Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1911)
- Date
- 1911-06-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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WWW t r Güte 10 Sk». LS _ Unterrichts in den jüdischen Schulen ein. wogegen Reverend Lew in geltend macht, daß bet der Belastung der Schüler durch die Profanen Fächer ihnen nicht viel Zeit für die hebräische Sprache übrig bleibt. Dajan Cha i m s o n meint, die Kenntnis der Religion sei weit wichtiger als die der hebräischen Sprache, denu was nütze die hebräische Sprache, wenn die darin niedergelegten heiligen Wahrheiten dem Schülern verschlossen bleiben, wenn die Kinder, wie er es in einer Schule erlebt habe, trotz ihrer hebräischen Sprachkenntntffe von der Existenz des Schemah- Gebetes nichts wissen. In der Nachmittagssitzung des zweiten Verhandlungstages spricht Reverend Grün über die Bildung von Rabbinatsbzirken auf dem Lande. Dem Chiesrabbinat in London solle nur die Entscheidung über die wichtigsten prinzipiellen Fragen zustehen. Vor allem obliege diesem die Sorge für die Errichtung von Syna- §ogen und Anstellung geeigneter Lehrer in den andgemeinden. Reverend Block polemisiert gegen die Prediger (die sich inzwischen in einer eigenen getrennten Organisation vereinigt haben), die die Kultusbeamten von oben herab behandeln. Er wünscht, daß im Vorstande des Bundes die Kantoren stärker vertreten sein sollen. Damit erklärten sich die anwesenden Prediger nicht einverstanden. Reverend Dr. Salt Da ich es meint, daß der Verband nach außen an Autorität verlieren müßte, wenn seine Leitung nicht ausschließlich aus Rabbbinern und Predigern bestehen würde. Dr. Samuel Daiches sagt: „Bisher herrschte in den englischen Gemeinden ein Wirrwarr, sodaß die Grenze zwischen Rabbiner und Kantor verwischt war. Wir aber wollen eine reinliche Scheidung. Es bleibe jeder in den Grenzen seiner Amtswirksamkeit, und es ist nicht am Platze, Kantoren zu Mitgliedern des Beth- Dtn zu machen." Die Debatte wurde immer erregter. Eine Resolution konnte nicht gefaßt werden. Beschlossen wurde die Konferenz am Mittwoch Äormittag mit einem ausführlichen Referate des Reverend Moritz Josef über die Sabbatr u h e. Es wurde darauf ein Beschluß gefaßt, daß das Komitee mit allen gegebenen Mitteln dafür eintreten soll, daß allen Juden, die sich im Staatsdienste befinden, der Sabbat frei gegeben werde. Die nächste Konferenz findet 1913, ebenfalls in London statt. In den Vorstand wurden gewählt: Dajan CH atmson, Vorsitzender, Dajan Feldmann, Reverend Abrahams, Reverend Sapiro, Tagno w. Außerdem wurde eine permanente Kommission aus 18 Mitgliedern bestellt, zu der auch 8 Kantoren gehören. London, 10. Juni. Zum Präsidenten der Federation of Synagogues ist als Nachfolger seines Vaters der junge Lord Swaythl i n g gewählt worden. Gleichzeitig hat die Federation die seinerzeit in dem bekannten Konstikt um die Person Claude Montefiores gestrichene Subvention für den „Jewtsh Religious Education-Board," dessen Vize-Präsidium Lord Swaythling übernommen hat, wieder bewilligt. Zu einer peinlichen Szene kam es dieser Tage bei der Preisverteilung von Jews'- College. Es wetterleuchtete schon gleich zu Beginn, als der Präsident Arthur Franklin den Rektor des Seminars, Dr. Büchler, gegen allerlei Angriffe der Presse in Schutz nahm. Dr. Büchler's Sympathien waren in dem bekannten Streite um die Aussage des Chief Rabbi vor der Ehescheidungs-Commission nicht auf Seiten Dr. Adlers; vielmehr hielt er sich für verpstichtet, gegen die Anregung des Chief Rabbi auf Einschräkungen der reltgionsgesetzlichen rabbinischen Befugnisse Stellung zu nehmen. Wie es scheint, haben die darauf erfolgten Angriffe in der Presse die sich bis zu einer Drohung mit Subventions-Entziehung verdichteten, Dr. Büchler so gereizt, daß er in seiner Schluß-Ansprache den anwesenden Chief Rabbi ziemlich kräftig wegen seiner „neuen