Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1911)
- Date
- 1911-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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«r. 24. Seite k 16. Juni 1911. _' sei. Loeb-Frankfurt erklärt, nach Einsichtnahme in das ihm von Herrn Senator Fischer vorgelegte Material, daß er allerdings an dem subjektiven guten Glauben des Herrn Senator Fischer nicht zweifeln könne, daß aber auch andererseits die ihm von seinem Gewährsmanne zugegangene Mitteilung sehr wohl verständlich sei, da die vorgelegten Protokolle es durchaus fraglich erscheinen lassen, ob hier ein „Verband der Shnagogenvorste her" oder aber der Synagogengemeinden vorliege und einem großen Teile der letzteren von einem solchen Verbände nichts bekannt sei. Es folgt die Wahl der Kommission - es werden u. a. gewählt: Justizrat Dr. Friedmann, Glogau, Dr. Klee-Berlin, Dr. Kollenscher- Posen, Loewy-Rawitsch, Dr. Werner-München, Loeb-Frankfurt a. M. u. a. Mit Dankesworten für die Leitung der Versammlung wie des Vorstandes schließt der Ge metndetag. * * * Nach der Schlacht. Die Schlacht im D. I. G. B. ist geschlagen. Der Anblick der Walstatt zeigt weder Sieger noch Besiegte, und es scheint, als werde erst die Zukunft die Entscheidung bringen. Doch es scheint nur fo; in Wahrheit ist die Entscheidung bereits gefallen und der Satzungsentwurf ist für absehbare Zeit erledigt. Ein solches Attentat aus die Rechte der kleinen und mittleren Gemeinden konnte nur — wenn überhaupt — im ersten Anlaufe gelingen. Wenn es dem Ausschuß gelungen wäre, bei der Bekanntgabe der Satzungs-Aenderung bereits seine gewohnten Vollmachten zu erlangen, so wäre es ihm vielleicht möglich gewesen, seinen Plan auszuführen. Jetzt ist das nicht mehr möglich. Der Ausschuß selbst schien seine Sache von vornherein verloren zu geben, darauf deuteten verschiedene Anzeichen. So glänzte Justizrat Blau-Frankfurt a. M. durch Abwesenheit, das Referat über den Entwurf hielt nicht einer der Führer des Ausschusies, sondern ein in den weitesten Kreisen unbekannter junger Rechtsanwalt mußte in die Bresche springen. Der Korreferent, Herr Landgerichtsrat Löwe, verzichtete aufs Wort. Herr Prof. Philippsohn, energisch nach den Gründen der Satzungsänderung befragt, wußte, in die Enge getrieben, nichts Besseres anzuführen, als ein paar turbulente Szenen vom letzten Gemeindetage! Dem gegenüber hatten die Gegner des Entwurfes einen leichten Stand. Unter den wuchtigen Hieben, mit denen die Herren Friedmann, Klee und Loeb den Entwurf bedachmus. Es imponiert uns nicht mehr, wenn Consuln, Generalkonsuln, geheim2 und offene Räte pnd Kommerzienräte, oder Senatoren, als schwache Redner das Wort ergreifen. Unsere jüdischen' Massen, die sich delegieren lassen und jüdischen Versammlungen und Borträgen beiwohnen, sangen an kritisch zu denken und demokratischer zu empfinden. Ein fast unglaubliches Kuriosum, angetan die eine abgekartete Mache vermutende Versammlung zu lauten Entrüstungskundgebungen zu veranlassen, war die Mitteilung vom Borstandstisch her, daß um fünf Uhr die Versammlung abgeschlossen sein müsse, weil — — man kann es kaum glauben! — im Bersammlungssaal. lachen Sie nicht, verehrte Leser! eine Hochzeit stattfinden werde. Also eine Bersammlung, die 1000 jüdische Gemeinden vertritt, zu der aus.den fernsten Teilen des Reiches die Abgeordneten, einige nach 16stündiger Fahrt, nach der Rcichshauptstadt eilen, muß, ihre Beratungen entweder kürzen oder abbrechen, damit eintzochzeits mahlzeitig st a t t f i n d e n kann! Difficile est satiram non scibere. Wir wollen sie nicht schreiben — weil wir uns schämen. So endete das jüdische Eintagsparlament in der Stadt der Intelligenz. Nur ein herzhaftes Lachen kann die zornesvolle Brust erleichtern. Elchanan. (Der Präsident der amerikanischen Union auf einer jüdischen Kanzel.) Jüngsthin fand in einer großen Synagoge New-Dorks et.it Gedenkfeier für den bekannten Patronat Chaim Salomon statt, der in den Revolutionsjahren sein ganzes Vermögen dem Staate gewidmet hatte. Auch Präsident Taft war Der Jsrarltt._ len, fiel das künstlich aufgesührte Gebäude schnell zusammen. Umsonst suchten die Vertreter der