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Der Israelit · 1911-05-18 · Heft 20 (18.5.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 20 (18.5.1911)
Date
1911-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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3ßet A-raeltt. «FUi Sette 4 Nr. 20 18 Mat 1S11. Minchazeit heraufzog, wurde Benjamin Htrschs reine Seele in den Bund der Unsterblichen heimgesammelt. ■pia. Am Bahnhof war's heute nachmittag in Halbeistadt. Langsam, der benommen harrenden Menge nicht vernehmbar, fährt ein Sonderzug ein, der zwei Wagen führt. Dem ersten entsteigt nach 12stündiger qualvoller Fahrt eine vergrämte, erschöpfte und niedergebeugte Schar, die heimführen will, was sterblich war. am Gatten, Vater, Bruder, Oheim, heim zu der geheiligten Stätte, wo seine Eltern, Großeltern und'Urgroßeltern, seine Töchter, seine Brüder ruhen. Doch zuvor soll er noch einmal, wie er's Hunderte von Malen bei der Rückkehr aus der Ferne getan, in sein Haus kommen, und in unübersehbar langem Zuge folgt ihm ein Bruchteil derer, die ihn liebten und verehrten. — Ein Bruchteil nur. Denn wo immer in Deutschland Juden wohnen, bis in die kleinste Gemeinde im äußersten Winkel des Reiches, ist sein Name bekannt und angesehen. Einer seiner besten Verehrer wagte heute das Wort: „Benjamin Hirsch war der populärste Jude unser Zeit"- und das Wort scheint keine Uebertreibung zu enthalten. Was ihn dazu gemacht hat? War's das laute, stolze Bekenntnis: „Ein Jude bin ichdas er vor den Sesseln der Minister, auf den Tribünen von Volksversammlungen, an den Konferenztischen der Großindustrie und des Großhandels, in Petersburg und in Chicago, in Stockholm und in Sevilla ausrief? War's die peinlich gewissenhafte Erfüllung der jüdischen Pflichten, die er auch in Gegenwart von Andersdenkenden ausführte, und nicht etwa heimlich in gesondertem Winkel, sondern frei und froh und selbstbewußt, ja oft unter besonderem Hinweis darauf, in der Eisenbahn und auf den Ozeandampfern, in den Fabriken und in den Hotels, in den Sommerfrischen und auf den Geschäftsreisen, in den Tagungen der Verbände und den Sitzungen der Vereine? War's sein blitzschnell fassender und arbeitender Verstand, seine gewaltige Energie, sein Ideenreichtum, seine Umsicht, sein Unternehmungsgeist, Weitblick, Schaffensdrang? War's die — jeglicher Pose abholde — Einfachheit seines Auftretens, die natürliche Bescheidenheit seines Wesens, der reizvoll herzliche Ton seines Plauderns, dem gleich alle Anwesenden interessevoll lauschten, wenn er zu erzählen anfing mit seiner fesselnden Erzählungsgabe? War's seine Friedensliebe, dieses heiße Streben nach Vermittlung, wo immer er auf Gegensätze stieß, seine mühevolle Arbeit um die Zusammenhaltung und Vereinigung aller jüdischen Kräfte und Elemente, waren sie auch religiös noch so geschieden, dieses Lechzen nach Einigkeit, das ihn dahin führte, in einer Person Mitvorsitzender der Freien Vereinigung und zugleich des Gemeindebundes zu sein? Er glaubte, die Kluft überbrück, n zu können, glaubte es, weil er's wollte. Und in dem unverwüstlichen Optimismus seiner Seele, dieser goldenen Kindesseele, lag ein groß Teil, vielleicht das größte seiner beispiellosen Erfolge begründet und der ihm zustrebenden Sympathien, die ihn zum Mittelpunkte machten seines engen und wetteren Kreises, nspn nspn p rr-oD i'D'nn nnan, den Mittelriegel, der das Ganze zusammenhält vom einen Ende zum andern, so nannte ihn sein ältester Sohn, Herr Dr. Abraham Hirsch, in der erschütternden Abschiedsfeier, zu der die Familie und Kontorangehörigen sich im Hause um seinen Sarg sammelten- und des Friedensfürsten, des “W, gedachte ein Prokurist seines Hauses und erinnerte dabei an ein Wort des Heimgegangenen Seniorchefs. An jedem Erew Jomkippur nämlich, wenn die Kolnidre-Stunde nahte, sagte Benjamin Hirsch zu seinen jüngeren Mitarbeitern und Angestellten im Büro: „Wenn im Laufe des Jahres von uns einer dem andern zu nahe getreten sein sollte, wir wollen es einander )niD sein." Den Weg, den der Mensch gern geht, den führt man ihn, sagt der Talmud - und, so sprach's Herr Dr. Abraham Hirsch aus, den Weg, den der Vater gerne ging, jeden und jeden Morgen ging, den Weg zur Synagoge, führte man auch jetzt seinen Oraun. Dort war die ganze Gemeinde, der gesamte Magistrat der Stadt versammelt, die