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Der Israelit · 1911-05-24 · Heft 21 (24.5.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 21 (24.5.1911)
Date
1911-05-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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«4 Mai 1911 __ die Aufgabe der Väterzeit, das Heiligtum zu erobern, so ist eS unsere doppelte Pflicht, dieses zu erhalten und auszubauen. In der Periode der reformistischen Hochflut hat es genügt, das Prinzip allein jui sichern und unter seiner Fahne auch schwache Männer großer Ahnen zu scharen - jetzt, da die Bataillone formiert sind, muß vom Ceterumcenseo des Wortes hinweg zur Tat geschritten werden. Und dazu drängt auch das andere Lager. Auch dort hebt der Geist der Regsamkeit seine Schwingen. Im Budapester Gemeindebudget, das mit 6 Nullen gegen das jüdische Leben gearbeitet hat, wo die Synagogen zu Konzerträumen mit beifallklatschsüchtiger Hörerschaft degradiert und die Religion, nach philantropischem Muster, ohne Bedeckung, mit leerem Kopf verabreicht wird, ist in der letzten Bilanz ein Platz für die „Mikwa" gefunden worden. Vierzig Jahre ließ die zweitgrößte Gemeinde Europas verrinnen, bis sie dem elementarsten Bedürfnis entsprechen wollte/ fast ebenso lange ist es her, daß im jüdischen Spital der 18 0 000-Seelengemeinde, den Aermsten der Armen, unseren hilflos kranken Brüdern unter dem Schild der Gemeinde streng trefe verabreicht wurde. Jetzt ist es dort anders. Wie himmelweit sie von uns trotzdem abgerückt sind, dafür ist die Leitung.. des unter ihrer Patronage stehenden „Vereins zur Förderung des Handwerks und Ackerbaues" die schreiendste Illustration. Dort wird von dem eintretenden Aspiranten gefordert, daß er auf die Einhaltung des Schabbos und der Speisegesetze verzichte. Orthodoxie und Neologie — meint der Nervus rerum des Vereins, Mr. Kemeny — ungefähr wie Christentum und Judentum. Seit der obligatorischen Einführung der Sonntagsruhe ist die Sabbatruhe vollständig überflüssig geworden. „Er hat in zwei Fällen ausnahmsweise die Beobachtung des Sabbats gestattet, doch nur unter der Bedingung, daß diese Begünstigung geheim gehalten werde, damit nichtsolche Wünsche massenhaft auf den Hals kämen". Es ist darum doppelt zu begrüßen, daß die „Machsike Hadas" sich auch die Förderung des Handwerks angelegen sein läßt. In Bonyhad wurde der Anfang gemacht. Dort wird — wie die „Ungr. jüd. Ztg." meldet — eine Schneiderwerkstätte errichtet, welche vorr einem ftrengfrommen Fachmann geleitet, den Zöglingen außer der Anweisung in der Kleiderkonfektion auch noch Unterricht in jüdischen Fächern bietet. Meldungen wie diese werden in der Diaspora ein tieferes Freudengefühl auslösen als die Nachricht, daß man in Szeged dem hundertjährigen Andenken Leopold Löws durch Benennung einer Straße nach ihm huldigte. Denn Letzteres besagt einfach, daß der geborene Jude Löw als feuriger Ungar gestorben ist, während dort der hämmernde Pulsschlag jüdischen Ewigkeitslebens zu uns herüberhallt. es—:— Kurland. Von 9er Kleiner Bluthefee. Kiew- 18. Mai. Einen Tag anhaltender Todesschrecken und wachsender Aufregung erlebten wir am 13. Mai (1. Mai nach russischer Zeitrechnung). Es ist ein Tag, an dem es hier immer etwas bunt zugeht, und die Echtrussen, die alle Umstände gut zu nützen wissen, bemühten sich, den an diesem.Tage feiernden Arbeitern den Weg zu einem „gefahrlosen und unter Umständen recht einträglichen Vergnügen" zu weisen . .. Proklamationen, die in diesem Sinne zu Jubenmetzeleien aufforderten, wurden in Masten verteilt. Biele Tausende verließen an diesem Tage mit ihren Familien die Stadt. Am Morgen des ersten Maitages zeigte die Straße das von den Schreckenstagen 1905 bekannte Bild. Es lag