Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1911)
- Date
- 1911-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Cette 6. Vkr. schlägt, wie daS Jargonjudentum, kann und wird sich unmöglich für die Dauer behaupten. Es muß und wird vom Schauplatz der Geschichte, wie ein böser Traum, in Bälde spurlos verschwinden. Es ist wahrlich nicht die erste Verirrung, nicht die erste und auch nicht die schlimmste Gefahr, welche Israel auf seinem historischen Wege endlich überwunden und überlebt hat. Das Jargonjudentum, wie das reinnaftonale Judentum überhaupt, ist weniger eine Bejahung der jüdischen Nationalität als eine Verneinung der jüdischen Religion. Hierin machen viele Vertreter des politischen Zionismus keine Ausnahme. Findet ja das offizielle Organ derrusfischen Zionisten, der „Raffwet" (Nr. 7 a.c.), daß „im Brenner'scheu bekannten Artikel allenfalls mehr gesunder Sinn vorhanden ist als in den üblichen Theorien von einer geistigen oder religiösen Nation" und der Wortführer der russischen Zionisten Schabotinsky berichtet in Nr. 51 des „Rasswet" vorigen Jahres, daß bereits im Jahre 1906 die zionistischen Schriftsteller beschlossen haben, „daß jeder nationale Jude, ohne Unterschied der Religion, Mitglied des damals projektierten Kongresses sein könnte, mit anderen Worten, daß auch ein getaufter Jude nicht aufhört, Jude zu sein." Der moderne sogen, jüdische Nationalismus ist nichts weiter als ein Auslehnen gegen die Religion Israels und somit im Grunde genommen weiter nichts anderes als ein innerer Feind, wie es einst der Hellenismus war. Das Jargonjudentum ist eben sein schlimmster, krassester Auswuchs, welcher, wenn er richtig erkannt wird, uns nicht mehr gefährlich ist. Dazu beizutragen ist der einzige Zweck dieser Zeilen. esmrponaenre««. ßacftricbtei. Derrtstye« flUtd). Aerti», 1. Juni. Die Kreissynode Berlin- Stadt-Köln war in ihrer gestrigen Sitzung der Schauplatz eines antisemitischen Exzesses, dessen Held der Hofprediger O h l y war. Ein liberaler Synodale Herr Utech hatte der posttiven Partei römisch-evangelisches Wehen vorgeworfen. Darauf erwiderte Hofprediger Oh ly: „Syn. Utech hat uns „römisch-evangelisch" genannt. Ich lehne dies ab, auch mit der Begründung, daß Herr Utech nicht in der Lage ist, unserm Standpunkt gerecht zu werden. (Sehr richtig! rechts.) Sie haben ferner noch eins vergessen: es gibt auch noch ein „jüdisch-evangelisch"!" Wir lehnen es natürlich ab zu dem Streit der Parteien in der evangelischen Kirche als außerhalb ebenso unserer Befugnisse wie unserer Kenntnisse liegend irgendwie Stellung zu nehmen. Aber wir meinen, daß diese Anstandspfltcht doch auch für einen Hofpredtger zu gelten und ihn davon abzuhalten hat, völlig unmotiviert das Judentum in beleidigender Absicht in den Streit mit seinen Gegnern hineinzuzerren. Wir können such nicht finden, daß das Jnpromptu des Hrn. Hospredigers einen sonderlichen Aufwand an Getstesanstrengung verrät. Der Sitzungsbericht verzeichnet zu der Stelle: „Heiterkeit und Unruhe. Zuruf links: „Stöckers Nachfolger!" Daß Herr Ohly sich bemüht, in die Fußstapfen Stöckers zu treten, ist ja nun zwar ersichtlich) aber man ist doch Herrn Stöcker die Anerkennung schuldig, daß in analogem Falle er die Sache sicher geistreicher gemacht hätte. Herr Oly verkennt aber, so will uns bedünken, die Zeichen der Zeit, wenn er glaubt, mit so flachen anttsemittschen Witzen mehr als einen Augenblickserfolg erzielen zu können. Die dafür überhaupt zugänglichen Kreise sind durch die stark gewürzte Kost, die ihnen die Vorbilder des Hrn. Ohly jahrzehntelang verabfolgten, zu sehr abgestumpft, um auf die schwachen Reize noch zu reagieren. 