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Der Israelit · 1911-05-18 · Heft 20 (18.5.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 20 (18.5.1911)
Date
1911-05-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Es sollen bleiben diese Worte, die ich dir heute befehle auf deinem Herzen. Du sollst fie eiaschärfen deinen Kindern, und sollst von ihnen reden, wenn du sitzest in deinem Hause, wenn du gehst auf dem Wege, w.'nn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Knüpfe sie zum Zeichen auf deine Hand, fie sollen zum Stirnschmuck sein zwischen deinen Augenschreibe fie an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore." Da hier von dem Gotteswon die Rede ist, wie wir es unsere Kinder lehren sollen, so muß es sich um die Bibel in ihrer Totalität handeln. Diese Worte der Bibel soll man auf die Hand knüpfen, als Stirnschmuck zwischen den Augen tragen und an alle Türpfosten schreiben. Wo hat die Hand, die Stelle zwischen den Augen und selbst der Raum auf den Türpfosten Platz, um die ganze Bibel dort unterzubrtngen? Der Lehrer, der nun von der Göttlichkeit der Bibel überzeugt ist, andererseits aber ebenso überzeugt ist, daß die wörtliche Erfüllung dieser Vorschriften etwas Unmögliches verlangt, für einen solchen bleibt kein anderer Ausweg übrig, als die Annahme, diese Vorschriften seien nicht wörtlich zu nehmen. Er legt sich daher diese Anordnungen in seiner Weise zurecht, vielleicht n dem Sinne, daß die Hand, das Auge, das Haus unter dem Diktat des Gottesgesetzes tehen sollen, oder in irgend einer ähnlichen Weise. Bei dem Volke der Bibel, bei uns Israeliten, ist dies jedoch nicht der Fall. Da weiß es eder Schulknabe, daß in der Tat Teile des jöttlichen Gesetzes an Hand und Haxxpt zu hüpfen und an die Türpfosten anzubringen ind. Die Zeit, die Form, die Bedingungen, unter welchen dies geschieht, ist ganz genau in allen Details normiert, und zwar in der urprünglich mündlich Moses von Gott überlieferten Erläuterung der Bibel, die wir mündlich überliefertes Gesetz nennen, das hinsichtlich feines göttlichen Ursprungs mit der Bibel ganz gleich ft und später schriftlich fixiert wurde im — Talmud. Damit ist dann das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen, das die eigentliche unübersteigliche Scheidewand zwischen Christentum und Judentum bildet. Es ist der Talmud, oder richtiger, die prakttsche Erfüllung der biblischen Gesetze, wie sie ohne die Kodifikation im Talmud auch uns Israeliten so unmöglich wäre, wie den Bekenner« des Christentums. Sprache, Diktion, Materie und eine Reihe anderer Umstände erschweren sehr eine genaue, allseitige Kenntnis des Talmuds, selbst für Israeliten, die sein Studium in früher Jugend beginnen. Es ist dies selbstredend in noch höherem Grade bei Christen der Fall/ woher dann die vielen schiefen Beurteilungen und Verurteilungen des Talmuds resultieren. Aber auch diejenigen Christen, welche den Talmud nicht durch eigenes Studium kennen, wissen oder ahnen ganz richtig, daß im Talmud eigentlich dasjenige liegt, was das Judentum vom Christentum scheidet. Es entspricht daher ihrer ausgleichenden, versöhnenden Tendenz, daß sie bei aller allgemeinen äußeren Wertschätzung des Talmuds, ihm, resp. seinem Einstuß aus die Judenheit von Hause aus nicht recht hold find. Sie glauben allen Ernstes, daß die Autoren des Talmuds, den wirklichen inneren Gehalt der Bibel nicht erfaßt haben, daß sie das Verständnis der Bibel und die Erfüllung ihrer Anforderungen erschweren, und mögen es für eine verdienstliche Tat halten, die Judenheit von dem talmudischen Bann und Alp zu befreien, der nach ihrer Anschauung so schwer auf den Israeliten lastet. Nach diesen Voraussetzungen wird man in dem