etwas Schweres, Unheildrohendes in der Luft, das sich jeden Augenblick niederschmetternd ent- D« JLraeüt. laden konnte. Man sah keinen einigen Soldaten auf der Straße, und auch die Polizei, die sonst an Feiertagen in Gruppen die Straße durchzieht, fehlte diesmal gänzlich. Dieser Umstand ließ natürlich die Aufregung und die Progrompanik ins Unermeßliche steigern. Zum Glück verlief aber der Tag ruhig, ohne wesentliche Störung der Ordnung. Die jüdischen Geschäfte blieben aber zum großen Teile fast den ganzen Tag geschloffen, und in den jüdischen Vierteln war alles Leben erstorben. Nun erfährt man aber, daß Markow II., dieser erbittertste Judenfeind, der auch bet der Rituatmordtnterpellation feine glänzende Pogromrede in der Duma gehalten hat, sich auf dem Wege hierher befindet. Die Aufregung in den jüdischen Kreisen, die bereits ein wenig nachgelassen hatte, hat sich infolge dieser Nachricht wieder gesteigert. Es heißt, daß Markow in Begleitung einiger Fraktionsgenoffen die Untersuchung in der Mordangelegenheit fördern will. In welcher Weise sich die Herren diese Förderung denken, ist zur Genüge bekannt. Die Angst und die Aufregung ist daher vollberechttgt, und man wünscht in den liberalen Kreisen, daß auch einige Abgeordnete der Kadetten Part ei sich an dieser privaten Untersuchung beteiligen sollen. Die hier erscheinende Zeitschrift „Kieblujanin", deren nationalen und judenfeindlichen Tendenzen sonst an die der Schwarzen Banden grenzen, hat erfreulicherweise in dieser Angelegenheit eine korrekte Stellung eingenommen. Eine Zeit lang schien es sogar, als hätte sie infolge der Hetze mit ihren Traditionen und ihren Inspiratoren aus der schwarzen Fakultät gebrochen. Denn sie verteidigte von vornherein die Juden und bemühte sich nachzuweisen, wie haltlos und unsinnig die gegen sie erhobene Blutbeschuldigung ist. Auch gegen die Interpellanten in der Duma ging sie mit einer Reihe von scharfen Artikeln vor. Die Freude über diese Wandlung war aber verfrüht, denn, wie man heute hört, handelt es sich hier nur um die Private Ansicht eines Redakteurs, des Journalisten S a Wink a, der bereits von der Oberleitung desavouiert wurde und auf Intervention der Markow-Partei seine Stellung aufgeben mußte. Man ist daher über die zukünftige Haltung des bedeutenden Blattes in der Angelegenheit ernstlich besorgt. wsckisenSes Msffeneleng. Warschau- 10. Mat. Wer die Armut der jüdischen Bevölkerung Polens an der. Quelle studieren will, der sehe sich in den Straßen unserer Metropole um. Zu keiner Jahreszeit tritt aber dieses Massenelend in so erschreckender Gestalt an den Tag, wie vor dem Pessachfeste, da Tausende die Unterstützungskaffen belagern und sich glücklich zeigen, wenn es ihnen gelingt, sich nur einen kleinen Beittag für die Mazzos zu erkämpfen. Dieses Jahr war der Andrang der Unterstützungssuchenden besonders gewaltig, da die frostige Witterung, die bis kurz vor dem Feste anhielt, die allgemeine Krisis, sowie die starke Zuwanderung aus dem Jnnenlande wie aus den kleinen Städten und Dörfern des Rayons die Zahl der Arbeitslosen und Darbenden bis ins Unermeßliche vergrößert hat. Es ist auch sonst eine kritische Zeit für den unteren und Mittelstand. Denn durch stete Gründungen neuer Fabriken und Warenhäuser, nicht zuletzt aber auch durch die von den polnischen Nationalen organisierte Konkurrenz verschwindet der Handwerker und Handelsmann immer mehr von der Bildfläche und macht dem beschäftigungslosen und notleidenden Proletarier Platz. Diesem Maffenelende kann die jüdische Philantropie, soviel sie auch in hiesiger Stadt leistet, nicht im entferntesten beikommen, wiewohl Hunderttausende jährlich für Unterstützungszwecke ausgegeben werden. Im Jahre 1908 zählte man in Warschau 