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Der Israelit · 1911-05-24 · Heft 21 (24.5.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 21 (24.5.1911)
Date
1911-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Nr. 21 Der Israelit. 24 Mai 1911. zu einer Denkweise und Führung zwingen, die sie VonihremStandPunktinehrlichemFreimutaufsenergisch st ebekämpsen müßten. Aber wir können uns auch keinen rechten Erfolg von der Intervention des Herrn Reinach für alle unsere Glaubensgenossen, namentlich nicht in östlichen Ländern versprechen, da er gerade die Juden jener Gegenden wegen ihrer religiösen Ueberzeugung ihren eigenen Verfolgern gegenüber als „rückständig" bezeichnet. Würden denn nicht unsere Feinde nrit scheinbarem Recht seine eigenen Aeußerungen als Waffe gegen ihn und uns benutzen? Schon wurden wir von russischer Seite — um einen aftncUen $aU zu erwähnen — darauf aufmerksam gemacht, dgß bei dem jetzt in Rußland drohenden Kampf um den Sabbat die Gegner sich auf die Autorität des Herrn Reinach als Leiter der Illliance berufen würden, der früher, und jetzt neuerdings in seinem Propagandawerk „Orpheus" die Beobachtung des Sabbats für eine Rückständigkeit erklärt." Und nach einer weiteren Charakterisierung der ausgesprochen religiosfetndlichen „wissenschaftlichen" Tätigkeit Reinachs fragt das Antwortschreiben: „Glauben Sie, sehr geehrte Herren, daß etwa Katholiken, Mohammedaner und selbst freidenkende Protestanten auch nur einen Augenblick einen Mann mit solchen missionarischen, ihren Ueberzeugungen zu-- widerlaufenden Tendenzen an der Spitze ihrer Schulvereine dulden würden? Sollen wir nun einem solchen Mann an der Spitze unserer Gesellschaft, die 160 Schulen mit ihren 40 000 Schülern zu leiten hat, die prominenteste Stellung einräumen, von der aus er am wirksamsten seine Mission ausüben kann? Wollen Sie, sehr geehrte Herren, die Verantwortung dafür übernehmen?" Dem haben wir unsererseits nichts zuzufügen; es sind goldene Worte und so beherzigenswert, daß man nur aufrichtig wünschen kann, man möchte sie nicht als bloße Kampfgeschosse ins gegnerische Lager schleudern, sondern auch sonst die rechten Konsequenzen daraus ziehen. Die den Ausführungen der D. C.-G. zu Grunde liegende Erkennttnis, daß erstens jedes Schulwerk für jüdische Kinder eine eminent religiöse Angelegenheit sei, daß ferner die Erziehung nicht auf dem Boden einer offiziellen Heuchelet, sondern nur bei harmonischer Uebereinstimmung der ganzen Lehrerpersönlichkeit mit dem Geiste des Unterrichts gedeihen könne, ja, daß endlich auch die geistig-religiöse Artung der an der Spitze einer Kultur- und Erziehungsorganisation stehenden Männer von maßgebender Bedeutung nicht nur für die Administration, sondern für die Wichtung der Hrziehnug sein müsse — dies alles sind so wertvolle und folgenreiche Gedankengänge, daß es lohnt, später ausführlich daraus zurückzukommen. Der Fall Reinach ist nur ein besonders krasses Beispiel, das eben durch seine grobe Aufdringlichkeit den sonst der oberflächlichen Betrachtung verschleierten Zusammenhang zwischen der westeuropäischen Assimilation und dem Jammer der nach dem Orient getrain Einklang zu bringen. Aber hier versagt diese Kunst, denn dieses hier gekennzeichnete Gebühren steht in grellstem Mdersprllch mit der jüdischen Religionslehve! Und die Leute, die bei den christlichen Laien das gesamte Judentum auf solche Weise in Mißkredit bringen, stehen sicherlich