Stadtverordneten, Vertreter der Staatsbehörden, Abgesandte von vielen jüdischen und interkonfessionellen Vereinigungen, Banken, Industrie- und Handelsfirmen und zahlreiche Freunde vom In- und Ausland. Man stellte die Bahre vor den Thoraschrein, den der kostbare Vorhang zierte, der von der Gemeinde vor 6 Monaten zu Benjamin Hirschs 70. Geburtstage gestiftet worden war. Nach einem Psalmvortrag des Vorbeters schilderte Herr Rabbiner Dr. Auerbach in groß angelegter Rede des großen Toten unvergängliche Verdienste um die Judenheit, die Gemeinde, die Stadt und den Staat und dankte ihm im Auftrag und im Namen der Behörden und Korporationen, die ihn erkannten alle und zu schätzen wußten seinen gewichtigen Rat, seine immer hilfsbereite Tat. Nach einem Schlußgesang des Vorbeters wurde der schwere Gang zum Friedhof angetreten, zum alten jüdischen Friedhof vor dem Johannistore der Stadt. Dort brachte Herr Rabbiner Josef Nobel, der Jugendfreund und Lehrer des teuren Mannes, den Dank und den Gruß aus der Klaus, diesem Kind seiner besonderen Fürsorge, in ergreifenden Worten zum Ausdruck. — Noch einmal, als Neffe, nahm Herr Rabbiner Dr. Auerbach Abschied vom geliebten Verwandten, der dann gebettet wurde zu den 'ttmp die ihm vorangegangen waren zum ewigen Leben. Was die Allgemeinheit an ihm kennen lernte und bewunderte, das waren gewiß höchste Tugenden des Geistes, Charakters und Herzens. — Was aber dem großen Kreis verborgen blieb und was nur seine Vertrauten an ihm erspähten, das war die Poesie seiner Kindesseele, die in den Handlungen und Regungen dieses Großen wob und sang. Man muß es gesehen haben, wie er sich Zizzis in sein Tallis flocht und feine Mazzos in den Backofen schob, wie er im Garten zur Frühlingszeit die ersten hervorscheinenden Grasspitzen des Rasens zu entdecken sich mühte, Geschäftsfreunden jede seltene oder kunstvoll gezüchtete Pflanze benannte und erklärte, wie er bei einem Erweiterungsbau seines Geschäftshauses hoch oben auf dem Gerüst stand und fast beleidigt schien, wenn ihn jemand besorgt zurückhalten wollteman muß gesehen haben, wie er auf der Reise im grauenden Morgen, nachdem er mit Hingabe und Ernst sein Blatt Gemoro gelernt hatte, sich an den Schreibtisch setzte und strahlend sagte: „So, jetzt schreib' ich in Ruhe meiner Frau", wie er mit seinen Enkelchen spielte und rührend tollen konntewie er nach Beendigung des Frühgottesdienstes noch in der Synagoge und auf der Straße sich Bleistiftnotizen für Gemeinde, Geschäft, Familie, Vereine auf seine — Manschetten schrieb, — man muß es gesehen haben, um die köstliche Poesie dieser Doppelseele zu empfinden, dieser Paarung tiefen heiligen Ernstes mit wundervoller Kindlichkeit in diesem Manne, dessen sterblich Teil da oben vor der heiligen Lade auf der Bahre lag. — — — Der Reichskanzler hat der trauernden, in ihrem Schmerz wie in ihrem tragenden Gottvertrauen wahrhaft großen Frau Kommerzienrat Hirsch telegraphisch sein Beileid ausgedrückt: „Beim Htnscheiden Ihres verehrten Gatten spreche ich Ihnen meine herzlichste Teilnahme aus. Ich habe den Verewigten, welcher einer der Industriellen meines alten Kreises war, um seines trefflichen Charakters und seiner Wohltätigkeit willen besonders hoch geschätzt. Re ichskanzler von Bethmann-Hollweg." Der Handelsminister, Exzellenz von S y d o w gab in eigenhändigem Schreiben seiner warmen Teilnahme Ausdruck. unseres Berichtes soll der genauen Beschreibung der Hygieneausstcuung bestimmt sein. Hl. Man darf ruhig behaupten, daß die jüdische Gruppe der Hygknausstellung einen Kiddusch haschem bedeutet - wird doch zweifelsohne durch fie bekundet, daß unsere Thora das, was die moderne Hygiene als Forderung aufstellt, längst von uns gefordert hat, ohne daß wir behaupten, baß die dstsbrzügllchen Vorschriften das hygienische Moment ausschließlich im Auge haben; gehören doch zahlreiche von diesen Vorschriften zu den ty'pin, für die uns Gründe nicht mitgrteilt sind. D.ffen ungeachtet können wir behauptet, baß die m derne Hygiene viel von uns gelernt hat und insbesondere in Erstanfängen auf unsere Hinweisen muß. DaS einleitende Wort des Ausstellungskataloges zur Beschreibung der jüdischen Gruppe deutet dies auch an: „In hygienischer Beziehung ist vor allem von größtem Werte die Schaffung und Festlegung des fiebten Tages als Ruhetag, an zweiter Stelle