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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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* ■* _ Leuilleton-Beilage zu Nr. 22 des „Fsraelit" euiüeton MM im. Historischer Roman von Sara Gugenheimer. (Fortsetzung.) Liah stieß einen halb unterdrückten Schrei aus, indem sie mit beiden Händen den Arm der Frau, die sie seit gestern Muhme nannte, ergriff. Aschfarbene Bläffe hat ihr Antlitz überzogen, das sich erst eben durch ihre Erregung wieder gerötet hatte. Aber jetzt war sie vollkommen erschöpft, keine Muskel zuckte in ihrem Angesicht, aber ihre Stimme war seltsam heiser." „Muhme, liebe Muhme," flüsterte sie, „ich werde das nie wieder sagen, so lange ich bei euch fein werde, nie wieder — ich merbe immer daran denken, wie vielen 1£kmf ich euch schuldig bin. und daß ich euch nicht ins Unglück bringen darf. Aber wenn ich wieder ausstehrn und herumgehen kann, meint Ihr nicht, daß es dann besser.sein würde, wenn ich fortgehen würde?" „Fort wolltest du gehen? Aber wohin denn? „Das weiß ich nicht, das ist aber doch auch einerlei, nur weit fort Möchte ich laufen, damit die bösen Menschen euch nichts tun können, weil Ihr ein Judenkind ausgenommen habt. Wenn ich das gewußt hätte, daß sie euch deshalb Böses tun könnten, dann wäre ich gar nicht zu euch gekommen." „Aber du bist doch auch nicht zu mir gekommen, ich habe dich draußen wimmern gehört, da bin ich zu dir hinaus» gegangen und Hab dich zu mir hereingeholt, weil unser Herrgott dich zu mir geschickt hat, daß du mir meinen Buben ersetzen sollst, den er mir genommen hat." Liah zog die Hand, die sie eben wieder streichelte, an ihre Lippen: „Ihr seid so gut, so sehr, sehr gut — aber, wenn sie es erfahren würden und euch deshalb Böses tun würden?" „Was redest du, Närrchen, für Unsinn, wenn du es ihnen nicht sagen wirst, so werden sie's doch auch nie erfahren. Hast es doch heute schon gesehen, so viele Menschen sind da gewesen, haben dich angeschaut und mit dir geredet und keinem ist es eingefallen, daß du nicht der bist, für den ich dich ausgeben tue. Im Gegenteil haben alle gesagt, daß man dir's ansieht, daß du Zur Familie gehörst, weil du meinem Dicki ähnlich siehst. Hast du das denn nicht gehört?" „Gehört.habe ich es wohl, aber ist es denn wahr?" „Das weiß ich nicht, mir scheint, daß unser Herrgott ihnen das eingibt, daß sie das glauben sollen, weil er nicht will, daß wir in Ungelegenheiten kommen sollen. Aber, daß du dir nur nie und nimMer merken lässest, daß du ein Jude bistj — Denn schau, schlecht ist dir geworden, <rls du gehört hast, wie der Bruder Küchenmeister über die Juden geredet hat, und es' war arg häßlich, mir wäre auch beinahe nicht gut geworden. Und doch ist er sonst gar nicht so böse. Weißt du, was er noch draußen zu mir gesagt hat? Wenn dir nachher ganz gut sein wird, dann soll ich mit einem großem Korb hinüber in's Kloster kommen, den wird er vollmachen mit den schönsten Aepseln, wie du solche sicherlich noch nie gegessen hast, die wachsen nur hier im Kloftergarten, sonst in der ganzen Welt nicht. Und eine ganze Tafel Honig will er mir auch geben, weißt, der noch drinnen im Wachs ist, wie die Bienen ihn ge-; I macht haben. Du hast ihm so gut gefallen, da möcht' er dir gerne eine Freude machen und er meint auch, daß die Aepfel und! der Honig dir gut Um würden." Liah schüttelte sich abwehrend. „Nein, Muhme, nein, geht nicht in das Kloster, ich mag nichts von dem bösen Menschen." „Aber Dicki, wer wird so unvernünftig reden! ein Kind, das keine schönen Aepfel nno keinen guten Honig mag, was soll der Bruder Küchenmeister