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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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Cette 18. No. 22. Der JSraelit. 1. Juni mt gehen und zugeben, daß, wenn sonst im Leben Vater und Sohn ttvet Personen find, auch die Menschheit ihren Vater hat, der nicht mit ihr identisch ist. Die Immanenz Gottes in der Welt ist dieselbe Immanenz wie die der Seele im Körper. Und auch sind Seele und Körper nicht identisch. Möchte auch der Materialismus der Radikalen Seele und Körper identifizieren, so entstehen ihnen gerade von ihrem Standpunkt der Wissenschaft der experimentellen Psychologie soviel Rätsel, daß sie einsehen müssen, daß sie sich von einer Lösung derselben viel mehr entfernen als sich einer solchen nähern. Das alles, wenn wir für einen Augenblick den Ausdruck und den Begriff „Lehre" annehmen wollten. Wir Juden können uns diese umständliche Beweisführung aber sparen. Wir lehnen die Lehre ab, weil wir ein Gesetz empfangen haben. Seine Vollendung bedeutet sicher nicht Untergang, weil die Ertüchtigung zu seiner Erfüllung Leven — schon seit Jahrtausenden — jugendfrtsches Leben erweckt, ein Leben, das in seinem sittlichen Streben die sittlichen Ideale der biblischen Zeit bei aller Veränderung des äußeren Weltbildes als Zukunstsideal vor sich hat und unter unsäglichen Opfern, die dieser Idealismus heute noch fordert, auch in der Gegenwart hochhält. Dieser Idealismus kann ja doch nur aus OpttmiSmus geboren sein, geboren aus der grundlegenden Ueberzeugung von dem guten Kern, der in der Menschheit liegt, getragen vom Vertrauen, daß in jedem Menschen der Gotteshauch der Reinheit, der ihn ins Leben rief, obsiegen wird über den Reiz und die Fähigkeit zur Sünde, die ihn betören können, angespornt durch die Verantwortung, die ein jeder vor seinem Gott fühlt, vor dem er unmittelbar steht in Schuld und Sühne, in Gutem und in Schlechtem. Niemals kannte und vertrat das Judentum eine andere Anschauung, man mußte sie nur erst, um als Neuschöpfer solcher Ideen dazustehen, für die Bibel leugnen und erst ganze Teile aus ihr für unecht erklären, um Gedanken zu verkünden, die dem Urteil -er modernen Zeit standhalten. In der Bibel mußte man sie streichen/ in der Thora nicht. Man verwechsele beides nicht. An unrichtigen Uebertragungen trägt das Judentum keine Schuld. Mögen andere Kreise die „Bibel" lesen, wie sie wollen. Die Angriffe, die infolge ihrer Auslegung gegen die Bibel geschleudert werden, treffen die Thora nicht. Wer immer die Thora in ihrem Urtext liest, wer die jüdische Literaturgeschichte nach der hergebrachten jüdischen Auffassung fragt, der kann vor die modernste Welt mit der alten jüdischen Thora treten, er wird noch immer ein noch modernerer Mensch sein. In den modernsten Denkern und Dichtern, in den Ausgrabungen und Funden erstehen heute allerorts Kronzeugen für die Thora. Würde man dort, wo die moderne Kritik der verschiedenen Religionssysteme heute einsetzt, den Gedankengang der Thora substituieren: die geistige Entwicklung und die harmonische Verständigung der Menschheit hätte größere Fortschritte gemacht als es bisher -er Fall ist. Aber der Umstand, daß man die Thora nicht kennt, dieses Aschenbrödel in der Welt -er allgemeinen Bildung und Wissenschaft, verhindert die Möglichkeit, für negierende Kritik positive Werte etnzutauschen. Wie leicht wäre es in den westeuropäischen Kulturländern das Augenmerk der Welt auf dieses sittliche Menschheitskleinod zu lenken