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Der Israelit · 1911-06-08 · Heft 23 (8.6.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 23 (8.6.1911)
Date
1911-06-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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8. Sttttt 1911. t^z.' . -w-.fa- I yS,-.-. v. - 7- -;...-- -* - ■* >V -V •.-■ ■*1-1.'»^.' ■*. DertzSrE. prophetisches Judentum getrieben wird, ist durch die hier zitierten Worte Bogelsteins so kraß und grell beleuchtet, daß es sich wohl verlohnt, von dieser Polemik, so sehr hier auch die Argumente der gemäßigten Liberalen für den jüdischen Juden nur Binsenweisheiten- und Wahrheiten enthalten, Notiz zu nehmen. Var Zalgoit-Meilliim. V. Daß diese Tendenz, um jeden Preis sich von der eingeborenen Umgebung abzusondern, partout eine künstliche Scheidewand aufzuführen und als ein fremdes Element im Lande, als Status statu sich zu behaupten, von niemand gebilligt, unseren Lebensinteressen in der Diaspora nur sehr gefährlich werden kann und muß, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Kein Wunder, wenn neuerdings als Motiv für die herrschenden und noch zu beseitigenden Rechtsbeschränkungen nicht mehr die jüdische Konfession, sondern die jüdische Nationalität mit ihren fremdartigen, exklusiven Bestrebungen vorgeschoben wird. So weit ist es schon leider bei uns gekommen; wozu es mit dieser verhängnisvollen Verwirrung noch in der Zukunft kommen kann, läßt sich gar nicht absehen. Was aber schon zu Tage tritt, ist allenfalls der völlige Bruch mit unserer ganzen und großen historischen Vergangenheit, ja, mit dem eigentlichen Wesen des wahren Judentums, der Bruch mit unserer eigentlichen nationalen Kultur, mit den ursprünglichen, eigenartigen nationalen Idealen und mit den heiligen Traditionen und herrlichen Verheißungen unseres Volkes. Während die jargonistischen Wortführer jüdisch-national sein wollen, als jüdische Nationalisten reinsten Wasiers sich aufspielen und quasi aus nationalen Beweggründen den Jargon auf ihre Fahne erheben, sind sie es eben, welche unsere nationale Eigentümlichkeit, unsere nationale Eigenart — die Religion Israels verleugnen, unsere nationalen Ideale mit Füßen treten und gleich echten Antisemiten alles, was von jeher unserem Volke als hoch und hellig galt, verspotten und verhöhnen. Erklärt ja der offizielle Philosoph der Jargonisten, Dr. Zhitlowski, die Religion als eine historische, mit der Zeit—wie die Mythologie —verschwindende Erscheinung, welche nicht bloß als eine Art Luxusartikel, wie die Musik, die durchaus nicht jedes Mannes Sache ist, zu betrachten sei, sondern auch, wie er sich wörtlich ausdrückt: „dem JlDtt, den breiten Massen schädlich" ist („Religion und Nation" in Nr. 10, Sette 7 seines Journals, Das neue Leben 1910) und hebt er in einer Reihe von Artikeln „Jüdisch und Hebräisch" in seinem genannten Journal beim Jargon den Vorzug hervor, daß er mit der jüdischen Religion weit weniger zu schaffen hat als das Hebräische. Während Keuschheit und Heiligkeit von jeher die vornehmsten Ideale Israels waren und sind, verherrlicht der jargonistische „Klassiker" Peretz in seinen Erzählungen „Die Stretmel" und „Unterm freien Himmel" die freie Liebe und verspottet in brutalster Weise die Ehe btW’) mwö ml Ein Scholem Asch läßt im „Gott der Rache", was kein Dramaturg vor ihm gl wagt hat, auf der Bühne ein Schandhaus mit seinen abscheulichen Greueln von einem Juden vorführen und erftecht er sich gegen das Bundeszeichen flTö rmo in unerhört unverschämter Weise zu kämpfen. Auf dem festlichen Jubiläum des jargonistischen Schriftstellers „Mendele - Moicher Sphorim" in Wilna feierte ein Jargonift den Jubilar als denjenigen, welcher „dem alten, verschimmelten Judentum" durch seine schonungslosen Enthüllungen und rücksichtslose Kritik den Krieg erklärt hat und der den Weg zu einem neuen, nationalen Jargon-Judentum angebahnt hat. Es ist ein Wahn, aber es liegt System