Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448826--66625-2494795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

L t. JttNt 1911 §0« Mrael«. zeier je ms° nt* eit ng )er us >er eit nd us use rrer h^- in er m :n ir rrlß 3rrs!N l t e ch >i; e n m it e h e r % 3 „Pflichttat" ist die richtige Uebersetzuna des Wortes np"t>e. Mit der Veränderung des Wortes hat man den Begriff verschlechtert. An die Stelle der alten jüdischen npix Hat man hochtönende soziale Fürsorge gesetzt. Das iDn ni^Di „verbittet man sich dankend". Allenfalls gibt man für die Linderung der leiblichen Not, für die S e e l e n n o t hat man kein Verständnis. Man scheint auch darin von anderen Kreisen gelernt zu haben, wenigstens nach der satyrischett Szene zu urteilen, mit der Ibsen ebenfalls in Brand so manche Schäden geißelt, die dem Centralis ationssysiem des „Wohltuns" anhaften. So mancher „Wohltätigkeits"-Apparat, der mit seinen Vorstehern und Angestellten nach Schema „F" arbeitet, könnte sich den ersten Auftritt des zweiten Auszuges von „Brand" ins Stammbuch schreiben. Tie Herzlosigkeit und die Obscönitäten, die man da bei „mildtätigen" Verteilungen zu hören bekommt, die Behandlung der Armen, die man da erleben kann, läßt den Dichter durch den Mund seines Helden die Worte ausrufen: „Hat Seelen not nicht auch ihr Recht?" Meinen wir nicht Jesajah in der Haf-- toroh zum Versöhnungstag zu vernehmen;?' Da heißt es ja auch: „Dem Darbenden bringe Dein Gemüt entgegen". Jüdische Wohltat ist es, neben dem Hunger nach Brot auch den Durst nach Wahrheit zu stillen. Nicht das Tier im Menschen zu erhalten, den M e n s ch e n im Menschen zu retten, ist soziale Pflicht, die das Judentum, verlangt. Dem Mrrbenden Brvt reichen jund ihm dafür den Sabbath nehmen, seinen Körper pflegen, dafür den sittlichen Halt ihm rauben, bedeutet den Todesstoß der menschlichen Gesellschaft versetzen, bedeutet den Materialismus zu einer Herrschaft erheben, die alles Höhere, Reinere in Frage stellt, bedeutet ja an sich den geistigen und sittlichen Tiefstand einer Welt erzwingen, in der Freiheit und Sitte, Wahrheit und Recht, die Güter, die das Judentum der Welt zu bringen gesandt ist, keinen Anspruch mehr aus Dasein haben sollen. O, lernten wir doch von den Vvrkämpfernj für soziales Denken und soziale Einrichtung der Gesellschaft, von den nichtjüdischen Großen unserer Zeit, das I u d e n t u m verstehen! Wir könnten von ihnen den Wert der Persönlichkeit lernen, ivie er von der Thorah verkündet wird. Sie selbst beklagen sich und leiden schwer nnter dem Druck der nivellierenden Gleichheit im großen Beamtenheer des Staates und der Kirche. Die ganze Schulerziehung, oder besser Dressur genannt, ist auf diesen Drill schon zugeschnitten, der uns bis zum Grabe geleitet. Man verlangt „Versöhnlichkeit" und will damit die Unterdrückung jeder „Persönlichkeit" erzwingen. Im ersteir Auftritt des fünften Auszugs meint ja allen Ernstes der Vertreter der Zeit, wiederum ein Geistlicher, der Probst: „In.jedem Fach wird sich enthüllen Ein oberstes Gesetz, das man Verschieden taust, doch merken kann. Man nennt es Schule in der Kunst, Beim Militär zu halten Tritt; Das ist die Rettung aus dem Dunst Des allgemeinen: gleicher Schritt! — So immerfort in Schritt und Tritt, Da kommt der Kleine auch, wohl mit. In jedem Fuß derselbe Takt: Da gehts, und wär man selbst kontrakt." Ironisch fügt Brand hinzu: „Der Aar im Rinnstein, und die Gans Im Aetherblau, im Himmelsglanz." Gegen solche Gleichmachung — und Vernichtung erhebt die Thorah durch das bloße Wort, das „gleich" und zugleich „vernichten" oder „gleich" und „unwahr" bedeutet — noi