Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1911)
- Date
- 1911-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wer gfttt 2 Wt. 25___ tistischen Bureaus. Darum Wunen die angefühiv- Zahlen, wenn sie auch der Wahrheit sehr nah? romwcn, keinen Anspruch auf Genauigkeit machen. Die Zahlen stammen von einem Manne, der, an der Spitze eines bedeutenden Institutes stehend, sie von den Vorständen der verschiedenen Kolalim erhalten hat, behufs Verteilung vvn Pessah-Mehl, ivelches er von Deutschland erhalten hatte. Schätzungsweise stellten auch genaue Kenner Palästinas die Zahl der Juden, die keine Chaluka empfangen, auf 4000 Personen fest. So ergibt sich eine jüdische Gesamtbevölkerung von 44.370 Personen. Ungenau kann diese Liste höchstens in Bezug auf einige Dutzend Chaluka-Empfänger sein, die vielleicht mittlerweise gestorben waren und doch noch im Register als Empfänger figurierten. Ganz ausgeschlossen ist es aber, daß ein Beamter oder Gemeinde-Chacham nur eine Person seiner Gemeinde übersehen .und ihr dadurch die ihr zugedachte Unterstützung entziehen konnte. Sehr wahrscheinlich ist es aber, daß die Zahl derjenigen, die keine Chaluka empfangen, nicht genau angegeben ist. Wer auch hier kann es sich nur um einige Hundert handeln. So kann die Zahl der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, auch sehr hoch gegriffen, nicht mehr als 45.000 betragen. Im Laufe der zwei Jahre, die auf die angeführten Listen gefolgt sind, hat zwar die jüdische Bevölkerung durch den natürlichen Zuwachs wie durch Einwanderung eine kleine Verschiebung erfahren, aber andererseits hat auch eine starke Auswanderung infolge der allgemeinen Krisis eingesetzt. Es ist also klar, daß sich die jüdische Bevölkerung nicht wesentlich vermehrt haben kann. Es ist ' wohl wahr, daß etwa 200 neue Häuser in diesen zwei Jahren entstanden sind, dagegen sind es aber etwa 600 Wohnungen, die unbewohnt stehen. Herr A. M. Luncz gibt in seinem Kalender für dieses Jahr die Zahl der Juden in Jerusalem mit 48.400 an. Es ist anzunehmen, daß seine Gewährsmänner eine genaue Statistik der Verstorbenen und Ausgewanderten nicht ausgenommen haben. Aber auch wenn wir die Luncz schen Zahlen als genau anerkennen, weist doch Jerusalem 11600 Juden weniger auf, als allgemein angegeben wird.. Auf welche Weise ernähren sich die jüdischen Massen? Infolge der gewaltigen Teuerung der Lebensmittel, wie sie hier seit einigen Jahren herrscht, muß man für die Lebenshaltung einer jeden Person mit 12 Frs. pro Monat rechnen. Selbst wenn die Nahrung auf das notwendigste beschränkt wird, auf die „Y e m e n i t i s ch e K o st", wie man hier zu sagen pflegt, m!uh man doch mit 8,50 Frs. pro Person und Monat rechnen. Einen solchen Betrag erhalten jedoch nach obiger Liste nur 3270 Personen aus den Kolalim: Ungarn, .Sieberbürgen und Amerika. Die anderen erhalten aber folgende mehr als kärgliche Beträge : 3200 Pers. 2500 „ 3000 „ 3500 „ 2800 „ Warschau u. Suwalk Berditschew (i"an) . Galizien . . . . Wilna und Samut. Grodno . . . . Wolynien, Czitomir und Beffarabten Reißen.... Minsk .... Pinsk und Karlin Rumänien . . v/ lo 66 52,8 „ 40 „ 26,4: * 21,12 „ 3600 700 1200 1800 600 13,2 „ 15,84 „ 10,56 „ 7,92 „ 20 „ im Ganzen 22,900 C3 sO e 5 JCt Mit Worten aus gedrückt heißt das, nur etwas mehr als 3,27 o/o von den Aschkenasim! finden ein — äußerst kärgliches — Auskommen durch die Chaluka. Etwas weniger als 6,25 o/o erhalten nur die Hälfte, und der Rest erhält den vierten, fünften oder auch nur zehnten Teil von dem zur Lebensfristung notwendigsten Betrage. Zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem leben somit von der Chaluka überhaupt nicht, und die übrigen genießen sie nur zum sehr geringen Teile. Und da diese Leute dennoch leben, und die Zahl derer, die des Hungers oder infolge der Unterernährung sterben, in Jerusalem nicht größer ist als die in Wilna, Warschau und Odessa, so muß doch notwendig angenommen werden, daß sich in Jerusalem noch andere Erwerbsquellen! befinden. Es sind dies folgende Erwerbszwnge: 1. Handel mit Gütern, die außerhalb des Landes liegen, 2. Güterhandel im Lande, 3. Handel, Handwerk und Lohnarbeit in Jerusalem selbst, 4. Unterstützungen durch Familienangehörige im Auslande, 5. Bettel und zufällige Spenden. Genaue Zahlen über die Angehörigen dieser einzelnen Erwerbszweige fehlen uns. Man ist daher auf Vermutungen und Schätzungen angewiesen. Diejenigen, die der Wahrheit am nächsten liegen, geben an, daß vom Erwerbszweig 1. 