Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1911)
- Date
- 1911-05-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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12 April 1«1 s« smu* ntr 28 Ro. 15 der Linken die brennende Stirn und schloß die lugen, mit denen er dann weit zurück in längst ,erklungene und für ihn versunkene Welten Dann kam eine Melodie aus seinem iMunde, eine bekannte Melodie, wie ich sie an Ibicfcm Abend in allen jüdischen Häusern in Kro- Ijanke, Posemunkel und überall zwischen Posen lund Bromberg gehört habe. Er sang sie ganz Ilerse, wie in einem Traumstzustand, dann etwas lauter und sicherer. Und nun hörte ich ihn auch Worte lallen: „Adir bimlucho!-" Nun kam ein schlanker Leutnant auf ihn zu. [Der Hausherr erschrak, als wäre er bei einem Didbstahl ertappt worden, richtete sich jäh auf und hustete verlegen: „Aeh Herr Oberst, es ist warm im Saale, mußte mir etwas Luft [machen." „Und dabei sangen Sie sich etwas vor, Herr! Kommerzienrat?" lachte der Leutnant, „wohl [ein lustiges Jügendliedchen?" „Ja, Herr Oberst, ein Jugendliedchen", | lochte der Gastgeber auch seinerseits, beglückt ob der freundlichen Anrede des adeligen Herrn, der [ fein Schwiegersohn werden soll. Ich mußte Lachen. Denn gar zu possig war dieses Schauspiel menschlicher Selbsterniedrigung.!Aber doch nicht ohne ein Gefühl des tiefsten Mitleids mit diesen Armen und Schwachen an Geist und Gemüt, deren Zahl in diesem vornehmen Viertel Legion ist, ging ich von dannen. Und nun ein anderes Bild, das selbst mich, der das Leiden und Hoffen der Menschheit seit Jahrtausenden von Grund aus kennt, aufS tiefste erschütterte. Es war mitten auf dem Atlantischen Ozean, den ich gerade überschreiten wollte, um die jüdischen Wohnsitze in der neuen Welt aufzusuchen, als ich auf hoher stürmischer See plötzlich das warme jüdische Licht blinken sah. Es kam von einem Schiff, das mit vollem Dampf zum alten Weltteil zurückfuhr. Ich bestieg es. Und was ich da sah und hörte, fesselte mich derart, daß ich mich da etwas länger aufhielt und daher später wie sonst an diesem Abend mit meinem Berichte komme. In einer Ecke im Zwischendeck war aus Bootlatten, die auf leeren Tonnen ruhten, eine lange Tafel hergerichtet, die mit verschiedenen weißen und bunten Tüchern bedeckt, neben einer Reihe in Meermuscheln gesenkter Stearinkerzen Mazaus, Wein und Gebetbücher enthielt. Um den Tisch herum saßen einige und vierzig Personen, Männer, Frauen und Kinder und beteten ... Die gleichen Worte wie überall an diesem Abend, aber andere Melodien, matt, tonlos und tränenreich.... Rückwanderer, die von der alten Heimat verjagt, von der neuen zurückgewiesen, nun heimatlos wie ein Wrack von den Wellen getragen werden und auf hoher See ihren Seder feiern .... Die älteren Männer hatten alle ihre weißen Sterbekletder an. Einer derselben, ein Graubart, der die Feier leitete, erklärte: „Hier wird von der Menge mannigfaltiger Wohltaten erzählt, die uns Gott erwiesen hat. Und es heißt hier weiter: Hätte Er uns das Meer gespalten, ohne uns trocken durchzuführen, dies wäre genug gewesen. Gespalten hat Gott das Meer auch uns, indem er uns glücklich hinüberbrachte. Aber verschlossen blieb uns das gelobte Land, in dem wir eine Heimat zu finden gehofft haben. — Sollten wir darum mit unserm