und bOW — den entschiedensten Protest. Der Moderne Mensch verlangt seine Freiheit. Einem gewissen „Spruchkollegium", das sich mit einer Lehre zu "befassen hat, die angeblich mit dem Christentum nicht vereinbar ist, wird seitens des liberalen Christentums das Recht abgesprochen in die Freiheit und Unabhängigkeit per einzelnen Gemeinde sich einzumischen. Die Gemeinde fjei gutonom und jebe Gemeinde kann sich die Verfassung geben und sich die Beamte» anstellen, die sie will. So war es stets im Judentum. Und angesichts dieser Anerkennung der althergebrachten Institutionen des Judentums seitens de? ganzen modernen gebildeten' Welt wagt es eine sich „liberal" nennende, inWahrheitrückständigeundxeaktionäreNeologie,unsimdeutschenReich mit einer Zwangs-Organisation zu drohen, die jede Freiheit erdrosselt, jede Selbständigkeit der Gemeinden vernichtet und jedes Selbstbestimmungsrecht begräbt?! Weri st liberal — die Neologie oder die Orthodoxie? Betrachtungen über Israels Aufgabe iu den Ländern der Uölkcr. Bon Gottfried Loetvenstein in Cöln. „Den anderen Völkern zu Gefallen soll Israel nichts tun", aber wenn Israel die Gebote seiner Thora erfüllt, „wenn ihr alle Gebote haltet, dann werden die Völker sprechen, ein weises Volk ist diese Nation." Als Israel seine Thora empfangen hatte und sein Land übernahm, solches unter seine Stämme verteilte, war es noch ein verhältnismäßig kleines Volk. Es wurden ihm im voraus die Grenzen des Landes festgesetzt, in welchen es die besitzenden sieben Völker zu bekämpfen bezw. auszurotten hatte. Darüber hinaus hatte Israel keinen Auftrag, Völker zu bekämpfen oder Länder zu erobern, wenn dies auch nicht besonders verboten ward, es war sogar, wie aus der Thora hervorgehl, unter gewissen Umständen der Krieg erlaubt. Aber trotz alledem glaube ich unsere Thora dahin zu verstehen, daß unter gewissen Voraussetzungen ein weiterer Kampf nicht gewünscht und auch nicht notwendig gewesen wäre. Das Volk, welches sich in das verhältnismäßig kleine Land teilte, vermehrte sich auch und sollte sich nach seiner ihm gewordenen Verheißung sogar stark vermehren, so daß in gewisser Zeit das Land seine Bewohner nicht mehr hätte fassen können. Dieses und die zu beobachtenden Vorschriften über die Benutzung des Landes, Erbrecht, Maaßer, Schmitt«, Jobel, Kauf k. hatten im Laufe der Zeit, nach menschlichem Dafürhalten, zu Unzuträglichkeiten führen müssen, weil der Raum zu enge. Trotzdem spricht die Thora: „Wenn ihr alle meine Gebote haltet, wird es einen Bedürftigen im Lande nicht geben." Wenn es auch gleich weiter heißt „aber es wird immer Bedürftige geben", so ist das Erstere doch gesagt und keinesfalls überflüssig. Indem ich dieses vorausschicke, komme ich zu meinem eigentlichen Thema. Nach meiner Ansicht liegen in der Thora zwei Wege bezeichnet, die Völker zu erziehen und zu ihrem Ziele zu führen. Das Mittel dazu ist die Thora, und das Werkzeug war zunächst ausschließlich Israel. Hätte Israel sich seiner Aufgabe gewachsen gezeigt, welches hätte wohl die unausbleibliche Folge sein müssen? Hätte solch ein Beispiel nicht die Augen aller Völker in näherem und weiterem Kreise auf sich gezogen, und, wie es immer und zu allen Zeiten Einzelbeispiele in Israel gab, welche über den engen Kreis hinaus sehr, sehr oft von den Führern und Geisteshelden bewundert wurden, und in vielen Fällen große Intelligenzen heidnischer Völker entflammt . No 22. Seite 19 und zur Einsicht der Vollkommenheit der Gottesgesetze kommen ließen, so hätte solch ein Beispiel, von einem ganzen Volke, einen ungeahnten sittlichen Erfolg haben müssen. Was hätte wohl erreicht werden können, wenn