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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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gtttt 6. Rr. 22 außerhalb seines Wohnorts am Peffach Chomez gegeffen habe. Die angestellte Untersuchung ergab aber, daß der eine Schulleiter nicht einmal an Wochentagen rauche, der andere (wir erwarteten „überhaupt kein Chomez esse") seinen Wohnort am Pefsach nicht verlassen habe. Von Reinachsprach Herr Bi gart kein Wort! Diese Zurückhaltung war sehr klug. Die Rede fand Beifall, und als Herr Bigart mit derMittx schloß, zu glauben, daß die Männer der Alliance „brave Leute" seien, die das Beste wollen, wenn sie auch, wie alles Irdische, von Fehlern nicht frei seien, hatte er einen bedeutenden Teil der Zuhörer für sich gewonnen. Die Diskussion eröffnete Herr Rabbiner Dr. Cohn. Im bevorstehenden Wahlkampf drehe sich alles um die Person von Salomon Reinach. Nicht wegen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit werde er bekämpft, zumal er nichts Neues entdeckt, sondern sich darauf beschränkt habe, alte zum Teil längst überwundene Hypothesen aufs neue aufzustellen. Wie oft fei die Thora schon angegriffen worden. Vor hundert Jahren glaubten hervorragende Männer beweisen zu können, daß unsere Gesetze aus Aegypten stammen. Vor einigen Jahren behauptete ein in seinen Schlüssen verschulter Gelehrter, alle unsere Weisheit sei aus Babylon entlehnt. Das alles hat der Thora nicht geschadet. Den Mond haben viele Hunde angebellt, und er leuchtet doch zum Segen der Menschheit in unvermindertem Glanze. Reinach aber habe öffentlich erklärt, das Judentum sei kein Volk, keirie Raffe, kein Glauben, nur eine alte, überlebte Tradition. Darum sei es für jeden, der noch einen Funken jüdischen Gefühls in sich trage, unmöglich, ihn zu wählen. Der losende Beifall, der diesen Worten folgte, zeigte die Stimmung der Anwesenden. Dann sprach Herr Dr. C. Levy, Arzt in Biel. Er fragte, warum die Alliance die Bemühungen des Dr. Faitlowitsch zur Rettung der Falaschas nicht unterstützt habeob es wahr sei, daß man ihm geantwortet habe, es gebe genug Juden, man brauche keine neuen zu entdecken? Eine Antwort erfolgte nicht! — Nun ergriff Herr Dr. Jahuda das Wort zu einer langen und zündende» Ansprache. Er schilderte die Schulen im Orient, die er aus eigener Anschauung kennt. Sie seien Pflegestätten des französischen, nicht des jüdischen Geistes. Französische Geschichte, französische Sprache werde dort getrieben, selbst in den Dorffchulen von Palästina mußten die Kinder, der Bauern sie erlernen. Die Alliance habe früher unendlich viel Gutes zu Gunsten der unterdrückten Juden geleistet. Jetzt wirkt sie „diskret". Man sehe, höre, merke und fühle nichts davon. Zur Zeit der Kischinewer Pogrome hätten dte französischen Juden sich nicht einmal zu einem öffentlichen Protest aufgerafft und sich von den Juden Deutschlands beschämen lassen. Die führenden Männer seien eben in erster Reihe patriotische Franzosen, die den mit Rußland verbündeten Ministern keine Schwierigkeiten bereiten wollten. Der Mißerfolg und die Stagnation kommt daher, daß an der Spitze ein Mann wie R. stehe, der als der sxiritns rsdor der Alliance zu betrachten, dessen Denkungsart eine durchaus unjüdische sei. Es sei tief beschämend, daß ein Mann in so hervorragender Stellung wie Reinach die Juden als minderwertig den Christen gegenüber htngesteÜt habe - man denke, als minderwertig gegenüber — den Russen und Rumänen, gegenüber den verwilderten Stämmen Her Marokkaner! Und warum? Weil sie kein Schweinefleisch essen, da sie nach R.s Auffassung vom Schwein abzustammen glaubtenweil sie den Sabbat heiligen, der nach R.s Ansicht als ein Tag der „mauvais hnmeur", der üblen Laune des Gottes füruntauglichzurArbeit gegolten