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Der Israelit · 1911-05-11 · Heft 19 (11.5.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 19 (11.5.1911)
Date
1911-05-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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»pUI VjUW l ♦ euilleton m.n Ciab. süstorischer Roman von Sara Gugenheimer. (Fortsetzung.) Liah nickte zustimmend. „Ja, das ist wahr, das war gut, dafür muß ich Gott danken. Und euch bin ich so vielen Tank schuldig, Frau Schmidin, daß Ihr mich hereingenommen HM in euer Haus und so gut zu mir seid. — Ich habe nicht weiter können. Wenn ich draußen liegen geblieben wäre und die bösen Menschen mich gefunden hätten, das wäre noch schrecklicher gewesen. Aber besser wäre es doch gewesen, wenn ich bis in den Wald hätte laufen können, dann hätten mich die bösen Tiere vielleicht schon totgebissen und ich wäre schon mit dem Vetter beim lieben Gott. Liebe gute Frau Schmidin, wenn Ihr mir vielleicht helfen wolltet — es ist doch gar nicht mehr weit bis zum Wald, wenn Ihr mir helfen wolltet, könnte ich gewiß jetzt schon dorthin — ich wäre euch so dankbar?' „Aber Kind, Liah, wer wird denn solchen Unsinn reden, die wilden Tiere in unserem Wald, die beißen die Menschen nicht." „Nicht? Ich Habs geglaubt. Die alte Miriam hat immer gesagt, wenn Kinder in den Wald gehen, dann kommen gleich die wilden Tiere und beißen sie, und gleich siird sie tot. Und der Schmul hat das auch gesagt." Die Schmidin schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr, das haben die Leute nur gesagt, damit Ihr Kinder euch fürchten und nicht in den Wald gehen sollt. Und da haben sie auch ganz recht gehabt, denn, ich Habs dir doch gesagt, mein armer Bub ist in den Wald gelaufen und der Graf Stafsord hat einen Eber schießen wollen und hat statt dessen mein Kind geschossen — und gleich war es tot. Und den Grafen hat das gar nicht gekümmert, es war ^ja nur ein armer Bub." Tränen entstürzten ihren Augen, Liah weinte mit ihr. „Ja, ich weiß, die wilden Tiere sind nicht so böse wie die bösen Menschen. Aber was fange ich nun an? Wo soll ich hin? Ich bin so ganz allein!" „Nicht, Kind, nicht Liah, du bist doch nicht allein, du bist doch bei mir." „Ja, für diese Nacht bin ich bei euch — Ihr seid so gut — aber ich kann doch nicht bei euch bleiben." „Warum nicht, Kind? Diu meinst weil ich keine Jüdin bin? Aber das macht doch nichts, ich habe die Juden immer gern gehabt und dich und deinen Vetter am meisten, weil Ihr meinen Dicki auch gern gehabt habt und weil du, immer, wenn ich ihn mitgebracht habe, mit ihm gespielt -hast. Ach, wie war das so schön gewesen und wie hat Dicki sich gefreut, als Pu ihm eure Laubhütte gezeigt haß. —" „Ja, euer Dicki war ein lieber Junge, ich habe ihn sehr lieb gehabt und es> tut mir sehr, sehr leid, daß der Graf nicht lieber mich totgeschossen hat, dann wäre er noch bei euch." Die Schmidin atmete schwer auf, sie mochte dasselbe denken, aber sie sagte es nicht, sie sagte: „Nicht Kind, nicht Liah, so darf man nicht reden. Denkst du den nicht daran, daß dem Vetter inmrer gesagt hat: was Gott tut, das ist wohlgetan? — Denkst Du das nicht?" ' „Gewiß denke ich daran, das hat er doch so oft gesagt. — Aber wenn ich nur wüßte, was ich anfangen soll — ganz allein —" „Aber Kind, ich sage dir doch, du bist nicht allein, denn du bist bei mir. Und mir scheint, unser Herrgott hat dich mit Absicht zu mir hergeführt, denn vorgestern als sie meinen Dicki ins Grab gelegt haben, da habe ich auch in einem fort geschrien, ich bin ganz allein, das halte ich nicht aus. Dia haben die Nachbarinnen zu mir gesagt, ich müsse eines von den Kindern meiner Schrvester zu mir nehmen. Und das habe ich auch wollen. Und nun mit einemmal schickt unser guter Gott dich zu mir, die ich schon immer gern gehabt habe, weil du immer so lieb und so gut zu meinem Dicki gewesen bist. Und darum mußt du bei mir bleiben, immer. — Ich werde dich liebhaben, wie dein Vetter dich lieb gehabt hat, und du wirst mir helfen wie Dicki mir geholfen hat, du wirst den Leuten die Fische ins Haus tragen —" Liah schüttelte den Kopf. „Aber nein, Frau Schmidin, das geht nicht, die Leute hier kennen mich doch. Jetzt glauben sie gewiß, daß ich tot bin wie alle anderen, aber wenn ich zu ihnen komme, wenn sie mich sehen werden. —" „Du hast recht, Kind, so glatt geht das nicht, aber warte nur, mir fällt schon ein, wie wirs machen werden. Du bist doch grade so groß wie mein Dicki gewesen ist, da werde ich dir morgen seine Kleider geben, die wirst im anziehen und dann werde ich dir das Haar stutzen, so wie ich es Dicki immer gestutzt habe, dann kannst du hingehen, wohin du willst, kein Mensch wird dich erkennen; und den Leuten werde ich sagen, daß du ein Bub von meinem Geschwisterkind in Xdorf bist. Gelt Liah? so wirds gehen und du imrft intimer bei mir bleiben, da