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Der Israelit · 1911-06-15 · Heft 24 (15.6.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 24 (15.6.1911)
Date
1911-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«eite 4 Nr. 24 Tn $*r«!tt. Sie haben iwrljtn Herrn Juftizrat Bär- Frankfurt gehört, der als Vertreter der zweitgrößten Gemeinde hier sprach. Daß aber der Vorstand dieser Gemeinde überhaupt nicht gewählt wird, sondern nach einem veralteten Regulativ aus den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich selbst ernennt, das Ihnen zu sagen, hat Herr Juftizrat Mir vergessen. Auch den Vertreter für Breslau haben Sie gehört. Aber daß man in Breslau, um den Liberalen die Herrschaft zu sichern, eine Entrechtung der kleinen Steuerzahler vorgenommen hat, wurde Ihnen nicht mitgeteilt. Taß in C ö l n, dessen Vertreter auch hier zu Wort kam, eine liberale Majorität nur dadurch vorhanden ist, daß dort ein Treiklassenwahlrecht besteht, wovon die dritte Klasse konservativ, die beiden ersten Klassen liberal wählen, auch das wurde Ihnen nicht gesagt. Sie sehen also, Herr Rechtsanwalt Cohn hat sehr Unrecht, uns nndemokratische Forderungen vorzuwerfen. Würde er diese Borwürfe an seine eigenen Freunde richten, so wären sie weit eher berechtigt. Es war kein sehr erhebendes Schauspiel als vorhin die Vertreter der reichen Großgemeinden einer nach dem andern hier anftraten und ihr Sprüchlein hersagten. Wenn sie mit der Sprengung des „T. I. G. $8." drohen und auf die finanziellen Folgen Hinweisen, die ihr Austritt für die kleinen und subventionierten Gemeinden haben müsse, so lohnt es sich, einmal einen Blick auf die Ziffern zu werfen. Unter den Ausgaben des „D. I. G. B." finden sich an Beihilfen für Gemeinden rund 20 000 Mk., nun zahlen aber diese kleinen Gemeinden selbst einen Beitrag von 10 Mk. pro Gemeinde. Das sind schon 1000X10=10 000 Mk., wegen der übrigen 10 000 Mark halten wir uns an den alten Satz: „ E i n e Gemeinde i st nicht arm!" Gilt das schon von einer einzelnen Gemeinde, so gewiß von einer Bereinigung von vielen hundert Gemeinden. Tie Orthodoxie hat ihre Anhänger ja nicht gerade vorwiegend unter den Reichen und Wohlhabenden, wenn es sich aber darum handeln sollte, die 10 000 Mk. auszubringen, meine Herren, ich glaube, das brächten wir auch ohne die Großgemeinden fertig! (Stürmischer Beifall.) Ten Vertreter der Berliner Gemeinde, der sich so viel darauf zu gut tut, daß Berlin dem Bunde einen -Beitrag von 12000 Mk. gewährt, möchte ich daran erinnern, daß sich unter den Ausgaben des Bundes ein Posten für jüdisch-wissenschaftliche Zwecke (Gcsamtarchiv, Statistik jc.) befindet, der sich gerade auch auf 12 000 Mk. beläuft. Es ist das eine Ausgabe, die ohne Gemeindebund als nobile okkioium die Berliner Gemeinde zu tragen hätte und nach deren Berücksichtigung sich ihre Leistung auf Null reduziert. Es ist heute schon oft von der „ H y p e r - O r t h o - doxie" die Rede gewesen, daß ich nicht umhin kann, auch darüber ein Paar Worte zu sagen. Tie Bezeichnung „Hyperorthodoxie" kann uns nicht schrecken, denn genz hat er sicher zuvor noch nicht umfaßt. Das soll kein exklusives Kompliment sein, auf das Jeder das gleiche Anrecht hat, wie wir alsbald weiter sehen werden. Ziemlich pünktlich wurde die Sitzung eröffnet und von Herrn Prof. Philippsohn, dem Vorsitzenden des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" herzlich begrüßt. Eine