Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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Seite 20. No. 23 Der JSraeltt. 1. Juni 1S11 zur „höheren Ehre Gottes". Israel war isoliert, auf sich selbst angewiesen und hielt sich fern -von allen Greueln. Nein, es arbeitete fleißig und schuf zu den ihm gegebenen ewigen Werten Werte, unschätzbare, für sich selbst und für die ganze Menschheit. Jahrhunderte lag dieser Druck, entstanden durch Unverstand und Bosheit, aus der Menschheit, und als die Menschen zur Erkenntnis ihres Tuns kamen, mußten sie einsehen, daß sie sich selbst decimiert hatten. Allmählich dämmerte ein neuer Tag unter den Völkern. Die Geistestätigkeit, die unter dem herrschenden Druck zur Ruhe gezwungen war, setzte wieder ein, und nunmehr fand man in der eahrhunderte langen Arbeit unseres Volkes die runnen des Wiffens wieder, die man mangels jeder Einsicht zu verstopfen gedacht hatte. Israel blieb auch jetzt noch immer, mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen das geächtete Volk. Man nahm alles von ihm an, was es Gutes und Schönes bewahrt und geschaffen, und hatte man es der jeweiligen Kultur etnverleibt, so suchte man zu beweisen, daß Israel gar nicht der Besitzer oder Erzeuger sei. Israel kämpfte und kämpft einen heiligen Kampf um feine und der ganzen Menschheit heiligsten Güter. Immer, sofern es treu zu seinem Gotte hielt, hat es obgesiegt und seinem Namen Ehre gemacht. Es ist ja sein Beruf, sür Gott zu streiten — mit Waffen des Geistes. Und scheinbar noch ein neuer Feind gesellt sich zu den alten. Die Wiffenschaft. Wie, die Wissenschaft soll des Judentums Feind sein? Ja, die Wiffenschaft, die sich entwickelnde Pseudo- Wiffenschaft, der es zunächst darum zu tun war, Gott und alles Göttliche zu leugnen. Sie argumentiert mit Schlagworten, mit oberflächlichen Betrachtungen, dringt in die Gegenstände mit Vorurteilen, mit dem Gedanken, die Erscheinungen nach ihrer vorgefaßten Absicht zu deuten, ein. Solche Wiffenschaft bedrohte das Judentum, nicht allein von außen, auch im Innern ließ sie Zweifel entstehen. Aber es sind heute schon Beweise dafür beigebracht, daß die wahre Wissenschast des Judentums und der Gotteserkenntnis Freund ist. Die Menschheit müht sich ab, ihren Geist an den Erscheinungen des Stoffes zu messen, zu ergründen, zu erfinden und zu entdecken, was verborgen ist, und dabet gelangt sie manchmal auf falsche Fährte zu Ergebnissen, die sich dem menschlichen Verstände in seiner Bestechlichkeit als der Inbegriff aller Weisheit darstellen. Oft genug richten solche wissenschaftlichen Ergebnisse große Verheerungen und Verwirrungen in den Köpfen anderer an, denen diese Weisheit gepredigt wird; bis sie dann schließlich als falsch, als überwunden betrachtet wird. So schreitet das Menschengeschlecht fort: Durch Irrtum zur Wahrheit. Erfindungen, große ungeahnte Triumphe des Menschengeistes lassen in der Welt den Menschen zur Selbstvergötterung gelangen. Aber an gewissen Grenzen der Erforschung treten dann unerklärliche Schwierigkeiten auf, die dem Menschen unlösbare Rätsel aufgeben, und immer wieder muß der Mensch erkennen, daß es Grenzen auch für sein geistiges Schaffen gibt. Immer und überall bleibt eine unübersteigliche Mauer, und der Mensch erkennt, muß erkennen, daß über ihm des Unerforschlichen noch immer bleibt. Alles was der Mensch schafft und erdenkt, steht es rückhaltlos im Dienste des Wohles, des Besten der Menschheit? Im Gegenteil, nur zum Allerwenigsten. Zum weitaus überwiegenden Teile sucht man, die Errungenschaften den größten Feinden der Menschheit, oer Sittlichkeit und des Gottesgedankens, nämlich dem Morde, dem Massenmorde, dem Kriege dienstbar zu machenja, wird ihr prattischer Wert an