bist du nicht allein und ich auch nicht." Liah atmete schwer auf. „Ihr seid so gut, darum möchte ich wohl bei euch bleiben, aber Frau Schmidin, ich werde nie etwas tun, was der liebe Gott uns Inden verboten hat, und darum — ich kann doch nicht bei euch essen—" „Warum nicht? Ich weiß auch, was die Juden essen dürfen und was nicht, aber Schweinernes kommt das ganze Jahr nicht in mein Haus und überhaupt kein Fleisch außer zuweilen an Ostern und an Weihnachten, und da muß es auch nicht sein, — denn warum? — Fische, die haben wir umsonst, aber das Fleisch müßten wir kaufen. — Alsdann abgemacht, Kind? Du bleibst bei mir, nicht? — Ich werde dich Dicki rufen und du wirst Muhme zu mir sagen." Liah erwiderte nichts, die Augen waren ihr zugefallen. Sie schlief nicht, aber sie war vollständig erschöpft, fühlte sich unfähig sich zu bewegen oder auch nur ein Wort zu reden. Tie mildherzige Frau an ifyxem Bette glaubte, sie wäre eingeschlafen, freundlich blickte sie auf sie nieder, machte dann ein Kreuz über die scheinbar Schlafende und zog sich dann auf ihre eigene Lagerstätte zurück und bald verrieten ihre gleichen regelmäßigen Atemzüge, daß sie schlief. Liah lag jedoch noch lange schlaflos, unablässig sinnend und erwägend, ob sie den'Vorschlag der sreundilchen Frau annehmen dürfe, ob sie bei ihr bleiben dürfe oder nicht? — Aber wohin sonst? Cs war schon heller Dag als der Schlaf sie endlich übermannte und als sie nach einigen Stunden die Augen wieder aufschllug, stand die Sonne schon hoch am Himmel und die Schmidin stand mit der Schere und den .Neidern ihres Dicki an ihrem Bette und blickte freundlich zu ihr nieder? Liah bemühet sich, der Aufforderung her Frau, flch ein Weilchen aufzurichten, zu entsprechen, aber es ward ihr überaus schwer. Mitleidig half ihr die Schmidin sich aufrecht zu halten, und beeilte sich, die Haare zu kürzet um den lieblichen Mädchenkopf dem eines Knaben ähnlicher zu machen. „So" sagte sie „nun kann kommen, wer da will, keiner wird dich für ein Mädchen halten, namentlich wenn man die Knabenkleider da vor deinem Pette wird liegen sehen. — Witt mir scheint, heute wirst du sie gar nicht anzuziehen brauchen, heute bist du viel zu schwach, um aufzustehen. Jetzt werde ich gleich die Ziegen melken, dann bringe ich dir ein Glas frische Milch, die wird dir gut tun." „Ihr seid so gut" flüsterte Liah, „so sehr, sehr gut — ich bin euch so vielen Dank schuldig." „Das kannst du gar nicht wissen", scherzte die Frau, „vielleicht will ich nur, daß du Milch trinkst, damit du bald kräftiger wirst und für mich arbeiten kannst." „Heute könnte ich doch nicht arbeiten!," ver> setzte Liah mit leisem Lächeln, „heute haben wir Sabbath." „Sabbath? — Ach du meine Güte? Daran hätte ich heute nicht gedacht." „Ich hätte auch beinahe daran vergessen, aber liebe Frau Schmidin —" „Muhme mußt du zu mir sagen, merk dir das, und ich sage Dicki zu dir." „Ja, ich weiß, ich werds mir merken. — Liebe Muhme, Ihr seid so gut und darum möchte ich euch sehr bitten, wenn Ihr vielleicht noch Milch von gestern habt, die würde ich gern rinken, aber Milch, die am Sabbath gemelkr worden ist, die dürfen wir am Sabbath nicht trinken." „Nicht? Das habe ich nicht gewußt. Aber gewiß kannst du Milch von gestern haben, so viel du willst, ich habe sie zurück gestellt, um Käse davon zu machen, aber das hat Zeit bis ein anderes mal. Warte Kind, gleich bring? ich dir." Sie eilte hinaus und kam schon nach wenigen Minuten mit einem Becher Ziegenmilch, .zurück. Sie half Liah aufsetzen, stützte sie während sie saß und hielt ihr den Becher vor dem Munde und hatte ihre Freude, daß das Kind mit sicht lichem Behagen den Becher leerte. Sorgsam ließ sie das müde Kind wieder niedergleiten in die Kissen, breitete eine warme Decke über das Bett, denn es war kühles Wetter, und dann machte sie sich an ihre Arbeit. Sie ging ab und zu, es verging jedoch Feilt.1 Viertelstunde, in der sie sich nicht, wenn auch nur auf eine Minute, zu Liah ans Bett fetzte, ihr die blassen Wangen streichelte und Kose oder Trostesworte zu ihr sprach. Denn die mild herzige Frau empfand die Anwesenheit des fvem den Kindes, das mit ihrem verstorbenen Liebling gespielt und ihm so oft Freuden bereitet hatte, keineswegs als Belästigung, sie fand im Gegenteil in Lias Gegenwart eine Art von Trost, eine Art von Ersatz und während sie sie Pflegte, war es ihr oft, als Pflege sie ihren Dicki. Liah fühlte sich sehr, sehr matt, selbst das Sprechen ward ihr schwer. Dennoch zwang sie sich, die freundlichen Worte ihrer Pflegerin stets mit ähnlichen Worten zu beantworten, vder de mit, daß sie ihre Hand streichelte oder dieselbe an ihre Lippen zog. Tjas hatte die an der gleichen nicht gewöhnte Frau wiederholt zu Tränen gerührt und hatte ihr ihren Pflegling bereits teuer gemacht. (Fortsetzung folgt.)

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