Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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A Jahrgang. M ß. üdiscber Volhefmmd Ms«atr-8ellage rm> „israelir VwtonHI<t< lUdUfctfoai Rabbitttf Df* D. 8btf tü MM Liberaler €&ri$tentum und ..liberaler" UwdenfMm. Die Bewegung, welche heute die deutsche Christenheit beider Konfessionen ergriffen hat, beansprucht in hohem Maße das aufmerksame Interesse der ganzen gebildeten Welt, auch der Kreise, die keinem dieser Glaubensbekenntnisse angehören. Selbstverständlich haben wir nicht die Absicht, uns taktloser Weise in die inneren Angelegenheiten anderer Kirchengemeinschaften einzumischen. Es geht auch nicht an, über diese Bewegung heute schon ein geschichtliches Urteil zu fällen. Uns interessieren nur einige Gesichtspunkte rein menschlicher Art, die in den Kämpfen zur Sprache kommen, um zu untersuchen, ob diese rein menschlichen Ideen, die sich da aus der kirchlichen Form herausschälen, durch das bloße Schlagwort „liberal" dem sogenannten liberalen, d. h. dem Reformjudentum oder der sogenannten Orthodoxie, richtiger dem thoratreuen Judentum näher verwandt sind. Dabei wären die theoretischen und praktischen Seiten der Frage zu unterscheiden. In Bezug auf die Anschauung treffen sich die Linksliberalen beider Bekenntnisse bis fast zur Unmöglichkeit der Unterscheidung von einander. Das hat sich ja bet dem Meinungsaustausch Kohler-Maybaum gezeigt. Die Verflüchtigung Gottes in Begriffe und Ideen sind beiden gemeinsam Nur Geburt und Rasse bildet noch einen Unterschied. Die völlige Negierung ist das einende Band, bas sie verbindet. Es brauchte es allerdings nicht zu sein, wenn man sich jüdischersetts klar machen wollte, daß man nichtjüdischerseits „die Gotttnntgkeit für wichtiger als die Gotteserkenntnis h ä l t." Sieht man denn nicht, daß in einem solchen modernen Gedanken ein guter Schritt in der Geschichte der Gedankenwelt zu der Auffassung getan ist, die im Judentum immer vertreten war? Der Denker solcher „neuen" Gedanken entlehnt sie mit Bewußtsein freilich nicht dem Judentum und will auch mit ihnen durchaus nicht auf das Judentum zurückgreifen. Denn ihm, der sich Christ nennt, bleibt das Judentum eine Vorstufe des Christentums und ihm ist der ethische Inhalt des Christentums von keiner Religion übertroffen. Diese Ansicht verargen wir dem im Christentum geborenen Denker nicht, wir verstehen sogar das Interesse, daß er in einem solchen Gedankengang — auch mehr unbewußt — nimmt in einer Zeit, in der, was an Juden und Jüdisches erinnert, auch im aufgeklärtesten und liberalsten nichtjüdtschen Kreis geächtet ist. In unserer Zeit beherrscht die Politik auch das Gebiet der Wahrheit. Die Wahrheit verkriecht sich vor der Macht der Lüge. Das ändert aber an der Wahrheit selbst nichts. Ob anerkannt oder nicht — sie bleibt bestehen. So ist es Tatsache, daß die Unterscheidung von Gottinnigkeit und Gotteserkenntnis eine Lehre der Thora ist. Nach jüdischer Anschauung hat der Mensch keine theoretische Gotteserkenntnis. Der jüdische Mensch vermißt sich nicht, sich eine Anschauung über Dinge und Wesen anzumaßen, die übersinnlich sind. Wir haben keinen Katechismus und keine Dogmen, die etwas über Gottes Wesen aussagen. Wir gehen damit mit dem deutschen Denker einig, daß wir das Ding an sich überhaupt nicht kennen, nur das kennen wir — selbst in der Welt der Erscheinungen — was das Ding uns ist. Wie viel berechtigter ist dieser Satz auf eine Welt angewandt, die jenseits des Vermögens unserer Sinne liegt und unserem Begreifen entzogen ist. Folgt nun daraus die Notwendigkeit der Verflüchtigung eines menschlich unfaßbaren Wesens in einen menschlich definierbaren Begriff? Für das Judentum keineswegs. Das Judentum hat ja stets die Erkenntnismöglichkeit Gottes geleugnet und ebensosehr die nm1 das Gottschauen, das ständige Bewußtsein von Gott, kurz „Gottesfurcht", besser Ehrfurcht vor Gott, d. i. ja Gottinnigkeit, betont und hat sie in der praktischen Betättgung der Liebe und des Gehorsams als unbedingte Postulate zum Ausdruck gebracht' Aber der geschichtliche Ursprung dieser Gottinnigkett war ein besonders gearteter. Es ist das Judentum nämlich keine Religion und Judentum ist kein Glaube. Seine Grundlage bildet mit Nichten ein Wunderglaube. Die Wunder waren ja nur so lange nötig, bis Moses am Hofe eines „andersgläubigen" Königs akkreditiert war. Nachdem das jüdische Volk aus diesem wundergläubigen andern Volk herausgeführt war, steht es erst am Berg der Offenbarung. Für das jüdische Volk waren die Wunder kein Offenbarungsinhalt —sein Gesetz ist