Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1911)
- Date
- 1911-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der JSraelit. Sette 8. «r. 21_ war es der Deputierte Jerusalems, Ruhi-ul- Halidi, der etwa folgendes ausführte: „Ich stehe hier als Vertreter zahlreicher Juden, weder bin ich Antisemit, noch Antizionist. Viele meiner Wähler sandten mir telegraphische Proteste wider den Zionismus, so auch der jüdische Arbeiterverband in Smyrna. Die Juden scheiden sich in Spaniolen und Aschkenasim. Erstere ließen sich bei uns unter dem wohlwollenden Schutze des Sultans Bajasid II. nieder, als die Inquisition sie aus Spanien vertrieb. Die Einwanderung letzterer fing mit dem Auftauchen des Antisemitismus an. Das jüdische Nationalgesühl ist allen Juden durch die Lektüre der Bibel eingeboren. Moses Mendelssohn stellte zuerst fest, daß den Juden Nationalgefühl mangle und fehlen muffe, der Judaismus sei nur eine Religion und sein Bekenner gehöre zur Nation des Landes, wo seine Wiege gestanden habe — und doch sei ein Nationalsinn, Nationalgesühl erweckt. Im Jahre 1880 trieb Rußland 600000 Juden nach Polens Dörfern und Städten, gleichzeitig aber siedelten viele der Verfolgten nach Palästina über, gegenwärtig bewohnen 80000 Juden Jerusalem und nur 9000 Muselmanen seien in der Stadt. (?) Die jüdischen Kolonien sind ganz selbständig, es gibt dort keine Regierungsvertreter. Die Zionisten (?) beabsichtigen auf diese Weise auch Kolonien in Mesopotamien und Syrien zu errichten. Der Mittelpunkt solle Jerusalem sein." Said Bey, ein Landsmann des Vorredners, fügte hinzu: „In Syrien seien heute 100000 Juden, meist Ausländer,- da viele Bauern sind, haben sie schon zahlreiche Ländereien erworben. Gut wäre es, wenn die Juden sich naturalisieren laffen wollten, denn sie sind ein arbeitssames Volk, dabei sparsam und fortschrittlich gesinnt. Sie nützen dem Lande außerordentlich, sie besitzen auch eigene höhere Lehranstalten." . Schickri-Effendi (Damaskus) verteilt im Saale Nationalfondsmarkener äußerte sich: „Die Juden entscheiden ihre Prozesse unter sich und wenden sich nur dann an die Behörden, wenn es sich um Verbrechen handelt. Sie haben eine Nationalhymne und tragen während der Festtage ein eigenes Banner. Sie haben sogar einen eigenen Postdienst eingerichtet, der so tadellos gehandhabt wird, daß man nur wünschen kann, daß er im ganzen Reiche so funktionieren möge." Hafis Ibrahim (Jpek) meinte: „Jetzt wiederholt man schon die Dinge zum fünfzehnten Mal. Wir verfügen über eine Million Soldaten, sollen wir uns da vor 100000 Juden fürchten? Die Juden sind intelligent und rührig, das sind sie in der ganzen Welt, in England sind die Rothschilds Juden und in Salonik liegt der ganze Handel in jüdischen Händen. Die Ausländer sorgen für ihre Bildung, sie lernen den Handelsbetrieb und erwerben Geld. Wenn wir phantastischen Vorstellungen - nachgehen, so verlieren wir unsere kostbare Zeit." Masliah Effendi äußerte sich: „Als Jude will ich nicht über den Zionismus reden — man könnte mir Unparteilichkeit absprechen. Man bedient sich der jüdischen Bewegung, um die Regierung anzugreisen, deshalb müsse diese sich energisch wehren. Es müsse notwendig eine Kommission erwählt werden, die die zionistische Frage studieren und die die Wahrheit ans Licht bringen soll. Sie werden wenig Leute finden, die so Patriotisch gesinnt find wie die osmanischen Juden. Die Türkei ist das einzige Land, in dem sie ruhig leben können. Die Juden sind Zeißig und zivilisiert — nirgends werden sie bessere Freunde finden!" Vardkes Eff. (Erzerum): „Man verfolgt die Juden in Rußland, in Oesterreich, Deutschland und Rumänien bereitet man ihnen unsägliche Schwierigkeiten. Das ungebildete Volk