Schicksal hadern Keinem fiel es ein, dies zu tun. Nur einer der Weißgekleideten schielte in öder Trostlosigkeit nach dem schäumenden Meere und meinte bitter: „Ich glaube, die da unten nehmen uns auf. .. Gerüstet und sogar ferttg bekleidet wären wir ja für die ewige Reise.. Da traf ihn ein vorwurfsvoller Blick des Alten. Und alle sangen sie wieder, sie sangen unter Tränen, aber sie sangen von Liebe, Licht und Freiheit, daß selbst dem wetterharten Kapitän und den rohen Matrosen, die in einiger Entfernung dem seltsamen Schauspiele zusahen, das Wasser in die Augen kam. Und — so stark ist ^er Glaube dieser Unglücklichen an Gott und an j Dich, seinen Gesalbten — zuletzt erhoben sie sich alle und riefen begeistert im Chore: „Das kommende Jahr in Jerusalem!" Ein Zittern geht durch den Körper des gefangenen Königs, so daß die Ketten dumpf klirrten. Der Prophet schweigt und Moschiachs Brust entringt sich der Ruf: „Wann, o Gott, w a n n?" In sich gefunken sitzt Moschiach wieder und träumt und wartet.... Zn «nrere« Bildern. In Jerusalem ist eine Krisis ausgebrochen wie sie die heilige Stadt seit ihrer Neubesiedlung noch nicht erlebt hat. Wie unseren Lesern aus einer Reihe von Artikeln in unserem Blatte sowie durch den Aufruf in Nr. 11 bekannt ist, sind von der finanziellen Katastrophe die Aermsten der Armen betroffen worden. Besonders groß ist auch der Jammer der Siechen und Greise, die nach dem Zusammenbruch der Altersversorgungsanstalten, in denen sie nach Einlage ihrer ganzen armseligen Habe einen, wenn auch kümmerlichen so doch immerhin sorgenlosen Lebensabend zu verbringen hofften, nun völlig hilflos dastehen und jetzt mit den vielen hunderten jüngeren und älteren Thoralernenden, denen das kärgliche Stipendium von den nTW entzogen wurde und den unzähligen durch Schwinden des Kredits in ihrem Handel ruinierten kleinen Leute 1"n dem Hungertode ausgesetzt find, wenn nicht rechtzeitig durchgreifende Hilfe einsetzt. Unsere Bilder, die das Leben innerhalb einer solchen inzwischen ebenfalls der Krisis zum Opfer gefallenen Altenanstalt veranschaulichen, führen eine beredte Sprache und sind weit mehr als viele Worte geeignet, das Gefühl des jüdischen rnaom zu Gunsten dieser aus ihrem warmen Heim verjagten Greise zu erwecken. Bild I führt uns eine Gruppe von Frauen aus dem Altenheim nupn v'ipl uttrtö rvn vor. Es sind, wie die hebräische Aufschrift angtbt, alle Insassinnen der Frauenabteilung aus dem Jahre V'Din (1904) mit Ausnähme der Kranken und Krüppel, die ihre Zimmer nicht verlassen konnten. Bild II zeigt uns eine Gruppe thorakundiger Jnsaffen, die im Betsaal der Anstalt am Jahrzeitstage eines hochherzigen Gönners des Instituts, getreu den Bestimmungen des Testaments, zu einem Lernschiur versammelt sind. Auch an den heiligen Stätten außerhalb der Anstalt pflegten die Alten auf Wunsch der Spender Gebete zu verrichten. Dies zeigt Bild III, auf welchem wir eine größere Anzahl Jnsaffen obiger Anstalt am Grabe Rahels vereinigt finden. Diese Bilder aus dem jann 21V mögen das Leben in den Kreisen, über die die letzten Wochen soviel Elend und Jammer gebracht, veranschaulichen und mit dazu bettragen, daß wir den großen Aufgaben, die uns daraus erwachsen, mit der Opferfreude, die das Fest bei uns weckt, erfüllen. Mircde Prtoatbriefe vom labre 