habe. Für R. sprach auf „Berner Ditsch" Herr Blum aus Biel. Als er aber dte naive Frage aufwarf: warum sollen denn die jüdischen Kinder in Palästina Hebräisch Lernen? erwiderte Ihm Herr Moritz Levy von Liestal: aus demselben / . StauBt __ Grund, aus dem er „Berner Ditsch", dos gewiß schöner sei als Hebräisch, gelernt habe, nämlich, um es zu sprechen, wie unsere Väter taten. Als nach einigen Bemerkungen von Dr. Pinkus-Zürich (Zionist) Herr Bigart erwiderte, gab es einen Zwischenfall von dramatischer Bewegtheit, als Herr B. auf die offene Frage, 'warum das'Büro der Alliance gegen die Zionisten in Konstantinopel intrigutert habe, nur eine gewundene Antwort geben konnte, aus der hcrvorzugthdn. scheint, daß in dieser Beziehung nicht nach dem Grundsatz der Alliance „alle Juden sind Brüder" verfahren worden ist. In großer allseitiger Bewegung schloß nach 11 Uhr die denkwürdige Versammlung. Eine Resolution wurde nicht gefaßt. Es war auch nicht nötig. Auf der Anklagebank hatte unsichtbar nicht nur Reinach gesessen, sondern sein ganzes unjüdisches System. - Möge die Alliance die Krisis, in der sie sich befindet, glücklich überftehen. Mögen jüdische Männer das Schiff der Alliance, das in früheren Zeiten so vielen zum Rettungsbot geworden, ngch der alten Devise steuern *?3 und möge neues Leben blühen aus den Ruinen." * Und auch im Orient, wo man sich bislang von Paris aus so willig und in blindem Gehorsam leiten ließ, scheint man zu erwachen und der Pariser Zentrale die Gefolgschaft versagen zu wollen. Die neuesten Berichte aus Konstantinopel lauten folgendermaßen: Auch im Orient ist eine lebhafte Bewegung unter der jüdischen Bevölkerung anläßlich der Wahlen zum Zentralkomitee der Alliance Isr. Universelle bemerkbar, und bei den unabhängigen Elementen herrscht große Erregung gegen Herrn Reinach und das in ihm verkörperte System. Trotzdem wird für die Pariser Liste mit den bedenklichsten Mitteln gearbeitet und versucht, so das Wahlresultat zu beeinflussen. Massenhaft werden die nach Herrn Reinachs Ansicht so „rückständigen Juden" zu Mitgliedern der Alliance „ernannt", indem man ihnen sagt, sie können einen Beitrag bezahlen, wenn sie wollen, oder auch nicht. Als Gegenleistung werden sie zur Wahl Reinachs verpflichtet. Gleichzeitig werden in den Listen dieser neugebackenen Wähler von Angestellten der Alliance die Namen des Justizrats Fuchs und des Geheimrats Landau mit der Begründung gestrichen, man müsse an ihrer Stelle ortsansässige Kandidaten aufstellen. Natürlich sind diese Kandidaten völlig aussichtslos, da sie nur Stimmen in dem jeweiligen Wahlort erhalten. Aber der Zweck wird erreicht, den Parts bekämpfenden Herren Stimmen zu entziehen. Auch wird verbreitet, die D. C. G. wolle sich vermittels der Wahlen lediglich der in Paris angelegten Gelder der A. I. U. bemächtigen. In anderen Städten wagt man nicht, die deutsche Liste zu wählen, weil man Grund hat, die Entziehung der Subventionen für die Schulen der I. C. A., deren Vertreter (z. B. Herr Astruc in Rumänien) gleichzeitig Vertreter der A. I. U. sind, zu befürchten, falls nicht „richtig" gewählt wird. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft wird sicher nicht unterlassen, diesen Wahlmethoden nachzugehen und die Kassierung der so erschlichenen Stimmen zu veranlassen. Wie berechtigt die Forderung einer öffentlichen Wahlprüfung ist, beweisen jetzt schon dte oben skizzierten Wahlmanipulationen. * * Wie die „N. I. K." weiter erfährt, hat die Pariser Leitung der Alliance entgegen den bisherigen Gepflogenheiten einen Ukas erlaffen, demzufolge unterschriebene Wahlzettel als ungültig betrachtet werden sollen. Bei den Wahlen von 1902 und 1905 waren ausschließlich unterschriebene Wahlzettel verwendet worden. Die neue, vollkommen willkürliche