die AuSsatzschau und die daraus sich ergebenden Absonderungsbesttmmungen, die die erste wirksame Maßnahme der Bekämpfung chronischer Infektionskrankheiten bildrtm und das Feldzeichen darstellen, unter dem der erste große Krankheit bekämpfende Sieg in der Menschheit erfochten wurde." Wir finden eS deshalb auch für sehr paffrnd, daß in dieser Abteilung — Raum HI, in dem auch Affyrien und Aeghten fich befindet — mehrere Thorarollen unter Glasverschluß aufgerollt find, an jenen Stellen, an welchen die Speisegesetze, RetnheitSgesetze rc. mitgeteilt werden. Nebenbei weisen wir darauf hin, daß eS n''D find, unter denen ein auf rotem Htrfchpergament geschriebenes uns besonders aufstel. Bei den Thorarollen find die wertvollen Mäntelchen rilT" und EH5 '^2 ausgestellt. ri MUffaait ijütTTI'i Wft *i' iiaY* , f, , . An den Wänden des Ausstellungsraumes find, wie bereits erwähnt, kunstvoll geschriebene und verzierte Bibelverse, die hygienische Lehren geben, angebracht. In diesem Raum wird uns aber weit mehr als rein hygienisches Jntereffe Beauspruchendes geboten. Bor allem auch die Anschauung eines Stück antiken und modernen Palästinas. Unser Auge trifft da zahlreich, selten wertvolle Photographien und Pläne aus Palästina. Ein großes Zelt aus Palästina zeigt uns, wie unsere zeltvewohnenüen Ahnen es verstanden, stch eine einfache leicht herzustrllende und doch für die Verhältnisse im Orient behagliche Wohnung herzurichten: einige, das Gerüst bildende Holzstäbe mir einem Dach au« festem, dunkelbraunem, sackartigem Stoff, das ist alles. Außerordentlich wertvoll find die Modelle der Salomonischen Wafferleitung, der drei Teiche mit ihren Zuleitungen, der Sammelvaffins, Tunnels und der Schleußenanlagen. Eine Abbildung zeigt uns den Stlaohkanal, darüber die aus dem 7. Jahrhundert vor der gewöhnt. Zeitr. stammende Stlaohinschrift (in einer Uebersetzung von Ungnad). Bon den Plänen und Bildern, teils Photographien, verdienen hervorgehoven zu werden, der Plan vor Jerusalrm, der StluationSplan des salomonischen Tempels und des Tempelbergs (von Baurat Schick), die Anficht von Liberias, des JacobSbrunnenS bet Schechern, Plan des Teiches Arrub. Neben den Darstellungen der alten Wasserversorgungsanlage ist auch baS Mcbell einer noch jetzt in Palästina im Gebrauche sich findenden Cisterne vorhanden.* *) (Schluß folgt.) *) Leider war eS mir nicht möglich, Photographien anferttgen zu lassen, da die AusstellungSlettung den Ausstellern das Versprechen gegeben, ohne deren Zustimmung keine Photographien Herstellen zu taffen. * (Zum Diebstuhl in der Jerusalemer Omar- Moschee.) Ueber die Vorgeschichte der aussehenerregen den Vorgänge in Jerusaleni, über die wir bereits im Nachrichtenteil der vorigen Nummer kurz richtet, erfährt man aus der „Neuen Freien Presse" folgendes: Vor etwa zwei Jahren wurde Kapitän Parker, der Bruder des Carl Morley, mit einer archäologischen Expedition nach Jerusalem geschickt, um dort Ausgrabungen zu veranlassen. Das Ziel der Nachforschungen richtete sich aus eine gewisse Geheimschrift, die den genauen Plan einer Menge von schätzen angeben sollte, die von den alten jüdischen König-» vergraben worden waren. Nachdem die Expeditio», die mehrere Ingenieure unter ihren Mitgliedern hatt?, die Konzession erhalten hatte, begann sie mit dein Abbau und den Ausgrabungen, die dann aber burtlt den Eintritt des Regens unterbrochen wurdest. Di- Expedition kehrte nach England zurück und nahm im vorigen Sommer ihr Werk wieder auf. Brirs, der Expedition zeigten, daß die .Arbeitete in und um den Teich von Siloah fortschritten, und zwar n» den unterirdischen Gängen an dieser Stelle. Einige sehr interessante archäologische Entdeckungen und fein schätzenswerte Funde von alten Töpfen und von Mauerwerk aus sehr früher Zeit wurden gemach! Tie letzten Informationen laute,! dahin, daß das Stück Land, das das letzte Objekt der Ausgrabung war, durchforscht worden sei, mit Ausnahme eines Stückchens, zu dem der Zugang nur durch die Omar Moschee möglich wäre. Es scheint also, daß die Moschee als Zugang zu diesen, Stückchen Land benützt worden ist. — Von anderer Seite wird gemeldet, die Arbeiten seien höchst geheimnisvoll, meist unter dem Schutze der Nacht, betrieben worden. Sie hätten begonnen in einem Aquädukt, der vom Teiche

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