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Der Israelit · 1911-05-11 · Heft 19 (11.5.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 19 (11.5.1911)
Date
1911-05-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Vortrag des Herrn Direktor Dr. Lange über die Bedeutung der Elihureden im Buche Jsob. Der Porstand. Upperreption und Reproduktion. Bon I. Ster in Breslau. II. Die Seele besitzt die Kraft, die gewonnenen Eindrücke und Vorstellungen zu bewahren nnb sie unverändert zu reproduzieren. Das eingeprägte Bild bleibt in der Seele hasten, und die Vorstellung kann es erneuern ohne nochmalige Einwirkung des ursprünglichen Gegenstandes. Alle Gedankeninhalte, Tatsachen, Erlebnisse und Zustande haben demnach eine Stätte in unserer Seele, wo sie aufbewahrt bleiben. Diese Festhaltungstraft bezeichnen wir mit dem' Namen Gedächtnis. Freilich können wir das gegenwärtige Dasein der psychischen Zustände nicht direkt beobachten, aber es läßt sich erschließen aus den Wirkungen, die davon zu unserer Kenntnis kommen. Daß auch scheinbar vollkommen Vergessenes im Gedächtnis bleibt, ergibt sich ans der Erfahrungstatsache, daß das wiederholte Lernen bedeutend weniger Zeit und Mühe kostet als das erstmalige Lernen. Das Gedächtnis ist von der größten Wichtigkeit für die Gestaltung und Erhaltung des gesamten geistigen und sozialen Lebens'. Nur mit Hilfe des Gedächtnisses werden wir uns des inneren Zusammenhanges unseres Geisteslebens bewußt. Ohne eine solche Kraft der Seele würde uns jede Erkenntnis in denselben Augenblicke wieder entschwinden, sobald der ursprüngliche Wahrnehmungsakt und' Erkenntnisakt aufhört. Eine Erweiterung des geistigen Gesichtskreises, geistiges Wachstum, Ansammeln von Kenntnissen, wäre unmöglich. Die EiWehungS- und Unterrichtstätigkeit wäre ein Nebelgebilde, wenn man der ^Jugend nicht das geben könnte, was als allgemeine Grundlage an Wissen und Können für das spätere Leben erforderlich ist. Ohne Gedächtnis gäbe es kein Lehren und Lernen, keine Wissenschaft und Kunst, keine Erinnerung und Phantasie, kein Wiedererkennen und kein Bewußtsein der Zeit, weder der Vergangenheit noch der Zukunft. Ebenso wäre das soziale Leben, das gesellige Zusammenleben und einträchtige Zusammenwirken, ein Ding der Unmöglichkeit. Handel und Wandel, Gewerbe und Verkehr, wären völlig ausgeschlossen. Es ist klar, daß eine Kraft von solch hervorragender Bedeutung der sorgfältigsten Pflege bedarf, besonders da die Erfahrung lehrt, daß das Gedächtnis in hohem Grade ausgebildet und vervollkommnet werden kann. Angesichts dieses Tatbestandes ist es die wichtigste Angelegenheit des Erziehers, ein von Natur schlechtes Gedächtnis durch Hilfsmittel zu kräftigen und die Leistungsfähigkeit eines guten Gedächtnisses zu entfalten und zu erhöhen. Die folgenden Ausführungen werden in kurzen Umrissen zeigen, .wie das in natürlicher Weise geschehen soll. Tie Eigenschaften eines guten Gedächtnisses sind Leichtigkeit in der Auffassung und Festigkeit im Behalten. Diese Vorzüge sind angeboren, und da alle Gaben der Natur in ungleicher Weife verteilt sind, so kommen auch diese Eigenschaften in ganz verschiedenem Maße und in ganz verschiedenen Abstufungen den Menschen zu. „Sagt dir jemand, ich habe mich bemüht und nichts gefunden, so glaube es nicht, ich habe mich nicht bemüht und gefunden, glaube es nicht, das gilt nur von allgemeinen weltlichen Dingen, aber das Behalten des Gelernten ist ein himmlisches Geschenk." (Megillah 6.) Die Treue des Behaltens, die Zeitdauer, mit