Anordnung kann nur zu undurchsichtigen Wahlen führen. Im Orient, wo ohnehin mit allen Mitteln und Praktiken versucht wird, die Pariser Liste durchs zudrücken, können jetzt ungestört beliebig viele Stimmzettel gezählt werden, ohne daß man kontrollieren könnte, ob sie tatsächlich von Mitgliedern der Alliance herrühren. Diese neuesten Machenschaften liefern den Beweis dafür, wie überaus nötig es ist, die Liste der D. C. G. zu wählen- Natürlich sind auch unterschriebene Stimmzettel vollkommen gültig. Das JargonOudefttum. IV. Als im Jahre 1882 Graf Jgnatieff seine fluchwürdigen temporären Vorschriften vom 2. Mai auch im Königreich Polen durchsetzen wollte und zu diesem Behufe, wie man allgemein behauptete, den mörderischen Warschauer Pogrom inszeniert hat, haben dte Polen alles aufgeboten, um die Schäden des Pogroms zu heilen und eine einflußreiche polnische Deputatton mit dem Grafen Samojaky und Fürsten Krassinsky an der Spitze begab sich nach Petersburg,. um die teuflischen Ränke des „ruchlosen Vaters der Lüge" zu Hintertreiben und die Juden vor den temporären Vorschriften zu bewahren, was ihren Bemühungen auch gelungen ist. Polen blieb von jenen Vorschriften fast ganz verschont. Somit haben die Polen ein historisch wohlbegründetes Recht auf die Dankbarkeit und freundliche Gesinnung der Juden. Die polnischen Juden wiederum haben das Vertrauen, welches dte Polen auf sie gesetzt haben, stets voll und ganz gerechtfertigt. Als treue Söhne ihres Vaterlandes haben sie mit ihren polnischen Mitbürgern christlicher Konfession stets Freud und Leid redlich geteilt und machten sie die polnische Sprache zu ihrer Umgangssprache. Die Polonisierung der Juden in sprachlicher und allgemeiner kultureller Beziehung hat im großen und ganzen sie nicht gehindert, sich als wahre Juden zu fühlen und als solche zu leben. Freilich ein unbedeutender Prozentsatz aus ihrer Mitte ging in ihrer polnischen Sympathie so wett, daß sie, die Existenz einer jüdischen Nation verleugnend, sich als Polen mosaischer Konfession ausgaben. Das Gros der Juden Polens aber und das alte wahre jüdische Leben hat sich trotz der sprachlichen Polinisierung ganz vortrefflich erhalten. Die Polen sahen mit großer Zufriedenheit aus die Polonisierung der Juden und hatten nichts dagegen, daß sie im übrigen Juden von echtem Schrot und Korn blieben und sogar auch in ihrer äußeren Erscheinung, in ihrer Kleidung, der jüdischen Sitte Treue bewahrten. So gestalteten sich die gegenseitigen Beziehungen zwischen Juden und Polen im Verlaufe der Jahrhunderte zu relativ sehr befriedigenden. Gewiß lagen diesen Beziehungen nicht ausschließlich ideale Motive zugrunde. Die Verhältnisse bedingte der gegenseitige Nutzen. Aber dieser ist ja überall da, wo Juden leben. Hat nicht noch unlängst Prof. Sombart die großen Vorteile konstatiert, welche die Juden in Deutschland alle Zeit gebracht haben und wie schlimm war es doch nichtsdestoweniger um die Lage der Juden in Deutschland bis zu 1871 bestellt. Und hat nicht gerade in Deutschland, mehr denn irgendwo, der Antisemitismus gewütet, und hat sich nicht eben von Deutschland ausgehend der Anttsemitismus überallhin wie eine verheerende Epidemie verbreitet, während Polen von ihm lange ver» schont geblieben ist. Wodurch ist das zu erklären, wenn nicht gerade durch den vornehmen Zug im Charakter der Polen, der von Natur weit verträglicher, humaner und toleranter ist, als andere Bolkselemente. Das eben wußten dte polnischen Juden von jeher zu schätzen und das eben bedingte die gegenseitigen günstigen Beziehungen. Diese Beziehungen aber haben durch die jargonistische Propaganda eine wesentliche Verschlimmerung erhalten. Um es so recht zu begreifen, muß man auf die Psychologie der Polen

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