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Der Israelit · 1911-06-22 · Heft 25 (22.6.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 25 (22.6.1911)
Date
1911-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 Kc. 25 Der NSraeltt. LS Juni 1911. Volk in Oesterreich gewesen - vorgestern ist Wien dem Deutschtum zurückerobert worden." Mit diesen bezeichnenden Sätzen leitete die „Neue Freie Presse" ihren Leitartikel ein, in dem sie den Ausgang der Hauptwahlen am 13. Juni glossierte. Es ist ein treffliches Wort, das das Programm der Chriftlichsozialen wie kaum ein anderes illustriert. Freilich nicht ihr offizielles Programm, das sie als politisches Aushängeschild benutzt, denn diefis lautet: „Kampf für das Deutschtum gegen die Juden." JnWahrheit weiß es aber jeder, der sich im österreichischen Parteileben auskennt, daß die Chriftlichsozialen wie keine andere Partei das Deutschtum in Oesterreich herabwürdigen und aufs empfindlichste schädigen. Sie haben auch allezeit keinen Anstand genommen, da wo es ihren Parteizwecken dienlich erschien, sich mit der slavifchen Opposition offen gegen die deutschen Interessen zu verbinden. Und nun haben sie eine Niederlage erlitten. Wien ist dem Deutschtum zurückerobert. — Bolle Berechtigung hat doch indessen der Jubel nur für Wien, wo die Christlichsozialen nach den Stichwahlen von den früher innegehabten 20 Mandaten nur 3 reiten konnten. Denn mit ihren 73 Mitgliedern (statt 97 im früheren Reichsrate) bilden sie auch im neuen Parlamente noch immerhin eine Macht, mit der man im politischen Leben rechnen muß. Für die Juden ist der Anlaß zur Freude ohnedies ein recht geringer, da die Parteien, die sich in die zwanzig den Christlichsozialen abgerungenen Mandate teilen, auch nicht ausschließlich zu denen gehören, die konfessionelle Toleranz auf ihre Fahne geschrieben haben. Das gilt bis zum gewissen Grade selbst für die österreichische Sozialdemokratie, die trotz oder infolge der großen Zahl ihrer in führender Rolle sich befindenden jüdischen Mitglieder den Antisemitismus als gelegentliches Agitationsmittel nicht verwirft. Wenig tröstlich ist der Wahlausgang in Galizien, und noch weit trauriger waren dort die Begleiterscheinungen der Wahlen. Es ist dort Blut geflossen, jüdisches Blut. 18 Tote, 38 Schwerverletzte, meldet der Schlachtbericht aus Drohobycz. Auchin Sambar, Sereth und anderen Städten gab es Tote und Verwundete. Zu einer Zeit, da man in der jüdischen Welt für die Geschicke unserer verleumdeten und hartbedrängten Brüder in Rußland bangt, sollen in einem anderen Lande des Ostens jüdische E;zedenten Wahlkrawalle veranstaltet haben, sollen, wie der Draht in alle Welt hinausberichtet, Zionisten - Ausschreitungen stattgefunden haben. Das klingt so ungeheuerlich, daß man zunächst an eine neue Verleumdung von böswilliger judenfeindlicher Seite glauben möchte. Allein Kenner des östlichen Oesterreich wundern sich nicht. In Galizien, wo der Zionismus von je her ein Tummelplatz für allerlei oppositionelle Elemente ist und es d.er jüdischnationalen Partei weniger um dos Baseler Programm zu tun ist, als vielmehr um. die Durchführung ihres eigenen innerpolitischen Programms, ist es nicht zum ersten Male, daß jungnationale Feuerköpfe solcherart ihre Partei diskreditieren und dem Judentum empfindlichen Schaden zufügen. Schon in Wien dokumentierten diese Herren ihre vollständige Unfähigkeit, die Interessen der jüdischen Gesamtheit anders als durch die Parteibrille zu sehen, dadurch, daß sie statt mit den anderen jüdischen oder liberalen Parteien sich gegen den Christlichsozialen zu vereinigen, nach sozialistischer Taktik ihren eigenen Zählkandidaten aufstellten und dadurch die Stichwahl zwischen dem Chriftlichsozialen und Dr. Ofner ermöglichten. Denn die 700 Stimmen, auf die es ihr Kandidat brachte, sind ihnen mehr wert als die Niederwerfung eines grimmigen Judenfeindes in einem vornehmlich von Juden bevölkerten Bezirke. In Galizien aber, wo sie zum Teile die Massen hinter sich haben, mußte ihr Treiben zu den obenerwähnten bedauerlichen und dem Judentums gewiß nicht zur Ehre gereichenden blutigen Skandalszenen führen. In Drohobycz gelang es ihnen, die Arbeitermassen aus den Bergwerken im