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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der JSraeltt. gggfuttl 1911 sich um ihren ersten Teil handelte — Freyhan- Breslau an, nachdem noch Meidner-Namslau darüber geklagt hatte, daß trotz des im vorigen ahre bedingungsweise erfolgten Beitritts zur enttal-Stelle, die Wanderbettelei in Namslau nicht abgenommen habe. Frey h an-Breslau: „Wenn jemand angeklagt wird, so giebt man ihm einen Verteidiger, wenn er selbst nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen. Das ist eine alte Gepflogenheit. Auch hier sind Leute angeklagt worden. Sie sind aber nicht anwesend. Und da sie sich nicht selbst verteidigen können, so fühle ich mich moralisch verpflichtet, als Verteidiger aufzutreten, nämlich als Verteidiger der hier mit „Schnorrern", „Bettlern" und ' anderen ähnlichen Beinamen bezeichneten armen, von Ort zu Ort gehetzten, heimatlosen Glaubensbrüder. Wohl verschließe ich mich nicht der Tatsache, daß sich unter diesen Turchwairderern — Bezeichnungen wie Äanderbettler rc. existieren in meinem Lexikon nicht — ein erheblicher Prozentsatz von Individuen findet, die alles eher sind als Ehvenleute. Aber wer wird leugnen wollen, daß man auch diese Elemente vielleicht noch z,l recht nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogenn hätte, wrnn man ihnen ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein verschafft hätte. Ich habe mich mehr und mehr davon überzeugen müssen, daß diese Leute nichts anderes als die Opfer ihrer Umgebung, ihrer Verhältnisse sind. Und haben wir ein Recht dazu, vor diesen Brüdern unsere Tür zu schließen? Haben wir nicht viel eher die Verpflichtung, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln für sie zu sorgen? Weil wir aber nicht von dem Grundsatz ausgehen dürfen: Wie entledigen wir uns am schnellsten dieser unbequemen Gäste, sondern wie schaffen wir ihnen wahrhaft jüdische Hilfe, deshalb hat sich ein erheblicher Teil der deutschen jüdisch denkenden Inden heit der Gründung einer Zentralstelle zur Bekämpfung des Wanderbettels — wie sie anfangs heißen sollte — ablehnend verhalten. Nicht, weil wir uns etwa den Unterstützungen entziehen wollten. Ich glaube sagen zu dürfen, daß mein Turchwanderer-Budgrt — ohne daß ich mir etwas darauf einbilde — mindestens so groß ist, wie das einer ganzen Anzahl hier vertretenen Gemeinden zusammengenommen. Aber die „Durchwandererkassen" haben es ja zu Wege gebracht, daß eine erhebliche Zahl anständiger, wahrhaft bedürftiger Glaubensgenossen gar nicht an die Kasse geht und auf eine kleine Minderheit gut jüdisch empfindender Privatleute angewiesen ist. Ich will dainit nicht speziell der Breslauer Kasse einen Vorwurf machen. Ich kann im Augenblick Material nicht herbeischaffen, da die „Wanderarmensürsorge" nicht auf der Tagesordnung stand, und ich infolge dessen aus diese Diskussion nicht vorbereitet war. Um eines bitte ich Tie aber: Suchen Sie auf Ihre Schwesterkassen einzuwirken, daß ein jüdischer Geist in ihren Räumen locht, daß etit warmes Mitempfinden für die Leiden unserer Glaubensbrüder dort vorhanden ist." Vorsteher Louis Loewenthal bezweifelt die Wahrhaftigkeit dieser Ausführungen mit einigen persönlichen Angriffen auf den Vorredner, ohne auf ihren Inhalt einzugehen. Justizrat Hirschberg: „Ich komme auf die Ausführungen des H»rrn Freyhan ztlrück. Wenn ich auch nicht in allen Teilen mit ihnen einig gehe, so muß ich dennoch Herrn Loewenthal dringend bitten, gefälligst zu berücksichtigen, daß sie von einem hohen Idealismus getragen siild und Herrn Freyhan jedes persönliche Interesse fern liegt. In Rücksicht auf den Bericht aus Liegnitz ersuch» ich den Ausschuß, darüber Erhebungen twrznn?hmen, wieviel von den einzelnen Gemeinden bisher und wieviel seit Bestehen der Zentralkasse an Nnterstützungsgeldern ausgegebrn worden. Tann bin ich noch durch die Ausführungen des Herrn Freyhan