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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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~" ■ '"■Ki';"'"J' nunmehr anderswo nach Ersatz umzuschauen. Ein neues Blutmärchen ist dieser Tage in Witte bsk aufgetaucht, welches anfänglich nur wenig beachtet, nun doch ebenfalls recht ernsten Charakter annimmt. Der Sachverhalt ist folgender: Bet dem jüdischen Metzger namens Poltakow diente im letzten Winter ein zwölfjähriges christliches Mädchen, über besten Herkunft keinem etwas bekannt war. In den ersten Tagen des März ging das Mädchen in die Stadt, um Einkäufe zu besorgen, ohne zu ihren Dienstgebern zurückzukehren Drei Monate sind seitdem verstrichen und kein Mensch dachte mehr an die verschwundene Magd. Nun ist sie plötzlich aufgetaucht, und zwar erschien sie letzthin auf dem Poltzeibureau mit der sensationellen Aussage, daß man sie kurz vor dem Osterfeste im Keller des Hauses Poliakow „nach vielen rituellen Waschungen im Beisein vieler frommer Juden ermorden wollte." In ganz unerklärlicher Weise und ohne der Erregung der Gemüter über die Kiewer Affäre Rechnung zu tragen, nahm die Polizei die Aussage dieses offenbar geisteskranken Mädchens bitter ernst und leitete eine umfasfeude Untersuchung ein. Letzten Samstag wurde die Familie Poliakow als auch alle Nachbarn des harmlosen allgeachteten Metzgers länger als fünf Stunden im Polizeigebäude zurückgehalten und vom Untersuchungsrichter eingehend ausgefragt. Sie wurden schließlich nach Hause entlasten. Aber draußen hatte sich inzwischen eine äußerst aufgeregte Menge angesammelt, die, als die Juden auf der Straße erschienen, eine höchst drohende Haltung einnahm, so daß diese nur unter dem Schutz der Polizei unversehrt ihre Wohnungen erreichen konnten. Bemerkt sei, daß der Vater des Mädchens, ein notorischer Trunkenbold und vielfach vorbestraftes Individuum, eine in den Spelunken der von den Verbändlern geleiteten Hooligans bekannte Persönlichkeit ist. Man glaubt allgemein an einen Erpressungsversuch dieses gefährlichen Gesellen. ein .verbrecken" gegen Sie Pro?enlnorm. Odessa, 10. Juni. Den ganzen Jammer der Prozentnorm entrollt ein Strafprozeß, der vorige Woche vor einem hiesigen Gerichtshöfe zur Schlußverhandlung gelangte, dadurch gewann die große Oeffentlichkeit Einblick in den moralischen Sumpf, in welchen die ganze russische Gesellschaft infolge der reaktionären Politik immer mehr geraten ist. Angeklagt waren einige Personen, Juden und Nichtjuden, jüdischen Studenten, die infolge der bestehenden „Prozentnorm" keine Aufnahme in Hochschulen hätten erlangen können, diesen Einlaß auf Umwegen verschfft zu haben. Das Verbrechen dieser „Untversitätsmakler", wie sie im Prozesse genannt wurden, bestand darin, daß sie im Wege ihrer hohen Verbindungen Empfehlungen für jüdische Studenten verschafften und diese Empfehlungen dann für bares Geld verkauften. Die Beschuldigten behaupteten, daß sie für die Empfehlungen, die sie verkauften, selbst auch in der einen oder anderen Form bezahlen mußten. Und da ist es interessant, die Liste derjenigen kenneu zu lernen, von denen diese teuer bezahlten Empfehlungen stammten. An der Spitze marschiert der berüchtigte Baron Kaulbars, der schon so viele jüdische Existenzen vernichtet hat, mit seiner Tochter. Baron Kaulbars gab 16 verschiedene Empfehlungsschreiben, von denen jedoch blos 9 berücksichtigt wurden. Ferner findet man in der Liste den Chersoner Adelsmarschall, den Btldungsminister, den Leib- Aecoucheur der Zarin, Otsch, den Chef der Geheimpolizei, die antisemitischen Deputierten Krupenskt, Nowitzki, ,Graf Ubarow und selbst der gefürchtete Polizeipräsident von Odessa, General Tolmatschew fehlt nicht in der Liste. Charakteristisch ist ein Empfehlungsschreiben der