6ine KDldifige Enffdietöung für Sen jüdifdien Religionsunferridif. Htdert-urg, 2. Juni. Das Großherzogl. Staatsministerium hat auf Grund eines Berichtes von seiten des Großh. Landrabbiners Dr. Mannheim er die Entscheidung gefällt, daß jüdische Kinder, welche am christlichen Religionsunterrichte ihrer Schule teilnehmen, trotzdem verpflichtet sind, sofern sie Angehörige der jüdischen Konfession bleiben, die jüdische Religionsschule zu besuchen. Diese Entscheidung ist von großer Tragweite für die Zukunft des Judentums im Lande Oldenburg, da neuerdings einige jüdische Familien ihren Kindern den Sonntag Vormittag, an welchem der jüdische Religionsunterricht stattfindet, durch Beteiligung am christlichen Religionsunterrichte retten wollten. Gegen die verhängte Geldstrafe wurde von den Betroffenen Beschwerde beim Groß-Staatsministertum eingelegt, allein die Entscheidung fiel zu Gunsten des Schulinspektors Dr. Mannheimer aus, der den Standpunkte vertrat, daß bei aller Toleranz eine reinliche Scheidung in Sachen der Religion herrschen müsse und daß die Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Religionsunterricht doch in den Augen der Christen als eine Charakterlosigkeit erscheinen dürfte und geeignet sei, das Ansehen des Judentums herabzusetzen. Kamvurg, 29. Mai. Das Repräsenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Sitzung im Gemeindebüro Kaiser Wilhelmstraße ab, die vom 2. Vorsitzenden, Herrn Jos. Lippmann, geleitet wurde. Der Vorsitzende begrüßte zunächst das neueingetretene Mitglied Herrn W. Peine und gab dann Kenntnis von einem Schreiben des Gemeindevorstandes, in welchem dieser mitteilt, daß er dem Wunsche des Repräsentantenkollegiums gemäß diesem ein Verzeichnis der im Jahre 1910 und für die ersten vier Monate 1911 dem Gemeindevorstand unterstellten milden Stiftungen und Legate übermittele. Außer zahlreichen Zuwendungen zur Erhaltung von Grabstätten sind von diesen Stiftungen erwähnenswert: 1. „Karl und Anna Horn-Stiftung" 143000 Mk. Verwendung der Zinsen, um bedürftigen zur hiesigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde gehörigen Familien oder alleinstehenden Angehörigen des weiblichen Geschlechts zu den vierteljährigen Mieteterminen Mieteunterstützungen in Beträgen von 30—40 Mark zu gewähren. 2. /,Joseph und Julius Kronheimer- Stiftung" 300000 Mk., und zwar für folgende Zwecke: a) Verwendung der Zinsen von 100000 Mk. zu wohltätigen Zuwendungen an Vereine oder Private durch die Deutsch-Israel. Gemeinde in Hamburg, d) Verwendung der Zinsen von 100000 M. zu gleichem Zwecke durch die Jsraelittsche Kultusgemeinde in München. ^Verwendung der Zinken von 100000 M. zu Unterstützungen an bedürftige Verwandte der Sttfter nach näheren Angaben in der Stiftungsurkunde. Zu dieser Mitteilung des Gemeindevorstandes stellten die Herren Ktmmelstiel und Oettin ger aden Antrag, den Gemeindevorstand zu ersuchen^ bei der Annahme von Legaten und Stiftungen, mit denen gewisse Bedingungen verknüpft sind, künftighin die Mitgenehmigung des Repräsentantenkollegiums einzuholen. Der Antrag gelangt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung. Der Antrag auf Errichtung eines Blumen- * „ ' ' ' " ' Pavillons beim Ohlsdorfer Friedhof wird nach eingehender Begründung durch den Kommissar des Gemeindevorstandes, Herrn Heinrich Levh, in namentlicher Abstimmung gegen 3 Sttmmen angenommen. Eine sehr lebhafte Debatte rief der folgende Punkt