5,000 „ 2. 5,000 „ 3. 22,000 „ 4. 5,000 „ 5. 3.000 Personen leben im Ganzen 36,000 _ 22. JUNt 1911 Der Rest setzt sich eben von denen zusammen, die ganz oder teilweise von der Chaluka leben. Natürlich sind all diese Zahlen, wie schon gesagt, nichts weniger als genau. Es ist aber zweifelsfrei klar, daß fast die Hälfte unserer Brüder in Jerusalem sich, wenn auch höchst kümmerlich, von ihrer Hände Arbeit, oder durch Geistestätigkeit ernährt. Tie meisten arbeiten als Tagelöhner, Handwerker usw. und sind im Kleinhandel sowie in allen Gewerben tätig. Es gibt auch welche, die als Haus- und Güterbesitzer ihr Auskommen finden. Ist es immerhin noch traurig genug, daß etwas mehr als die Hälfte unserer Brüder in Jerusalem mehr oder weniger auf die Chaluka angewiesen ist, so kann doch mit Freuden konstatiert werden, daß in den letzter! dreißig Jahren sich 20.000 Juden in Jerusalem angesammelt haben, die sich durch eigene Kraft und Arbeit ernähren; und selbst mit den Chaluka-Empfängern brauchen wir uns nicht sonderlich zu schämen, so wenig vor den Mohammedanern wie vor den Christen Jerusalems, die ja ebenfalls ein ausgedehntes Unterftützungswesen erhalten. Jerusalem zählt zurzeit 75.000 Personen, darunter 10.000 Mohammedaner und 17.000 Christen. Daß es den elfteren gut geht, braucht uns nicht zu verwundern, da sie ja die Herren des Landes sind und den besten Boden in der Stadt und in der Umgebung besitzen. Und trotzdem bilden die Bettler den zetznten Teil dermo ha me dänischen Bevölkerung der Stadt. Man braucht nur die Armenhäuser in der Gegend des Morijah-Berges zu betrachten, um sich einen Begriff vvn ber gräßlichen Armut, die in diesen Kreisen herrscht, zu machen. Was aber die Christen Jerusalems betrifft, so ist es auch selbstverständlich, daß. die unzähligen Geistlichen, Mönche und Nonnen nicht von ihrer Hände Arbeit leben. Aber selbst unter der christlichen Laienbevölkerung stellen die Empfänger von Unterstützungen ein großes Kontingent. Denn die Unterstützungskassen, die durch fromme Gaben aus dem Auslande erhalten werden, und deren Zahl hier sehr groß ist, stehen den armen Leuten in jeder Beziehung bei. Wirtschaftlich hoch stehen nur die deutschen und amerikanischen Niederlassungen. Die anderen Christen in Jerusalem haben in dieser Beziehung vor uns gewiß nichts voraus, obzwar sie im Besitze der Macht sind und sich fast der Unterstützung des ganzen Weltteils erfreuet!. Wir resümieren: Nur ca. 4200 Juden, Aschkenasim und Sefardim, leben vollständig von der Chaluka, d. h. 1/12 der jüdischen Mnwohner- Aleine» Feuilleton. Die Ausgrabungen der Deutschen Orientgeseüscbaff. Xer in seiner Hauptversammlung am 13. Juni erstattete Jahresbericht der „Teutschen Orientgesellschast" ist jetzt im T-rucke erschienen und enthält ausführliche Mitteilungen über die neuesten Funde und den Stand der Ausgrabungsarbeitcn im Oriente. In Babylon ist im Jahre 1910 an der Nordostecke des Kasr, im Stadtgebiete „Merkes", an der „Sachn", an den Arachtu-Mauern und an dem Haupttempel „Esagila" gegraben worden. Tie Hauptarbeit lag" an der Rordostecke des Kasr. Hier ist die mächtige Endstation von einer Festungsmauer freigelegt worden, durch welche die östliche der beiden, die Prozessionsstraße begleitenden Mauern in einer nach Norden vorgreifenden Verlängerung abgeschlossen wurde. Taran anstoßend