veranlaßt worden, den Vorstand zu ersuchen, er möge uns doch den Verwaltungsbericht vor der Versammlung zugängig machen. Wer sich für den einen oder anderen Gegenstand inter-ssiert, der will doch vorher genau mit tee Watctie vertraut sein und sich rechtzeitig das notwendige Material verschaffen." Justizrat Leder man n-Htrschberg, der diesen Worten sowie denjenigen des Herrn Freytau, zu denen er sich noch einige Notizen gemacht haben soll, mit sichtlichem Jntereffe gefolgt war, wollte soeben nochmals das Wort ergreifen. tm Begriff, sich zu erheben, sank er in seinen »effel zurück, und die in seiner Nähe befindlichen Herren vermochten nur noch mit Mühe seinen Fall aufzuhalten. Man bemühte sich sofort um ihn. Die anwesenden Aerzte eilten herbei, allein schon nach wenigen Sekunden war das kostbare Leben entflohen. Die Versammlung wurde unter dem Ein' druck dieses furchtbaren Ereigniffes sofort geschloffen. r LandesDerein 9er israelififdien Kulfusoemeinde in Bayern. Müruverg, 20. Juni. Am 15. Juni 1911 fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg die Ausschußsitzung des Israelitischen Landesvereins statt. Mit Worten der Begrüßung an die Anwesenden, unter denen sich auch ein Vertreter der Pfälzer Lehrer und Kantoren befand, eröffnete Justtzrat Dr. Wittelshöfer die Beratung. Er weihte dem im Borjahre gestorbenen Ausschußmitglted Martin Lebrecht warme Worte des Gedenkens. Da der Jahresbericht gedruckt vorlag — wir heben nur die eine Tatsache hervor, daß in der Zeit feines 16jährigen Bestehens vom Landesvereln 120,553 Mk. für leistungsschwache Kultusgemeinden, darunter 58,383 Mk. für Unterrichtszwecke verwendet wurden, — konnte' Kommerzienrat Gallinger seinen Bericht auf die Kaffenverhältniffe beschränken. Diese zeigen, trotzdem aus einigen Gemeinden die Jahresbeiträge ausblieben, eine erfreuliche Aufwärtsbelvegung dank einer regeren Propaganda in den Großgemeinden München, Nürnberg, Fürth und Bamberg. Seltgsberger- Fürth referierte über die Zentralisatton der Wanderarmenfürsorge, die in Martin Lebrecht ihren eifrigsten Vorkämpfer in Bayern verloren haben. In längerem Vortrage spricht er sich für den Zusammenschluß und den Anschluß der Kaffen an eine Zentralstelle aus. Bisher haben nur.Nürnberg-Fürth sich der Zentrale angeschloffen, die übligen Kaffen, besonders München 'und Augsburg, nehmen noch eine abwartende Stellung ein. Nunmehr berichtet Dingfelder- München über den Erfolg einer Petition, die der Landesverein gemeinsam mit der Rabbinerkonferenz und dem Lehrerverein der Kgl. Staatsregierung um Erhöhung des Etats für die Zwecke des israelitischen Kultus etngereicht. Die Eingabe hatte den Erfolg, daß der Etat für den israelitischen Kultus um 6000 Mark erhöht wurde. Der Referent im Ministerium erteilte dem Berichterstatter die Auskunft, daß hiervon 2000 Mark der Penfionskaffe für Rabbiner, 2000 Mark der Unterstützungskaffe des Israel. Lehrervereins zuflietzen. — Eine größere Summe sei notwendig zur Aufbefferung der Gehälter der Rabbiner in den leistungsschwachen Distrikten, der bleibende Rest von 7000 Mk. pro Jahr (bisher 3500 Mk.) stehe für Kultuszwecke notleidenden Kultusgemtinden zur Verfügung Mit Rücksicht auf die Ausgaben für Schulzwecke und besonders für den Religionsunterricht der Konsequenzen wegen nicht auS dem Staatszuschuß bestritten werden könnten, stellte Dingfelder den Antrag: Die bereitstehenden Mittel des Landesvereins wollen in erster Linie Schulzwecken dienstbar gemacht werden, fperielle Kultusausgaben, wie Synagogenbauten, Ritualbäder, Fürsorge für Minjan, Friedhofsbauten rc. aber aus den statliachen Mitteln unterstützt werden. Der Antrag fand Annahme, doch wird auf eine Anregung der Herren Nosenzwetg und Gallinger eine Reserve von 1000 Mk. ftir solche Kultuszwecke zurückgestellt, die ev. aus Staatsmitteln nicht berücksichttgt werden. Ueber die Verteilung der Unterstützungen hatte schon am Vormittag eine Kommission unter dem Vorsitze von Kommerzienrat Gallinger beraten. Das Plenum trat diesen Vorschlägen bei und erhöhte noch einzelne der vorgeschlagenen Posten. An 70 Gemeinden, resp. Gesuchsteller konnten Unterstützungen im Gesamtbeträge von 7405 Mk. verteilt werden. Davon entfallen: Mk. Gemeinden auf den Religionsunterricht . 