ihrer Brauchbarkeit für Kriegszwecke gemessen! Man triumphiert allenthalben über jedes eine verheerende Wirkung erzeugende Produkt des Menschengeistes, über jede Überlegenheit in der gegenseittgen Beobachtung. Man bemüht sich zu erfinden für den Angriff und für die Abwehr. Man flößt sich gegenseitig Furcht ein und versichert sich einander die herzlichste Freundschaft. Man spricht von Frieden und meint den Krieg. In fast allem Tun der Menschen ist nur ein Streben nach materiellem Besitz zu erkennen, alle guten und bösen Triebe sind dem Kampf ums äußere Glück dienstbar gemacht. Die Stimme der Wenigen, die hier ein Halt gebieten möchten, dringt nicht durch, wird durch des Tages Lärm und Streit erstickt. Ist dieses alles denn des Menschen Ideal? Sind denn die Menschen von ihrem Tun befriedigt? Gibt es denn kein Elend mehr? Nein, von allen Idealen ist die Menschheit heute so fern wie nie. Der Geist, die Seele des Menschen hungert nach Befriedigung, aber nur Wenige finden den Weg zum wahren- Glück. Das Leben bietetso viel an schnell sich jagenden Ereignissen, „Gklmsse" aller Art stumpfen die Gemüter ab. Man arbeitet und genießt, rast- und restlos. Man blickt nicht zurück, nicht in sich hinein. Aufreiben muß sich die Menschheit, wenn ihr nicht noch die Einsicht kommt. Auch Israel ist von dem allgemeinen Nebel durchseucht. Es hat verlernt, seinen Port zu erkennen. Im Vollgefühl seiner ihm endlich, wenn auch in bescheidenem Maße zuerkannten Bürgerrechte, beeilt es sich, sich seines Judentums zu entaußern. Alle Momente, die es vorteilhaft aus allen Völkern hervorheben, sucht es möglichst schnell zu verwischen, um ganz den anderen gleich zu werden. Noch wenige Säulen stützen es, da kommt ihnen Hilfe: Fast überall beginnt man ihm mit Mißtrauen zu begegnen, man erkennt in ihm den ebenbürttgen, wenn nicht überlegenen Konkurrenten km Kampf ums Dasein und um den Ruhm. Es kommt zum neuen Kampfe, und man versucht, den Juden aus jeder Position zu verdrängen. Politisch und wirtschaftlich sucht man ihm zu schaden, ob die Mittel, die man anwendet, lauter oder unlauter sind. So sehr alle diese Machenschaften vom menschlichen Gesichtspunkte zu verurtellen find, sie haben Israel sich doch wieder auf sich selbst besinnen lassen. Noch erst ist diese Bewegung in ihren Anfängen wahrzunehmen. Man tastet noch unsicher nach dem rechten Wege, dem Juden sich selbst zu erhalten und ihm doch seine Position im bürgerlichen Leben zu wahren. Man fühlt allenthalben in der Judenheit, daß es nicht des Juden Beruf sein kann, gleich zu werden den anderen Völkern. Man erkennt, welche geheiligten Ideale, durch die Jahrhunderte von allen Feinden bedroht, wir getragen haben, und noch immer sind so sehr wenige davon verwirklicht. Nein, noch stirbt Israel nicht, es erkennt wieder seinen wahren Beruf, der Menschheit als Priester des wahren Menschtums zu dienen und seine Thora hocherhoben zu tragen, durch alle Wirrnisse der Zeiten. Aber wie zurückkehren von der falschen Bahn? Die einen versuchen auf diese, die andern auf jene Weise wieder Judentum zu lehren, und wenn auch viele Wege sich als falsch erwiesen und noch erweisen werden, so ist doch jetzt schon festzustellen, daß ein hl. Stamm geblieben ist, von diesem aus geht die fast vergessene Thora wieder über alle Juden und dringt in die Menschheit ein. Zunächst erkennt man die Pflicht an, den Fallenden zu stützen, den Gefallenen aufzurichten, den Nackten zu kleiden. Diese Thoragebote sieht man heute sich bahnbrechen. Auch die Wunden, die ein rücksichtsloser Daseinskampf schlägt, versucht man zu heilen. Wenn auch die Zeit noch fern ist, wo man versuchen will, keine Wunden zu schlagen, so wird, so muß auch diese kommen. Wenn nur der Menscbengeist