Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1911)
- Date
- 1911-06-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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euilleton v-d. Historischer Roman von. Sara «ugeuheimer. (Avxts^UNg.) „Lrschuosecho kiwißi Haschern!" Auf deine Hilfe hoffe ich, o Gott! — Das war der Wahlspruch, den der Vetter sie gelehrt hatte, und zwar, wie er ihr erzählt hatte, auf ausdrückliches Geheiß ihres Vaters sie gelehrt hatte. Sie war nämlich als vierjähriges Kind mit ihren Eltern einer Judenverfolgung im Süden des Landes entronnen und nach Dork gekommen, wo der ihnen verwandte GeMeindeditzner Reb Jossel und seine wackere Frau sie liebevoll ausgenommen und die totkranke Frau mit hingebungsvoller Opferfreudigkeit gepflegt hatte. Und als die Frau dann ihren Leiden erleben war und der Mann mit seinem kleinen Mädchen ratlos dagestanden, weil er sich verpflichtet gehalten hatte, nochmals zurückzukehren in die Heimat und zu versuchen, wenigstens einen Teil der zurückgelassenen Habe zu retten, da hatten sie sich erboten, das liebliche kleine Mädchen btzi sich zu behalten, wenn auch für lange Zeit, bis es dem Vater gelungen sein wurde, sich ein# neue Existenz zu gründen. So jung sie auch damals gewesen war, Liah erinnerte sich ihres Vaters noch als eines hochgewachsenen freundlichen Mannes, der sie tzmporgehoben und stürmisch geküßt hatte wieder und immer wieder und' dessen Tränen sie in ihrem Gesichtchen gefühlt hatte. Und m ihren Träumen glaubte sie noch oft seine Stimme zu hören, die sie ermahnte, dem Vetter und der Muhme stets zu folgen und den Spruch nie zu vergessen, den der Vetter sie lehren würde, und an diesem Spruch wollte der Väter sie wiedererkennen. — Aber er war nicht wiedergtzkommen, ihr Vater. Der Vetter hätte gehört, er wäre mit einem Schiff über ein großes Wasser gefahren und das Schiss müsse untergegangen! sein, man hätte nichts wieder davon gehört. — Aber den Wahlspruch, den der Vetter auf ihres Vaters Geheiß sic gelehrt, den halte sie Noch nicht vergessen und so oft sie betete, vergaß sitz nicht am Schlüsse ihres Gebets die Wdrte hinzuzufügen: „Auf deine Hilfe .hoffe ich, o Gott!" Und auch jetzt, während sie hinausblickte auf den Abendhimmel, den die letzten Strahlen der sinkenden Sonne purpurn gefärbt hatten, flüsterte sie in sich hinein: „Aus deine Hilfe hoffe ich, o Gott!" Und als sie diese Worte nochmals gesprochen hatte, da ward es still und sanft in ihrem Herzen, .und freundlich lächelte sie der heimkehrenden Schmidin entgegen, die auch den zweiten Korb, gefüllt mit den Liebesgaben der Klosterbrüder auf den Tisch stellte. * Die Schmidin streichelte ihr die zarten Wangen: „Ich fürchte mich nicht, wir werden schon' gut miteinander auskommen. Und weißt, was der Bruder Küchenmeister noch gesagt hat? Morgen in der Früh, wenn ich die Hennen im Klosterhof werde glucksen hören, dann soll ich hinüber kommen und mir ein frisch gelegtes Ei holen und das sollst du trinken noch warm von der Henne. Da wirst du bald stark sein." Als Liah im Laufe der Nacht einmal erwachte, vernahm sie vom anstoßenden Raum! her, der als Küche diente, ein Prasseln und ein T..,»---—--—------'-- Knistern wie von einem lodernden Feiner. Ohtttz der Unterredung des Mends zu gtzdenken, Erschrak ustd rief laut: „Muhme! liebe MuhMe^ wacht aus, es brennt." . „Was gibts, Dicki?" fragte die