gewisse Beklommenheit, mit der Herr Prof. Philippsohn die Versammelten zur versöhnlichen und brüderlichen Zusammenarbeit ermahnte, ließ schon ahnen, daß dieser Saal heute Tänze erleben werde, zu denen eine ganz andere Musik spielen werde, als die ausgesuchtesten Kapellen, die sonst hier zu festlichem Reigen und fröhlichen Stunden zu konzertieren pflegen. Und die erste Tissonanz sollte auch alsbald schrill in die Versammlung klingen. Das Büro des „D. I. G. B.", in dem nur Juden beschäftigt sind, hatte noch den ganzen vorausgegangcnen Freitag abend bis ein Uhr nachts urrd den ganzen folgenden Sabbat fieberhaft gearbeitet, um für den Bersammlnngstag fix^ und fertig zu sein. Dieses Büro im Dienste von über tausend deutschen jüdischen Gemeinden hatte den Sabbat drangegcbcn, «m für Sonntag fertig zn sei«. Ein Dutzend und vielleicht norfi mehr Juden hatten Sabbatnacht und Sabbat, wie Herr Philippsohn entschuldigend sagte: „ f ie b e r h a f t" zu arbeiten, um „fertig" zu werden. Herr Moritz A. Loeb aus Frankfurt, das ja überall in bet jüdischen Welt voran ist, interpellierte Herrn Philippsohn. Selbst bei nicht wenigen der „liberalen" Mandatare löste die Mitteilung Loebs Befremden und Mißbilligung aus. Erst nachdem Prof. Philippsohn feierlich versprach, daß eine solche Sabbatentweihung nie mehr und so lange er im Bund sei, Vorkommen sollte, beruhigte sich die Versammlung. Uebergeht man an dieser Stelle die verschiewir wissen ganz genau, was Sie darunter verstehen: Jene Anhänger des gefetzestreuen Judentums, die sich damit begnügen, ihren religiösen Standpunkt im P r i - vatleben festzuhalten, das sind die Braven, die Friedlichen, die Orthodoxen schlechtweg; die anderen aber, die es a b l e h n e n , sich im öffentlichen und im G e m e i n d e l e b e n von den Führern der N e o l o g i e an das Seitfeil neh m e n z u l a s s e n , das sind die Bösen, die Friedensstörer, mit einem Worte: Die Hype rorthodoxic. (Stürmischer Beifall.) - Ich komme nun zu den Vorwürfen, die sich gegen die Erlangung der Mandate seitens meiner Freunde richten. Es wird uns vorgeworfen, daß wir uns Blankovollmachten zu verschaffen gesucht hätten, während wir gegenüber dem Ausschuß das gleiche Verfahren tadeln. Das trifft nicht zu. Wir haben den Gemeinden die Männer genannt, die ihr Mandat übernehmen sollen und haben ihnen ausdrücklich mitgeteilt. daß alle die Herren, die wir Vorschlägen, gegen den vorliegenden Entwurf stimmen werden. Ob man auf der Gegenseite ebenfalls immer so loyal vorgcgaugen ist, möchte ich bezweifeln. Vor mir liegt ein Aufruf mit der Ueberschrift „Provinzialverband Hannoverscher Synagogengem e i n d e n In diesem Zirkular werden die Synagogenvorsteher der Provinz Hannover u. a. ersucht: 1. Keinerlei Blankovollmacht nach Berlin, Frankfurt ic. zu senden, weder an einen „Berlin e r Rechtsanwalt" noch an sonst jemand, 2. aber auch keinerlei Vollmacht den Herren Rabbinern zu erteilen. Schon erteilte Vollmachten sollen — aus kollegialen Gründen! - widerrufen werden. Sie stimmen wohl alle darin überein, daß ein solcher Aufruf und der Ton, den er speziell gegen die Herren Rabbiner anschlägt, in keiner Weise gutzuheißen ist. Nun wird mir aber von durchaus glaubwürdiger Seite mitgeteilt, daß ein solcher „Provinzialverband Hannoverscher Synagogengemeinden" bisher überhaupt nicht existiert habe, daß er vielmehr ad hoc gebildet worden sei! (Hört, .hört!) Nun zu dem Falle