1619. Wie wir bereits au dieser Stelle kurz mitgeteilt haben, ist bei B r a u m ü f f e r , Leipzig, eine interessante Sammlung Prager jüdischer Privatbriefe aus dem Jahre 1619 erschienen. Näheres darüber teilt Herr Tr. S. H. Lieben in einem Feuilleton im „Präger Tageblatt' mit, dem wir folgendes entnehmen: Es handelt sich um 47 lose Zeltet, Blätter usw., die alle Briefe darstellen die am 22. November 1619 von Prager Juden an befreundete und verwandte jüdische Familien in Wien abgescndet wurden. Wir müssen der Fügung ganz besonders dankbar sein, die diese Briefe dm Adressaten vorenthielt und so einem höheren Zwecke dienstbar machte, nämlich nach dreihundert Jahren der Nachwelt die Berhältnisse kund zu tun, in welchen die Prager Juden zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebten. Wieso diese Briefe ihrem Zwecke entfremdet wurden, ist nicht sicherzustellen, doch scheint die postalische Beförderung in jener Zeit noch sehr mange^yaft gewesen zu sein, wenigstens kehrt in den vorliegenden Briefen die Klage immer wieder, daß Briefe verloren gegangen seien, zugleich mit der Bemerkung: wer weiß ob der Brief ankommt, oder man könne nicht alles „iber feld" schreiben, da man nicht wisse, in wessen Hände die Briefe kommen. Bei alledem scheint der Briefverkehr zwischen den Prager und Wiener Juden sehr rege gewesen zu sein, denn es kommen „ale woche" ,;in gute zeiien" auch zweimal wöchentlich Briese aus Wien nach Prag. Tie Briefe werden manchmal „einer kutsch", meist aber einem Boten übergeben. Ein Mager Jude, der sich in Wien niedergelassen hat, dessen Frau aber noch in Prag lebt, Löb Sarel Gntmans, hat eine eigene Privatpost organisiert. Er sammelt in Wien die für Prag bestimmten Briefe ein und . sendet sie mit einem Verzeichnis der Adressaten nnd der von ihnen zu entrichtenden Porti — es schwankt zwischen 6 und 18 Kreuzern — durch erneu Boten seiner Frau Sarct ein, die die Briefe zustellt und in gleicher Weise die für Wien bestimmten Briefe ihrem Manne übermittelt: auch die vorliegenden Briese sollten durch Löb Sarel Gntmans den Wiener Adressaten zugestellt werden. Tie Sammlung enthält 46 Briefe und ein Verzeichnis der Adressaten, davon 42 jiibiftflbcutfct}:, nur ab und zn mit hebräischen Worten verbrämte, und 4 rein hebräische; 44 davon sind privaten Charakters, 2 sind offizielle Schreiben der Prager Judengemeinde an hervorragende Wiener Juden. Tie äußere Form der Brüse ist sehr ungleichmäßig, es finden sich alle Formate vom Foliobogcn bis zum winzigen Zettelchen darunter: die Briefe sind möglichst klein gefaltet, wohl damit der Bote bei einem etwaigen lleberfall, mit dem man stets rechnete, sie leichter verbergen konnte. Tie Außenseite trägt die meist hebräisch 'ejchrieveue, oft sehr überschwänglich gehaltene Adresse, deren eine z. B. aus dem Hebräischen übersetzt tautet: „Nach der heiligen Gemeinde Win. Zn Händen meines geliebten Bruders, meines Freundes, meines Lieblings, der Krone meines .Hauptes, des teueren und ausgezeichneten in Vorzügen jeder Art, Herrn Ahron (es behüte ihn sein Fels und Erlöser», Lohn meines Herrn Vaters, Chauöch Hamerschlak. Aus der heiligen Gemeinde Prag." Tie nähere Adresse wird nicht augegebcn, da die damaligen Jndengemeindcn ziemlich klein waren, dafür tritt aber ein Bermerk hinzu, daß