Großgemetnden die Delegierten der Opposition mit dem Austritte ihrer Gemeinden aus dem Bunde zu schrecken/ umsonst zitierte Herr Dr. Cohn — Dessau Lasalles meisterhafte Abhandlung „über Verfassungswesen"; umsonst schwebten die Friedensboten in den Reihen der Opposition auf und nieder, um ein paar Konzessionen als Unterlage zu dem ach so heiß ersehnten Kompromiß zu erlangen. Die Führer der Opposition blieben fest, in der richtigen Erwägung, daß jedes Nachgeben das Betreten einer schiefen Ebene bedeute, und die Delegierten hielten auch ihrerseits treue Gefolgschaft. So kam das heitere Schlußbild zustande: die Väter des Entwurfes, ängstlich bemüht, ihr Geistesprodukt vor einer entscheidenden Abstimmung zu bewahren, um ihm durch eine Vertagung noch ein Scheindasein zu fristen/ die Gegner mit frischem Mute auf eine Entscheidung drängend. Die Erwägung, daß man dem geschlagenen Feinde goldene Brücken bauen soll, führte wohl auch manchen Gegner des Entwurfes dazu, für die Vertagung zu votieren, und so kam es, daß der Vertagüngsantrag durchging. Für uns besteht kein Zweifel, daß diese Vertagung, wie es der Bericht der „Franks. Ztg." ausdrückt, ein „Begräbnis erster Klaffe" bedeutet. Wer aber anderer Meinung sein sollte, der tröste sich mit dem Wort des Altmeisters Goethe: „Heute, nur heute laß' Dich nicht fangen, Dann bist Du tausend Mal entgangen." (Wir kommen auf die Verhandlungen des Gemeindetags und das Ergebnis unsererseits noch zurück. Red. d. Jsr.) Kochrurimöscha». lleberfälle unö Ausfälle in Paläfiina. Die Ueberfälle auf jüdische Kolonien, von denen die Politischen Zeitungen jüngsthin in etwas aufgebauschter Form berichteten, und die wir im Nachrichtenteil der heutigen Nummer auf ihren wahren Tatbestand zurückzuführen in der Lage sind, haben einem der jungjüdischen Kulturträger Palästinas, dem vielversprechenden Sohne des bekannten Ben Jehuda tn) die Feder zu einer „Richtigstellung" in die Hand gedrückt. In unter den Gästen und hielt eine Rede, die durch folgende markigen Stellen ausgezeichnet war: „Der Mann mit dem Schwert und den Epauletten, der General auf dem Schlachtfelde ist nicht der einzige Patriot, dem ein Land pu Tank verpflichtet ist. Zum Kriege ist auch Geld notwendig und Ch.aim Salomon hat aus eigener Tasche große Summen Geldes zur Verfügung gestellt, das den Begründern der amerikanischen Republik damals wie eine Erlösung aus größter Not und Verlegenheit zustatten kam. Jeder Bürger, der in diesem freien Amerika lebt, weiß es ganz genau, daß keine unserer großen Wohlfahrtsanstalten und unserer der Förderung der Kultur dienenden Institutionen hätte entstehen oder erhalten w:dren können, ohne die Unterstützung der Juden. Ich bin stolz auf die Tatsache, daß die Juden in Amerika eine Freiheit und Gleichberechtigung genießen, wie dies nur in sehr wenigen anberen Ländern der Fall ist. Damit Witt ich aber keineswegs behaupten, daß wir hier keine sozialen Vorurteile haben Ich will damit nicht behaupten, daß es hier nicht auch gesellige Klubs und andere Plätze gibt, in denen Menschen mit kleinen Köpfen glauben, daß sie dadurch sehr große Männer geworden sind, daß sie Juden aus ihren Kreisen ausschließen. Ist das nun auch ärgerlich und aufreizend, so ist es immerhin nicht das Schlimmste, das Einem passieren kann.. So etwas ist übrigens auch meinen christlichen Freunden passiert, die von Menschen aus Klubs ausgeschlossen wurden, die nicht einmal würdig sind, die SchuhrieMcn der Ausgeschlossenen zu lösen. Es sind das Menschen, die außer in ihren Muss, sonst nirgends Einfluß haben oder Ansehen genießen. Ich gebe, wie gesagt, zu, daß so etwas ärgerlich ist, aber ein ganzer Mann ist der, der von Selbst- Nummer 120 des „Hazefirah" macht er sich über die übertriebene Angst, die die palästinischen „Progrome" in manchen jüdischen Kreisen auslösen lustig und bezeichnet es als einen Unsinn, mit diesen Ereignissen, die für ihn sogar eine „tröstliche" ja „erfreuliche" Seite haben, die Vorstellung einer Judenverfolgung, wie sie in manchen Ländern der Diaspora üblich ist, zu verbinden. Das alles ist ja recht und schön, und auch wir sind weit davon entfernt, die Sache zu übertreiben und die