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Der Israelit · 1911-06-08 · Heft 23 (8.6.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 23 (8.6.1911)
Date
1911-06-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Niemand hat übrigens den großen Unterschied im Verhalten der genannten Seelenkrast in der Jugend und im Alter anschaulicher dargestellt als unsere Weisen in der bekannten Mischnah: i\3?y miro in? non Kinno? it -»vi?n nz nairo in? nonjtnn no??pr ivi?m viri ’ .pino „Was man als Kind lernt, das gleicht Tinte geschrieben auf frischem Papierwas man im Alter lernt, gleicht Tinte geschrieben auf verlöschtem Papier." Auf letzterem stießt die Tinte zusammen, und die Schrift ist unleserlichauf elfterem hastet die Tinte und die Schriftzeichen sind klar und deutlich. Bon erheblichem Einfluß aus das Behalten sind die Gesichts- und Gehörsempfindungen. Ein: optischer und akustischer Reiz prägt sich der Seele ein, und je stärker der Reiz ist, desto kräftiger wird er festgehalten. Je lebhafter eine Farbe ist, desto leichter behalten wir dieselbe in Erinnerung. Ebenso haftet der stärkere Schall besser im Gedächtnis als der schwächere. Der Wissensstoff wird besser behalten, wenn er von zwei Seiten mit vereinten Kräften der Seele zugeführt wird. Darum empfiehlt der Talmud als natürliches Hilfsmittel, dem Lehrer während des Vortrages ins Gesicht zu sehen, denn es ist geschrieben: "plD HK nun wil Rabbi Jehuda der Hellige sagte: „Daß ich an Scharfsinn meine Genossen Überrage, kommt daher, weil ich die Rückseite des Rabbi Meier gesehen habe. Hätte ich aber während des Vortrages seine Gesichtszüge beobachten können, wäre ich noch scharfsinniger. (Eruwtn 13). Neuere Versuche haben ergeben, daß die Sichtbarkeitsdauer des einzuprägenden Wortes einw bestimmenden Einfluß auf das Behalten hat. Das ist identisch mit den Worten Rabbi Jochanans: „Wer aus einem Buch lernt, vergißt nicht so leicht." Kin mnoa k? -isdh *]ino Ivivn (niD-Q Wffiv) roiff). Der Talmud fordert aus demselben Grunde das laute Lernen mit richtiger Betonung mit aller Entschiedenheit, weil das Lautlernen durch die akustische Wirkung das Gedächtnis unterstützt. Es ist bekannt, daß Reim, Tonklang, Rythmus, Alliteration und Melodie das Behalten erleichtert, weil das Ohr dem Geiste zu Hilfe kommt. Bon den -18 Eigenschaften, durch welche die Thora erworben wird, stehen in erster Linie das Lernen ronyn, tmn np'vvz mittelst des Ohres und mittelst der Lippen. (Spr. d. B. 6): Samuel sagte zu R. Jehuda: „Oeffne beim Lernen deinen Mund, damit du das Lernende behältst und lange lebest, denn es ist geschrieben: ('T?vb) orPKSiD? an o^n n lies nicht, der sie findet, sondern Drv*osiD*?, der sie laut und ausdrucksvoll ausspricht. (Eruwin 54.) Beruria gab einem leise lernenden Schüler einen scharfen Verweis und sagte: „Die Thora wird uns erhatten, wenn man alle Glieder in Bewegung setzt." Von einem anderen leise lernenden Schüler wird dort erzählt, daß er nach 3 Jahren alles Gelernte vergessen hatte. Die experimentellen Pädagogischen Untersuchungen der Neuzeit fühtten zu dem Resultate der Lerntypen, welche auf den Einfluß der Gesichts- und Gehörseindrücke beruhen. Die einen (visuellerTypus) reproduzieren Gesichts- Vorstellungen mit großer Lebhaftigkeit, bei anderen (auditiver Typus oder akustischer Typus) spielen Gehörsvorstellungen eine bevorzugte Rolle. Ueber die Typen hat sich eine ganze Literatur ausgebildet, auf welche hier nur hingewiesen werden kann. Nächst den Sinnesempfindungen empfiehlt der Talmud mnemotechnische Hilfsmittel zur Einprägung des Lernstoffes. Die Mnemotechnik will das Etnprägen unzusammenhänaender Grdächtntsinhalte dadurch erleichtern, daß sie solche Inhalte durch einen künstlich geschaffenen Zusammenhang verbindet, wie wir es oft im Talmud sehen. Wo die Entwickelung des Stoffes durch den ursächlichen Zusammenhang der Dinge, ihre Bedingungen, Ursachen und Wirkungen zu Rarem Erkennen