jeder Unbefugte, der den Brief ösfue, sich den Bann zuziehc, den Rabbenu Gerschom auf die Verletzung des Briefgeheimnisses gesetzt habe. Gegen Eröffnung scheint eben das Siegel, das die meisten Briefe tragen, nicht genug Schutz. Ter Brief selbst beginnt mit einem frommen Wunsche, bei den von Männern geschriebenen mit einem hebräischen, bei den von Frauen geschriebenen mit einem manchmal gereimten jüdischdeutschen. Solche Eingangsformeln sind: „vil sreid un nimcr men (mehr'» lein leid" öder: „vil friden un gesund zn aller zeit un stund vjl mer etz begert un reden merkst Mit enkerm mund zu meinem harzigen liben schwestcr kinder die frumcn un die bidern mit al iren geliedern", oder „vil guter zeit as fand in mer leit zu Hand meinen herzeliben eiden". Seltener ist der Schluß des Brieses gereimt, wie z. B.: „damit behit enk got srie un spod vor aller nod, das bit un begert,' die enk lib hat un wert". Ter Inhalt der Briefe ist mannigfaltig, und haben auch nur wollige historische Bedeutung, so ist doch das ttzesamtbild, das sie uns von der Prager Juderrfladt bieten, von ungemeinem Reize. Mall vergegenwärtige sich: 46 Berichterstatter berichten über die Berhältnisse, die die Gesamtheit oder die Einzelnen angchen, an einem Tage in Briefen, die nie an die Qeffentlichkeit gelangen sollten, ohne jegliche Reflexion über Vergangenheit und Zukunft: es ist ein richtiger Querschnitt der Prager Judengemeinde. Geschäfte bilden nur zum gedingften Teil bcu Inhalt der Briese, die meisten sind eben ausschließlich Privatbriese. In vielen wird über die Schreibfaulheit der Adressaten, in fast allen sehr berveglich über die jetzige schlechte Zeit geklagt: „ich schreib aus bitrre sorgen", „mir itcmeit ale tag ängste ein un kein verdienst un alles teuer", oder: „wi jetz hie schwer is UN ein pfenig jetz mer as in guten zeiteil ein gülden un nit vil zu gewinen utt^Uü mus man haben". Neben diesen allgemeinen Sorgen hat so mancher Bricsschreiber nvch seine besonderen: lassen wir z. B. den Arzt Tr. Aron Maor Kotau (Lucerua» sprechen. Er schreibt seinem „herzliben lvcibe Resel" nach Wien, er sei mit seiner Anstellung als Arzt der jüdischen Gemeinde Prag wohl zufrieden, er habe sv Viel zn tun, daß er sich ein Pferd habe nehmen müssen, er reite frühmorgens aus und komme erst „um 21 oder 22 nr aheim". (Tie Prager Rathausuhr hat bekanntlich auch heute noch ein Zifferblatt mit der 24 Stundeneinteilung. llnt diese Jahreszeit entspricht 21—22 Uhr 2—3 Uhr nachmittags unserer Zeit.) Er sei ganz verzweifelt über ihren Klagebrief, daß die Familie also „gar fremd kegen den andern sol sein", daß „kein bruder kein schwager kein veter kein lnuter kein schwester nit mer vorhanden", daß cs nicht gelinge, seine Frau für Geld unter Tach zu bringen. „Ich Hab treuen driber getasrn, -7s ich Hab in 4 Wochen bisen gesen." Bei alledem könne er jetzt nicht denken, seine Frau zu sich zu nehmen, denn wegen der in Wien herrschenden Pest lasse man niemand aus Wien nach Prag. Kürzlich seien einige Prager Juden aus Wien zurückgekommen, man habe sie aber bei Strafe von 500 fl. „ausgeboten, Han musen ken libne ziehen". Ter Pest in Wien wird in den Briefen häufiger Erwähnung getan; so heißt es in einem: „Bete ir tochter un die mit ir sein kumen, die hat man nit welen ein lasen, haben musen