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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Der JSrarvt. Bette 22. Nr. 22 1. Juni 1911 hat. Und ist gegen ein Uhr der Rabbe erschienen, so ist alles bereit und gerüstet für die Geistesschlacht. Auch an einigen Ueberklugen fehlt es nicht, die in der „Kezaus" und andere seltene Kommentare hineingesehen haben und gar daraus abfehen, den Rebben in eine Klemme'zu bringen. . . wiederholen und zu verarbeiten. Und in später Stunde, da in den düsteren Straßen des Städtchens längst alles Leben erstorben ist, hallt noch aus der Schul die Stimme der Thora laut und hell in die einsame schwarze Nacht hinaus. ■ .. . i %■; i i £; i i | 1 * ■ ' :-S -! t; i % i .. \ V. ■;! f I I f '! f 1 i Das Jnuer« eines Beshamedrasch z« Kowuo. Dieser ist aber ein geübter Stratege. Er bemeistert seine Schar mit einer Sicherheit, die den erprobten Geistesheroen und berufenen Führer zeigt. Seine pädagogische Taktik besteht in der Hauptsache darin, die Jünger selbst frisch arbeiten zu lasten. Alles mechanische Einlernen und Einpauken ist verpönt. Einer trägt vor, dem Landern stimmt etwas im Texte nicht und er v stellt seine Frage, der Dritte beantwortet sie, s der Vierte läßt die Antwort nicht gelten. Eine j rege, freie Aussprache entwickelt sich. Der Rabbi; hört alles aufmerksam und läßt der Unterhaltung ihren freien Lauf. „Seid Ihr nun fertig?"? fragt er, „Ja? Also . . ." Und nun entwickelt er, alles zusammenfaffend, seine Meinung, stellt die Frage unter ganz neue Gesichtspunkte, ohne die alten aus dem Auge zu lasten, führt analoge, den Schülern unbekannte Stellen aus Talmud und Dezisoren an, erklärt, so ganzim Vorübereilen, auf Grund des angehäuften Materials irgend eine andere Stelle in Tausfaus oder Maharschoh. Und ganz unmerklich ist ein stolzer Gedankenbau zustande gekommen, den keiner mehr aus dem Gedächtnis verlieren wird, dieweil alle fast zu gleichen Teilen an ihm kräftig mitgearbeitet haben . . . Das ist Talmudmethodik, das ist Jeschiwohpädagogik. Wer das nicht kann und wohl gar Ermüdung und Erschlaffung eintreten läßt, wird auf ein Lehramt einen Anspruch nicht machen dürfen. Ihm fehlt eben bei aller Gelehrsamkeit der „Derechhalimud". Nach dem etwa dreistündigen Schiur wird gemeinschaftlich das Minchagebet angestimmt. Aber glicht mehr im geschloffenen Kreise. Der ist längst durch die ersten Besucher der Abendgottesdienste durchbrochen. Und wieder folgt Minjan auf Minjan, bis die Dämmerung die üblichen „En Jakauw-Vorträge" für die unteren Schichten bringt, die dann den Uebrrgang zum Maariwgebete bilden. Für die Bachurim gilt es aber nach der hastig eingenommenen Mahlzeit — die meisten haben ihre Tageskost („Tägeffen"), die den Thorajüngern zu gewähren, auch dem ärmsten und geringsten Bürger zur großen Ehre und Freude gereicht — den ganzen Lehrstoff zu -i«r der politische« Seredicdie der Jrankfurter Jude«. Daß Professor Dr. I. Kraacuer in der alten Frankfurter Judengasse sich gut auskennt, hat er bereits durch eine Reihe von Vorträgen und Publikationen bewiesen. Sein neuestes bei I. Kausfmann, Frankfurt a. M., unter dem Titel „Tie politische Geschichte der Frankfurter Juden bis -um Jahre 1349" erschienenes sehr hübsch ausgestattetes Werk enthält eine reiche Fülle tvertvollen jüdisch-historischen Materials, das nicht nur für den Geschichtsforscher von Beruf, sondern für jeden Juden, der gerne die große, leidreiche Vergangenheit seiner