Israel zur Zeit Davids und Salomons, als es eine große politische Macht darftellte, seine Thora gehalten hätte? Derartige Eroberungen lagen im Plane Gottes und hätten seinem auserwählten Volk nicht allein die theoretische Anerkennung, sondern auch Raum geschafft, und der Völkerfrühling, wie sich die modernen Friedensfreunde aus drücken, wäre auf seinem natürlichen ursprünglich gottgewollten Wege eingekehrt. Dieser nach meiner Auffassung in der Thora liegende Plan wurde nicht verwirklicht, scheiterte an der geringen Einsicht des überwiegenden Teiles, zunächst Israels. Ich glaube sogar, der Zweck würde erreicht worden sein, wenn schon ein großer Teil des Volkes sich nach den Thorawahrheiten gerichtet hätte und schließe dies daraus, daß Gott, nachdem er ein Golus über Jsrael-Juda verhängt hatte, das Volk wieder zurücksührte, und wenn auch erst nach schweren Kämpfen, ihm wieder seine Unabhängigkeit gab. Erst das zweite Golus änderte den Ratschluß Gottes, wenn man sich so ausdrücken will. Nunmehr soll der Weg, der die Menschheit ihrem Ziele, der Gotteserkenntnis und Anerkenntnis zuführen soll, andere Bahnen gehen. War es Israel, dem die Thora gegeben und das sie trotz all seiner Verirrungen nicht preisgab, das für seine Thora zu sterben wußte, so blieb es auch jetzt Israel, dem sein Ziel, das Bewußtsein seiner Aufgabe nicht verloren ging. Das Heiligtum lag in Trümmern, die Nation war gemordet, und der kleine Rest des Gottesvolkes wurde in alle Welt versprengt. Hatte Israel bis dahin, als geschlossenes Volk mit politischen Feinden zu kämpfen, abgesehen von den inneren Parteiungen, denen es materiell unterlag, so entstand ihm jetzt, aus seinen eigenen Grundideen hervorgehend, ein geistiger Feind, das Christentum. Wie schon oben angedeutet, sollte der Fortschritt, d. h. die Gotteserkenntnis auf der Erde allgemein werden. Es war, wie wir gesehen haben, in groß angelegtem Plan nicht zu erreichen gewesen durch Israel, das ein Volk von Priestern hätte sein sollen, und deshalb setzte jetzt eine aus Jahrtausende berechnete Kleinarbeit ein. Israel blieb der Träger des reinen Gottesgedankens und wurde in seiner Eigenschaft auch ferner angefeindet. Aber trotzdem, überall, wohin Israel auf seiner nunmehr beginnenden Wanderung den Fuß setzte, verkündete es den Gottesnamen wie einstens unser Stammvater Abraham, und überall drangen mehr oder weniger gegen den Willen der Vökker Thoragedanken in die Herzen. Das Christentum, welches einen Bruchteil des ethischen Gehaltes unserer Thora, wenn auch nicht als solche lehrte, gewann schnell Einfluß auf die heidnischen Massen, da es an den Menschen s elbst ja nicht so hohe Anforderungen stellte, dagegen den bis dahin heidnischen Völkerschaften in vielem entgegenkam und Kompromisse einging. Unter dem Fanatismus, der sich notwendigerweise in den unwissenden Massen entwickelte, durch die christliche Intelligenz als zweckdienlich geschürt, konnten Judenverfolgungen nicht ausbleiben, und an unserem Volk ging seine Verheißung buchstäblich in Erfüllung. Gekennzeichnet, gehetzt, gefoltert und gemartert, schloß es sich ein oder wurde eingeschloffen in enge Mauern, ins Ghetto. Aber das war zu seinem und der Menschheit Besten, denn draußen in der Welt drohte der göttliche Funke den Menschen verloren zu gehen. Jeder glaubte, er sei verpflichtet, die gegnerische Ansicht mit Feuer und Schwert bedrohen zu müssen, Aberglaube und Einfältigkeit beherrschten die Völker und verschonten auch Israel nicht mit ihrer Gier nach „gottgefälligen" Taten. Biel jüdisches, wahrhaft jüdisches Blut floß damals

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.