hier bei uns begreift die Dinge nicht recht,' früher säete man Haß gegen die Armenier, jetzt beabsichtigt man, dem Volke Haß gegen die Juden beizubringen! Ich weiß, was die Armenier litten — ich bitte den Präsidenten, jede Erörterung über den Zionismus von heute ab zu verbieten bis die vorgeschlagene Kommission ein Urteil abgegeben hat." Mal äfiina* Eine fchmere Kafaifrophe. Jaffa, 18. Mat. Eine schwere Katastrophe ereignete sich, wie telegraphisch berichtet wird, am 16. d. M. in MerombeiSaffed. Wie alljährlich waren dort auch diesmal aus Anlaß des Tausende von Juden aus aller Herren Ländern zu einem Volksfeste am Grabe des Rabbi Schimeon bar Jechoi versammelt. Als das Fest den Höhepunkt erreicht hatte, gab ein Gerüst, auf dem Hunderte Zuschauer zusammengedrängt standen, nach und stürzte plötzlich ein. Sieben Personen wurden getötet und dreißig schwer verletzt. In ganz Palästina herrscht namenlose Bestürzung. Eine berühmte Thoraanflalf in Nöten. Jerusalem, 18. Mat. Unter den Anstalten, die von der allgemein wirtschaftlichen Krise so stark betroffen wurden, nimmt die altbewährte und weltberühmte Thoralehranstalt "D"n nun die erste Stelle ein. Diese vom bekannten Rabbi Jizchok Wienogrod gegründete und geleitete Lehranstalt sieht sich nun in der Lage, an die tätige Mithilfe aller Glaubensgenossen zu appellieren, denen an der Erhaltung einer der bedeutendsten Pflanzstätten dSr Thora in der heiligen Stadt gelegen ist. In einem Rundschreiben, das von den berühmtesten Namen der Diaspora unterzeichnet ist, bittet die Verwaltung alle Gönner der Anstalt, nach wie vor ihre regelmäßigen Beiträge an die m'tP' u schicken und außerdem die Synagogenpenden eines Sabbat diesem edlen Thorazwecke zu widmen. In einem dem Rundschreiben angefügten von Rabbi Chajim Soloweizik-Brest und Rabbi Jacob Salomon Lipschitz Unterzeichneten Aufruf heißt es u. a.: „Wiewohl die o^n min nnw' infolge der finanziellen Notlage ihre Zahlungen einstellen mußte, so konnte sie sich doch trotzdem ideell noch auf ihrer vollen Höhe erhalten, sowohl in Bezug auf die Zahl der Lernenden wie auf die Intensität des Thorastudiums. Es ist aber klar, daß, wenn, wie es die Lage erfordert, aus den einlaufenden Geldern ein gewisser Prozentsatz zur Tilgung der Schulden verwendet wird, dieses auf Kosten der Lernenden gehen und dadurch ihre ohnehin kärgliche Unterstützung auf ein Minimum beschränkt werden muß. Es wird also eine Ehrensache all derer sein, die ein Herz für die Thora haben, durch größere Unterstützungen dafür zu sorgen, daß die ' n' o *? n D'DDn nicht unter drückender Not und von Nahrungssorgen gequält, ihren Studien obliege n m ü s s e n." Im weiteren wird in diesem Aufruf bezeugt, wie der Gründer der Jeschiboh in höchst uneigennütziger und aufopferungsvoller Weise die Geschäfte derselben geleitet hat und nicht im mindesten die Notlage verschuldet hat, die dringende und intensive Hilfe erheischt. Dem Aufruf liegen außerdem noch zwei Schriftstücke vom Oberrab.biner Kuck aus Jaffa und Rabbi Jakob Dawid (T"2'Vi) bei, die sich beide als glänzende Ehrenzeugniffe für die Anstalt, ihren Leiter und ihre Jünger darstellen. In rührender Weise schildert oer letztere die Eindrücke, die er in dieser Heimstätte der Thora gewonnen hat. „Als ich einst", so schreibt er, „an der Westmauer betete, und mit Rücksicht auf die im helligen Lande herrschende Not mein Herz an der heiligen Stätte vor Gott ausschüttete, sah alles noch so trost- und hoff- _ 24. Mal ISU nungslos ringsumher aus. Als ich aber nach vollendetem Gebete auf dem Heimwege an der Jeschiboh vorbeikam und noch tränenden Auges dieselbe betrat, da wurde ich überwältigt von dem herrlichen Bilde, das sich hier meinem Auge darbot. Hier