durch die Fülle seines sich zur größten Vollkommenheit entwickelten technischen, physikalischen und sonstigen Wiffens erkannt hat, daß alle diese Werte, die man jetzt zur Zerstörung sucht und entdeckt, man besser und nutzbringender zum Wohl des Einzelnen und der Gesamtheit anwenden kann, dann wird auch die Zeit der allgemeinen Menschenrechte herankommen, dann wird man die Schwerter in Pflugscharen umwandeln. Wenn Gott auch den Menschen mit einem freien Willen ansstattete, der sich nnr selten in der gottgewollten Richtung betätigte, so erkennt der Mensch doch, muß er durch die Tatsache belehrt, erkennen, daß der Sieg dem auch dem Menschen innewohnenden Gottesgeiste zugefallen ist. Dann sieht die Menschheit ein, daß sie manchen Umweg gemacht, manchmal die Richtung verfehlte, und sie wird erkennen, daß es außer dem uns gesteckten irdischen Ziele ein himmlisches Ziel gibt, dem die Seele zustrebte von jeher. Erkennen wird sie, daß die Thora Gottes ist, und der geradeste Weg, die Menschheit zu führen durch ein glückliches Diesseits, in ein vollkommenes Jenseits. Man wird nicht begreifen, wie man so lange das Gottesbuch hat verkennen und seinen Träger hat befeinden können. Man wird Israel seine Jahrhunderte lange Schmach vergessen machen, und das Gottesvolk, in dem bis dahin sich auch die Thora ganz verkörpert haben wird, mit Freuden einlassen zu seinem Frieden in die heilige Stadt Davids. Die Erlösung und der Erlöser werden dann wahrhaft ihren Einzug in die Welt halten und alles einem solchen Friedensfürsten zujauchzen, und von dem wieder erbauten Tempel des Ewigen wirds dann in Wahrheit heißen: Ein Bethaus für alle Völker wird er sein. So wird, so muß Israel seine Aufgabe lösen. Seine Trauer wird sich in Freude wandeln. Jakob ist dann zum Berge Esaus gekommen, ausgelöscht ist das Andenken Amaleks, vergessen ist die lange Nacht des Golus. Es ist lichter Tag geworden! Aufs Neue wird Israel eingesetzt, aber diesmal von allen Völkern, die sich eins fühlen, im Streben zum Ewigen, von dem es heißen wird über die ganze Erde: Er ist einzig und sein Name ist einzig. £orre$poit<ltii2. Kuskirchen, im Mai. Auf Anregung und unter Leitung der Herren Lehrer Heilberg, Moses Schweizer und Selig Hanauer kommen die jungen Leute der hiesigen Gemeinde jetzt mehrmals in der Woche zusammen/ um zu lernen. NYSN tPöin najwö sind die Gegenstände, die vorläufig in freien Zusammenkünften behandelt werden. Nicht nur die Tatsache, daß der Wille zu lernen, wieder auflebt, ist erfreulichauch die Art und Weise/wie die Herren sich der Jugend annehmen, ist anerkennenswert. Es ist kein Verein gebildet worden und es soll auch kein „Verein" entstehen. Denn sobald ein solches Gefüge wie ein Gespenst am Horizont aufsteigt, sind sofort alle schlechten Leidenschaften entfesselt. Bald ist es die Geldfrage, bald der Streit um geringfügige Bestimmungen der Statuten, dann die Ehrsucht nach einem Ehrenamt, wodurch sofort der Zwist gesät wird und der Neugründung der Todeskeim in die Brust gepflanzt wird. So aber ist die mm allein Mittelpunkt des Ganzen. Es wird mit Hingebung seitens Lehrer und Schüler gelehrt und gelernt und Mehrung des Thorawiffens ist einziges Ziel. Es sind schon zwölf Herren der Vereinigung beigetreten und es steht zu hoffen, daß die Zahl der Freunde dieser Vereinigung sich recht bald nicht nur aus Euskirchen, sondern auch aus der großen Umgegend ergänzt. Wir wünschen dem Unternehmen von Herzen gutes Gelingen. Möge diese wahrhaft jüdische Jugendvereinigung mit nur jüdischen Grundsätzen und rein jüdischen Zielen an recht vielen Plätzen Nachahmung finden, damit die Kenntnis der Tauroh und die Begeisterung für sie zur Mehrung und Erstarkung jüdischen Lebens und Denkens führe.