der Tagesordnung hervor: „Antrag des Gemeindevorstandes, die Satzungen der Israel. Töchterschule in der jetzt vorliegenden Form zu genehmigen." Es handelte sich im wesentlichen um die Frage, ob dem Schulvorstand das Recht zugestanden werden soll, sich event. durch weibliche Gemeindemitglteder zu ergänzen. Die Vorlage will dem Vorstand dieses Recht einräumen, jedoch sollen die zwei weiblichen Mitglieder des Schulvorstandes nur beratende Sttmme haben, während Her Lasker beantragt, den weiblichen Mitgliedern auch beschließende Stimme einzuräumen. Herr Mathiason beantragt ein Amendement dahingehend, daß die weiblichen Mitglieder keine Lehrerinnen sein dürfen. Nach längerer Debatte, an der sich die Herren Bachrach, Kimmelstiel, Oettinger usw. beteiligten, wird der Antrag auf Zulassung von weiblichen Mitgliedern im Schulvorstand aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Der Antrag des Gemeindevorstandes auf Nachbewtlligung von 1000 M. auf das Budget der Israelit. Töchterschule für die Zwecke der Haushaltungsschule wird ohne Debatte genehmigt. Der nächste Punkt der Tagesordnung: „Antrag des Gemetnoevorstandes, daß für die Jsr. Töchterschule ein Schularzt angestellt werde und daß für diesen Honorar, sowie für einmalige Ausgaben zu Neuanschaffungen 700 Mk. aus Gemeindemitteln bewilligt werde," wird nach kurzer Debatte, in der Herr Dr. Plaut auf die Notwendigkeit der Anstellung eines Schularztes hinweist, einstimmig angenommen. 'Nase« 25. Mai. Die „Bereinigung von Rabbinern der ProvinzPosen zurWahrupg des überlieferten Judentums" hielt heute in dem von der Gemeindeverwaltung freundlichst zur Verfügung gestellten Gemeinde» Hause ihre zahlreich besuchte Quartalversammlung ab, die einen sehr interessanten Verlauf nahm Anwesend waren die Herren Rabbiner: Dr. Feilch enfeld-Posen, B amberger-Schönlanke, Blum-Posen, Cohn-Rawitsch, Dünner-Rogazen, Friedmann-Wongrowitz, Heppner- Koschmin, Kraus- Schtldberg, L e w i n - Wrefchen, Neuhaus-Oftrowo, Nobel-Filehne, Silberberg-Schrimm, Weyl-Czarnikan, Wreschner - Sam ter, sowie als Gäste: Dr. Joseph Feilchenfeld, Dr. PH. de Haas-Posen und Bankier L o e w y - Rawitsch. Herr Dr. Wreschner eröffnet dieSitzung mit Worten der Begrüßung und geschäftlichen Mitteilungen. Unter anderem teilte er mit, daß das Provinzial-Schulkollegium auf die E ngabe des Vorstandes den Aufnahme-Prüfungstermin für jüdische Schüler wegen der Festtage verlegt hatte, und daß die Kollegen Ansbacher- Labtschin und Grünthal - Pinne Stellen außerhalb der Provinz Posen angenommen hätten, und darum aus der Vereinigung ausgeschieden seien. Sodann hielt Herr Dr. Feilchenfeld einen ebenso gelehrten wie interessanten halachischen Bortrag über die eminent praktische Frage bzgl. des Betriebes von Juden gehörigen Fabriken am nat?, in dem auf Grundlage von rorap die Möglichkeit eines irpn erörtert wurde. In der sich daran anschließenden regenDiskusfion wurden namentlich die Fragen des N1LN1V und der NVN2 nnw erörtert. Auf Antrag von Dr. Neuhaus wurde die Angelegenheit noch einmal auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt und eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Feilchenfeld, Weyl und Wreschner ersucht, entsprechende Vorlagen zu machen.' — Herr Dr. Cohn berichtete 1. über die Frage der Bezirksrabbinate, die er bet der nächsten Tagung des „Verbandes der Synagogengemeinden des Regierungsbezirkes Posen" vertreten werde, und L. über die geplante Privatbeamten-Verficherung und das Verhalten der Rabbiner zu derselben. Auf Grund seiner aus-