Ballenstedt, den uns Herr Landtagsabgeordneter Cohn als typisch vorgeführt hat und der nun zufällig mich persönlich berührt. Ter gewesene Mandatsinhaber von Ballenstedt war nämlich — meine Wenigkeit. Das Mandat ist mir, bereits aus meinen Namen ausgefüllt, seitens der Gem e t n b e zngegangen, jedenfalls als Resultat des Ausrufes, der auch meine Unterschrift trug und den unser Komitee an sämtliche kleineren und mittleren Gemeinden versandt hat. Tiefes Mandat ist — auch hierin ist die Darstellung des Herrn Rechtsanwalt Cohn richtig — dann widerrufen worden, nur die Motive dieses Widerrufes sind doch wesentlich andere, wie sie Herr Rechtsanwalt Cohn geschildert hat." Redner verliest nun einen Brief des Vorstandes der „Israelitischen Gemeinde, Ballen- ' denen zur Tiskussion gestellten Programmpunkte, die ja ohnehin zu wenigen oder vielen Debatten Anlaß gabln, so verdienen einzelne Intermezzi umso eher hervorgehoben zu werden. So präsidierte nicht Herr Philippsohn, sondern Herr Sanitätsrat Tr. Stern, der, so offensichtlich er auch bemüht war, ehrlich und unparteiisch seines Amtes zu walten, dennoch nicht zu verhindern vermochte, daß die Rednerliste bei dem brennendsten Punkt der Tagesordnung, betreffend die Statutenänderung, sehr zu Ungunsten der Konservativen ausgesüllt wurde. Das Amt, dessen Herr Sanitätsrat Stern waltete, war wahrlich kein leichtes und noch viel weniger neidenswertes und so sehr er sich auch Selbstverleugnung anferlegte, die Glocke mutzte er oft minutenlang schwingen — ein zweiter Glöckner von Notre Tame — ehe es endlich gelang, für einige Minuten Ruhe herzustellen. Der Herrn Stern zum Schlüsse durch laute Hochs ausgebrachte Dank der Versammlung war ehrlich verdient, wenngleich der Vorsitzende auch öfter diejenige kaltblütige Ruhe, die immer noch am ehesten wirkt, vermissen ließ. Aber man bedenke — unser Temperament? Eine gewisse Figur machte der Landtagsabgcordncte von Dessau, Herr Rechtsanwalt Cohn. Es ist merkwürdig, wie dieser begabte Mann sich selber schließlich in den Schatten stellt. Es machte allseits einen sympathischen Eindruck, als Herr Cohn für die erwähnte Loebsche Resolution warm einträt; auch was er sonst vertrat, hätte einen dauernd guten Eindruck gemacht, hätte Herr Tr. Cohn sich noch zeitig auf das Wort: si taoonisses . . . besonnen und nicht nochmals und dann weiter geredet hätte. Leider findet Cohn nie den rechten Zeitpunkt, wo ein geschickter Parlamentarier aufhört; er redet eben weiter und dann passieren die Unfälle. Wie dieser Mann, dessen Vater 15 Juni INI. siebt", aus dem hervorgeht, daß dieser von dem Vorstande der Dessauer Kultusgemeinde aufgtzfordert worden sei, das Mandat dem Delegierten der Dessauer Gemeinde zu übertragen. Da Ballenstedt einen sehr namhaften Zuschuß aus der Cohn-Oppenheirn'schen Stiftung bekommt, ohne den die Gemeinde nicht existieren könne, somit von Dessau vollkommen abhängig sei, müsse dem entsprochen werden. Auf welcher Seite die Sympathie der Gemeinde Ballenstedt sei, bedürfe wohl keiner weiteren Erörterung. Die Verlesung dieses Briefes ruft eine außerordentliche Erregung hervor. Minutenlanger stürmischer Beifall, Widerspruch von der anderen Seite, hindern den Redner am Wettersprechen. Erft nach einiger Zeit gelingt es dem Vorsitzenden, die Ruhe wiederherzustelltzn. Der Redner fährt fort: „Es ist wohl unnötig, auf weitere Details einzugehen. In meiner Mappe befinden sich noch eine