von so 'item Kind denken? — Ich meine im Gegenteil, wenn er wieder kommt, mufft du ihm vieles danken und ihm sagen, daß die Aepfel und der Honig dir sehr gut geschmeckt haben. Wirst du's tun?" Liah atmete schwer aus. „Ihr habt recht", sagte sie, „das war sehr dumm und sehr unrecht von mir; — ich werde auch nicht wieder so reden und ich werde mitgehen und essen, was ich essen darf und werde Gott dafür danken." „So ist's recht, so bist du wieder mein braver Dicki — und nun geh' ich ins Kloster. Schwer ausatmend und mit überströmenden Augen blickte Liah der sich Entfernenden nach, ihr war so weh zu Mute, so unaussprechlich weh — nie im Leben hatte sie in einem nichtjüdischen Hause auch nur das Geringste genossen, und fortan sollte sie immer unter Nichtjuden leben, und nun gar am Passahfaste! Leise weinend rang sie die schmalen Hände. „Lieber Gott, hilf mir! stehe mir bei, daß ich nichts tue, was du verboten hast!" Und während sie diese Worte flüsternd nochmals und abermals wiederholte, hörte sie die Haustür gehen und gleich darauf'trat die Schmidin, keuchend unter der schweren Last ihres großen übervollen Korbes in das Zimmer. Erschöpft ließ sie sich aus die Bank nieder. „Da schau nur her, Dicki, was ich dir da bringe, hast du so schöne Aepfel schon anderswo gesehen? Und", fügte sie hinzu, „ich muß nochmals hinunter in's Kloster; der Bruder Küchenmeister hat es den anderen Klosterleuten erzählt, ich hätt' so'n liebes Buberl, aber es wär' so traurig, ihm scheine, es war' dem Buberl bang nach seinem Mutterl, darum hätt' er mir gesagt, ich sollt' von ihm einen Korb voll Aepfel holen und Honig. Dadrauf hat ein Anderer gesagt, mir scheint, der ist noch mehr als der Bruder Küchenmeister, ich sollt' die Aepfel heim tragen und dann sollt' ich wieder kommen mit einem änderen Korb und dann wollten sie mir saftige Birnen geben und getrocknete Weintrauben und große Wallnüsse, und süße Maroni, die sollte ich dir am Feuer braten und Honig natürlich auch. Läuft dir nicht im Munde das Wasser zusammen, wenn diu Nur von all den guten Sachen hörst?" Im Munde lief ihr nun allerdings nicht das Wasser zusammen, aber in den Augen. Wieder und immer wieder zog sie die Hand der mildherzigen Frau an ihre Lippen. „Ihr seid so gut! Ihr seid so gut! — wie kann ich euch danken?" „Aber, Närrchen, was brauchst du mir zu danken, schaust du denn nicht, daß unser guter Herrgott dahintersteckt? Die selbigen Klosterleute, die das Volk aufgereizt haben, daß sie die Juden totschlagen sollen, die schicken oem kleinen Judenmadel gutes Obst und Maroni und Honig, daß sie nicht zu hungern brauch' und nichts zu essen brauch', was der Herrgott ihrem Volk verboten hat. Fürwahr, es ist zum Lachen." Aber Liah konnte nicht darüber lachen,^ unaufhörlich flössen ihre Tränen und unablässig flüsterten ihre Lippen: „Gott sei Dank! Gott sei Dank!" Und als ihre Tränen endlich versiegten, da atmete sie erleichtert tief auf und Lächelte der freundlichen Frau zu. Tie Schmiedrn streichelte ihr die blassen Wangen. „Gut ist. daß du zu guter Letzt doch gescheht bist geworden. Alsdann kann ich doch jetzt wieder hinunter in's Kloster gehen und kann die anderen guten Sachen holen. Und den guten | Klosterleuten werde ich sagen, daß du dich mit den schönen Früchten sehr gefreut hast und für alles schön danken lässest. Gelt, so wird's recht sein?" „Ihr wisset besser als ich, was recht ist", sagte Liah, tief aufatmend, „und es ist ja wahr, man muß danken, wenn Einer Einem was schenk,, auch wenn es ein böser Mensch ist." „Aber du darfst nicht mehr von den Kloster- Leuten sagen, daß es böse Menschen sind." „Nein, gewiß