahier oem Gemeinwohl gewidmeten jüdischen Organisationen und ebenso die judensreundlichen Kongreßmitglieder zu Washington. Für die jüdischen Einwanderer bricht auch das hiesige deutsch-christliche Element eine Lanze, das für die liberalere Anwendung der Einwaiiderungsgesetze eintritt und in dieser Beziehung Hand in Hand mit oen jüdischen Bestrebung gen geht. Eine gründliche kongreffiouelle Untersuchung der Methoden der gouvernementalen Einwanderungskommissionm soll zunächst eingeleitet werden und daraufhin, die Revidierüng der allzuoft bis zu brutaler Inhumanität geübten Maßregeln gegen unglückliche Eiiiwanderer, die durch die Maschen der einschlägigen Gesetzesparagraphen Uiw administrativen Vorschriften sich nicht durchwinden können. Mit Genugtuung verzeichnen wir eine jüngst erfolgte doppelte öffentliche' Einschwenkung ins gesetzestreue Fahrwasser zu Gunsten unserer Heranwachsenden Jugend. Merkwürdig dabei ist cs, daß hier die allgemeine städtische Administration einer speziell jüdischen Anstalt mit gutem Beispiel vorangegangen ist. In den öffentlichen Stadtschulen des jüdischen Viertels soll, wie von uns bereits berichtet, fortan den bedürftigen Kindern koschere Kost während der Mittagspause verabreicht werden. Dieser einfach durch den Umstand gebotene Schritt, daß oie große Mehrzahl der betreffenden Kinder jede bisher dargebotene nichtkoschere Speise ablehnten, hat auch die Leitung'des Hiesigen jüdischen Waisenhauses veranlaßt, rituelle Beköstigung in ihre Anstalt wieder einzuführen. In der letzthin abgehaltenen Jahresversammlung begründete deren Präsident, Herr Louis Stern, diese „Neuerung" mit der Hoffnung, daß dadurch sowohl die Zahl der zur Aufrechterhaltüng der Anstalt so nötigen Zusteuernden anwachse, andererseits aber alle Sonderbestrebungen, ein separates, jüdischen Bedürfnissen besser entsprechendes Waiseninstitut zu schaffen, aushören mögen. Schon seit langem arbeitet der jüdisch-amerikanische Gemeinsinn an der Lösung des Problems der Dezentralisation, d. h. der mehr gleichmäßigen Verteilung der jüdischen Bevölkerung über den Kontinent der Vereinigten Staaten und Verhinderung, allzustarker Anhäufung in den Großstädten, namentlich in Newyork. Es liegt dies besonders unserem prominenten Philantropen Herrn Jakob Schiff am Herzen. Wie wir bereits anderwärts auszuführen Gelegenheit nahmen, ist der Plan prinzipiell ein gesunder, nur wird er unglücklicherweise vom Unrechten Ende aus gehandhabt. Tie hier von Herrn Schiff und seinen Mithelfern, namentlich den Vorstehern des Baron Hirsch Fonds, begründeten sogenann- 9b. 25 (Settc ll, te« „x.emoval offices" stellen es sich zur Ausgabe, frischen Einwanderern sobald als tunlict), auf dem Lande oder in kleineren Städten angemessene .Beschäftigung anzmveijen, um sie dasewst eventuell permanent anzufiedetn. Da nun der Erfolg einer solchen Prozedur natürlicherweise eine genauere Betanntjchast mir Sitte, Sprache, Land nrw Leuten seitens der betreffenden Proreges zur Vornusbeoingung hat, jo muß sich der Sffyphuscharakter dieser sonst wohlgememten Bemühungen von selbst erweisen. Mu gleichsam naturüefttzticher Folgerichkgteit dejertrert der „grüne" Aniatztrng früher ober später von dem ihm angewresmen Posten und gravitiert zurück in oie Großstadt unter Seinesgleichen, wo er sich in seinem Element befindet. Unsere obgeoachren, "mehr ins Einzelne gehenden Auslührungen, hatten mindestens das Resultat, djaß Herr Schiff selbst kurz da*- raus im hiesigen jüdischen Jünglingsverein über die Ratsamkeit und ^torwendigleit der Pionierarbeit vortrug, welche eben das jüngere eingeborene oder eingebürgerte Element der jüdisch-amcrikamjchen Gesamtheit schuldig fei. Dasselbe solle durch fein eigenes Beispiel die sich selbst im Wege stehenden jüdischen Massen her Großstädte ntzch den zahlreichen überall im Lande auch auf jüdischen Unternehmungsgeist harrenden Ortschaften ablenken. Allerdings hängt die ganze Kaze mit den allgemeinen national-ökonomischen Zustünden dahier eng zusammen. Der starte Zuzug der ländlichen Bevölkerung nach den Großstädten macht sich auch hier überall bemerkbar, und ein radikales HellSmritel läßt sich nur ans breiter staatswiffenschastlicher Basis formulieren. Immerhin dürfte, wenn sich das dieser Tage hier umlausende Gerücht bewahrheitet, der Anlauf größerer Ländereien (3(>5ü,UÜü Acres) unter oen Auspizien des Herrn Schiff, zwecks ausgedehnter jüdischer Ansiedelung, in Neu-Mexico, des Experimentes wert sein, Mindestens solange die Verhältnisse dort einer permanenten Besetzeng güusüger scheinen als in den älteren mehr vollreichen Staaten. Die Stützen der. von „.Rabbi" Stephen S. Wise geschaffenen „Free JSynagogue" hielten hier unlängst, unter Vorsitz des' bekannten Banquiers, Herrn I. Seligman, einen Galatag ab, an welchem der dazu eingeladene, wegen [einet progressiven Staatspolitik renommierte, ehemalige Präsident der Princeton Universität, Gouverneur Wilson von New-Jersey, sowie auch der Bundessenator Oregon aus Portland, „Rabbi" Wise's früherem Wirkungsfewe, als Festredner fungierten. Tie „Free SSynagogues" will hier das im Verlause einer mehrtansendjährigeu Weltgeschichte so von Qhngesähr verloren gegangene Bindeglied zwischen Christentum iatto Judentum wiederherstellen, und besteht die Haupttätigkeit des „Rabbi" Wise darin, daß er von seiner Kanzel aus die jeweiligen politischen und ökonomischen Tggessragen mit. allerdings mehr durch Afterals originelle Weisheit, glänzendem Äpplomb behandelt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Metamorphosen des „Rabbi" Wise noch lange nicht zu Ende, zumal hierzulande von einem Prediger in einer jüdisch-konservativen Gemeinde und einem eifrigen zionistischen Agitatoren bis zum quasi Stifter einer neuen judenchristlichen Sekte, Sozialrejormer für Alles usw. die Distanz kaum so groß wie ein Katzensprung ist. Letzthin wurde in Cincinnati die Einweihung des Neubaues des dorttgen jüdischtheologischen Seminars gefeiert, wobei dessen Präses, Rabbiner Dr. Kausman Köhler, seine stereotyp gewordenen. Ausfälle gegen-das gesetzestreue Judentum wieder einmal vom Stapel ließ. Bon der jüngst in England stattgehabten Celebrierung der 400 jährigen Kitzlig Heinrich'schen Bibelübersetzung ausgehend, hob er mit einer Hand den Bibeleinfluß und die jüdische Geschichte, im Allgemeinen, bis in den höchsten siebenten Himmel, während er mit der anderen die jüdische Orthodoxie und ihr treues Festhalten an der Tradition bis in he« tiefften Pfuhl der Hölle hinabstieß. Uebrigens wenden

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