Schmidin, in das Zimmer tretend, „hast du Mich gedusen?." „Ja, ja!". stammelte die noch Schlaftrunkene, „hört Jhrs denn nicht, es brennt." „Na freilich brennts," versetzte die Frau lacheird, „draußen aus dem Herd brennt ein großmachtiges . Feuer ^'und die Döpfe werden bW glühend rot sein, willst sie sehen?" Sie lies hinaus und nacheinander brachte sie mit einem Schürhaken drei rotglühende größere eiserne Töpfe herein und dann drtzi kleine. „Na, hast du geschaut? Wars so gut?" „Mir scheint, ja. O Muhme, liebe Muhme, wie —" „Du sängst schon wieder an? Willst sagen, wie soll ich euch danken? — Das mußt du dir abgewöhnen, das kann ich nicht leiden." „Das habe ich auch gar nicht sagen wollen," versetzte Liah lächelnd, „ich habe nur sagen wollen, wie lieb ich euch habe." „Das ist was anderes, das höre ich gern, dafür gebührt ein Busserl. Und nun sei schön brav, mach die Guckaugerln wieder zu und schlaf noch, bis die Sonne zum Fenster.hereinscheinen wird." Liah waren die Augen wieder zugefallen, sie war sofort wieder eingeschlafen, und als sie erwachte, war es Heller Tag und sie fühlte sich frisscher und wohler als seit lange. Jetzt erinnerte sie sich auch, daß es Rüsttag zum Fest war, und wenn sie vor dem Feste noch Brod essen Wollte, so mußte es sofort geschehen. — Aber da kam auch schon die Schmidin mit einem Becher Milch und ein Stück Schwarzbrod hatte sie in der Hand. . Das Kind griff hastig nach dem Btode. „Nein, Dicki," mahnte die Frau, „schnell darfst du nicht essen, as möchte dir nicht gut tun. Und weswegen wolltest du denn schnell essen? Am Tage vor dem Passatfeste bin ich doch immer den stanzen .Vormittag bei euch gewesen, habe demer Muhme im Haus geholfen und deinem Vetter in der Schule und da habe ich oft gehört, daß er gesagt hat, bis zum letzten Viertel in der neunten Stunde dürftet ihr Chomez essen, und jetzt ist die achte Stunde noch nicht zu Ende, also hast du Zeit über Zeit." Liah empfand es in Wirklichkeit als Wohltat, daß ihre ehemalige Sabbathfrau, die 'im Hause ihres Vetters viel verkehrt, sich der jüdischen Gebräuche so gut entsann. Wie schön hatte sie die eisernen Töpfe geglüht, der Vtztter hätte eine Freude gehabt, wenn er sie gesehen hättet — Der Vetter, ach, der Vetter! — Wenn sie nur nicht immer an den hätte denkenmüssen — Aber nein, sie wollte an ihn denken, immer wollte sie an ihn denken, an alles, was er gesagt und getan hatte — nur sollten ihr dabei die Augen nicht naß werden, damit die guttz Frau, die sich ihrer angenommen hatte, sich nicht darüber kränke. — Wie war die doch so gut, unablässig bemüht, das zu tun, was wie sie glaubte, Liah erfreuen könne. Jetzt machte sie die Tür, die zur Küche führte, spannweit auf und man sah vom Zimmer aus, daß draußen alles frisch gescheuert war, und daß aus dem Sims über dem Kamin ein weißes Tuch lag, auf dem die geglühten Töpfe standen. Ehe die Frau es! hindern konnte, hatte das Kind ihre Hand ergriffen an die Lippen gedrückt. „Weil Ihr doch nicht haben wollt, daß ich Euch danke, muß ich Eure lieben Hände küssen, die alles so schön gemacht haben." * „Mein Dicki," sagte die Schmidin, dem Kinde liebevoll zunickend, „weiß Gott, ich tzab dich' schon beinahe so lieb, als. ob du er wärest. Aber was' meinst du, Kind, du schaust heut viel besser aus als wie gestern und vorgestern, glaubst du, daß du heute wirst aufstehen können?" „Ich glaube