Adeligen Twanowa, die eine jüdischen Studentin mit dem Hinweise darauf empfiehlt, daß sie „von der patriotischen Familie der Purischkewitsch stamme". Interessant ist auch, daß ein Empfehlungsschreiben des Grafen Witte an der Odeffaer Universität nur sehr eringen Erfolg hatte, denn der jüdische Student, en er empfohlen, wurde nicht ausgenommen. Nach durchgeführter Verhandlung wurden sämtliche Angeklagte fretgesprochen. Das Gericht erkannte an, daß an diesem Schacher eigentlich das gegenwärtige System schuld sei, das selbst innerhalb der Prozentnorm bei den jüdischen Studenten den Nachweis fordert, daß sie vollständig „einwandfrei" seien, wodurch dem Protektionsschacher direkt Vorschub geleistet wird. Man wird eben das Gefühl nicht los, daß die russischen Antisemiten alle die Rechtsbefchränkungen gegen die Juden nur zu dem Zwecke erzwingen, um dann die Rechtlosigkeit der Juden für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Jedenfalls sieht man daraus, wie die jüdische Rechtlosigkeit auf die Moral des Beamtentums wirkt. -i° * * Die Kiewer Gouvernialverwaltung hat dieser Tage in einem konkreten Falle ein recht merkwürdiges Urteil gefällt. Hiernach haben in Kiew diejenigen jüdischen Soldaten, welche im russisch-japanischen Kriege gekämpft haben, nur in dem Falle Wohnrecht, wenn sie während des Krieges eine schriftliche Auszeichnung oder die Tapferkeitsmedaille io natura erhalten haben und diese Beweise ihrer besonderen Tapferkeit auch vorzuweisen im Stande sind. Mikua, 19, Juni. Mit dem Sommer beginnt für den lithauischen Judenbezirk auch die Saison der Feuersbrünste. Eine große Anzahl jüdischer Gemeinden ist bereits auch dieses Jahr dem verheerenden Elemente zum Opfer gefallen. Ungeheure Bestürzung löst hier die Schreckenskunde aus, daß das Städtchen Mir durch ein Schadenfeuer fast vollständig vernichtet wurde. Etwa 400 jüdische Familien kampieren dort ohne Brot und Schutz auf der Straße. Auch das Jeschiwohgebäude — Mir besaß nach Woloschin die älteste und bedeutendste Jeschiwoh in Rußland — wurde ein Raub der Flammen, so daß die Anstalt aufgelöst werden mußte. Die Not ist unbeschreiblich und erheischt dringende Hilfe. England. Oie konteren? Ser jüSiscken kultU5besmlen (ITlinifters) in knglanS London, 16. Juni. Die Konferenz des Verba des der jüdischen Kultusbeamten, an der sich ewa 120 Prediger, Kantoren und Schächter aus allen Städten Englands beteiligten, begann am letzten Montag und dauerte nahezu drei Tage. In seiner Begrüßungsrede, der ein Protest gegen die Blut lüge in Rußland voranging, erörterte der Chiefrabbi Dr. Adler all oie wichtigsten Punkte der Tagesordnung und betonte ganz besonders die Notwendigkeit eines einheitlichen Zusammenwirkens der Rabbiner und der ihnen unterstehenden Religionsbeamten. Er sprach dann über die Gefahr, die der englischen Judenhett vom Sonntagsruhegesetz droht und endlich auch über die Lage der jüdischen Kultusbeamten, für deren wirtschaftliche Besserstellung gesorgt werden müsse. Die Gründung eines Konsistoriums (Sanhedrtn) müsse er im Prinzipe ablehnen. Reverend Moritz Josef verliest dann sein Referat über die Internationale Frie densbewegung. Er verlangt, daß die geistigen Vertreter der jüdischen Gemeinden sich gleich den Geistlichen der anderen Nationen am Kongresse beteiligen. möchten. Auch möge von jüdischer Seite ein Zusttmmungsschreiben den» Kongresse überreicht werden. Reverend N. A d le r erörtert bei dieser Gelegenheit, daß die den jüdischen Soldaten zuteil werdende Seelsorge eine mangelhafte sei. Cs müßten sich mehrere Rabbiner mit der geistigen Belehrung der jüdischen Soldaten befassen. Es wird eine einstimmige Resolution angenommen, die der internattonalen Friedens- . - w.. WBut bewegung und dem Gedanken eines tnternattonalenS chieds geeichtes die