nicht. Seid ohstre Sorgen, Muhnre, ich werde nie mehr so reden." Die Schmidin war wieder fortgegangen. Liah war wieder allein, träumerisch blickte sie durch das Fenster ins Wette. Draußen wurden die Schatten länger und länger, Dämmerung brach herein. Wenn es jetzt noch gewesen wäre, wie sonst, als sie noch bei ihrem neben, lieben Vetter gewesen war, dann wäre schon jetzt das ganze Haus blitz und blank gewesen, sogar die Sabbathlämpe hätte schon geblinkt wie lauter Gold. Und dann hätte sie für den Vetter ein Papierstückchen zurechtgelegt und ehr paar Gänse- oder Hühnerfedern mit langer Fahne und einem Kienspahn, und wenn der Vetter dann vom Abendgottesdienst nach Hause gekommen wäre, dann chatte er den Kienspahtt angezündet und den brennenden Spahn und das Papiersäckchen hätte er in die eine Hand genommen und die Federn in die andere Hand. Und im ganzen Haus wäre er herumgcgangen, in jeden Winkel hätte er hineingeleuchtct, ob nicht Gesäuertes zurückgeblieben, dann hätte er den brennenden Spahn ausgelöscht und in das Papiersäckchen gegeben und die Federn gleichfalls und dann hätte er alles zusammengebunden und am anderen Morgen wären aus allen Inden- Häusern die Kinder gekommen und hätten ähnliche Päckchen gebracht und im Hofe hinter der Synagoge hätte sie alle auseinandergelegt und angezündet — hei, das wäre ein Jubeln gewesen! wie im vorigen Jahr und in dem vorvorigen und in allen früheren Jahren. Und nun, wie war es nun! Ihr lieber, guter Vetter war nicht mehr d.i und alle ihre Gespielen waren tot und deren Eltern — und alle, alle — Warum wohl der liebe Gott sie allein übrig gelassen hatte? Sic konnte das gar nicht begreifen. Sie wußte wohl, der Vetter hätte es oft gesagt, daß alles, was Gott tut, gut ist. Aber ein kleines Judenkind ganz allein in der Welt, wie konnte das gut sein? — Aber es mußte doch gut sein, sonst wäre es doch nicht, sie war nur zu dumm, sie konnte cs nicht begreifen. — Aber wenn sie es auch nicht begreifen konnte, so mußte sie doch Gott danken, der sie sichtlich in seinen Schutz genommen und von den Feinden ihres Volkes ihr Gutes zukommen ließ. Ihr Herz mar erfüllt von Dank gegen. Gott, doch auch von namenlosem Weh. — Doch sie mußte dieses Wehe gefühl zurückdrängen. Die gute Frau, die sollte sic nicht Mehr weinen sehen. Und überdies mußte sie überlegen, ob sie nicht doch zum Feste einige Vorbereitungen treffen könne, treffen müsse. Ob sie vielleicht einen Kienspahn anzünden sollte und mit demselben in allen Winkeln nach Gesäuertem suchen? Sie versuchte sich auszurichten, doch, schon beim Versuch wurde ihr schvarz vor den Augen und kraftlos sank sie zurück in die Kissen. — Und dann ärgerte sie sich über sich selbst, wie war sie doch so dumm, haß sie im Hause der Nicht jüdin das Gesäuerte hatte zusammensuchen wollen! — Ach, wenn Gott ihr nur helfen wollte! — wenn sie nur nicht so ganz allein gewesen wäre! — Aber nein, so dürfte sie nicht reden und so wollte sie auch nicht mehr denken. — Sie war doch nicht allein, Gott war bei ihr, Er hatte sie die gute Frau finden lassen, die sich so liebreich ihrer angenommen hatte. — Auf Ihn wollte sie fest vertrauen, Er werde sicherlich alles zum Guten lenken., (Fortsetzung folgt.) Abom» Hestaul ÄuSgal Am «bomu Der l i. Wort. Sieg Rußla, ätze: : eton mische bei bei denze hospre Ketigii tcmtens (Alliari hetze. ruhe i> Zerusa Berlin. sonnt Mnrbu »liliem nähme Macho!». Be Opperz - Die Deutjä Unters heimer Der das r - ft Aussö zumul einen dadur, jüdisch fähig als G komm gemäs und e so wn daß , Berw fr I Ilflrti t i tr'' rnf Vr MM

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