führt, ist der Gedankengang das beste Mittel zur Etnprägung. Wenn jedoch eine Reihe zusammenhangloser Aussprüche nebeneinander gestellt find, werden alle Merkworte zusammengesetzt, die sich zu einem sinnvollen Satz verbürden lassen. Die Merkworte lassen sich leichter einprägen, als die Sätze in der Vereinzelung, und an ihrer Hand kann man alle Aussprüche leicht reproduzieren. „Die Judäer machten sich Merkzeichen n ivK (i"j paivp) v'2vD3 k?k mpi minn p# mon darum hat sich die Thora bet ihnen erhaltendie Galiläer unterließen die Mewvorte, und die Folge davon war, daß sie das Gelernte vergessen hatten (1516). Die besprochenen Hilfsmittel zur Unterstützung des Gedächtnisses haben nur sekundären Wert. Bon grundlegender Bedeutung ist das absichtliche Etnprägen, das Memorieren, Repetieren oder Wiederholen, dem seiner enormen Wichtigkeit halber eine besondere Betrachtung gewidmet werden soll. UioKin neiden wir? Daß der jüdische Lehrer, um t« seiner Gemeinde in Ehren zu bestehe», recht vielseitig sein muß/ ist bekannt. Man hat scherzweise gesagt, er müffe so ein kleine« Universalgenie sein. In neuerer Zeit stellt man aber die ernsthafte Forderung auf, daß er fich als Untversalspezialtst ausbilden und auf den verschiedenen Gebieten, auf denen er fich zu betätigen hat, daS denkbar Höchste, nicht nur relativ, sondern absolut gedacht, leisten müffe. Früher sagte man: Gib dein Bestes und kannst du nicht überall Meister sei», bestrebe dich wenigstens, deine Gemeinde zu befttedtge», ihren Dank und ihre Anerkmnung zu erringen. Heute stellt man Höchstforderungen nicht etwa als Hochziele für ewige Begnadete, sondern für sämtliche Lehrer ohne Unterschied auf Intelligenz Und dagegen muffen wir unS wehren aus Gründen der Ehrlichkeit. Wohin soll eS da noch führe», wenn auf Lehrerversammlungen und in der Presse nur immer in Superlattven geredet und geschrieben wird und die rauhe Wirklichkeit zeigt bestenfalls einige kleine, kümmerliche Ansätze von all dem Schönen, das da als die Aufgabe eine« jeden Lehrers bezeichnet wird? In der Schule soll er Talmud lehren — Forderung des Herrn Rabbiner Dr. R. Breuer —, als Kantor soll er einen künstlerischen Bortrag zu Gehör bringen — Forderung des Herrn Kollegen Levy-Frankfurt a. M. —, als xnp darf er auch die feinste Subtilttät nicht vernachläfstgen und muß zu diesem Zwecke die hebräische Grammatck souverän beherrschen — Forderung deS Herrn Provinzialrabbtner Dr. Htrschfeld-Gteßen. Jede einzelne Forderung bedeutet doch schon eine Rekordleistung, die nur unter den günstigsten Umständen von Einzelnen erreicht werden kann, aber nie und nimmer von der Gesamtheit! Wir stehen aber erst am Anfang dieser Entwicklung. Demnächst wird unS ein Kollege darüber aufklären, wie gänzlich ungenügend wir als Prediger sind, und die jüdischen Seminare werden wieder einige bitterböse Reden darüber hören müfien, daß fie in Homlletik so gar wmig leisten. ES ist doch sonnenklar, daß der Lehrer auch in der kleinsten Dorfgemeinde eine formvollendete Predigt halten und feine Zuhörer begeistern muß für das Wahre, Schöne und Gute. Und dann kommt ein Schochrt und beweist unS k ipp und klar, daß wir alle nur Stümper find, daß das Seminar für die theoretische Ausbildung -er v'VNIV 3" wenig tue uno daß fite praktische Ausbildung nur auf einer Hochschule ihren Abschluß find« könne. WaS man von dem Lehrer in feiner außeramtlichm Tättgkett verlangt, davon haben wir ja jüngst durch Herrn Prediger Satzenstein-Wetzlar und durch errn Kollegen Mehbrrg-Oldenburg schon einen kleinen jmack bekommen. Dabei ist die Fürsorge für die entlassene Jugend nur ei« kleiner Ausschnitt aus Betätigungsfeld des jüdischen Sultssbeamten. GW eS den» ein Gebiet dejüdischen Lebens in seinen vielfachen Berzweigungen, wo man die Mitwirkung deS jüdischen Lehrers entbehren kann? Rechnet nicht jede wohltätige und gemetnnütztge Institution als ganz selbst

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