nahen Boryslaw — im Grunde harmlose, aber durch die Not des Lebens erregte Menschen — mobil zu machen, um mit Hilfe ihrer derben Fäuste das Wahllokal, in dem hinter geschloffenen Türen in scheinbar nicht ganz legaler Weise für den „jüdischen" Allpolen Löwen st ein „gearbeitet" wurde, zu erstürmen. Es war vielleicht nicht vorauszusehen, daß die in diesem Falle zweifellos übereifrige Soldateska gleich fünf Salven in die mehr lärmende als wirklich revolutionierende Menge hineinsenden werde. Auf jeden Fall haben diejenigen, die die Volkserregung in ganz unnützer Weise — denn der Augang der Wahl war bereits gesichert — geschürt und die Familienväter in den völlig aussichtslosen Kampf schickten, die Opfer auf dem Gewissen. Sie haben damit auch ihrer Partei und dem Gesamtjudentum einen denkbar schlechten Dienst geleistet. Aber noch weit schmerzlicher als diese blutigen Vorkommnisse ist die Tatsache, daß auch diesmal die galizischen Wahlen all denen, die auf Grund mancher versprechender Anläufe nach dieser Richtung auf ein geschlossenes Eintreten der galizischen Juden heit für vertrauenswerte und treu zum jüdischen Gesetze haltende Männer aus ihrer eigenen Mitte hofften, eine schwere Enttäuschung gebracht hat. kmlarantenilirlorge. Der Gedanke eines Emigrationskongresses schwebt seit einigen Jahren in der Luft. Im Schoße der Jto geboren, konnte er bis zur letzten Zeit nicht recht durchdringen, da ihm von verschiedener Seite schwerwiegende Bedenken entgegengesetzt wurden, die zu zerstreuen, sich dieJnitiatOTcn gar keine Mühe gaben. Nun soll, wie wir in Wiener Zeitungen lesen, der Gedanke doch zur Ausführung gelangen und zwar soll der Kongreß, wie von den Einberufern nunmehr definitiv beschloffen, am 2 7. August d. I. in Wien stattfinden. Wir haben unsren Standpunkt in dieser Sache seinerzeit klargelegt. Die Emigration ist, und das darf von keiner Seite in Abrede gestellt werden, eines der brennendsten Probleme des jüdischen Lebens im Osten, und es ist gewiß zu bedauern, daß die verschiedenen Organisationen, die sich mit diesem Problem besaffen, so wenig miteinander in Fühlung stehen und nur selten nach einem einheitlichen Plane ihre Manipulationen ausführen. Die jüdische Körperschaft, die zuerst ihr Interesse der jüdischen Auswanderung zugewandt hat, ist die Ica, auch die Hilfsveretne in Berlin und Wien und in noch wett größerem Maße die Jto widmen einen guten Teil ihrer Kraft der Organisation der jüdischen Auswanderung. Die Zahl der kleineren Gesellschaften und Auswanderungsbureans im Rayon ist Legion. Und doch ist es, wenn man die Jto, die in der Auswanderung nach und über Galvefton bemerkenswerte Erfolge erzielt hat, ausnimmt, noch keiner einzigen dieser Körperschaften gelungen, auch eine einzige Frage der Emigrationsmisere nur annähernd befriedigend zu lösen. Daß die Emigranten, wenn ihnen nach einer Reihe von Kämpfen und Mühen gelungen ist, das Land ihrer Hoffnung zu betreten, dort jetzt wie früher ganz hilflos in einer Welt der fremden Erscheinungen und Eindrücke dem Elende ausgesetzt sind, ist bekannt. Aber selbst die Leiden der Ueberfahrt zu lindern, vermochte all die Organisationsarbeit bislang noch nicht. Das Nebel aller Nebel im Auswanderungswesen, bas Agent entum, besteht nach wie vor und treibt Blüten, die den Betroffenen zum unermeßlichen Schaden und dem Judentum zur Schande gereichen. Einen geordneten Reisepaß auf rechtsmäßigem Wege, ohne Bakschisch und ohne Vermittlung eines beutesüchttgen Agenten zu erlangen, ist bislang in Rußland noch nicht im Bereiche der Möglichkeit. Man sieht daraus, wieviel den Organisationen in dieser Beziehung noch zu leisten übrig bleibt. Hierin aber kann nicht die Sonder¬ Tasche zu locken, als all die schönen Reize. Das Wort heißt aber nicht anders als ,-p¥!2 *131- Die Worte : man braucht etwas für eine findet überall Gehör- Das Herz des schliniinsten Geizhalses erweicht, wenn es diese Laute vernimmt. Bedeutet diese Veranstaltung, ans diesem Gesichtswinkel betrachtet, keinen Triumph für das Judentum'? Und dann, man sagt und hört es öfters, wir leben heute im Zeitalter des praktischen Ehristentums. Wir wollen nun diese Religion wegen dieser Veranstaltung mit ihren unausbleiblichen sittlichen Mißständen keineswegs verantwortlich machen. Es kann sogar erfreulicher W.'ise hervorgehoben werden, daß dieserseits dagegen Proteste ergangen sind. Darf aber die Tatsache als solche bestritten werden, daß in einenr christlick^n Staate die Wohltätigkeit von dem Gutdünken des Einzelnen abhängig gemacht wird? Wie lautete demgegenüber ein .