Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1911)
- Date
- 1911-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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22. JlMt 1911 Der JSraeltt schaft Jerusalems. Alle übrigen leben in der Hauptsache auf eigene Kosten. Zudem verringert sich die Zahl derjenigen, die die Chaluka in Anspruch nehmen, in jedem Kolel. Denn in dem Maße, wie sich die Seelenzahl des betreffenden Kolel vermehrt, sinkt der Chaluka- Anteil immer mehr herab. Dieses ztvingt die Chaluka-Empfänger, sich andere Erwerbszweige zu suchen und durch Arbeit, Handwerk, oder Handel ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und gehen wir von.der materiellen Lage auf die geistige über, so darf gesagt werden, daß diese eine .höchst erfreuliche ist. Unter den 45.000 Juden, die die Stadt Jerusalem bevölkern, befinden sich nicht einmal ganz 10 % Unwissende und selbst diese können in den meisten Fällen lesen und ihren Namen schreiben. 70 o/o sind Thora kundige und auch bewandert auf den verschiedenen Gebieten der profanen Wissenschaft. Unter den gebildeten Juden sind mindestens 5 °/o im Besitze einer höheren Bildung. Darunter Aerzte, Apotheker, Heilgehülfen, Lehrer Schriftsteller, Künstler usw. Tie Jeschiboth sind voll von jungen Leuten, die neben hervorragendem Thorawissen sich auch viel moderne Bildung angeeignet haben. Auch die Frauen betätigen sich erfolgreich auf dem Gebiete der Erziehung: Tie Kindergärten und Mädchenschulen befinden sich ausschließlich in ihren Händen. Viele Institute, die in ihrem Wirken und in ihrer Ordnung als mustergiltig gelten dürfen, haben sie erst ins Leben gerufen. An philäntropischen Anstalten hat Jerusalem mehr als andere Städte, die fünfmal so viel Einwohner haben. Freilich sind viele dieser Anstalten noch sehr verbesserungsbedürftig. Besonders macht sich das Fehlen eines Zentral-Comites, das die Oberaufsicht über all diese Institutionen führen sollte, geltend. Allein Jerusalem hat bereits Anstalten, die vorbildlich und mustergültig für alle anderen Gemeinden der Diaspora sein können. Am wichtigsten ist aber die Tatsache, daß sich unter den jüdischen Kindern Jerusalems nicht einmal 5 o/o befinden, die nicht irgend eine Lehranstalt besuchen. Tie Zahl der Zöglinge der Schulen und Kindergärten allein beträgt bereits annähernd 3000. Und noch etwas, das Jerusalem auszeichuet: Unsere Sprache führt hier ein ganz natürliches Leben. Nicht allein, daß die Schüler der Schicken und Kindergärten, sowie die Lehrer und ihre Familien vornehmlich hebräisch sprechen, auch alle Bewohner Jerusalems sind oft gewissermaßen gezwungen, sich der Hebräischen Sprache zu bedienen, da sie die einzige Sprache ist, die die verschiedenen Landsmannschaften, die Aschkenasint, die Sefardim, die Jemeniten, die Bucharen, die Perser usw. verbindet. So hat sich die hebräische Sprache zu der eigentlichen Umgangssprache herausgebildet, in der die verschiedenen Gruppen miteinander verkehren, und es gibt auch viele Christen und Araber in Jerusalem, die mehr oder weniger hebräisch sprechen. Tie hebräische Sprache wirkt, einend v und aussöhnend .zwischen den Juden der ver-s schiedensten Länder und besorgt'auch oft das; Geschäft der Heiratsvermittlungen zwischen Asch< kenasim und Sefardim.,• Man hört oft den Vorwurf, das Palästina• und besonders Jerusalem uns keine allzu-' hervorragenden Thoragelehrten gegeben habe, wiewohl dort das jüdische Wissen eine so rationale Pflege hat. Wollten wir jedoch zusammenzählen, was Palästina und besonders Judäa an wertvollen Büchern und an geistigen Pro-' dukten dem Judentum bereits geschenkt hat, so würden die Nörgler bald ihre irrige Auffassung einsehen und sich darüber wundern, daß eine jüdische Ansiedelung, die noch nicht ganz 50 Jahre alt ist, in solchem Maße die jüdische Literatur, die rabbinische wie die moderne, bereichern tonnte. Soweit die Darstellung im die von einem gründlichen Kenner der Verhältnisse herrührt und, mögen Fehler im einzelnen auch nachweisbar sein, doch im großen Gänzen ein zutreffendes Bild von der wirtschaftlichen Schichtung der Jerusalemer Bevölkerung gibt. Die Sprache, die diese Ziffern reden, sollte