volle Sympathie der Rabbiner und jüdischen Kultusbeamten Englands ausspricht. Rever. Stern verliest dann sein Referat über die religiöse Verwaltung der Gemeinden. Er wünscht eine Art Konsistorium, einen Großen Religionsrat, dessen Genehmigung die religiösen Entscheidungen des Chiefrabbi unterliegen müssen. Der gegenwärtige Zustand, nach dem Dr. Adler als letzte und oberste Instanz für alle religiösen Angelegenheiten zu betrachten ist, sei ganz unhaltbar und entspreche der neuen Entwicklung der englischen Judenhett nicht mehr. Rever. Dr. S a l o m o n ist gegen diesen Antrag. Dajan C h a i m s o h n wünscht, daß man über diese Frage mit Dr. Adler auf Privatem Wege verhandeln solle. Dr. Salomon D a i ch e s formuliert jeine Frage wie folgt; «Wird es, wenn Dr. Adler eines Tages von seiner AmtSwirksamkett zurücktritt, wird es denn da noch nöttg sein, einen Chieftabbi zu wählen?" DaS Chiefrabbinat fei daS Verderben der englischen Judenhett gewesen und habe die Autorität der Gemeinderabbiner völlig untergraben, da die Gemeinden nicht in ihrem Rabbiner, sondern im Chiefrabbi ihr geistiges Oberhaupt sehen. Dazu tragen auch die Inspektionsreisen, die Dr. Adler oder seine Vertreter auf dem Lande unternehmen viel bei. Dem Gemeinderabbiner müsse fteie Hand gelassen werden und das Londoner Chiefrabbinat sollte mit den Gemeinden nicht direkt, sondern durch ihre Rabbiner verkehren. Nach längerer Debatte wird eine einstimmige Resolutton angenommen, dahingehend, daß die Gestaltung der Gemeindeverwaltung ein wichtiges Problem im englischen Gemeindeleben sei, das baldige Lösung erheischt. ES wird der permanenten Kommission der Auftrag erteilt, in Verbindung mit den Gemeindevorständen diese brennende Frage sobald wie möglich einer hefriedigenden Lösung zuzuführen. In der Nachmittagssitzung hält Herr Reverend Abelson einen Bortrag über eine englische Bibelübersetzung mit entsprechendem Kommentar. Es sei beschämend, führte der Redner aus, daß wir Juden, die der Welt die Bibel gegeben haben, auf Kommentare andrer Völker angewiesen seien, (?) die nur selten mit unserer Tradition übereinsttmmen. Für den Antrag tritt sehr warm Herr Reverend F r t e dländer ein, während alle Anderen Bedenken gegen eine solche Uebersetzung aussprechen. Dajan Feldmann hält eine volle Bibelübersetzung für unnötig, dagegen herrsche ein unbestrtttenes Bedürfnis nach einem entsprechendem im Geiste der jüdischen Tradition abgefaßten Bibelkommentr in englischer Sprache. Ueber die soziale und wirtschaftliche Besserstellung der jüdischen Beamten sprach Reverend Grün. Er. schlägt die Gründung einer H il f sk a s s e vor, zu der die Gemeinden das Kapital von 5000 Pfund Lstrl. als Grundfonds liefern sollten. Diesen Betrag, meinte er, brauchen wir nicht zu erbitten, sondern müßten ihn als unser gutes Recht fordern. Cs kommen noch viele Mißstände in den Landgemeinden zur Sprache, und von verschiedener Seite wird auf Grund konkreter Fälle daS herschsüchttge Benehmen vieler Gemeindevorstände gngenübcn den Kultusbeamten scharf getadelt. Der zweite Berhandlungstag am DienStag beginnt mit den Referaten der Herren Sali Daiches und D. Sargo über die Judenmission und die Abwehrmittel, die gegen das Treiben derselben zu unternehmen seien. Nach kurzer Debatte wurde beschlossen, von seiten der Versammlung eine KundgÄung an das LandeSkonstistorium sowie an die MisstonSverwaltungen ergehen zu lassen, in der die Entrüstung über die Art und Weife , wie die Missionäre in den Judenvierteln den Seelensang betreiben, .ausgesprochen werden soll. Eine stürmische Debatte rief dann daS Referat deS Reverend Segall über die hebräische Sprache. Er tritt mit Etter und Entschiedenheit für die Erweiterung deS hebräischen ■i 1 . ji 1 I A

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