nicht auf orthodoxem Boden. Bei den orthodoxen Inden gibt es eben keine Sonntags-. keine Charfreitags-, Weihnachts-, Pfingst- und Osterkinder. Sicherlich werden auch die liberalen Rabbiner wenig Freude an den zahlreichen israclitischen Sonntagskindern empfinden; aber warum predigen sie nicht dagegen? Zum Beispiel Pfingsten bei den Massenkonfirmationen, wo noch einiges Publikum zu ihrezl Zwanzigminutcn-Predigten kommt, £>e* vor es in die Bäder reist und denl lieben Gott bis zu „Neujahr" Ferien bewilligt. Wo bleibt da der Orden Bnei B'rith? Ter hat doch auf seine Fahne geschrieben, den geistigen und sittlichen Stand seiner Mitglieder zu heben. Warum wirkt er nicht in seinen siebzig oder achtzig Logen, in dem es ca. 9000 Mitglieder gibt, etwas erzieherischer? Es sind doch sicher recht vi.'le unter seinen Mitgliedern, die auf Kindersegen zu hoffen haben? Warum warnt der Orden nicht seine Mitglieder vor solchen blamablen Entgleisungen? Tos wäre doch in der Tat eine Aufgabe, die schon des Schweißes der Edlen wert wäre. Aber der Orden wird schwerlich die Initiative hierzu ergreifen, nach andern vorausgegangenen Erfahrungen zu urteilen. Nun, wie wäre es denn da mit dem Zcntralverein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens? Seine Monatsschrift wird doch an 30000 jüdische Staatsbürger Deutschlands versandt. Nun, wir wollen einmal sehen, ob er zu diesen Unfug Stellung nehmen wird. Oder müssen wirklich am Ende christliche genen „Kultur" sinnfällig verdeutlicht. Die Orthodoxie, soweit sie denkt, könnte aus der prachtvollen Kundgebung der D. C.-G. daher viel Nützliches lernen und sollte schon aus Dankbarkeit dafür die Aktion gegen Reinach kräftig unterstützen. Das kann nur durch einmütiges Eintreten für die Berliner Liste geschehen! Neues über gen Fall Hilsner. Bor mehr als einem Jahrzehnte ist es in einer böhmischen Stadt der vereinten Kraft der deutschböhmischen und tschechischen Antisemiten gelungen, einen nicht gerade im besten Rufe stehenden jüdischen Schuhmachergesellen als „Ritualmörder" zu verurteilen. Leopold Hilsner, der zu lebenslänglichem Gefängnis „Begnadigte", hat das öffentliche Gewissen noch nicht so zu beschäftigen vermocht, wie etwa der Fall Dreyfus, wiewohl es auch hier an ehrlichen Bemühungen nicht gefehlt hat, um Licht über die Angelegenheit zu bringen. In Oesterreich ist der Boden dem Gedeihen der Wahrheit eben noch nicht so günstig wie in Frankreich, wo allen vorübergehenden Gegenströmungen zum Trotze das Rechtsempfinden des Volkes immer noch stark genug ist, um begangenes Unrecht etnzusehen und wieder wettzumachen. Und doch ist der Fall Hilsner ungleich aufregender, ungleich beschämender als alle anderen derartigen Fälle der letzten Zeit — freilich für die Justiz, die trotz des sich immer mehr häufenden, das Opfer entlastenden Beweismaterials jede Revision ablehnt, in weit höherem Maße als für die Verurteilten. Die Verurteilten — denn der Fall Hilsner ist kein Justizmord gewöhnlicher Art, bei dem ein Einzelschicksal in die Brüche ging. Hilsner ist eine lebendige Anklage gegen eine ganze Religionsgemeinschaft, auf die man, solange man deren Widerlegung gewaltsam verhindert, wie jetzt im Falle Kiew immer und immer wieder im Kreise der Hetzer und Verleumder mit Freuden zurückgreifen wird. Unter diesem Gesichtspunkte muß, so lächerlich albern und müßig es uns auch scheinen mag, uns gegen die Blutbeschuldi- S zu verteidigen, jeder neue Versuch, der