„ S taatsgesetz " im Zeitalter des „ p r a k - Tischen I u b e it t u m £ "? Wir wollen schon von dem „ P f l i ch t ze h n t e l " jedes brüten Jahres oder von den „jährlichen " ebenfalls Pslichtabgaben von dem Getreide des Feldes vollkommen nbsehen. .Heisst aber nicht ein allgemeiner Grundsatz im Talmud: np*T3£rr by D'23V33- Mmrpsändete die Geräte des Geizigen zu Gunsten der Wohltätigkeit. Was somit ehemals Menschenpflicht war, dies ist heute von der Willkür des einzelnen abhängig. Wir wollen nicht weiter ans die einzelnen diesbezüglichen Bestimmungen, deren jede den Stempel göttlichen Geistes an sich trägt, eingehen. Aber empfehlen möchten wir cs einem jeden, dies in Jore Dea, wo alle diese Vorschriften zusammengestellt sind, nachzutesen, um dann die Wahl zwischen den modernen Blnmentagen und dem veralteten Judentum selbständig zu treffen .... (Der Sultan im Jrr-enviertel zu Saloniki.» Wohl nirgends dürfte der Sultan der Türkei ans seiner jetzige» all an Zischen Reise mit solch herzlichem Jubel empfangen worden sein wie im Judenvierte l z u Salonik i. Die ihm überreichte Huldig ungsadresse ist in der Form einer Pergamentrolle gehalten und ruht in einem prachtvollen' goldenen Fnteral, dessen Anfertigung 200 Frs. kostete. Auf einer blumenprangenden Ehrenpforte am Eingang des Ghetto ist folgende hebräische Begrüßung zu lesen:! “]X13 MvV ,^23 o'sairiDö Snir1 '23 I'^-I am Vis D'inis ".-1X13 D1*?P : D'313»' Der Sultan zeigte sich höchlichst erfreut über diese Huldigung ltub drückte der jüdischen Deputation sein Wohlwollen und seinen Tank ans. (Bernhard Shaw über die Juden.) In einem seiner letzten Aussätze äußerte sich Bernhard Sh a w auch über die Jndenfrage. Er schreibt hierüber u. a.: „Ich habe es niemals begreifen tönnen, was unter der sogenannten Jndenfrage verstanden werden soll Ich bin der Meinung, daß die Jndenfrage überall eine Folge der Einigkeit und Ehrlichkeit der Juden ist. Macht ein Jude mit irgend Jemand?»! ein Geschäft, so tut er es in der Absicht, das Abkommen einzuhalten, und verlangt auch daß sein Gegenpart das Abkornmen gleichfalls einhalte. Ter Engländer ist, wenn er in Geldnot gerät, bereit, jeden Pakt zu unterschreiben, denkt aber nicht immer daran, denselben auch einznhnlten. In England gibt es natürsich keinen direkten Haß gegen die Juden, aber dort, ivo ein solcher sich bemerkbar macht, so hat er in der Regel die obenbezeichnete Ursache. Meiner Meinling nach hat Shakespeare sein Drama „Der Kaufmann von Venedig" auf diesen Gedanken aufgebaut. Antonio, der ein sentimentaler Engländer war, war bereit Alles zu unterschreiben, um nur das Geld von dem Juden tzerauszubekommen ohne auch nur einen Moment daran zu denken, das Geld jemals zurückzuerstatten. Als aber der Jude fordert — was in Wahrheit, in diesem Falle ein Jude nie tun würde — daß Antonio das einhalte, was er unterschrieben, macht sich der Pöbel über ihn lustig und gerät dann in Wut. Das geschieht eben überall. Das Borurtejl gegen Juden ist noch tief eingewurzelt, weil die Volksmasfen sich nicht der Mühe unterziehen, dieses Vorurteil 51t analysieren und darüber nnchzudenkeri. Ich glaube, daß Maculai Recht hatte, als er sagt?, daß wenn Jemand gegen einen Menschen mit gelben Haaren irgend eine Verleumdung oder ein Vorurteil ansstreuen würde, diese genau so verfolgt und gehetzt tvürden, lvie es mit den Juden der Fall ist. Tie Po groms auf Juden in Rußland sind nach demselben Muster gemacht worden, wie die Verfolgungen der Armenier uild anderer Nasseil und sind dernnach auch genau so einzuschätzen. (Der Remdrandlsche Rabbiner". Tie vom Kunstwart in München herallsgegebenen „Meisterbilder" bringen als 200. Blatt den Rembrandtkchen „RabbinerTiefes Rabbinerbild ist 1657 entstanden und gehört zu den Werken, die uns Rembrandts Größe .ganz unmittelbar fühlen lassen. Wer Rem-

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