traf ich die Kämpen der Thora, die alle, gerüstet und ausgestattet mit den helligen geistigen Waffen, dem harten Kampfe des Tages frisch und mutig ins Auge schauen. Dann verwandelten sich meine Tränen des Schmerzes in solche der Freude, und ein Trostempfinden durchwärmte mein Herz bei dem Gedanken, daß n#rn mihn pt nri? u*? pw daß uns bei allem doch die Thora als ewiges unveräußerliches Gut geblieben ist." Man darf der Hoffnung Ausdruck geben, daß solche tiefempfundenen Worte ihre Wirkung nicht versagen. (Beiträge für die Anstalt werden am besten der Deutsch - holländischen - Palästina- Verwaltung in Amsterdam, Frankfurt und Berlin übergeben. Red. d. Jsr.) Amerika. Aewyork, 24. April. Eine Neuerung von großem Interesse für die Bevölkerung des östlichen Teiles unserer Stadt wird in der städtischen Schule Nr. 92 versucht werden. Die dottge Lokalbehörde wird für die 9000 jüdischen Schüler eine koschere Küche eröffnen. Diese Küche wird gute Mahlzeiten zu dem Preise von 3 Cent (ca. 12 Pfg.) an die Kinder verabreichen, deren Mütter während des Tages zum Arbeiten gezwungen und daher nicht selbst imstande find, ihre Küche zu besorgen. Die neue Küche, welche am nächsten Montag eröffnet wird, soll einer Köchin unterstehen, deren Zuverlässigkeit in ritueller Beziehung von einem orthodoxen Rabbiner verbürgt ist. Die Eltern der Kinder wurden von Miß Byrne, der Leiterin der Schule, eingeladen, selbst die Methoden der neuen Küche in Augenschein zu nehmen, damit sie sich von der gewissenhaften Beobachtung der jüdischen Speisegesetze persönlich überzeugen können.Die städtische Schulbehörde hat den Plan gutgeheißen, und falls er sich als erfolgreich erweist, so wird er in anderen Stadtteilen auch eingeführt werden. llrrmiscbm. Frankfurt a. M., 25. Mat, Wie zu erwarten war, sucht die Turnabteilung „Makkabi" der zionistischen Jugendgruppe unseren Hinweis, daß fie unter Partetflagge gegründet sei, durch eine „Berichtigung" zu widerlegen. Diese Berichtigung berichtigt nichts, sondern bestätigt unsere Bemerkung. Daß die Turnaöteilung nach ihren Satzungen „lediglich die Ausbreitung des Turnens unter den Juden fördern will, ohne irgendwelche religiöse oder politische Sonderbestrebungen", macht sie um so geeigneter dazu, unter den bisher ntchtzionisttschen Teilen der jüdischen Bevölkerung Frankfurts, namentlich unter der Orthodoxie, werbend für denZioniSmus zu wirken. Darob kann kein Mensch denjenigen, die in der Ausbreitung des Zionismus eine Wohltat für die jüdische Gesamtheit erblicken, einen Borwurf machen. Nur sollte, und das war der Zweck unserer Anmerkung, Klarheit über diese Verhältnisse bestehen: jnn *6- Leipzig, 19. Mat. Der BerlagSbuchhändler Emil Theodor Fritsch auS Gautzsch, der bekannte Führer ber Reformer und Herausgeber der scharf antisemitischen Halbmonatsschrift „Der Hammer", der in einem Artikel seines Blattes in geradezu ungeheuerlichen Angriffen auf die jüdische Religion erging, wurde von der zweiten Strafkammer des L a n d g e r i ch t S, vor ber er sich heule wegen Vergehens gegen den § 166 deS ReichsstrafgesetzbuchS zu verantworten yatte, wegen Gotteslästerung zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Hannover, 21. Mat. Hier wie in Linden fand der Blumemag zu Gunsten der philantroptschen Anstalten der Stadt am gestrigen SamStag statt. ES ist klar, baß die treu zum Gesetze haltenden Juden, die hier wie allenthalben bet solchen humanitären Veranstaltungen nicht gern zurückstehen, dabei in eine recht prekäre Lage kommen und viele minder feste Naturen dadurch zum öffentlichen 712V veranlaßt werden. Es ist bedauerlich, daß von jüdischer Seite nichts geschehen ist, um die Beranstaltug auf einen anderen Tag zu verlegen,