Gemeinschaft auf sich einwirken läßt, von höchstem Interesse sein muß. Als' Stichprobe für die eigene anziehende Art des Verfasfers, uns von den vergangenen Zeiten zu erzählen, mögen hier aus dem ersten Kapitel des Buches einige Stellen folgen: Es ist auf den ersten Blick eine auffallende Erscheinung, daß, während Köln, Mainz, Speier, Worms, Würzburg und andere Orte am Rhein und Main und auch an der Donau schon im frühen Mittelalter von Juden besiedelt waren, Frankfurt bis tief in das zwölfte Jahrhundert keine Judengemeinde in seinen Mauern barg, trotzdem es sich schon unter den Karolingern eines gewissen Rufes erfreute. Am Ende des achten Jahrhunderts sprach man von Frankfurt als von einem viel besuchten Orte. Manche Reichsversammlungen wurden dort abgehalten, und 876 ward es geradezu Hauptfitz des ostfränkischen Reiches genannt. Und wenn auch Frankfurt unter den sächsischen und fränkischen Kaisern an Bedeutung verlor, da sich das Schwergewicht des politischen Lebens damals mehr nach dem Norden Deutschlands verschoben hatte, so wuchs bock die Einwohnerzahl derart, daß bet Beginn der hohenstaufischen Periode der bisherige Raum nicht mehr genügte und die Holzschnl tu Rafielsk. Erbaut 1692. Nach einer Zeichnung von Matthias Versöhn. Stadt ihren Mauernkranz um ein Bedeutendes erweitern mußte (erste Stadterweiterung). Aber Frankfurt lag doch abseits von den damaligen Welthandelstraßen; in seinem wirtschaftliche» Leben blieben Ackerbau und Viehzucht noch lange fast allein ausschlaggebend, und d>ie Nachfrage nach gewerblichen Erzeunisfen befriedigten die Handwerker. Durch ihre Tätigkeit hob sich zwar der Warenumsatz, aber rttcht der Handel, denn auf dem Markt verkehrten Produzent und Konsument unmittelbar miteinander; jener arbeitete nur für den heimischen Bedarf, nicht aber für die Ausfuhr, so daß für den eigentlichen Handel. k:in Raum blieb. So lockte also die Juden, die zur Zeit der sächsischen und fränkischen Herrscher in Deutschland die hauptsächlichsten Träger des Handels waren, nichts an, sich dauernd in Frankfurt niederzulafsen. Darum hören wir auch nichts von einer Judenverfolgung daselbst beim Beginn des ersten Kreuzzuges, während ringsherum die Juden abgeschlachtet wurden. Als der zweite Kreuzzug den Juden am Rhein und Main ein ähnliches Los zu bereiten drohte, eilte Bernhard von Clairveaux nach Deutschland, und in Frankfurt hielt er im Hainer Hof jene zündenden Reden, die den anwesenden Konrad HI. zur Teilnahme am Kreuzzug bewegen, zugleich aber die Menge von einer Verfolgung der Krden abhalten sollten. Wir haben zwar keinen Beleg dafür, daß damals Juden tft Frankfurt gewohnt haben, aber wir dürfen dies wohl vermuten, da wir sie wenige Jahre nach seinem Auftreten dort ansässig finden. Tie Lage der Stadt an einem breiten, schiffbaren Strom und am Ausgang oder am Schnittpunkte wichtiger Straßen konnte für den Verkehr erst dann zur gebührenden Geltung kommen, als Ln ihr neben den vis dahin fast ausschließlich herrschenden ländlichen Betrieben auch der Han«l allmählich Boden zu gewinnen anhub, nämlich um dje Mitte.des zwo-sr n Jahrhunderts. Damals hatten die Kreuzzüge den Orient mit Italien und dadurch mit dem Süden und Westen Deutschlands in Handelsbeziehungen gebracht, und es begann sich in den Städten der Uebergang von der Agrarzur Geldwirtschaft zu vollziehen. Um diese Zeit taucht der Name Frankfurt zum ersten Male in der hebräischen Literatur auf. Rabbi EÜeser b. Natan