Interpretation unzweideutiger Vorschriften unserer Codices" an griff. Der Chief Rabbi erwiderte _Der Jsraelli. sehr erregt, und appellierte an das Urteil der öffentlichen Meinung, die für ihn Zeugnis oblegen werde, daß er in den 40 Jahren seiner Wirksamkeit unentwegt für die Aufrechterhaltung des gesamten^biblischen und rabbinischen Gesetzes eingetreten sei. Der Vorsitzende, suchte in seiner Schluß-Ansprache die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. Die ganze Gemeinde bringe ihrem geistlichen Oberhaupte unerschütterliches Vertrauen entgegen. Frankreich. Aaris, 10. Juni Vor Kurzem hielt die Association consistoriale isra41ite de Paris ihre Generalversammlung ab. Die Association zählt 3856 Mitglieder. Somit beträgt die Zahl der Mitglieder nicht den zehnten Teil der jüdischen Bevölkerung von Paris, es leben also eine ungeheure Menge von Juden in Paris, die außerhalb der Association bleiben. Und selbst unter den Mitgliedern ist das Interesse für jüdische Dinge so gering, daß nicht 3 Prozent davon sich an der Verhandlung des Rechenschaftsberichtes beteiligten. Dabei standen wichtige Gegenstände zur Debatte. Der Vorsitzende, Baron Edmond de Rothschild, konstatierte, daß, obwohl die Mttgliederzahl der Association zugenommen hat, die Finanzlage derselben alles eher als rosig ist. Es wurde ein Terrain im Werte von 130000 Frs. zum Neubau einer Synagoge gekauft. Dann gelangte eine Verfassungsänderung bezüglich der Wahl der Rabbiner in Paris zur Annahme. Nach dem bisherigen Gebrauche wurden im Falle einer Rabbinerwahl zu dem Consistorie Central, das die Wahl vorzunehmen hatte, Delegierte hinzugewählt. Um bet einer derartigen Wahl persönliche Rücksichten und Beeinflussungen zu vermeiden, sollen fortan die Delegierten zu der Rabbinerwahl gleichzeitig mit den Mitgliedern des Consibtoire gewählt werden, und zwar sollen 10 Delegierte und 5 Stellvertreter gewählt werden. SftvM Oie bage 9es Judentums in Konstantinopel. (Bon unserem Korrespondenten.) 0 Ionstantinopel, 26. Mai 1911. Innerhalb der türkischen Judenheit und im nichtjüdischen Milieu, in welchem sie lebt, gehen jetzt eigentümliche Dinge vor Inch, die der jüdische Chronist nicht mit dürren Worten wie einfache Tagesfragen erzählen darf. Er muß diesen Vorkommnissen auf den Grund gehen, muß ihren Ursprung, ihre Gründe studieren und den Zusammenhang mit der allgemeinen Situation, mit der Entwicklung der allgemeinen Verhältnisse klar erfassen. Nur so kann man eilt getreues Bild über die jetzige Lage der Juden in der Türkei liefern; nur so ist es möglich, die Strömung, die sich im Volke kundgibt, richtig zu würdigen und die Richtlinie zu erkennen, auf der die weiterere Entwicklung vor sich gehen wird, wenn keine gewaltsamen Störungen dazwischenkommen. Im türkischen Judentum regt es sich gewalttg. Die Reaktion gegen das bisherige unjüdische System hat begonnen. Man hat in zwölfter Stunde doch noch erkannt, daß man einer schmählichen Auflösung entgegensteuerte, bei der alles, was jüdisch an uns war, abbröckelte und abfiel. Die türkischen Juden wollen den Weg zum Judentum wiederfinden. In erster Reihe ist es das orthodoxe Element, das zur Besinnung gelangt. Im großen Nationalrat — Medjlis Unrami — sitzen nebst 60 Laien auch 20 Rabbiner, der sogen, geistliche Rat. — Medjlis Rnchani. Diese haben sich nun zu einer festgefügten Organisation vereinigt, zu keinem anderen Zwecke als um das gesetzestreue Judentum gegen Fälschungen und Angriffe zielbewußt und beharrlich zu schützen und zu verteidigen. Diese an sich durchaus logische Einigung des geistlichen Rats auf ein gemeinsames Statut, welche in anderen Ländern gewiß nicht als etwas außergewöhnliches auffallen würde, hat hier ungeheures Aufsehen erregt. Man war es gewöhnt. 