rheit im Falle Hilsner zum Siege zu verhelfen, mit Freuden begrüßt und aufs kräftigste unterstützt werden. Eine im Verlag von A. W. Hayns Erben in Berlin dieser Tage unter dem Titel „Der Fall Hilsner. Ein europäisches Justizverbrechen" erschienene Schrift verdient in dieser Beziehung die Beachtung weitester Kreise. In höchst objektiver, streng sachlicher Weise erzählt die Broschüre die Vorgeschichte und den Verlauf des Blätter erst die Erziehung noch unerzogener, oder in ihrer ersten Erziehung stecken gebliebener Glaubensgenossen in die Hand nehmen? Es scheint fast so. Nur schade, daß auch diese Zeitschriften in so wenige jüdische Hände gelangen. So schreibt der „März" in seiner letzten Nummer über die Berliner Juden folgendes: „Der Direktor (Zickel, der Gottlob dem Judentum nicht mehr angehört) des Lustspielhauses weißwas der Masse von Berlin W. gefällt — andere Leute gehen massenhaft überhaupt in kein Berliner Theater — und kauft einfach die ganze Ernte auf. Mußte sich doch die Reinhardt-Bühne für .ein Stück von ähnlichen Qualitäten eigens Herrn Pinski aus New-Aork verschreiben. Daß es mit dem Erfolg dann doch nichts wurde, lag einfach daran, daß Herrn Pinskis Stück nicht „jiddisch" gespielt, sondern verhochdeutscht wurde. Jedes Stück, das zur Zeit in Berlin Erfolge haben will, muß nämlich mindestens einen Juden lächerlich machen, und deshalb bevorzugt man auch so auffallend jüdische Autoren, denn sie können das noch immer am besten. Wo immer ein solches Stück sich zeigt, kauft es das „Lustspielhaus" und macht damit überall volle Häuser. Das neueste Zugstück, „Das Objekt" genannt, besteht sogar nur noch aus jüdischen Berlin ^.-Witzen. Hier habt ihr den Weg, deutsche Dramatiker, der sicher zum Ziele führt, und das „Lustspielhaus" kauft solche Ware zu den besten Preisen, wenn sie noch auf dem Halme steht. Mit dieser Ware beherrscht der disqualifizierte Direktor glücklich drei Bühnen. Wenn er will, kann er noch drei, vier dazukriegen, denn je schlechter es um seine Konzession bestellt ist, umsomehr Theater bekommt er uns solche Weise unter seine Leitung. Hat er erst die Hälfte aller Berliner Theater, kann ihm Prozesses, charakterisiert den Wert der unverkennbar durch die Volksstimmung völlig eingenommenen Belastungszeugen und entwirft ein Bild vom ganzen Sachverhalt, das bei jedem Urtellsfähigen auch den letzten Rest von Zweifel an der Unschuld Hilsners zerstören muß. Ueber die gleich nach der Verurteilung Hilsners und in der Folge gemachten Anstrengungen, dem offensichtlich verletzten Rechte Genugtuung zu verschaffen, erzählt die Schrift folgendes: Drei berühmte Rechtsgelehrte, die Strafrechtslehrer Proskfsoren Geh. Justizrat Dr. Franz von Liszt (Berlin), Professor Dr. G. Stotz (Wien) und der ehemalige Präsident des Ober-LandeSgerichres von Wien, Exzellenz Dr. von Krall, sprachen fich für die Notwendigkeit der Revision des Prozesses aus, die „Kölnische Zeitung" glosstert 1906 das ganze Verfahren, der bedeutende Rechtsanwalt Tr. Nußbaum in Berlin und Professor G. M a s a r h k in Prag weisen in inhaltsschweren Büchern die Unhaltbarkeit des UrtetlssprucheS nack, auch der tschechische Dichter Machar tritt für Hilsner eineine der Broschüren des Dr. med. Bul o w a (Prag) versäht, als „besonders gefährlich", der Konfiskation, weil in ihr der Gedanke angedeutet wird, daß der Halsschnitt nachträglich betgebracht wurde, um den Ritualmord vorzutäuschen und eine bestimmte