endlich einmal weitere Kreise des Publikums, von dem stark übertriebenen Charakter der Anklagen selbst gegen die osteuropäische „Chaluka" überzeugen. Der kärgliche Zuschuß, den diese Chaluka der Bevölkerung gewährt, mag wohl in vielen Fällen die Einwanderung ermöglicht, ja sie provoziert haben, einen AnreizzumNichtst u n bietet er keinesfalls. Tie Chaluka hat die städtische Ansiedelung in Palästina geschaffen; wer diese Ansiedelung beÄagt, wer es lieber sähe, wenn Jerusalem heute eine rein arabischchristliche Stadt und die paar Tausend Seelen jüdischer Bauern damit ein völlig verschwindendes Element in sozialer und volkswirtschaftlicher Hinsicht wären, der mag einen Stein auf die Institution der Chaluka, als solche Wersen. Weiterblickende Beurteiler dagegen werden Ehrfurcht empfinden vor dem geschichtlichen Werdegang, der die im europäischen Osten ausgestoßenen Russen in die Heimat der Väter zurückgeführt, und zugleich vor der Institution, die den wesentlichsten Faktor für diese Entwicklung der Dinge bildet. Das soll freilich nicht hindern, die Augen offen zu halten und den furchtbaren wirtschaftlichen und kulturellen. Problemen, die »o. 26. Ccfo *. sich aus jener Massenansammlung ergeben, ins Angesicht zu schauen. Es gilt heute, jede Mr irgend erspähbare. Möglichkeit zur Schaffung produktiver Erwerbszweige im heiligen Lande zu ergreifen, mag das vorläufig auch nur vn Kleinen möglich sein. Und es gilt weiter, im Angesicht der. letzten. Ereignisse, , sich nicht in herzlosen Berrufserklärungen und hochmütigem Moralisieren über die „Schlechtigkeit" einiger Anstaltsunternehmer zu ergehen, sondern lieber Hand arMckegen,, .daß unter zuverlässiger Leitung solid fundierte Wohltätigkeits- und Thoralehr-Anftalten zum Ersatz der alten ins Leben gerufen werden, soweit xin Bedürfnis.dafür vorhanden ist. Wäre es der JubenheitWesteuropas und Amerikas etwa finanziell unmö glich, für die 700 Greise und Greist n n c n, die jetzt durch die deutsch-holländische Verwaltung ernährt werden, ein Altersasyl ins Leben zu rufen? Wir erwähnen diese eine, unmittelbar drängende Aufgabe, weil ihre Lösung relativ am leichtesten wäre, und weil dabei alle religiösen Richtungen sehr wohl zusammenwirken könnten. Nicht minder wichtig wäre die gründliche Fundierung und Reorganisation des großen Diskin'schen Waisenhauses, in dem Hunderte von armen verlassenen Wesen zwar eine Art „Obdach", aber eine völlig unzureichende Pflege finden, der Wiederauftau der zerstörten oder notleidenden Jeschiboth durch alle diejenigen, denen das Wort min N2Cn -jvxo "D mehr als bloß figürliche oder historische Bedeutung hat. Das Bewußtsein, daß mit all dieser Litzbesarbeit /keine wirtschaftlichen oder gar politischen Probleme im Großen gelöst werden, darf uns nicht daran hindern, auch ihr ernstes gemeinsames Wollen zuzuwenden und in der Rettung einer Seele vor physischem oder geistigem Hinsterben eine Aufgabe voll höchster sittlicher Würde zu erblicken. Koch«mmffcha«. vle PatiltÄmpke in Oefterreidi. „Die einstige christlichsoziale Eroberung von Wien ist die höchste Gefahr für das deutsche bmlen unb Jnsichgehcn gebieterisch gefordert und gebeten wird. Tenn offen und klar zeigt sich das Ewiggöttliche des Judentums, das Unveränderliche der veraltet gerneinten filmischen Religion. Und eins dieser Momente, die den Menschen gebieterisch zum Nachdenken aufforderrr, bilden bei einem tieferen Einblick in das Weserr der Sache, die Blumentage unserer Zeit. Gewiß, für eine gewisse Sekte im Judentum, der die ganze jüdische Religion nur Seelenfeier, Jahrz.'it lind — Grabhügelpflegc bedeutet, erscheint diese Veranstaltung nicht als Neuigkeit. Man durchbtätter; nur den Etatbericht einer der größten Gemeinden Europas und man wird unter der Rubrik „Einnahmen aus der Blumenpflege der Grabhügel" folgende Notiz finden: Ueberschnß aus der Dekorierung der Gräber mit Blumen, sage und schreibe 185 000 Mk. Blumentage spielen sich in „Weißensee" tagtäglich ab. Wie gesagt, für einen Anhänger eiin's solchen schönen Totcn-Blumen-Knltus gewähren diese Festlichkeiten keinen Anlaß, geben ihrrr keinen Airstoß zum Nachdenken. Für uns „Rückschrittler" dagegen, die wir air dem