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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Üo. 25 Sette 8 Der Israeli» 22 ZtMt L-U geffen" hatte. Wäre der Oberrat bereit gewesen, die Kosten aus der Zentralkasse zu leisten, dann wären die Gemeinden zu anderer Antwort gelangt. Der Oberrat laßt junge Leute zu Lehrern im „Landesstift" in Karlsruhe erziehen. Es sollen dort für die Tausende, die es kostet, nur ganz* wenige Lehrer ausgebildet werden. Man hört, daß es eben nur 2 sind. Es ist dem Schreiber dieses bekannt geworden, daß einem jungen dort besindlichen Seminaristen nicht die Möglichkeit' gegeben ist, auch nur einmal wöchentlich den Gottesdienst zu besuchen. Sogar am Schabbos kann er den Hauptgottesdienst nicht besuchen! Und welche jüdischen Grundanschauungen in der so sehr „liberalen" Karlsruher Luft den Kandidaten beigebracht werden, davon wissen die Eltern ein Lied zu singen. Und das gibt dann die religiösen Erzieher unserer Jugend! Da sollte man doch lieber die verfügbaren Mittel den Eltern zur Verfügung stellen/,die ihre Kinder einer von echt jüdischem Geiste getragenen jüdischen Anstalt zur Ausbildung übergeben haben und nicht diese Eltern einfach ihrem Schicksal überlassen. Für diese oft gering bemittelten Leute ist es ein schwerer Entschluß, ihre Kinder dem Lehrerberufe zuzuführen, zumal dann, wenn ihnen auch die religiöse Zukunft ihrer Söhne am Herzen liegt. Und schließlich hat doch die badische „Landessynagoge" ein eminentes Interesse an dem Vorhandensein eines geeigneten, auch mit genügendem jüdischen Wissen ausgerüsteten Lehrer-Nachwuchses. Mit den „sozialen" Einrichtungen des Oberrates ist nicht allzuviel Staat zu machen, man betrachte sie nur objektiv und ohne schon vorher das zu singende Loblied fertig in der Tasche zu haben. Das „Landesstift" kostet viel mehr, als es wert ist, das „Lehrlingsheim" ist eine Institution, die nur einer kleinen Minderheit zugut kommt, das ganze badische Land weiß nichts von ihm, das Kindersolbad in Dürrheim ist eine Schwergeburt, auf die man immer noch „gespannt" ist. Was in Baden „sozial" geleistet wurde, das liegt in den 2 Worten: „Waisenverein" und „Friedrichsheim" und ihre Tätigkeit spielt sich ab fern von oberrätlichem Einfluß auf der Grundlage der freiwilligen Vereinstätigkeit. Man mache es mit Dürrheim ebenso, man stelle es auf den Boden eines Vereinsstatuts, man garantiere echtjüdische Führung der Anstalt und lege sie tn die Hände eifriger Menschenfreunde, dann wird auch da der Erfolg nicht ausbleiben, um den der badische Oberrat sich schon seit Jahren vergebens sorgt. Ueberhaupt scheint noch manches materiell nicht so glänzend zu sein, als wie es aussiehtvielen einsichtigen Männern ist auch die materielle Lage der Pensionskase der Rabbiner und Lehrer ein Turm, der aus tönernen Füßen steht, möge man rechtzeitig für einen anderen Baugrund sorgen/ ehe das Gebäude, dem Oberrat und — den Lehrern aus den Kops fällt. Oestevveirtz. Die lvMexMe. Lemverg, 20. Juni. Die Hauptwahlen, die in Galizien erst gestern stattfanden, spielten sich unter blutigen Kämpfen ab, die mehrere Opfer gefordert haben. In Drohobycz, wo Dr. Löwenstein als Kandidat der Polen gewählt wurde, hatte die Opposition, die zumeist von Zionisten geleitet ist, den nicht unbegründeten Verdacht, daß von offizieller Seite Wahlfälschungen zugunsten Löwensteins unternommen worden seten und sie griff zu Gewaltmitteln. Die aufgebotenen erbitterten jüdischen Grubenarbeiter aus Boryslaw erstürmten das Wahllokal. Polizei und Gendarmerie waren machtlos gegenüber der Menge, so daß Militär einschrei- - ten mußte. Als die Menge weiterhin mit Steinen warf, wurden