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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. » Sette 6 IvJMülSU._ .'' anderen Sprachen erschienen sind, den Massen zugeführt werden. In dieser Beziehung verdient auch eine geharnischte Kundgebung des Gemeinderabbiners zu Ktschinew, E. L. Zirlsohn, die mit den Unterschriften aller Rabbiner und Chassidtmrabbis im Rayon versehen, in allen russischen Zeitungen zur Veröffentlichung gebracht werden soll, weitgehende Betrachtung. In den jüdischen Zeitungen Rußlands wendet sich nun der genannte Rabbiner an alle seine Kollegen um ihre Beteiligung und wir zweifeln nicht, daß eine solche Massenkundgebung auch in Rußland ihres Eindrucks nicht verfehlen wird. Die Miance-llisdle«. Der Kampf zwischen Paris-Berlin hat, da er sich der Entscheidung nähert, seinen Höhepunkt erreicht. Es regnet förmlich Erklärungen, Proteste und Cirkulare, die die neuesten und allerneuesten Entschlüsse berichten. Zunächst teilt uns die Deutsche Konferenzgem einschast unter dem 26. Mai mit, daß auf Betreiben des Herrn Bigart, des Sekretärs der Alliance in Paris, der französische Kandidat der D. C. G. Herr Kommandant Lipmann seine Kandidatur zurückgezogen habe und daß ihrerseits an dessen Stelle Oberrabbiner Jsaac Levy, Bordeaux aufgestellt wurde. Aus Nürnberg geht uns folgende telegraphische Mitteilung zu: Nürnberg, 30. Mai. Gestern hat hier eine von den hiesigen Mitgliedern der Alliance einberufene Versammlung stattgefunden. Anwesend waren 300 Personen, trotzdem das Lokalkomitee ein Rundschreiben an die Mitglieder versandte, der Versammlung fernzubleiben. Ein Referat Dr. Jahudas erntete stürmischen Beifall. In einer Resolution wurde Prote ft -ege« die Wiederwahl Hleinachs und gegen die pflichtwidrige Wahlkampagne Bigarts erhoben, ebenso ein Vertrauensvotum für Berlin einstimmig angenommen. Die Bedeutung dieser Kundgebung ist um so größer als Nürnberg der Hauptsitz der Pariser Parteigänger ist und das hiesige Lokalkomitee alles getan hatte, um die Aufklä- Sauls und seine Söhne als frappantester Beweis gegen Maybaums Hypothese dienen kann, daß die jüdischen Könige verbrannt worden seien. (Ein entwendeter jüdischer Adelsbrief.) Tie Prager Statthalterei beschäftigt sich gegenwärtig mit der Untersuchung der Verletzung des im Archiv der Prager jüdischen Gemeinde aufbewahrten Adelsdriefes des historisch wohlbekannten Hofjuden Kaiser Ferdinands II., P a s s e w i, von dessen Nachkommen einige heute in «Galizien als Schankpächter leben. Aus Grund dieses Adels- und Privilegienbriefes, der für immerwährende Seiten ausgestellt war, wollen diese im Gnadenwege vvm Kaiser eine Belastung in ihren alten Schankerkoiizessionen anstreben. Bassetvi war ein Italiener aus Niedersavoyen, der, zu Beginn des XVII. Jahrhunderts mit besonderen Privilegien Kaiser Ferdinands II. ausgestattet, »ach Oesterreich übersiedelt war. Er chatte schon im v^ahre 1599 einen besonderen Freibrief erhalten, der ihm nicht nur gestattete, ohne die damals den Juden vorgeschriebene gelbe Kokarde öffentlich zu erscheinen, sondern ihm und seinen Dienstleuten auch das Ansiedlungsrecht in allen Staaten .Böhmens zusprach. Er entwickelte eine umfassende geschäftliche Tätigkeit, insbesondere auch im Interesse der Finanzen des -Kaisers, so daß ihm im Jahre 1622 durch den Kaiser der Adel mit dem Prädikat „von Treuenburg" verliehen wurde. Bafsewi war hü mit der erste geadelte in Oesterreich. Mit dem Sturze Wallensteins' verlor auch Basfewi, der mit dem großen Heerführer geschäftlich eng verbunden war, sein Vermögen und die Famuie geriet bald in so große Bedrängnis, daß sie ihr altes Stammhaus auf dem Treibrunnenplatz in Prag um 5000 Kronen losschlagen mutzte. Der JSrarM. rung der öffentlichen Meinung zu verhindern. * * Höchst unerquicklich ist die Disziplinlosigkeit, die sich in den Reihen der deutschen Alliancemitglieder zeigt. Daß die