liegen die starken Mauern eines Monumentalgebäudes, mit dessen Ausgrabung man gegenwärtig beschäftigt ist. Weiter freigelegt sind drei parallele Maucrzüge, die sich an diese Berlängerungsmauern anschließen. Sie erstrecken sich ungefähr 400 Meter nach Osten und stellen, mit vielen Türmen bewehrt und von zahlreichen Pforten durchbrochen, ein' höchst interessantes Ausfallsvorwerk der Akropolis von Babylon dar. Unter den an ihren Zügen zutage getretenen Gräbern zeichnet sich eines durch reiche Agaven, ein anderes durch die realistisch anthropoide Form seines Tonsarkophages aus. In dem Wohngebiete „Merkes", südöstlich vom Kasr, ist die Freilegung der Straßenzüge nach allen Richtungen, namentlich bis zum Anschluß au die Proz.ssiousstraße vorgeschritten mit den in dieser Gegend gewohnten Kleinfunden. Eine der durch die Straßen gebildeten Jnsulae bildet ein T e nl p e l aus N e b n - kadnezars Zeit; Pfeiler- und Nillenschmuck und besonders die schwarz-weiße Wandbemalung daran sind wohl erhalten. Er lieferte Tabletten, eine Ouyxschcibe in Goldfassung und ztvei Tonstatuetten mit Inschriften aus den Fundamentkapseln des Cellapostaments. Für die Topographie von der größten Bedeutung erwies sich die Freilegung der drei großen Mauern zwischen Kasr und Amran: der sogenannteu Arachttl- Mauer N a b u p ol a s s a r s und N e b u k a d n e z a r s und der 7 Meter dicken Euphrat-Mauer Nabvnids mit ihren vielen Pforten und Türmen, wie sie von griechischen Schriftstellern beschrieben wird. Innerhalb des Nabonid-Mauerzugs kam am Amran eine große Toranlage zutage, die wahrscheinlich das „Urasch-Tvr" darstellt. Von ihm aus führte über den Euphrat die im Altertum oft gerühmte Brücke, von welcher acht Strompseiler bisher ausgegraben sind. Bei diesen Arbeiten erschienen Ziegelinschristen Sargons, Nabupolassars, Nebukadnezars und Nabonids, die sich auf Etemenanki und Esaqila beziehen; auch ein Materiallager mit vielen Kleinsachen ist dabei gefunden. Jil A s s u r wurde unter Herrn Tr. Andreas Leitung im Jahre 1910 der große Asur-Tcmpel und das mittlere Stadtgebiet bearbeitet. Tel' A s U r - Tempel, unter und bei der heutigen Kaserne, ist mit all seinen Räumen und Hofen fast vollständig ausgegraoen, sodaß auch die im Laufe der langen Zeit von Uschpia bis Sanherib vorgenommenen Um- und Neubauten schon ziemlich klar zu übersehen sind. Gefuriden wurden an Einzelheiten; Emailleziegel Tiglathpilesars und der Sargoniden, Angelsteine 2ab manassars und Samsiadads zum Teil in situ, Teile eines loloffafeu Reliefstiers, ein Keulenknauf Salmauassars I., die archaische Inschrift eines Patesi, eine Alabastertablette Tukultininibs I., ein Weihtäfelrhen Asarhaddons, eine in Blei ausgegosfenc Inschrift aitv parthischer Zeit, ein bedeutsames archaisches Relief, eine T-ioritskulptur im Stile amurabis, ein Adao- Relief und eine Atabastertablette Salmanassars I. In A egypte n hat die Deutsche Orient-Gesell schuft im Berichtsjahre keine Ausgrabung unternvm men. Zu Anfang des laufenden Jahres hat sic fiel) auch diesem Forschungsgebiete wieder zugewandt, i>,- tem sie im Aufträge des Herrn Tr. James § i m o » die planmäßige Untersuchung der Ruinen von Teilet- Am arn a in Angriff nahm, deren Leitung wi?de rum in bat Händen von Professor Borchardt lag. Eine Mitteilung über die Ergebnisse bleibt füglich dem nächstjährigen Berichte Vorbehalten. Die modernen Blumentage und das „veraltete" Judentum Bon Dr. A. Reuwirth in Berlin. Die Fortschritte und die Errungenschaften des menschlichen Geistes machen sich auf allen Gebieten des tausendfältigen öffentlichen Lebens bemerkbar. Tag täglich feiert die Technik neue Triumphe, tagtäglich vervollkommnet sich das Zeitalter der Entdeckung. Und in diesem Hasten und Toben des Vorwärts sch reitens werden zumeist die heiligsten Güter mit Füßen getreten. Und nur von Zeit zu Zeit gelangt man an einen Punkt, wo Rückschau und Ausschau, wo Nach-