aus Mainz, der etwa um 1150 lebte, erwähnt ihn an zwei Stellen seines Werkes Eben-ha-Eser. An der einen spricht er davon, wie die zur Messe nach Frankfurt ziehenden Juden sich dort durch geeignete Maßnahmen vor der Entweihung der Sabbattuhe bewahren könnten. Auf eine dauernde Anwesenheit von Juden in Frankfurt wäre daraus nicht zu schließen, wohl aber unzweifelhaft aus der zweiten Stelle. Danach befand sich damals eine geringe Anzahl von Juden in Frankfurt und zwar von solchem Wohlstand, daß sie keiner Armenunterstützung bedurften und deshalb auch keine Armeuverwaltung hatten. Christliche Quellen erwähnen eine dauernde Niederlassung von Inden in Frankfurt erst am Ausgang! des zwölften Jahrhunderts. Wir entnehmen aus ihnen, daß die Frankfurter Juden in Beziehungen zu denen Kölns standen. Diese Stadt war damals wohl der größte Handelsplatz Deutschlands und pslegte lebhaften Warenaustausch I mit England, Frankreich und Italien. Tie dortige! Judengemeinde war die, älteste Deutschlands. Dass Kölner Schreinsbuch aus der Zeit von 1175—1191 berichtet uns, daß ein Goldschmied namens Hermann vom Juden Gottschalk aus Frankfurt die Hälfte von! dessen Haus in Köln erworben habe. Dieser war! demnach nach Frankfurt gezogen, vielleicht weil er hier auf leichtere Weise seinen Unterhalt zu finde» hoffte. Und daß die Verbindung zwischen den Jude»! beider Städte auch noch für die Folgezeit nicht unter-' brochen war, das beweisen andere Stellen des Schreins buches. Eine dritte Erwähnung von Frankfurter Jude»! haben wir aus dem Anfang des dreizehnten Jahr-, Hunderts. Sie bezieht sich aus ein sonst nicht bekanntes Ereignis. Wir hören von einer Einkerkerung mehrerer Juden! in Frankfurt. Auf die Kunde hiervon begab sich! Rabbi Mieser b. Joel-Ha-Levi dorthin, und es gelang! chm, die Gefangenen durch ein Lösegeld zu befreien.! Daß um diese Zeit oder nicht viel später die! Frankfurter jüdische Gemeinde nicht so unbedeutend! an Zahl der Mitglieder gelvesen ist, beweist am besten! die Tatsache, daß einer der hervorragendsten jüdisch'»! Gelehrten deS Mittelalters damals in ihrer Mittel weilte, Rabbi Simon mit dem Beinamen Hadarschan! (der Prediger). Er ist der Berfasser des Jalkut, einer! Sammlung der im Talmud und in den Midraschen sich! und zur Erbauung der Leser ausgenommen. Zum Ab-! fassen eines Werkes von solchem Umfange — aus! mehr als 50 Werken hatte Simyn gesammelt und! geschöpft — gehörten viele Jahre ungestörter Ruhe; diese waren wohl Simon in Frankfurt vergönnt, denn! die jüdische Gemeinde lebte dort lange Zeit ohne jede! Anfeindung. ' I Tie Juden wohnten in dieser ersten Zeit iml Süden der Stadt am Main, und zwar an der nach! dem gegenüberliegenden Stadtteil Sachsenhausen füh-l renden Brücke oder unweit davon im Judenquartier.f Die Hauptstraße erstreckte sich in ostwestlicher Richtung etwa von der Fahrgasse aus — zwischen Mehlwage und Fürstenea — an dem jetzigen Historisch,^ Museum vorbei über die Saalgasse bis zü dem noch! heute vorhandenen Heilig-G'ist-Brunnen. Bon dieser! Straße zweigten sich kleine Quergassen teils nach! Stettchchul in Zaragrod. Nach einem Holzschnitt. Norden zur Bendergasse, teils nach Süden zur heutigen Großen Fischergasse ab. In diesem Teil der Stadt herrschte der regste Verkehr ein fortwährendes Gehen und Kommen: Uebcr die Fahrgasse wälzte sich der Strom der vom Norden oder von: Süden Deutschlands Eintrefsenden. Der

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