Inhalt seiner Offenbarung. Und diese Offenbarung fand am hellen Tage vor den Augen und den Ohren des gesamten Volkes statt. Das Volk in seiner Gesamtheit und seinen einzelnen Gliedern ist „durch sinnliche Wahrnehmung zur Erkenntnis gebracht worden, daß Gott Gott ist und niemand außer ihm. (V)" Das Volk ist in seiner Gesamtheit und mit seinen einzelnen Gliedern Zeuge eines geschichtlichen Ereignisses ewesen, von dem uns die Zeugen des Gescheens die Tatsache des Geschehens darum die glaubwürdigste geschichtliche Urkunde übermittelt haben, weil ausnahmslos das ganze damals lebende Geschlecht des jüdischen Volkes Zeuge dieses Erlebnisses war. Wie man eine geschichtliche Tatsache nicht zu beweisen braucht, so bedarf die geschichtliche Tatsache der Offenbarung keines Beweises. Wie man das Daseins eines Wesens, dem man gegenübersteht, nicht zu' beweisen braucht, so bedurfte es in Israel niemals eines Beweises für das Dasein Gottes. Mathematische Behauptungen, Begriffe reinen Denkens müssen bewiesen werden, geschichtliche Tatsachen werden bezeugt. Und hier im Judentum ist ein ganzes Volk Zeuge. Das Judentum ist keine Religion, und die Juden sind keine Schar Gläubiger. Das Judentum ist eine Gesetzesinstttutton und die Juden sind ein Volk zur Hütung und Betätigung dieses Gesetzes. Das, was die Thorah lehrt, spielt sich alles hier auf Erden ab und ist für die Erde da. Ein Wunder ist freilich dabei. Dieses Wunder ist aber nicht im Weltbild der Bibel, sondern in dem Weltbild der Gegenwart zu suchen. Und dies Wunder ist die Erhaltung der Juden heit und des Judentums durch alle ihm meistens äußerlich und innerlich ungünstigen Zeiten. Und wenn man so will, so lassen wir dieses Wunder wohl als einen Beweis gelten, als Beweis für die Wahrheit vom Judentum, seiner Gesetzesoffenbarung und seines Schöpfers und Gesetzgebers. Ein Beweis, wie es keinen zweiten in der Weltgeschichte gibt, ein Beweis — nicht wegzuleugnen, nicht zu widerlegen —, weil es leibhaftig vorhanden ist und offenkundig in einem kleinen Volk, zerstreut, zerrissen, überall und nirgends seßhaft, ohne Macht und ohne Mittel, mit einer einzigen Erbschaft aus der Epoche seiner ehemaligen Selbständigkeit — und dieses Erbe ist einzig und allein seine Thora. Sie ist sein Sieg gewesen und geblieben. Sie ist der Sang seiner Lebenshetterkeit noch heute. Bedarf es eines größeren Beweises für den Besitz der Wahrheit? Mehrere Wahrheiten aber gibt es nicht. Vielleicht ist diese eine Wahrheit in einzelnen Gedankensplittern anderen Systemen beigemischt worden. Mag sein, nun so ist es doch gerade wiederum die Thora, das Judentum, bas für alle anderen Menschen nur die allgemeinen Menschenpflichten aufstellt. Man mag diese aus den Religionen „herausschälen"-und hat die „Thora" des reinen Menschentums. Diese Menschenpflichten sind natürlich stetig und sind nicht beweglich. Sie beruhen auf der Gottinnigkeit des Menschen, die wiederum aus der Gotteserfahrung, d. h. wie wir gesehen, der geschichtlichen Erfahrung fließt. Eine Erfahrung kann aber nicht beweglich sein und auch nicht die Erinnerung daran. Daß wir keinen Glauben haben, daß wir eine Erkenntnis nicht suchen, müssen, ist unser Vorzug und das Geheimnis nicht nur unserer Beständigkeit, sondern auch unseres Bestandes. Die nichtjüdischen Denker hätten davon schon längst lernen können, wenn sie ans ihrer Forschung die Betrachtung des ältesten Volkes und Kulturträgers nicht ausschließen wollten und sich, falls sie das jüdische Volk in ihren Rundblick mit etnbeziehen, an wirklich jüdischen Quellen der Thorawahrheit Rats erholen wollten. Daß die Neologie des jüdischen Volkes nichts lernen will, liegt in ihrem Wesen. Die Verneinung ist ihr Inhalt. Wenn daher der nichtjüdische Denker durch die Brille der Neologie das Judentum betrachten wollte, so würde er eine in sich abgeschlossene Gotteslehre dott gewiß nicht finden. Daß es aber eine solche nicht gibt, vermag er darum nicht zu behaupten. Man muß dabei allerdings den Subjektivismus ausschalten. Eine Lehre, die der Mensch aufstellt, kann er nie als geschloffen betrachten. Eine objektive Lehre, die er, wie der Pfeil das Ziel, erreichen soll, gibt es zugestandenermaßen, wenn anders alle Menschen sich im Gebet vereinigen: „Dein Reich komme." Auf dem Gebiete der Erziehung haben wir dafür das Vorbild. Und wenn auf dem Gebiete des religiösen Lebens das Verhältnis vom Vater zum Sohn eine geläufige Darstellungsweise ist, dann kann man füglich einen bloßen Vergleich mit dem Erziehungsgeschäft nicht ablehnen. Ja man muß solgerichttg noch Men Schritt weiter-