der das Vergessen eintritt, die Schnelligkeit des Erlernens differiert bei verschiedenen Individuen in weiten Grenzen. r,r- In der individuellen Beanlagung unterscheiden wir vier Hauptschattierungen: schnell aber nicht nachhaltig, schnell und kräftig, langsam aber stark, langsam und schwach. ntrp'j yiötto nipp mm znvech thö jnöiP7 nipp ,"pK7 nippi piviP7 thd, •m7 mm. „Vier Arten Schüler gibt es: Wer leicht. lernt und leicht vergißt, dessen Vorteil geht in den Nachteil auf. Wer schwer lernt und schwer vergißt, dessen Nachteil geht in den Vorteil auf. Wer leicht lernt und schwer vergißt, der hat' das beste Teil. Wer schwer lernt und leicht vergißt, der hat das schlechteste Teil." (Spr. d. V. Cap. V.) . Bei näherer Betrachtung zeigt sich uns in der Mischnah eine eigentümliche Variation in der Satzftellung, welche uns den ökonomischen Nutzen andeuten will. Vom leicht Lernenden und leicht Vergessenden wird gesagt, daß der Vorteil in den Nachteil ausgeht, weil das schnelle Vergessen den Wert des leichten Aufsassens illusorisch macht. Eine solche Aufnahme in den Geist gleicht einem Trichter, der oben aufnimmt und unten durchläßt. Dagegen wird vom schwer Lernenden und schwer Vergessenden gesagt, daß der Nachteil durch den Vorteil aufgehoben wird. Ter schwer Lernende kann den Wissensstoff nur durch große Anstrengung erfassen, der Aufwand von Mühe und Kraft wird aber reichlich durch das feste Behalten entschädigt. Viele psychologische Experimente in der Neuzeit fiihrten zu dem Ergebnis, daß bei demschnell Lernenden außerordentlich schnell das Vergessen eintritt. In gewissem Grade ist eine Wechselbeziehung und ein Abhängigkeitsverhältnis diesen beiden Arten nicht abzusprechen, da in der Regel das leichte Auffassen ans das leichte Vergessen, und das schwere Aufsassen aus das schwere Vergessen bestimmenden Einfluß hat. Mit den geistigen Errungenschaften verhält es sich genau wie mit der Aneignung und Erhaltung irdischer Güter. Es ist eine Tatsache der Erfahrung, daß das leicht erworbene Vermögen ebenso leicht wieder verloren geht, was volkstümlich in dem Sprichwort: „Wie gewonnen, so zerronnen", den entsprechenden Ausdruck findet. Äehnlich hat die Psychologie den Satz geprägt: „Wer leicht lernt, vergißt leicht!" Ter Mangel an Anstrengung läßt das Gelernte nur an der Oberfläche haften, es hat keine feste Wurzel gefaßt nnd verdorrt bald. Wer aber durch unausgesetzte Tätigkeit, durch Mühe nnd Ausdauer, den Wissensschatz sich aneignet, dem bleibt er dauernd im Bewußtsein als unverlierbares Eigentum. Darum lehren unsere Weisen: 'V2 K7tf nm'pnv nrinn pK ns» n'ty n'BDtp Man gelangt nur durch den äußersten Aufwand aller geistigen Kräfte bis zur Erschöpfung zum dauernden Besitz der Thora. Wenn von Rabbi Elieser Sohn Hyrkans rühmend gesagt wurde, daß er eine verkalkte Zisterne war, die keinen Tropfen verliert, so galt die Anerkennung nicht der natürlichen Anlage, dem glücklichen Gedächtnis,. da eine zufällige Gäbe der Natur weder Lob noch Tadel verdient, sondern der mühevollen, anstrengenden und hingebungsvollen Tätigkeit, womit er alle überlieferten Lehren in den Geist ausgenommen hat. Seinen Bienenfleiß schilderte er selbst vor seinem Tode mit den Worten: „Meine beiden Arme gleichen zwei Thorarollen, welche das ganze Wissensgebiet umfassen, viel Thora habe ich gelernt und gelehrt. (Sanchedrin 68.) „Tie Zweige der Tugend und Bildung sprossen aus Schweiß und Mühe." (Plato.) (Schluß folgt.) Mi» Am

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