Herren Rabbiner Porges und Geheimrat Cohen Lanzen für Paris brechen und der Berliner Führung Steine in den Weg werfen, mag noch hingehen. Unbegreiflich aber ist die Haltung des Frankfurter Lokalkomilos, das ans verletztem Selbstgefühl (Berlin hatte die Kandidatenliste selbständig festgesetzt) die Annahme unp Weitergabe der von den Frankfurter Mitgliedern vollzogenen Wahlzettel verweigert! Wie man auch in der Sache denken möge — ein solches Verhalten spricht allem gesunden politischen Denken Hohn. Das Präsidium in Berlin ersucht uns telegraphisch, die Frankfurter Wähler zur direkten Einsendung der Wahlzettel nach Berlin, Oranienburgerstraße 42/43 auszufordern. * * * Auch außerhalb Deutschlands gehen die Wogen des Kampfes um die Wahl Reinachs sehr hoch. So schreibt man uns aus Basel unter dem 24. Mai: Das Zentral-Komitee der Alliance in Paris hatte seinen Sekretär, Herrn S. Bigart, nach Basel gesandt, wo er am Montag Nachmittag vor dem schweizerischen Lokalkomitee und Abends vor einem größerem Publikum einen Vortrag halten sollte, von dem die leitenden Kreise hoffte«, daß er alle Unstimmigkeiten beseittgen und alle Unzufriedenheit in Harmonie und Wohlgefallen auflösen würde. Es kam aber, wie so oft im Leben, anders, und die Steges-Zuverficht der Herren von Paris war verfrüht. Im Sitzungssaale der Gemeinde fand die Versammlung des schweiz. Lokalkomitees statt. Den Vorsitz führte als Mitglied des Zentral- Komitees Herr B. Dreyfus Brettauer von Basel. Das Lokalkomttee von Basel war mit seinem Präsidenten, Herrn Salomon Ebstein, vollzählig erschienen. Vertreten waren: Bern, Biel, St. Gallen, Chaux - de - Fonds, Zürich. Anwesend waren die Rabbiner von Basel, Chaux-de-Fonds, S. Gallen, Genf und Zürich. Auch die Herren Rabbiner Dr. Bloch-Mühlhausen und Dr. Jahuda- Berlin wohnten der Verhandlung bei. Herr Bigart hielt ein längeres, sehr geschickt arrangiertes Referat ab. Er besprach den Streit, der sich zwischen Berlin und Paris entwickelt und zuletzt immer mehr zugespitzt habe. Er suchte zahlenmäßig nachzuwetsen, daß von dem numerischen Erstarken der Alliance in Deutsch- Auch an die Aufrechterhaltung des verliehenen Adels dachte Niemand mehr. f In neuester Zeit haben sich aber Familienmitglieder, die unter verschiedenen Namen wie Basch und dergleichen noch heute in Prag, Wien, Budapest, Galizien leben, für die Geschichte ihres Ahnherrn lebhaft interessiert und Nachforschungen gepflogen. Tabei ergab sich, daß, wie bereits erwähnt, im Archiv der Prager jüdischen Gemeinde wohl der Freibrief von 1599 und die Welsurkunde im Original vorhanden waren, daß aber aus der Adelsurkunde das Wappen der Bafsewi herausgeschnitten und das kaiserliche Siegel abgetrennt war. Man kann annehmcn, daß eine diebische Hand sich Zugang zu den Dokumenten verschafft und die als Sammlerkuriositäten wertvollen Teile der Urkunde zu persönlichen Zwecken herausgeschnitten hat. Unerklärlich bleibt aber die Frage, wieso es möglich war, daß die Dokumente so wenig sorgfältig verwahrt waren, und daß der Verlust bis heute von Niemandem bemerkt wurde. Selbstverständlich ist dadurch diesen Dokumenten eigentlich ihre Beweiskraft geraubt worden, und es ist begreiflich, daß sich der Familienmitglieder wegen dieser. Tatsachen eine stark« Entrüstung bemächtigt hat. In .ihrem Aufträge ist nun ein Familienmitglied am letzten Dienstag beim Statthalter Grafen Thun in Audienz erschienen und hat zugleich mit einer ausdrücklichen schriftlichen Eingabe das Ansuchen gestellt, es mögen die auf die Familie Bafsewi bezüglichen Papiere, ebenso wie andere wichtige Dokumente im Hinblick auf die zutage getretene mangelnde Sorgfalt hei deren Aufbewahrung aus dem jüdischen Archiv entfernt und in ein staatliches oder Landesarchiv übernommen werben. Tie ganze Angelegenheit wird noch Gegenstand eingehender Untersuchungen sein. land diese selbst keinen finanziellen Nutzen gehabt