Grundsätze des Propheten Jeremia festhalten 122 /12112271 bti,, „Beweint nicht den Toten trauert nm den lebendig Untergehenden". Zu deutsch: Tie Religiorr sei für dick kein Totenkultus, das höchste Gut entspanne vielmehr alle Fasern deirres irdischen vergänglichen Lebens, gestalten sich solche feierliche Akte, solch; festliche Aufführungen zu einem neuen Betveis dafür, wie die Vorschriften der Thora rein und von ewiger Dauerhaftigkeit sind, trotz drahtloser Telegraphie unserer Zeit. Was besagt und bedeutet die neueste und modernste Erfindung? Schöne Jungfrauen, und zwar nur die allerschönsten sollen mit ihrem lieblichen Reiz, mit ihrer bezaubernden Anmut auf den verkehrsreichsten Straßen jedem jungen Manne ein Bouquet anbieten, um so das Herz der Männer zu fesseln, und in ihren Bann zu ziehen und, was ja die Hauptsache sein soll, um auf diese Weise ihr Geld flüssig zu machen, daß di; Jungfrauen womöglich reichlich beschenkt werden. Mau sieht, eine ganz neue Entdeckung.'! Es liegt uns nun ganz fern, die einzelnen sittlichen Bedenken gegen diese Veranstaltung, die von ernster «eite bereits in der politischen Presse betont und hervorgehoben wurde, hierorts lang und weit zu wiederholen und ihre Richtigkeit zu erhärten, wenn wir auch wenigstens zwei Punkte nicht ganz unbeachtet lassen inöchten. Bereits in Psalm lesen wir lö^Ö f2D 712 12122 22 (Ps. 45, 14). Ein jüdisches Mädchen (im Sinne von Sabb. j 28 - ü'OSb '22 dokumentiert ihre Ehre, Würde und ihr Selbstbcwußtsein einzig und allein, wenn es sich würdig als Priesterin im Innern des Heiligtums des jüdischen .Hauses zeigt. In diesem Sinne wurde von den Weisen des Talmuds bestimmt, daß es einer Frau als schweres sittliches Vergehen angerechnet werden darf, wenn sie sich aus offenen Straßen zur Schaustellung hinstellt und sich daselbst in dieser Absicht zeigt rr® ntftni ikarw mim m 2p mniri (Netub. 7,. 6) ,131712 »*?2 n«2V pW2 111-) , Es ist nun bereits die Tatsache erfreulich, daß diese talmudische Auffassung von der Tugend einer jüdischen Frau jetzt fast allgemein geteilt und Proteste gegen besagte Veranstaltung da und dort sich wiederholen. Auch eine zweite Frage, was eigentlich mit diesen Unsummen Geldes geschehen wird, darf nicht ganz verschwiegen bleiben. Das ganze Vorgehen hat mit Patriotismus gewiß nichts zu tun. Ob sich jemand daran beteiligt oder nicht, beweist weder für noch gegen feine Vaterlandsliebe. Vielmehr ist dies Unternehmen nur ein rein phrlanthropisches und in; diesem Sinne haben auch die Mhischen Wohltätigkeitchwreine den Anspruch, an allem Erlös sich zu beteiligest. Ties umso mehr, als bekanntlich die „Protzen " - Juden, uns Berlin W ihren W o h l t ä t i g ke i t s s i tt n " nm meisten bei solchen Veranstaltungen zeigen. Es liegt nun im Interesse der jüdischen Vereine, worin sie bei Zeiten noch vor der Veranstaltung ihren Anteil sichern. Tenn wie die Erfahrung lehrt (letzthin Wicnh haben die Juden nur das Nachsehen und höchstens, nach antisemitischer Auffassung, was die „Juden- Nt ä d e l" für sich „ e i n st e tf c ii". Tie Vorstände der Wohltätigkeitsvereine haben dann die Pflicht, das Resultat ihrer Bemühungen noch „vor der Veranstaltung" in den jüdischen Zeitungen zu publizieren .... Aber die beiden berührten Punkte treten für uns angesichts der Tatsache an sich vollkommen in den .Hintergrund. Wie weit sind wir gekommen? Hat üsts die Kultur neue religiöse Werte gebracht? Vermag sie, ohne Judentunk, unser Inneres zu veredeln, versittlichen? Empfindet der moderne Jude, der mit 'seinem Judentum bereits gebrochen, und ihm nur ,noch der Naene übrig blieb, tiefer das Leid des Anderen? Junge Mädchen müssen aus diese Weise das lveld aus den Taschen locken!! Gehen wir und sehen wir, wie eigentlich und durch welche Mittel der russische, polnische und galizische Jude, wo west-' europäische „Kultur" das Judentum noch nicht verdrängt, wo das letztere allein bestimmend ist, sich von „seinem Mammon" befreit; braucht man auch solcher Künsteleien, werden auch da solche fragwürdige Mittel verwendet? Ein Losungswort hat für den gesetzestreuen Juden mehr Anziehungskraft, vermag besser und in reichlicherem Maßje bas Geld aus der