darin, und dieses ist klar und deutlich, ohne verworrene Umschweift. Im gegebenen Falle ist das auch ein Vorzug. Man weiß, woran man ist. Es hat zudem noch den Vorzug, die Theorie unserer einseitigen Nationalisten ad absurdum geführt zu haben. Allenfalls sind die Jargonisten-Apostel weit konsequenter als die Nationalisten Achad-Haam, Sch. Hurwitz, Brenner und ihre Nachbeter, welche in der hebräischen Sprache die jüdische Geschichte und unsere nationale Kultur verherrlichen und ihre Pflege als das einzige Mittel zur Erhaltung der jüdischen Nationalität propagieren. Denn wenn man, um mit Achad-haam zu sprechen, „an der wissenschaftlichen Gottesleugnung des Darwinismus festhalten kann" und dabei ein Jude sein, oder wenn Brenner sagt: „ich persönlich habe mich schon längst von der Hypnose der Bibel befteit, viele weltliche Bücher der letzten Zeit find meiner Seele weit näher und ich finde sie weit gründlicher und viel tiefer als die Bibel", oder „daß ich das neue Testament in den geistigen Nachlaß unserer Vergangenheit einschlteße, denn es hat keine Beziehung zum Hauptsächlichen selbst, zu meinem innerlichen, jüdischen, nationalen Bewußtsein, welches durchweg weltlich, atheistisch und atheologisch ist", wenn dem so ist, was für einen Wert hat dann wirklich die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte? Ist ja die hebräische Sprache von jeher uns hauptsächlich deswegen so teuer gewesen, weil sie uns die Kenntnis der min vermittelt, weil sie unserem religiösen Leben und religiösen Denken und Empfinden als adäquater Ausdruck diente, und insofern mit Recht als ttryipn galt und verehrt wurde. Was für eine Bedeutung hat denn unsere unvergleichliche viertausendjährige Geschichte, die Geschichte unseres religiösen Ringens und Kämpfens? Was waren denn unsere großen Patriarchen, was waren unsere Geistesheroen, die Propheten, der Stolz aller gesitteten, gottesgläubigen Nationen, was waren unsere großen Weisen und Lehrer, unsere genialen Dichter und Denker, unsere ruhmreichen Helden und zahllosen Märtyrer, welche die Träger unserer Geschichte sind, was waren sie denn anders als in erster Linie gottbegnadete Helden, eminente Gotteskämpen, welche ihre höhere Begeisterung, ihren beispiellosen Heldenmut, ihr todverachtendes Märtyrium, ihre ideale Schöpferkraft aus der Religion Israels, aus der ewigen min geschöpft haben? Wenn man aber die Religion Israels, wenn man die min aus unserer Geschichte ausscheidet, dieselbe für unsere Nation als belanglos erklärt, wo nicht gar als Mythe, als einen Anachronismus oder, wie Dr. Zhytlowsky als, „den breiten Massen schädlich" darstellt, was bleibt von unserer Geschichte mehr übrig, als eine unendliche Kette unsäglicher und unbegreiflicher Leiden, mehr als eine Unzahl äußerst bedrückender Ausnahmsgesetze und — der Jargon?! Und die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte, welche so ganz und gar mtt den Grundvesten unserer Religion verschmolzen, daß sie von einander ganz unzertrennlich sind, sollen als Mittel zur Erhaltung und Förderung eines nationalen Judentums dienen, welches mit Religion überhaupt nichts Gemeinschaftliches haben will!! Wo ist da die Logik? Wo bleibt die Konsequenz? Ist demnach Dr. Zhytlowsky nicht viel konsequenter, wenn er den Jargon als Nationalsprache proklamiert, ihm den Vorzug vor dem Hebräischen zuerkennt, und zwar eben weil er den Jargon von der Religion Israels vollständig losgelöst hat? Ist einmal der Jargon das charakteristische Merkmal des heutigen Judentums und macht die jargonistische Literatur seine nationale Kultur aus, ist es folgerichtig, daß sie erhalten und kultiviert, gehegt und gepflegt werden muß. Nur übersehen die Herren Jargonisten dabei eine Kleinigkeit, nämlich daß mit dem guten Willen allein man noch lange keine nationale Ltteratur schafft, daß auf Bestellung sich keine großen Geister, keine genialen Dichter und Denker hervorbringen lassen, welche eine nattonale