vorliegenden Buche einen Passus richtiger beurteilen, der sich (S. 229) in dem Briefe über Dante findet. „DaS Dantestudtmn ist schon längst, w'e ein Schriftsteller sich ausbrückk, „etwas talmudhaft" geworden, und eS gibt unter den dielen gelrhrten Personen, die diesen mittelalterlichen Dichter zu ihrem besonderen Studium erkoren Hab n, auch solche, die feinen wirklichen Gehalt nicht verstehen und in die Lage der „Schrtftgelehtten" gekommen find, von denen unser Herr, mit bezug auf die damalige Bibel, sagt, fie kommen selbst nicht in daS Himmelreich und machen anderen den Weg dazu nur schwerer als er in Wirklichkeit ist." Die „Schriftgelehrten und Pharisäer" des Neuen Testaments sind unsere hervorragenden, gefeiertsten Talmudisten. Ihr Werk, der Talmud, hat sich im Laufe der Jahnhunderte, als das scheidende Kriterium zwischen Christentum und Judentum bewährt. Es zeigt daher von einem historischen Scharfblick des jungen Christentums, wenn es in seinen Bekenntnisschrtften die Autoren des Talmuds als Ignoranten und Heuchler zu diskreditteren sucht, was ihm ja auch vielfach gelungen ist. Ein großer Teil des Vorurteils gegen den Talmud und seine Autoren rührt davon her. Ich für meine Person glaube, daß der erste Schritt einer Annäherung zwischen Christentum und Judentum darin bestehen wird, daß dieses Vorurteil aufhört, und bin überzeugt, daß es kein besseres Mittel gibt, diesen Schritt herbeizuführen, als solche im Geiste Hiltys geschriebene Schriften. Aber ich glaube es in einem vielleicht noch etwas anderem Sinne als es Hilty selber geglaubt hat. So oft ich Hiltys verschiedene Schriften gelesen und wiedergelesen habe, immer hat sich mir in der Sprache, in der Präzision der Fassung und vor allem in dem edlen, von ttefer Weisheit und hohem sittlichen Ernst getragenen Ton seiner Aussprüche, die Aehnlichkett mit den Aussprüchen gerade des Talmuds von selbst aufgedrängt. Zu sehr vielen Stellen habe ich am Rande die diesbezüglichen Aeußerunaen des Talmuds angemerkt, mit welchen die Maximen und Restexionen des Verfassers oft wortwörtlich übereinstimmen. Je sicherer ich bin, daß dem Verfasser von dieser Identität selbst nichts bekannt war, daß ihm der Talmud gewiß etwas zu talmudhaft war, um ihn zum Gegenstand des Studiums zu machen, um so Heller leuchtet aus den Schriften des Verfassers die beglückende Tatsache: Es gibt eine sittliche Weisheit und Wahrheit, die von Zeit und Raum, von Religion und Konfession völlig unabhängig ist. Von ihr durchdrungen, reichen ihre gottbegnadeten Träger vom Osten nach Westen über Jahrtausende hinweg sich im Geiste die Hand zu einem Friedensbunde, der noch einmal alle umfassen wird, die ihren lichten Spuren folgen. Würden die verkannten talmudischen Meister diese Aussprüche alter, bewährter Weisheit in moderner, unserer Zeit angepaßten Form wiederfinden, fie würden sich nach dem Weisen umschauen, dessen Mund sie entflossen sind, um ihm ihre Huldigung durch den Segensspruch zu bezeugen, den sie beim Anblick eines außerjüdischen Weisen an Gott zu richten uns gelehrt: „Gepriesen seist Du Gott, der von Seiner Weisheit auf Fleisch und Blut gelegt hat." vas Iabrdncd der Jüdisch- Citterariscftcn Gesellschaft 1000—5670. Bon Prof. Dr. A. Sulzbach in Frankfurt a. M. IV. Durch seine Doroth Harischonim hat Jsaac Halevy vielen Geschichtsforschern neue Anregungen gegeben. Die neuen Wege, die er gewiesen, die neuen Gesichtspunkte, die er aufgetan, haben den Reiz der Erforschung der infam” dischen und gaonäischen Epoche erhöht. Auch die Darstellung von Dr. Ph. Frankl(Halberstadt) „Zur Geschichte des Gaonats" scheint unter diesem Einfluß entstanden zu sein, wenn H* J *

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