2635 an 29 Erhaltung und Förderung jüd. Volksschulen .1195 „ 9 _ tto. 25 em 7 Mark Gemeinden Aufbesserung von Lehrergehältern. . . . 1775 „ 20 Kultuszwecke. 500 „ 3 Sustenlationen an dienstunfähige, Lehrer- und Beamten- Witwen. 1300 f. 9 Petenten Ferner wurden an Beiträgen für jüdische Institutionen, die der Allgemeinheit dienen, 1300 Mk. bewilligt. Für eine Lehrerfortbilduugskonfrrenz wurde nach Antrag des Referenten Direktor Gombrich die gewünschte Beihilfe. von 150 Mk. gewährt. Bet der Borstandswahl wurden die bisherigen Mitglieder der Borstandschaft einstimmig wiedergewählt. Oberrat unS banögemelnSen. Karlsruhe, 22. Juni. Wir erhalten von einem Mitglied einer kleinen badischen Landgemeinde nachstehende Zuschrift, die wir als ein Stimmungsbild auS dem „Musterländle" wtedergeben: „Nachdem jetzt die 5. Tagung der Syrtode vorüber ist, darf man es wagen, die Licht- und Schattenseiten zu kennzeichnen, dje das gegenwärtige Oberratsshfttm ausmachen. Es wird so viel von der „EnMMng der kleinen' Landgemeinden geredet und was ist für die geringbe» mittelten Gemeinden des stachen Landes eigentlich geschehen? Es ist richtig, daß die Lehrer in einzelnen Gemeinden einige Hundert Mark Zuschuß von Karlsruhe bekommen, dagegen haben die Gemeinden den Lehrern gegenüber ihre Selbstständigkeit völlig eingebüßt, ein teuer erkauftes Gut! Kein gewöhnlicher Sterblicher erfährt, wohin die für die Lehrer ausgeworfenen 26000 Mark kommen, nicht einmal die Synagogenräte wisst n etwas über den Zuschuß, der ihrem Lehrer von der Zentralkaffe zukommt. Arme Gemeinden von 10 und weniger Familien bekommen eine Beihilfe von 50—100 Mark aus der Zentralkaffe mit dem billigen Rat, sich mit anderen Gemeinden zu gemeinsamer Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse zu verbinden. Vom Standpunkte der Sparsamkeit auS ist diejer Vorschlag recht schön, aber wo bleibt da daS Mitgefühl für dtereltgiö fen Notwendigkeiten der kleinen Kehillos? Die Leute wollen einen Zusammenhalt haben und leisten aus Eigenem ihr Menschenmögliches. Da werden oft mit großen Opfern an Zeit, Geld und Gut allfabbatlich Mtnjanleute herbestellt rc. rc. Immer ist bei den Synode-Verhandlungen die Rede gewesen von Vorlagen über die Aufbefferung der Lehrer (denen man gerne ihr berechtigtes Teil gönnt), über die Vorschläge zur „sozialen" Verbesserung der Lage der jüdischen Bevölkerung hat man den Mund stets recht voll genommen, „Lehrlingsheim", „Landesstift", „Dürr- Heimer-Ktndersolbad" rc. re. find Schlagworte zur Erzielung einer sozialen Begeisterung in höchster Potenz geworden, aber die religiöse Not der Landgemeinden will man nicht kennen, und wenn man sie kennt, nicht daran rühren. Da find ja wenig Lorbeeren von „außen" zu ernten. Etwa viermal im Jahre senden die Bezirksrabbiner ihre Predigten aufs Land hinaus, sie werden dort verlesen, doch man ftage nicht wie? Oft versteht man nicht einmal den Text, viel weniger den Sinn der ganzen Predigt. Hat der Oberrat je den Versuch gemacht, Schritte zu tun, daß (wie in Württemberg) mindestens einmal im Jahre der Rabbiner seine Bezirksgemeinden über Samstag besucht und sich dort um alles kümmert, was ihn angeht. Ja, er hat einmal Umftage halten lassen, ob die Gemeinden den Rabbiner über SchabboS haben wollen, ob man für Berpstegung zu sorgen bereit sei und ob man für die Kosten aufkommen wolle. Die letztere Frage hat erreicht, was sie bezwecken zu wollen schien, die Gemeinden winkten ab, wett sie Angst vor den Kosten hatten, deren Höhe man anzugÄen „ver-

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