fünf Salven abgegeben, wodurch 18 Personen getötet und 37 schwer verletzt wurden. So wenig man geneigt ist, die Exzedenten irgendwie in Schutz zu nehmen, so herrscht doch allgemein die Meinung, daß die Krawalle ein so scharfes Vorgehen nicht gerechtfertigt haben und daß mit einem blinden Schüsse hier ebenso gut das Ziel erreicht worden wäre. Am meisten zu bedauern ist es, daß sich unter den Opfern ganz Unschuldige, auch Frauen und Kinder, befinden. — Von den neun zionistischen Kandidaten ist in Galizien nur einer gewählt, svdaß, soweit sich bis jetzt ersehen läßt, der Jüdische Klub im Reichsrate nur aus zwei Mitgliedern bestehen wird. Krakan, 9. Juni. Nach einem Berichte des hebräischen Organes der galizischen Orthodoxie mn ip'Tnö, hat die österreichische Regierung den Erlaß vom Jahre 1890, wonach die galizischen Rabbiner durch ein Zeugnis die bestandene Reifeprüfung einer Mittelschule nachzuweisen haben, außer Kraft gesetzt. Der neue Bildungszensus wird darin bestehen, daß die galzischen Rabbinatskandidaten vor einer Prüfungskommission in der Staathalterei eine allgemeine Bildungsprüfung abzulegen haben werden, in welcher das Hauptgewicht darauf zu legen sein wird, daß die Rabbiner einer der drei Landessprachen, polnisch, ruthenisch oder deutsch mächtig sind. Ungarn. Ungarifther Brief- (Bon unserem Korrespondenten). 2. 6. A. Budapest, 8. Juni. Der gegenwärtige Minister für Kultus und Unterricht, Graf Johann Zichy, ein durch und durch konservativer Politiker, hielt vor zwei Wochen bei der Beratung seines Ressorts seine große Programmrede. Er betonte den christlichen Charakter des Staates - forderte zum Kampf gegen die destruktiven Elemente auf und schloß, daß hier, in Ungarn, nur die Pflege der christlichen Kultur ihre Stätte finden könne. Bei der Debatte betonte erst Abg. Oßtffy, dann der Spiritus rector der Regierung, ihre festeste Stütze, Graf Stephan Tisza, die Notwendigkeit der Regelung der Jude »frage. Tisza ergänzte vor allem die Rede des Ministers, indem er die Berücksichtigung der Pflege des kulturellen Geistes auch auf das Judentum ausgedehnt wissen möchte, da es keinesfalls, wie es von Seiten der Volkspartei und ihrer antisemitischen Knappen betont wird, das destruktive Element des Staatslebens bildet. Es hätte in seiner Mitte die weiteste Differenzierung aller Ideen vom staatserhaltenden bis zum destruktivenganz wie bei jeder andern größeren Menschengruppe. Er warne entschieden vor der allzuhäufigen und scharfen Betonung des konfessionellen Moments. Denn soll das gefährliche Schlagwort nicht bald verstummen, gerate der ungarische Staatenbau in einen Brand, der seinen Untergang verkünden müßte. „Aber die heutigen Zustände innerhalb der Judevhett, meinte er weiter, find unhaltbar. Diese müßten unbedingt geregelt werden, damit eine Leitung vorhanden sei, die über einen entsprechenden RechlSkreis verfügt und Verantwortlichkeit besitzt, derzusoige die staatliche Kontrolle und Intervention eine wirkungsvolle wer den kann... Niemand will den Juden eine Autonomie geben, die dem Wohl und den Intentionen des Judentums nicht entsprechen würde. Nur kann bet Feststellung der Autonomie nicht außerAcht gelassenwerden, daß sich die Judenyeit tn mindestens zwei Lager, die sich hassen, gespalten hat." S. Bakonyi rust dazwischen: „DaS wird von jenen künstlich hervorgerufen, die einen Nutzen daraus ziehen wollen.'") Tisza (fortsetzend) die, wie ich befürcht-', in eine einheitliche, lebensfähige Autonomie nicht hinetngezwängt werden kann. Deshalb darf aber diese Frage nicht aus praktischer Schwierigkeit ad Calendos graecos vertagt, sondern bei der Lüsung derselben muß auch dam t