277 000 Juden. Trotz der starken Abwanderung ist diese Zahl in den letzten drei Jahren nicht gesunken, sondern noch wesentlich gestiegen. Die __**ai Sette 7 Zahl der jüdischen Bevölkerung wuchs hier 1910 auf 306061. Und diese Vermehrung beruht nicht einmal auf natürlichem Zuwachs, sondern, wie schon gesagt, auf der anhaltenden Zuwanderung. Die aus dem Jnnenlande AuSgetriebenen suchen, sofern sie die Reise über das große Wasser nicht unternehmen wollen, oderinfolge der neuen Einwanderungsgefetze nicht machen können, die jüdischen Zentren in Warschau oder Wllna auf. Und in den Städtchen und Dörfern der Manischen und polnischen Judenansiedelung sieht es in wirtschaftlicher Beziehung so ttaurig aus, daß auch von dort die Jugend, in der Hoffnung, in der Großstadt Arbeit und Erwerb zu finden zumeist nach Warschau strebt. So kommt es denn, daß trotzdem in den letzten zwei Jahren aus der Gegend von Warschau etwa 16000 Juden nach Amerika ausgewandert sind, die Zahl der jüdischen Massen in Warschau doch in oben erwähnter Weise anwachsen konnte. Durch die Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen in Amerika und England, durch welche Unzähligen die Möglichkeit zur Auswanderung genommen ist, ist ein weiteres Anwachsen der Bevölkerung uno somit des Massenelends zu erwarten. Und täglich tauchen neue Probleme auf, denen unsere Vereine und Organisattonen machtlos gegenüberstrhen. Moskau, 10. Mai. Die Verbreitung wahrer Mitteilungen über die Juden, hat eine hier fett fünf Jahren existierende Gesellschaft zum Ziele. Sie will Auftlärung über Juden und Judentum schaffen entgegen böswilligen Verleumdungen und Verunglimpfungen. An der Spitze der Gesellschaft stehen die Herren Dr. Harkavy, Rabbiner Maze, Dr. Tschlenow und viele angesehene Mische Bürger von Moskau. Aus dem soeben veröffentlichten Tättgkeitsbericht über das abgelaufene Jahr wird bekannt, daß die Gesellschaft in Moskau, Samasa, Kowno und andW« Städten Vorlesungen gehalten und eine Äo* schüre von Professor Kmalewski: „Wie wurde in Westeuropa die Judenftage gelöst?" verbreitet hat. Unter den Schriften, welche die Gesellschaft verbreitete, befindet sich auchSombarts Buch: „Der Anteil der Juden an der heuttgen Industrie." Im Ganzen hat die Gesellschaft im letzten Jahre 18 000 Broschüren und Bücher verteilt. Ueberdies hat die Gesellschaft in Moskauer Zeitungen wiederholt unrichtige Berichte über Juden und Judentum richtiggestellt. England. «London, 21. Mai. Dieser Tage ist hier unter dem Titel: „Die Wahrheit über die fremden Einwanderer" eine Schrift erschienen, die interessantes Material über den Einfluß der jüdischen Einwanderer in die Entwicklung der englischen Städte enthält. Auf Grund authentischer Ziffern weist die Broschüre nach, daß die jüdischen Einwanderer stets ein Segen für diejenigen Plätze waren, auf denen sie sich nieoerließen. In dem alten Armenviertel von London, wo die eingewanderten Juden zumeist ihr neues Heim auffchlugen, wurden im Verlaufe von wenigen Jahren über eine Mtllwn Pfund Sterling für Neubauten von Wohnhäusern und Fabriken für neue, durch die jüdischen Einwanderer ins Leben gerufene Jndusttien ausgegeben. Was den eingewanderten Juden als Bürger betrifft, so weist die Broschüre nach, daß diese in kürzester Zeit ausgezeichnete, verläßliche englische Bürger werden. Im englischen Heere und tn der Marine dienen gegenwärtig 1700 Juden, darunter 152 Offiziere, von denen zumindest dreiviertel „Fremde" oder Nachkommen von „Fremden" sind. Türkei. Der 3ionismus In der Kammer- (Bon unserem jkorvespondenten.) Ko»ÜLUl«opel, 17. Mai. Wieder einmal wurde der Zionismus in die Debatte der türkischen Kammer gezogen, diesmal -SS* ""''"v-"

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