Persönlichkeit als Ratgeber in dieser Sache genannt wartm Abgeordnetenhvus richtet der bekannte RetchSratsabgeordnete Dr. Julius Ofner mit Genossen am 28. Jan. 1907 eine durch Inhalt und Fassung geradezu glanzende Interpellation an den Justtzmtnister um Wiederaufnahme nach § 362 St.P.O., deren Beantwortung bts heute noch aus steht - am 26. Mai 1907 hielt der leider inzwischen verstorbene Rechtsanwalt der Mutter Hilsners, Dc. Friedr. Elbogen, einen zündenden Vortrag im Verein zur Abwehr des Antisemitismus hierüber am 18. März 1908 einen neuerlichen im Sophiensaal vor einem großen Publikum, welches durch ein vom Verein „zur Abwehr" ad hoc eingesetztes Komitee eingeladen war, nachdem im Dezember 1907 ein von ihm oerfaßter Appell an bas öffentliche Gewiffen, in Form einer MajestätSetngabe, durch die „Neue Freie Presse", allen Lesern als Beilage übermittelt worden war. Ein Gnadengesuch, das der Verein zur Abwehr des Anttsemittsmus in Wien an Se. Majestät den Kaiser Ende 1908, ebenso ein solches, welches sodann Dr. Friedr. Elbogen namens der unglücklichen, mittlerweile durch den Tod erlösten Mutter Hilsners etnretchie, blieb ohne jede Wirkung. In der Erledigung wurde ersterem die Legitimation abgesprochen, bezüglich des letzteren wurde angeführt, daß „keine wichtigen Gründe" für die Begnadigung sprächen. Nun die Begnadigung scheint auch uns nicht gerade die richtige Form der Genugtuung. Hier muß Recht geschaffen werden, Recht dem Opfer, das seit einem Jahrzehnte unschuldig im Kerker schmachtet, Recht der jüdischen Gemeinschaft, die sich durch jene ungerechte Verurteilung aufs tiefste in ihrer religiösen Ehre getroffen fühlt. Dazu können Broschüren solcher Art, die mit der Wucht der Tatsachen wirken, recht viel beitragen. gewiß nichts mehr geschehen. Auch von dem Polizeidirektor nicht. „Quod erat demonstrandum.“ Bedauerlicherweise war der Kronprinz mit seiner Gemahlin bei der Erstaufführung dieser das Judentum verächtlich machenden Komödie anwesend. Daß dieses „K u n ft w e r k" wieder einmal aus der Feder eines literarischen Halbasiaten herrührt, braucht, kaum noch gesagt zu werden. Wäre nicht auch hier dem Orden eine wichtige Ausgabe zugefallen? Ter „Zentralverein deutscher Staat sbürgerjüdischenGlaubens" war mal dankenswerter Weise prompt zur Stelle und hat seine Mitglieder auf das Würdelose, solche Theater zu besuchen und dadurch finanziell zu fördern, aufmerksam gemacht. Genutzt hat es scheinbar bis jetzt nichts, denn „die Meyers" und der „Feldwebelhügel" (Mies caprices), leben ausschließlich von jüdischem Publikum, resp. jüdischem Gelbe. Die Berliner Judengemeinde hat eben zuviel moralische Unterschicht, die im Berliner- Westen die Theater füllt, in denen das Judentum zerfasert, beschmußt und zertreten wird. Ta die moralischen Einflüsse des Ordens Bnei B'riß bis dahin .Nicht vorzudringen vermögen, da auch offenbar die Macht des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" an diesen! gesinnungslosen Haufen wirkungslos zerschellt, so s o l lten und müßten hier die liberalen Juden, gleichviel ob einzeln oder als liberale Vereinigung, ihren Einfluß geltend machen. Wenn es den liberalen Juden gelingen sollte, den hier gerügten Unfug in den Zeitungen erfolgreich niederzuringen, wenn sie so glücklich sein sollten, ihre ihnen in ihrer religiösen Anschauung doch näher, als hem gesetzestreuen Judentum Sehenden Hel-

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