Schandtaten arabischer Diebesbanden, die in einigen jüdischen Kolonien aus Raub- und Rauflust blutige Schlägereien hervorgerufen haben, gar zu tragisch zu nehmen. Aber nicht an dieser Richttgstellung liegt dem jungen palästinensischen Federhelden. Ihm ist es vielmehr darum zu tun, an Hand dieser Ueberfälle den Beweis zu liefern, daß „wir nun endlich ausgehört haben, ein Bettelvolk zu sein, ein Volk, das ängstlich und unterwürfig zu einem größeren und stärkeren Herrenvolke emporschaut, daß wir uns in Palästina den Tagen Josuas nähern, (?) in denen Israel ein Volk voller Kraft und Energie war, von einem festen Willen und vorwärtsdrängenden Streben beseelt." Auch gut. Das Schlagwort vom Muskelj u den tum ist nun ein Jahrzehnt alt und hier lag die Versuchung es zu gebrauchen, doch wirklich sehr nabe. Wer wollte nun unserem jungen Nationalhelden diese geharnischte, kampffrohe Sprache verübeln, da in den jüdischen Dörfern seiner Heimat Revolverschüffe ertönen und Kriegsruf erschallt? Aber nun kommt es noch schöner: „Wahrlich, sagt er, der schöne Traum vieler unserer modernen Propheten, der auf den göttlichen Träumen der alten Seher fußt, daß wir nicht mit eigener Kraft unser Land zurückgrwinnen werden, dieser schöne Traum verfliegt und zerfließt vor unseren Augen wie Rauch und Dunst. Gewiß gibt es deren roch genug, die auf halbem Wege stehen bleiben und fich unsicher fragen, ob eS wohl nicht bester fei, noch etwas bescheiden zurückzutreten und in passtver Stellung auszuharren bis eines TageS der large.sehnte Erlöser kommen wird. Wir indessen, wirkte Söhne Palästinas, die wir unsere Rechnung mit dem GoluS für immer abgesch'offen haben, (?) wir sagen und erklären, daß unser Ziel nur durch eigene Kraft zu erreichen ist, durch anhalt nde und fortdauernde Arbeit, durch festen und klaren Willen. Wir find besten überzeugt, daß die Opfer, die unsere Pioniere auf dem Boden der Väter gebracht haben, wett schöner find als alle' Träume unserer großen Schwärmer, und baß eS eben diese Opi er sein werden, die, vielleicht ausschließlich, unS zum Endziele führen werden, zu dem Ziele, nach dem wir bis heule vergebens gestrebt haben." Das find stolze Worte, zu denen die Ueberfälle, so harmlcs wir sie auch beurteilen wollen, doch gewiß nicht den geeigneten Anlaß geben. Der BHm 3W ist wie der jarn 21V" reich an Leiden, an ip# ‘‘"HD’». Daß aber diese Leiden und Kämpfe irgend jemand dazu führen konnten, seinen Glauben an unsere jüdische achtung erfüllt ist, und weiß er einmal, daß f>in Beleidiger nicht würdig ist. Seinesgleichen zu sein, so wird er stets höher stehen, als sein Kritiker und Beleidiger." (Michel merkst du was?) Es ist ein gutes Zeichen, daß die Antisemiten mit dem heutigen Regime in Deutschland höchst unzufrieden sind. Seit einigen Jahren versäumen diese braven Vaterlandsretter keine Gelegenheit, auch die Person des Kaisers, allerdings in einer so zweideutigen Weise, die vor dem Majestätsbeleidigungsparagraphen mit knapper Not sckützt, zu beschimpfen. Neulich las man in der „Staatsbürgerzeitung" in einer Anspielung auf ein eventuelles Unternehmen des Kaisers das biblische Wort: „Tie Wege des Herrn sind wandelbar . . ." Jetzt entrüstet sich die gute Staatsbürgerin in ihrer Nummer vom 9. Juni unter dem Titel „Gäste des Kaisers" darüber, daß der New-Aorker Großbankier Jakob H. Schiss "am Samstag vom Kaiser in Privataudienz empfangen wurde. Während seines Besuches in Berlin hätte, wie das Antisemitenblatt zu berichten weiß, Mr. Schiff mit jüdischen Kreisen konferiert, mit denen er für die Linderung der Lage der russischen Juden wirkt. Auch mit den ersten Berliner Bankkreisen nahm Mr. Schiff Fühlung, mit denen seine Firma in reger Beziehung flehe. Bon Berlin aus habe sich Mr. Schiff nach Hamburg begeben, wo er als Gast des Generaldirektors Battin das Pfingstfest verbracht hätte. Stilvoll bemerkt das Blatt, nachdem es haarklein von all dem berichtet: „Battin, Bank- und jüdische Kreise, rustische Judrunot, Mr. Schiff und der Deutsche Kaiser! Michrl merkst du was? —" Ter Antisemiten Schuld wäre es wahrlich nicht, wenn Michel immer noch nicht merken soll, wohin das Treiben der Staatsbürgerkreise führt.