Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Ätrs\We(f and JLet Jlliistrierfft Beil« tage zum STTN t SDVG —II tt. 5017 Lt ang. « M Fahrias$e «11 er, IW Ein Vag In einer ru$$i$cben „Scdnl". (Mit 4 Bildern.) In Rußland wie im ganzen jüdischen Osten gibt es keine Synagogen. „Oho!" rufen Sie ungläubig? Es ist aber dennoch so. Die Gemeinden wissen so wenig etwas von Synagogen, wie die jüdische Schule etwa „Religionsunterricht" kennt. Der jüdische Knabe des Ostens lernt im Cheder, in der Talmudthora oder auf der Jeschiwoh keine „Religion". Er lernt CH um e sch, Nach, Gemoro, Raschi und Tausfaus, kurzum alles, nur keine „Religion". Ebenso hat die Gemeinde alles, nur keine „Synagoge", sie hat eine Schul, ein Beshamedrasch, eine Jeschiwoh oder, wie auf kleineren Plätzen, dies alles zusammen, in einem und demselben Raum. Sie meinen, das wäre alles eins- Schul oder Synagoge, auf den Namen komme es nicht an? Das ist mit Verlaub ein schwerer Irrtum. In Wahrheit ist der Unterschied zwischen Schul und Synagoge ein ganz gewaltiger, so groß wie zwischen einem wertvollen Luxusgegenstande und dem täglichen Brode, wie — um ein profanes Bild aus dem täglichen Leben zu gebrauchen — zwischen der warmen wohligen Wohnstube, in der jede Ecke durch tausend liebe Erinnerungen mit unserem Herzen verwachsen ist und dem kalten Salon, dessen Türen sich zuweilen öffnen, um vornehmen Besuch zu empfangen .. Die Synagoge ist ein Prachtbau, eine Sehenswürdigkeit der Stadt, eine Zierde der Gemeinde, die sich zur bestimmten Zeit — die modernen ,,Synagogen", in denen nur an Sabbat und Festtagen vor leeren Bänken musikalische Galagottesdienste abgehalten werden, kommen hier nicht in Betracht — auftut, zu einem Gottesdienste, der von hierzu berufenen Beamten nach des Dienstes gleichgestellter Uhr vorschriftsmäßig korrekt, mit Anstand und Würde geleitet wird. Ist das letzte Gebet verhallt, so breitet sich dumpfes Schweigen über den Raum aus, und eilig schließt die Synagoge ihre Pforten, um nunmehr schweigsam und düster als Sehenswürdigkeit der Stadt, als Zierde der Gemeinde da zu stehen. Anders die Schul des Ostens; sie ist ein einfacher Holz- oder Backsteinbau, der vom frühsten Morgen bis in die tiefe Nacht hinein frisches, buntes Leben atmetsie ist, wenn man will, das Zentrum des geistigen Verkehrs, der Mittel-und Sammelpunkt, an dem alle Fäden des öffentlichen Lebens zufammenlauftn, n'3, Versammlungs- und Gesellschaftshaus zugleich und. bei allem doch geweihte Stätte unversiegbarer Andacht, unaufhörlicher Thoraforschung. Mit dem Morgengrauen — und im Winter viele Stunden vor Tagesanbruch — beginnt die Schul ihr Tagesleben. Der Arbeiter, der Handwerker, der kleine Händler, der den ganzen Tag über auf der Straße resp. in der Werkstätte , ' .4 / e Eine Gnchpe «ms der Jeschitvoh z« Gladotta. beschäftigt ist, will noch vor Beginn der Tageslast und Tagessorgen mit klarem Kopf und frischem Geiste ein paar Kapitel Thillim oder einige Mischna-Prokim „profitieren". Das Leben ist schwer und die Stunden müssen gut genützt werden. Der Kaufmann, der, gerüstet zur Abreise, in der Schul auf den noch „dawnenden" oder thillimsagenden Fuhrmann wartet, „packt" noch in aller Eile sein „Blatt Gemoro" ein. Und derMelamed (Cyederlehrer), derben ganzen lieben Tag an seine dumpfe Schulstube gefesselt ist, weiß ebenfalls die goldene Morgenstunde auszunutzen,- er lernt und fingt habet fo hell, so froh, als gäbe es gar keine Rot, keinen Kummer und Aerger auf der Welt . . . Mit den ersten filbergrauen Strahlen, die in die Schul dringen, beginnt -er erste Gottesdienst. Nicht alle beteiligen sich an ihm, nur die es eilig haben. Die andern lernen, beten, fingen, plaudern ungestört weiter. Denn es hat keine Notes folgt Minjan auf Minjan, und hinaus aus diesem schönen Morgen in oaS graue Reich der Frau Sorge kommt man immer noch genug . . . en Reigen der aufeinanderfolgenden gemeinschaftlichen Morgengebete beschließt des „Rows Minjan". Der Rabbiner, der, ein vielgesuchter und vielgeplagter Mann, einen guten Teil der Nacht zum Thorastudium verwenden muß, kann nicht zu den Frühaufstehern gehören. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, und die Straße hat schon ihr Tagesleben ausgenommen, wann die ehrfurchtgebtetende Gestalt in der Zobelmütze, den langen Mante ■ lose auf den Schultern, feierlichen Schrittes zur Schul wallt Bei diesem Gottesdienst, an dem sich die geistige Elite des Städtchens betelligt, wird leise und bedächttg, voller Andacht und Innigkeit gebetet. Die meisten dieser erlesenen Schar verbleiben anch noch nach dem Gebete einen großen Teil des Vormittagin der Schul. Einzeln und in Gruppen wird nun wiederum gelernt. Der Rabbiner hält feinen Gemoroschiur ab, ein anderer Talmudgelehrter, zumeist ein Laienmitglted, am gegenüberstehenden TifcheM i s chnajauskursus. In Talith gehüllt und ohne die Tefillin abzulegen, bleiben die Leute im Hause ihrer Lust, ihrer Sehnsucht noch lange glücklich und selostvergeffen in eifrigem Thorastudtum vereinigt. Haben auch endlich die letzten Besucher die Schul verlassen, so nehmen ihre eigentlichen Bewohner ganz von ihr Besitz: die Bachurim und Peruschim (junge Ehemänner, die fern von der Famllie sich für den Rabbinerberuf vorbereiten). Die meisten der ersteren haben auch des NachtS ihre Schlafstätte auf der harten Bank der Schul, die anderen, die Beffergestellten, die erst um Mitternacht ihre „StanzieS" (LogiS) aufgesucht, stellen sich mit des RowS Minjan ein. Und nun beginnt das eigentliche Lernen. Die Schul ist zum Beshamedrasch, zur Jeschiwoh geworden. ES gilt für die Bachurim zunächst, sich für den Schiur vorzubereiten, wobei der Aelterr und Begabtere dem Jüngeren und Schwächeren an Geist nach Möglichkeit zu helfen