wohl," erwiderte Liah, indem eine leise.rMte ihre Wangen überzog, „ich Habs sogar schon'versucht — aber die Kleider — ich habe solche noch nie gesehen — ich. weiß nicht, wie man die anzietzen Muß." Die SchmMn lachte. „Armes Hascherl, du hast dein Lebtage noch keine Bubmkleider gesehen und bist nun mit einem Male ein Bubcrl geworden. — Aber mach dir nichts daraus, es geht halt nicht anders. Und du wirst sehen, einmal werd ich dirs zeigen und dann wirst du es schon allein können. Alsdann geh her." Es ging in der Tat viel Iääftex als Liah gefürchtet, mit Hilfe der freundlichen Frau war sie in wenigen Minuten vollständig angekleidet, fix und fertig, und die Frau konnte mcht aufhören, ihr zu versichern, welch ein herziges Buberl sie geworden, sie hätte ihr Lebtage kein so schönes gesehen, denn wenn auch ihr eigener gottseliger Dicki. ein frischer strammer Bub gewesen wäre, so schön und so sein wie ihr jetziger Dicki hätte er doch nicht ausgeschaut. Dem stimmte auch die Nachbarin bei, die eben auf einen Sprung hereingekommen, und überhaupt alle Leute, die hin und wieder kamen, UM Fische zu kaufen oder zu bestellen und alle blickten freundlich auf den lieblichen fremden Buben, der mit sichtlicher Anstrengung in den Räumen einherstrich. Die meisten rieten der Schmidin, ihn gut herauszufüttern, dann würde sie erst ihre rechte Freude an ihm haben. „Daran solls ihm nicht fehlen," versicherte sie allen guten Ratgeberinnen, „aber Freude habe ich schon jetzt genug an ihm, wenn ich ihn nicht hätte, ich wüßte doch nicht, was ich anfangen sollte." So freundlich aber.auch alle Leute mit ihr waren, fürchtete Liah doch beständig, mau würde sie als Judenmädchen erkennen und sie mißhandeln oder gar zwingen wollen, unerlaubte Dinge zu tun oder Verbotenes zu essen — denn sie glaubte tatsächlich, einige der Wüteriche erkannt zu haben, die die Burg belagert hatten, darum war sie am liebsten allein mit der Frau, die sie Muhme nannte und bei der sie sich in Wirklichkeit sicher fühlte. „Nun, Dicki, was schaust denn wieder gar so betrübt drein? Ist dirs gär so arg, daß du keine MaMn haben sollst? — Meinst du nicht, daß ich noch etliche machen sollte, ich kanns, du wirst setzen." „Nein/ nein, ich danke Euch setzr, liebe Muhme, aber von gewöhnlichem Mehl dürfen wir wirklich am Passah keine MaWoh essen. Aber ich bin auch nicht traurig, weil ich reine MaUos haben werde, denn ich kann doch nichts dafür, Und darum weiß ich gewiß, daß Gott mir deshalb nicht zürnen wird, aber ich habe eben überlegt, ob ich nicht doch etwas haben könnte, was mmt an den beiden ersten Abenden des Festes haben sott -" . „Aha," sagte die Schmidin,- „W weiß schon, was du meinst. Petersilie und Salzwaffer, davon kannst du soviel haben als du willst." „Nein," sagte Liah, „das habe ich nicht gemeint, „der Vetter hat immer gesagt, Mazzos und bittere Kräuter,' das wäre die Hauptsache. Und ich glaube, ich habe gesehen, daß da! draußen in Eurem Garten Lattich wächst — wenn Ihr mir erlauben wolltet, daß ich mir davon abschneide, so daß ich heute Abend und morgen Abend davon essen könnte. —" „Gewiß, Kind, nimm dir, was du magst, brauchst mich gar nicht erst zu fragen, bist ja mein Dicki, was mein ist, ist dein." Liah erwiderte nichts, aber sie zog die Hand der Gütigen an ihre Lippen und dann schlich sie hinaus in den Garten, wo sie die Lattichpflanzen gesehen hatte, (Forcks. svlM