und es nutzbar zu machen für die Staatengesetzgebung und das Völkerrecht. Statt dessen stößt man der Umwelt Abscheu vor dem Judentum ein, indem man statt den hehren Idealismus der Thora den krassesten Materialismus zur Schau trägt. Die Welt verwechselt natürlich Judenheit und Judentum. Es ist nur allzu begreiflich, daß der Sache zum allgemeinen Schaden der gesamten Menschheit der größte Nachteil daraus erwächst, daß ihre geborenen Vertreter zu Verrätern an ihr werden. Man verleumdet die Thora als rückständig und veraltet, wiewohl man selbst der höchsten Ignoranz sich schuldig macht Man redet sich ein, so dem Judentum und dem Fortschritt zu dienen, und schmäht jenes und hemmt diesen. Nichtjüdische Kreise kommen da der Thora zu Hilfe und schildern das Menschenleid, um der Menschheit Erlösung zu fördern. Nichtjüdtfche Kreise propagieren die religiösen Ideen, während der Jude in den „Wahngeburten fremder Gedanken sein Genüge" sucht und die Nachahmung fremder Sitten, für ihn inhaltlos, ja entwürdigend, als Erfolg Preist. Würde man den denkenden Geist der Zeit kennen, statt immer die Gegenwart unter dem Zeichen der Technik und des rastlosen Verkehrs zu schauen, zu schauen als „rasendes Roß", das nicht nach Zaum und Züael fragt, dann würde man vielleicht in sich gehen — wenn die machtvolle Herrschaft der Sucht zu erwerben und zu genießen, nicht lieber auf einen Blick nach innen, so lange er vermeidlich ist, verzichtet. Was sagt z. B. die Neologie dazu, die sich so gern in heller Schadenfreude der Bibelkritik anschließt und sich in „verfeinertem Empfinden" vom „Rachegott des Alten Testaments" abwendet, wenn sich Ibsen in Brand I. 2 folgendermaßen vernehmen läßt? „Nicht zum Spott, Ich zeichne nur nach der Natur Des Landes, des Volks Familiengott. Der Katholik stellt den Erlöser Oft als ein kleines Kind sich vor. Ihr lacht und macht es noch viel böser: Nach euch ist Gott ein greiser Tor: Ein wenig fehlt zum Kinde nur. Und wie der Papst hat als Symbol Der Herrschaft seine Doppelschlüssel, So schaut ihr zwischen Pol und Pol Die Welt in eurer Teufltngschüffel. Ihr trennt vom Leben Glaub' und Lehre, Als ob der Wandel gar nichts wäre, Ihr möchtet euren Geist erheben, und wagt nicht voll und ganz zu leben — Braucht einen Gott der schwankend gehe, Und der euch durch die Finger sehe. Weil euer ganzes Leben Fratze, Hat euer Gott Kalott' und Glatze! — Mein Gott ist nicht so matt gesinnt. Der mein' ist Sturm, der deine Wind- Unbeugsam meiner — deiner dumpf, Allliebend meiner — deiner stumpf. Der meine jung und stark, ein Rächer, Kein schwacher Alter, feiger Schächer. Sein Ruf ist wie ein Sturmgetön, Das aus dem Feuerbusch erscholl Zu Moses auf des Horebs Höhn, Ein Riese er, jedweder Zoll. Die Sonne stand in Gideons Tal Auf sein Geheiß. O ohne Zahl Würd' er noch heute Wunder tun, Wär' feige nicht die Welt wie du."-? Sind diese herrlichen Verse nicht von der jüdischen Erkenntnis diktiert, daß nicht Liebe das weltbeherrschende Prinzip sein kann, sondern Gerechtigkeit? Liebe ist ein Gefühl. Gefühl ist dunkel. Heute kann ihm Liebe, morgen Haß entspringen. Zuneigung und Abneigung, unkontrollierbar und ungerecht, sind die Beherrscher der Welt. Ggnz anders, wenn eine Intelligenz die Gerechtigkeit auf den Thron der Welt erhebt. Die Wahrheit ist ihr Ursprung und ihr Ziel, und ein wirklicher Ausgleich die wohltätige Wirkung. Diesem Richter der Gerechtigkeit ist jede einelne Seele verantwortlich. Kein anderes Wesen ann und darf zwischen sie und ihren