gercch..ct werden." Der „jüdische" Abgeordnete von Szatmor, Samu Kelemen, hatte ein / dringendes Bedürfnis, sein ultra liberales Credo mit einem Angriff auf die Kongregationen, die die katholische Jugend zu militanten Vertretern ihrer Konfession zu erziehen bestrebt sind, einzuleiten. Nun konzentrierte sich der Angriff aller Redner gegen Kelemens Konfessionsgenoffen. Polonyi, der es seinem jüdisch-demokratischen Antipoden noch immer nicht vergessen konnte, daß er ihm den Weg zur Macht so schwer machte, fand die Stunde am geeignetsten, um im Parlament verblümt und bei einem 5000köpfigen Meeting, bei dem der Hochadel und einige gefallene Minister glänzten, offen den Pogrom gegen die Judenheit zu verlangen. Während nun Graf Julius Andrassy sich im, Parlament für die alte liberale Tradition, die im Zeichen der Toleranz das Ungartum zur Größe führen will, einsetzte und der famose Jftoczy — Ungarns berüchtigter Hooligan, dem wir das schwarze Jahr 1883 mitsamt der schaurigen Ritualmordaffäre von Tisza Eszlar, zu danken haben — zur letzten Entscheidungsschlacht gegen uns und darum zur Organisierung der antisemitischen Partei und des Pressefonds aufforderte, stiegen wie auf Verabredung die Signalfeuer im erregten Lager der Neologte auf. Die Zeit schien ihnen jetzt am günstigsten, um ins orthodoxe Lager einzufallen und, da die Orthodoxie keinen wie immer gearteten jüdischen Vertreter im Parlament hat, dieses zu bestimmen, gegen das konservative Judentum und das Recht seiner Selbstbestimmung anzustürmen. (Fortsetzung folgt.) Rrrftland. Lin sonSerbsres Dementi. Belersvurg, 15. Juni. In einem Gespräch mit dem Korrespondenten der „New-Aorker Times" sprach sich der russische Ftnanzminister Kokowzew über die La ge der russischen Juden folgendermaßen aus: Nach seiner Auffassung sei der gegenwärtige Moment ungeeignet, irgend welche Milderungen! in der Lage der russischen Juden durchzuführen. I Das Verhalten der Juden zur Kriegs-, und Ne-! volutionszeit hätte ein scharf prononziertesl Nationalgefühl gegen sie heroorgerufen, weshalb! Aenderungen zu ihren Gunsten gegenwärtig un-I möglich seien. Man müsse in dieser warten. Im übrigen erklärte Kokowzew alle! Nachrichten über neue Drangsalierungen und Be-I schränkungen der Juden für falsch. I Diese Behauptung Kokowzews wird von der! „Russischen Korrespondenz" aufs entschiedenste! bestritten. Nie, so führt sie aus, war die! Lage der russischen Juden so schlecht wie jetzt.1 Jetzt ist neuerdings einer Reihe von Juden,! deren Wohnrechtauf Entscheidungen der obersten! Instanzen basierte, dieses Privileg entzogen wor-I der, und die vorhandenen Beschränkungen er-I fahren Interpretationen, welche die Zette Pleh-I wes in den Schatten stellen. Kein Jude Ruß-! lands fühlt sich heute mehr in seinem Domizil! sicher. Aus den verschiedensten Gegenden, aus! Kiew, Riga, Smolensk und anderen Orten,! kommen Nachrichten über die Ausweisung von! Juden, die seit Jahrzehnten dort ansäßig waren.! Die Kinderausweisungen aus Moskau, die so! viel Staub aufgewirbelt haben, sind noch nicht! zum Stillstand gekommen. Augenblicklich wird! den in Petersburg ansäßigen Juden der Sommer-I aufenthalt in der Umgebung der Stadt verwehrt.» Dieses Beispiel Petersburgs hat bereits in an-I dern Städten des Reiches Nachahmung gefunden.! Besonders bedauernswert ist auch die Lage der! jüdischen jungen Leute, die durch eine von den! Oktobriften als ungesetzlich erklärte Zirkulornot» vom Abiturientenexamen zurückgewiesen wurden» Betersöurg, 18. Juni. Die Schwarzei Banden, die mit dem Gang der Sache i> Kiew nicht recht zufrieden sind, scheinen sic!

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