habe. Denn die gesamten Einnahmen (früher 50, später 90000 Mk.) wurden bis auf einen kleinen Bruchteil für die Kosten des Büros, für Propaganda, für „Ost und West" und für jüdische Emigranten verwendet, denen zu helfen Sache der lokalen Wohltätigkeit sei, während die Alliance nur im Falle von Katastrophen, Verfolgungen u. dgl, mit ihren Geldmitteln einzugreifen habe. Zur Wahlsrage übergehend trat er mit aller Entschiedenheit für die Wiederwahl des Herrn Sal. Reinach eift, der viel, für die Alliance geleistet und ein sehr jüdisches Herz (?) habe. Cremteux, dessen Verdienst niemand bestreiten werde, habe seine Kinder taufen lassen und sei trotzdem an der Spitze der Alliance gestanden. Reinachs private Ansichten hätten auf seine öffentliche Wirksamkeit und der Alliance keinen Einfluß. Anknüpfend an dieses Referat verlas Herr Dreyfus-Brettauer die Erklärungen von Nürnberg und Mannheim, die sich zu Gunsten Reinachs aussprachen. (Wie die Mannheimer Erklärung die Zustimmung der Gesetzestreuen fic den konnte, wird wohl ein ewig unlösbares Rätsel bleiben.) Herr Rabb. Dr. Schlesinger - St. Gallen verlas, damtt auch die andere Seite zum Gehör komme, die Erklärung des holländischen Komitees gegen R. und bat für den als Gast anwesenden Dr. Jahuda um die Erlaubnis, die Ansichten der Berliner Kreise darlegen zu dürfen. Dr. Jahuda übte in längerer Rede scharfe Kritik an der Alliance, ihrer Schulen und sonstigen Hilfswerken und sprach die Meinung ans, daß an allen Fehlgriffen die Führung, speziell Reinach, die Schuld trage. Dieser habe es sich, seiner eigenen Erklärung zufolge, zur Lebensaufgabe gemacht, alles, was ihm am Judentum mißfalle, das Rttualgesetz, den Sabbat usw., zu vernichten und ziehe gegen das alte Judentum mit dem dreisten Ruf: ecrasez Tinfame zu Felde. Für diejenigen, denen die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt, sei es daher nur ein Akt der Notwehr, diesen Mann, auf dessen Konto die Autokratie, die Despotie, die Einseitigkeit und die Verknöcherung der Alliance zu setzen sei, von seinem einflußreichen Posten, auf dem er dem Judentum großen Schaden zugefügt, abzuberufen. Herr Rabbiner Wolff-Chaux-de-Fonds. trat aufs wärmste für R. ein. Seine Ansichten über das Judentum habe er nicht erst kürzlich im Orpheus, sondern schon vor Jahren im Ünivers Jsraelite ausgesprochen, was ihn an seiner segensreichen (?) Tättgkeit für die Alliance nicht gehindert habe. Aehnlich äußerte sich vom Standpunkt des Freidenkers aus Herr Blum von Biel. Mit großer Entschiedenheit traten demgegenüber die Herren Rabbiner Dr. Bloch Mülhausen und Dr. Littmann, Zürich gegen Reinach auf, dessen Wiederwahl abzuweisen sei. Eine Resolution wurde nicht gefaßt, da eine Einigkeit nicht zu erzielen war und die Minderheit sich der Mehrheit doch nicht gefügt hätte. Es war aber klar, daß die überwiegende Mehrheit der Anwesenden gegen Reinach war. Bon imposanter und vorher nicht geahnter Wirkung war die Abends um 8 Uhr im Betsaal der Gemeinde abgehaltene Versammlung. Zunächst hielt Herr Bigart in französischer Sprache ein vanseriv sur I’Alliflnee. Er sprach 17. Std. lang und wußte das Publikum zu unterhalten und zu fesseln. Er erzählte von den Ereignissen in Damaskus, die zur Gründung der Alliance geführt haben und sprach viel von Cremieux segensreicher Tätigkeit. Heute müsse man vorsichtiger, zurückhaltender und diskreter sein. Er schilderte das großarttge Schulwerk der Alliance im Orient. Den Lehrern werde es zur Pflicht gemacht, streng religiös zu leben und die Jugend in der überlieferten Lehre des Judentums zu unterrichten. Biele Lügen, Verleumdungen und Uebertretungen wurden über die Schule der Alliance verbreitet. Einmal habe ihm nach einer Orientreise Baron Rothschild mitgeteilt, daß nach seinen Informationen der Direktor der Schule in A. am Sabbat rauche, ein anderer

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