Literatur ins Leben rufen können, daß die Schöpfungen Nr. 23. gttttS der jetzigen Jargonisten kaum eine Ltteratur zu nennen ist, daß die Philosophie eines Zhytlowsky, die Dramen eines Scholem Asch und David Pinsky, die Belletristik eines Peretz und Naumburg und Konsorten nie den Stolz einer Nation ausmachen werden, daß all diese Werte vielmehr dazu angetan sind, den gesunden Sinn künftiger Generationen von ihnen mit Abscheu und sittlicher Entrüstung abzusondern. Und was sie, die Herren Jargonisten vollends nicht begreifen, das ist die Hauptsache: daß der Geist und der Charakter eines uralten und eines urwüchsigen Kulturvolkes, wie des jüdischen, gestählt durch tausendjähriges Kämpfen und Ringen, durch die schwersten Prüfungen und Heimsuchungen, nicht nach Belieben sich ummodeln läßt, daß die Ueberzeugung und Gesinnung, Erinnerungen und Hoffnungen, Ideale und Bestrebungen eines großen Kulturvolkes, welche in einer viertaufendjährigen Vergangenheit wurzeln, keine Macht der Welt zu ändern vermag. Das jüdische Volk war seit seinem ersten Bestehen bis heute vor allem ein r e l i g i ö s e s Volk. Schon von unserem Stammvater heißt es: n# von omoK lmio Schon unsere Weisen im grauen Altertum formulierten tnn in NnniNi ylriv n"opn und bis heute ist das gesunde Empfinden unseres Volkes noch soweit religiös, daß es jeden Juden, welcher in eine andere Religion übergetreten ist, nicht mehr als Juden betrachtet, dagegen jeden plX nz als wahren Juden ansieht. Das Jargonjudentum bedeutet nicht bloß den Bruch mtt der großen, ruhmreichen Vergangenheit unseres Volkes, ohne welche überhaupt keine Zukunft denkbar ist, cs ist zugleich auch der Bruch mit seiner Gegenwart, cs ist ein völliges Verkennen oder ein borniertes Verleugnen des Grundwesens Israels. Israel war, ist und bleibt vor allem — worauf schon sein Name providentiell hinweist — ein Gotteskämpfer. Und wie viel des Geredes die verschiedenen Schattierungen unserer Nationalisten von einem Nationaljudentum ohne Religion auch machen mögen, sie werden Israel nicht um ein Haarbreit von seiner historischen Petition wegrücken. Noch pulsiert in unserem Volke ein frisches, machtvolles religiöses Leben. Noch sind unsere Synagogen gefüllt, noch besuchen in Rußland allein mehr als 30 000 jüdische Knaben die Chedarim, also echte pt rvo mpirn, noch werden unsere Jeschiboth von tausenden Jünglingen frequentiert, noch erscheinen tagtäglich im Druck alte und neue jüdische Werke religiösen Inhalts in großer Anzahl, und mit vollem Rechte dürste unser Volk mit dem Psalmisten ausrufen: TilöXy )0 /•di 'n nnottn Wohl hat die nationale Bewegung uns viel geschadet, wohl haben die Achad haame und die Brenner, die Peretz und Asch großes Unheil angerichtet, wohl haben der „Bund" und der „Poel-Hazoir" und ähnliche Organisationen viele Opfer uns gekostet, vielleicht noch mehr als die assimilatorische Bewegung, die Reform und die Taufepidemie im westlichen Europa, aber sie alle bedrohen keineswegs die Existenz, den Bestand unseres Volkes. An Abfall ist es leider schon gewöhnt. Heißt es doch 'ioi D'Dyn?ov dootö *6 und nicht umsonst wird unser Volk seit grauer Zeit rvttv genannt. Früher oder später wird unser Volk sich auftaffen und seine unberufenen und ungebetenen Fürsorger und Beglücker von sich abschütteln. Früher oder später werden diejenigen Nationalisten, welcher Farbe auch immer, die ehrlich und aufrichtig find und es gut mit unserem Volke meinen, ein sehen lernen, daß ihre gut gemeinten nationalistischen Bestrebungen nicht zum Heil, sondern zum Verderben führen, und werden beschämt und reumütig in die alten Bahnen einlenken. Das Jargonjudentum ist und bleibt eine verhängnisvolle Verirrung, eine krankhafte Erscheinung, welche der noch immer kerngesunde Organismus unseres Volkes unbedingt überwinden wird. WaS so widersinnig und so widerlich ist, was so brutal der Wahrheit ins Gesicht

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