Gott treten. Wie sollte ein Staubgeborener über seine Mitmenschen sich erheben dürfen und glauben, das Recht und die Fähigkeit zu besitzen, für die Seelen seiner Brüder und Schwestern „sorgen" zu können? So dachte stets das Judentum und kannte keine Geistlichkeit. ES hatte Lehrer und eine große Reihe Mehrer seines Gesetzes, die, in Lehre und Leben gleich ausgezeichnet, als Vorbilder in Führung und Meister im Wissen glänzten. Je höher sie standen, je demutsvoller beugten sie sich vor Gott, so anspruchsloser gestaltete sich ihr eigenes Dasein, so weniger kannten sie ihre Stuse und um so entschiedener wiesen sie jeglichen Personenkult weit von sich. Auch dieser rein menschlichen Anschauung leiht Ibsen in seinem Brand Ausdruck. Der Pfaffenherrschaft will er gründlich den Garaus machen und zeichnet deren Umstrickung der Seelen nach der Natur. Die fehlende Wahrheit und den frommen Betrug, die Unehrlichkeit und die Jnteressenpolitik geißelt er und erklärt daraus die Seltenheit von Persönlichkeiten. Wenn der Idealist Brand meint IV. 1: „Doch niemals wird, was schwarz ist, weiß," dann antwortet der Bogt: „Mein lieber Freund, was hilft's, ich seh' Der Schnee sei weiß und rein das Eis, Wenn alle Welt ruft: schwarz wie Schnee!" Brand: „Ihr ruft wohl mit?" Bogt: „Nicht so genau! Ich rufe: schwarz zwar nicht, doch grau. Wir sind human/ weshalb erboßen? Den Leuten vor die Köpfe stoßen?" Wenn Brand fragt: „So habt ihr eure beste Kunst Nur ausgeübt um Volkesgunst?" dann antwortet der Bogt: „Nein, nein, weiß Gott, das war es nicht, Der Leute Bestes ist mein Ziel, Nur darauf war ich stets erpicht. Doch leugn' ich nicht, zu diesem Spiel Trat auch die Hoffnung auf Entgelt Für alles, was ich angestellt." Diese wenigen Zitate, die einem großen Zusammenhang entlehnt sind, mögen die Krittk, die modernes Empfinden an hergebrachte, religiöse Zustände legt, beleuchten. könnten iviv Juden da nicht die Fahne ergreifen und führend uno wegweisend voran marschieren und der Welt als die Modernsten der Modernen erscheinen, indem wir all die Nachlahmungen fremder Sitten ablegten, welche sich in der Synagoge uüd auf dem Friedhof, bei der Trauung und sonstigen Handlungen, die im Judentum gar keine „kirchlichen" Funktionen sind, eingedrängt haben? Statt dessen haben wir das Wesentliche des Judentums, — das Lehrhaus — zu Grunde gehen lassen und die Synagoge zum Mittelpunkt des Lebens erhoben. Merkwürdig und wie widerspruchsvoll, daß die Neologie vollends überhaupt nur noch lediglich das „Ceremoniell" — von anderswo herübergenommen — als einzigen Inhalt des Judentums behalten hat, während sie das Sittengesetz des Lebens mit dem Spottnamen „Ccremonralgesctz" herabzusetzen sucht. Sie hat den Geist vertrieben und eine Farce an dessen Stelle gesetzt. In anderen Rettgionskreisen ringt man sich zum Ernst der altjüdischen Anschauung durch; das „liberale" Judentum greift ohne denkenden Inhalt auf das zurück, was das liberale Christentum in strengerLogikundfeinemEmpfindenr als überwunden erklärt. Die Neologie arbeitet nur äußerlich, von Geist, von Verständnis, von Gefühlsleben keine Spur. Hätte die Neologie sich für die Praxis noch wenigstens das erhalten, was sie mit Vorliebe als ihr Wirkungsgebiet ansieht, die Pflege der „Wohltättgkeit". Wir wollen gar nicht davon sprechen, daß sie den B ^riff mit dem Wort verändert hat. „Wohltättgkeit" schließt eine gewisse Belobigung und Selbstzufriedenheit des Wohltäters in sich.

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