Reihe anderer Briefe, die beweisen, daß auch aus andere Gemeinden ein direkter oder indirekter Truck ausgeübt wurde, um Blankovollmachten dem Ausschuß zur Verfügung zu stellen. Ich stelle den Antrag auf Ablehnung des Entwurfes des Ausschusses, sowie sämtlicher dazu eingegangener Amendements und Abänderungsvorschläge." (Stürmischer, lang anhaltender Beifall!) Ein Gewaltakt. Unter dem Eindruck der letzten Rede wird Schluß der Debatte beschlossen. Der Vorsitzende verliest die eingegangenen Abänderungsanträge sowie einen Antrag auf Vertagung der weiteren Beratung und Einsetzung einer Kommission von 15 Mitgliedern. Der Vorsitzende bezeichnet den Antrag auf Vertagung als den weitgehendsten und kündigt an, daß dieser zuerst zur Abstimmung gebracht werde. Die Opposition protestiert in lebhafter Weise, da offenbar der Antrag auf Ablehnung des Entwurfes der weitergehende sei. Es erfolgt Befragung der Versammlung, die Abstimmung bleibt zweifelhaft. Der Vorsitzende erklärt indessen, daß die Mehrheit sich für seine Anschauung ausgesprochen hat. Es erfolgt also Abstimmung über den Vertagungsantrag. Das Resultat ist die Annahme dieses Antrages mit 470 gegen 325 Stimmen. Zu diesem Resultate hat offenbar die Erwägung beigetragen, daß Vertagung und Ablehnung gleich bedeutend seien und daß man einem geschlagenen Feinde goldene Brücken bauen solle. Die Tagesordnung ist damit erledigt. Es folgen eine Reihe persönlicher Bemerkungen. Aus ihnen heben wir einen Protest des Herrn Senator Fischer hervor gegen die Auffassung, als ob der „Provinzialverband hannoverscher Synagogengemeinden" erst jetzt gegründet worden gewiß orthodox war, immer wieder gegen Hyperorthodoxe und Zionisten ablädt, ist ein Paradoxon. Mit der Hyperbel trifft er doch auch seinen Vater, der auch gar nichts im Leben von fatitar „Hhperorthodoxie" preisgab. Herr Cohn ist nicht zum crstcnmale entgleist; es wird die gestrige Entgleisung auch nicht die letzte sein, wenn er nicht endlich lernt, auch andern einmal das letzte Wort zu gönnen. Doch er ist ja noch jung und wird das ihm Fehlende sicherlich noch lernen. . Fast amüsant ist es, wenn Jemand in einer jüdischen Versammlung damit Effekt zu machen sucht, daß er Hyperorthodoxe und Zionisten in einem Atemzug und womöglich noch in diesem selben Atemzug Deutscher oder Jude zusammen auszusprechen sucht. Tiesmal fand aber Herr Cohn in seinem Kollegen Tr. Klee einen Gegner, wie ihm vielleicht noch keiner in einer jüdischen Notablenversammlung erwachsen ist. Ten Sukkurs, den der anwesende Herr Louis Sachs dem Abgeordneten Cohn zukommen lassen tvollte, zerflog wie Rauch, als Tr. Klee, mit einem vernichtenden Witzwort auch diesen Alliierten Cohns in den Sand streckte, blieb Klee unbestrittener Sieger, dem auch die liberalen Abgeordneten mit herzlichem Lachen und Beifall zustimmten. Tie markantesten Redner blieben somit Friedmann-Glogau, Loeb-Frankfurt, Cohn-Tessau, Klee-Berlin, (Potthots hatte nur zum Versicherungswesen der jüdischen Kultnsbeamten gesprochen und dann nach der daraus bezüglichen Tiskussion den Saal verlassen» während dw übrigen Redner mehr zurücktraten. Manche ans benachbarten Groß- und Residenzgemeinden hatten eben nur „geredet"; einzelne blutige Drohungen mit Austritt aus dem Bund ausgestoßen, ohne einen tiefen Eindruck zu machen. Letzteres bedeutet einen Fortschritt im jüdischen Parlamentaris-

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