2$. gfttnt 1911 in ben amen und demütigen Rabbinern die willenlosen Werkzeuge und Helfershelfer der großen und kleinen jüdischen Despoten zu erblicken, alte durch Leiden und Entbehrungen mürbe gewordene Männer, die vor jedem Stirnrunzeln eines Gemeindegewaltigen erbebten . . . Und nun diese Initiative auf einmal, diese kühne Prätention, hinfort in jüdischen Angelegenheiten mttsprechen zu wollen, die Herren Assimtlanten nicht mehr nach Belieben schalten und walten zu lassen, sich zum Schutze des gesetzestreuen Judentums gar zu organisieren! War das nicht ein Akt der Auflehnung gegen die allmächtige Obrigkeit, eine Rebellion gegen den Chacham-Baschi..! Und Rabbi Chajim Nachum hat die Sache auch richtig so und nicht anders aufgefaßt. Mit einer Heftigkeit, die man dem trotz seiner Jugend sonst sehr behäbigen Großrabbiner gar nicht zugemutet hätte, wetterte er gegen die organisierten Rabbiner, schrieb mit absichtlicher Ignorierung des Organisationskomitcs jedem einzelnen von ihnen einen fulminanten Brief, worin er mit Repressalien, mit der Entlassung, ja sogar mit dem Kriegsericht drohte. (lieber Konstantinopel herrscht beanntlich der Ausnahmezustand.) Damit auch noch nicht zufrieden, hat er die Angelegenheit noch vor das Konsistorium gebracht und sich über die aufwieglerischen Rabbiner bitterlich beschwert. Das Konsistorium war zwar der Ansicht, daß die Sache eigentlich vor den großen Nationälrat gebracht werden müßte, doch konnten die Mitglieder dieser Körperschaft weder in -der Vorgängsweise der Rabbiner noch im Statut der neuen Organisation irgend etwas entdecken, was die große Erregung des Chachambaschi und sein überaus heftiges Auftreten gegen die Rabbinerorganisation als berechtigt erscheinen ließe. Nach diesem Fiasko hat sich R. Nachum wohlweislich gehütet, es aus eine zweite Absage seitens des Nattonalrats ankommen zu lassen, zumal er sah, daß die Rabbiner einig und zweckbewußt vorgingen. Als er und das Konsistorium vom Rabbinerbund einen ebenso würdigen als energischen Brief erhielten, da machte er gute Miene zum bösen Spiel und erklärte schließlich vor dem Konsistorium, daß er das Statut gelesen und nichts darin gefunden hätte, was irgendwie als verdächtig und anrüchig erscheinen könnte. Die Angelegenheit wäre vielleicht damit erledigt, wenn dem R. Nachum unö seinen Hintermännern eben zu trauen wäre. Alles spricht jedoch dafür, daß er nur auf den Augenblick wartet, um den Spieß wieder einmal umzudrehen. Sein Zorn gegen die Rabbiner ist zu echt, er sitzt zu tief in ihm. Man kann an die „bessere Einsicht" nicht glauben. — Einen geradezu verwerflichen Sekundanten tn dieser Campagne gegen die Rabbiner hat der Großrabbiner in der Person jenes jüdischen Journalisten gefunden, der durch seine gehässigen Hetzereien und Verleumdungen bereits viel Unheil angerichtet hat. Mit wahrer Berserkerwut hat ich dieser moralische Brandstifter auf die Rabbiner gestürzt, sie als Finsterlinge, Fanatiker, Verchwörer und Arnachisten beschimpft, frech über ie gewttzelt, hat sie bedroht und gegen sie gewütet. Alles vergeblich, denn die Rabbiner lassen sich nicht einschüchtern, sie lassen sich nicht beirren. Jetzt tragen die Gegner die Angelegenheit in die weiten uichtjüdischen Kreise hinaus, die grimmigsten Judenhasses, wie das türkische Blatt „Jkdam", das griechische Blatt „Proodos" schlachten die Sache für ihre Zwecke aus/ sie drucken die Brandartikel jenes jüdischen Schandblattes ab und schmücken sie mit eigenen Komentarien aus. Das genannte türkische Blatt schreibt dazu/ daß die ganze reaktionäre Rabbtnerorganisation das Werk eines Rabbiners aus Deutschland sei (gemeint ist Rabbiner Dr. Markus, Rabbiner der ottoman. Askenazimgemetnde), der alle jüdischen Schulen tn seine Hand bekommen will, um dieselben zu hebräisieren, d. h. zionistisch zu machen. Das ist offenbar eine Denuztatton von jüdischer Seite. Der jugendliche Großrabbiner hat seit Beginn seiner Amtstätigkeit viele grobe Fehler schon begangen/ durch seine Beziehungen zu dem jüdischen Brändjournalisten hat er sich und seine h i