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Der Israelit · 1911-05-11 · Heft 19 (11.5.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 19 (11.5.1911)
Date
1911-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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it a»*t mt 1txt &mtit fertigte zahlreichen chefs d’oeuvre der Kunst und Literatur einen europäischen Maßstab, einen Maßstab unparteiischer, streng objektiver, sachverständiger Kritik anlegt, wie es Herr David Frischmann — unbedingt der hervorragendste, wenn nicht gar der einzige, wirklich talentvolle, vielseitig-gebildete, mit geklärtem literarischem Geschmack, wenn auch seiner Richtung nach mehr den Modernisten angehörend — so oft zu tun die Unvorsichtigkeit hat, dann nehmen sich all diese genialen Schöpfungen der jargontstischen Dichter und Denker von Gottes Gnaden recht kläglich aus. Weiler als zu plumpen Nachbildungen extremster Produkte der Modernisten, welche sie an unverschämter Nacktheit und brutaler Extravaganz noch überbieten, haben sie es nicht gebracht. Noch weit kläglicher würden sich diese national-jüdisch seinsollenden Kunst- und Literatur-Schöpsungen ausnehmen, wenn man die Frage aufwerfen wollte, was doch eigentlich Jüdisch-Nationales in diesen, meist rohen, entsittlichenden Machwerken, welche alle wahrhaft jüdischen Tugenden und Ideale, Prinzipien und Lehren so oft cynisch verhöhnen und in den Staub herabzerren, zu finden sei, außer den jüdischen Namen und der zufälligen jüdischen Dekoration, welche übrigens in schreiender Disharmonie stehen zu Inhalt und Form. Aber das Alles hat nichts zu sagen. Genug, daß die urteilsunfähige, ungebildete bundistische Jugend und ein Teil der jüdischen Intelligenz, welche mit dieser letzteren, wohlfeiler Popularität halber liebäugelt, die Genialität der jargonistischen Dichter und Denker anerkennen und die Bortrefflichkett ihrer Leistungen bis zum Himmel erheben. Ueber dieses an fich lächerliche, eitle Spiel mit jargonisch - nationaler Kunst und Literatur und mit den Worten Talent und Genie, könnten wir uns als über eine krankhafte, hoffentlich bald vorübergehende Verirrung getrost hinwegsetzen, wenn es nicht die Lebensintereffen des Judentums mit ernsten Gefahren bedrohte, ja ihnen positive, sehr empfindliche und nachwirkende Schäden zusügen würde. In erster Linie fördert diese jargonistische Literatur ein tief zersetzendes Gift zu Tage, das nur dazu angetan ist, das natürliche, gesunde, ästhetische Empfinden des noch unverdorbenen Lesers abzustumpfen, sein sittliches Schamgefühl, diese Schutzmauer der Moralität zu atrophieren und seine religiöse Gesinnung systematisch zu untergrabenem so dem krassesten Nihilismus Tür und Tor zu öffnen. Die jargonistische Bewegung hat auch nach einer ganz anderen Seite, nach einer politischsozialen, eine unabsehbar schädliche Wirkung. Sie verschlimmert unsere Stellung zu Staat und Gesellschaft, Land und Leuten. Und diese Seite ihrer verhängnisvollen Wirkung möchte ich, ihrer außerordentlichen Wichtigkeit wegen, eingehender erörtern. Jenes fluchwürdige Spiel mit Nationalität und nationaler Kultur hat sich schon als eine gar zu ernste Gefahr erwiesen und bereits gar zu schädliche Früchte gezeitigt. Es tut daher not auf dieselbe einzugehen. Jedoch vor allem, zum besseren Verständnis der in Rede stehenden Frage, einige Worte über den Jargon selbst und das Bestreben, durch seine weitere Entwicklung ihn zur nationalen Sprache der Millionen russischer und polnischer Juden — denn nur von diesen ist hier die Rede — zu proklamieren. (Schluß folgt ) Korrespondenzen und Machrichten. lentr^M MeUH. GeneralDerfammluna öes Vereins ,6sra“ Stettin, 25. April. Am 23. dieses Mts. hielt der Verein Esra unter starker Beteiligung seine Generalversammlug ab. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit einem warmen Nachruf für die verstorbenen Mitglieder. Er gedachte in erster Reihe des Di*. Hirsch Hildesheimer yaw, dessen große Verdienste um das Judentum im Allgemeinen und den Verein „Esra" im Besonderen er eingehend würdigte, ferner erwähnte er des verstorbenen Herrn Eduard Cohen in Frankfurt a. M., der dem Verein „Esra" Jk 2000 hinterlaffen hat. Herrn Dr. Paul Scho ttländer wird für eine Zuwendung von JC 3000 der Dank des Vereins ausgesprochen. Hierauf berichtet der Borfitzeude über die Tätigkeit deS Vereins im verflossenen Jahre. Unter Hinweis auf den gedruckt vorliegenden kurzen Bericht teilt er mit, daß das Central- Comtte zur Ansiedelung von 12 Arbeitern in Kr. IS. Seite 5 Kaft-Saba der Anglo Palästine Comp. Frs. 22000.— überwiesen hat. Die noch vorhandenen Schwierigkeiten die Bauerlaubnis betreffend dürften binnen Kurzem behoben sein. Ferner gedenkt der Verein „Esra" die Kolonie Chedereh mit 20 jüdischen Arbeitern zu versehen. Auch sollen die Gesundhettsverhältniffe in dieser großen Kolonie durch den Bau eines Arzthauses und Anlegung einer Wasserleitung weiter verbessert werden. Das ganze Unternehmen dürfte eine Ausgabe von 60000 Frs. beanspruchen. Der Borsitzende richtet daher einen warmen Appell an die Anwesenden, das Ihrige zur Stärkung des Vereins „Esra" und Vermehrung seiner Mitglieder beizutragen. Im Anschluß daran erstattet Sanitätsrat Dr. D. Ca spart, welcher eben in Palästina eweilt nnd die Kolonie Chedereh eingehend esichtigt hat, einen kurzen Bericht über die Verhältnisse dieser Colonie. Chedereh ist ein herrlicher jüdischer Besitz, über 14000 Morgen groß und so schön, daß jeder Europäer daselbst mit Vergnügen wohnen würde. Der Boden ist überaus fruchtbar und könnten bet rationeller Bewirtschaftung viele Hunderte jüdischer Familien auf demselben in Frieden und Ruhe ihre Existenz finden. Herr I. H. Wagner erstattet als Reviser den Bericht über den Kassenbestand des Vereins und wird auf seinen Antrag dem Schatzmeister, Herrn Consul Julius Frieoemann, Decharge erteilt. In den darauf statt find enden Wahlen des Central-Comites wird Herr Consul Julius Friedemann als Schatzmeister per Akklamation wieder gewählt. Die ausscheidenden Mitglieder des Central- Comites, die Herren: Dr. D. Ca spart, Berthold Israel, Willibald Löwenthal, Professor Dr. Mittwoch, Professor Dr. Marburg, sowie die beiden Revisoren, Herr M. Apolant und I. H. Wagner, werden per Akklamation wieder gewählt. An Stelle des sel. Dr. Hirsch Hildesheimer wird Herr Dr. Eduard Btberfeld auf ein Jahr in das Central-Comite gewählt. ösuensckie Difftöenfen. A. München, 11. Mat. Mit einer Frage, die wegen der weittragenden Konsequenzen grundlegende Bedeutung haben kann, hatte fich der Kgl. bayerische Berwaltungsgerichtshof am 26. April d. I. zu befassen. Der Sachverhalt, über welchen die „Augsb. Abendzeitg." in ihrer Nr. 116 ausführlich berichtet, ist folgender: «Gebäude wäre nicht in so unerhörter Meise entweiht worden. Tn man nur allzusehr berechtigten Grund hat, daß. das von Görlitz und Bingen gegebene unrühmliche Beispiel Nachahmung finden könnte, sollte man an die jüdischen Gemeinden Deutschlands die dringende Warnung richten, einen solchen Chillul nicht weiterzuverbreitcn. Sonst gibt man dem nie müden Aut semitismus nur weiter neue Handhaben das Gesa m t j u d e n t u m für die Mißgriffe einzelner Gemeindevorsteher verantwortlich zu machen irnd zu befehden. Und das mutz unter allen Umständen verhütet tvlerden. —h— (Sendet Ablösungstelegram me!) Znm nahen Lag-Boomer. Wieder naht Lag-Boonrer heran und mit ihm die Zeit vieler jüdischer Hochzeiten in allen Landen der jüdischen Diaspora. Da ist es wohl am .Platze, voir neuem an die längst betonte und immer noch zu viel vernachlässigte Einrichtung der sogenannten „Ablösungstelegramme" zu erinnern. Es wurde in diesen Blättern schon oft darauf hingewiesen, datz nach angestellten Berechnungen die. deutschen Juden zwischen 200 000 und 230 000 Mk. jährlich für Hochzeitstelcgramme opfern. Was könnte alles mit dem Gelde geleistet werden! Große jüdische Organisationen, Thoralehranftalten, die Armen des heiligen Landes befinden sich in großer Rot, und aus der andern Seite wirft man Hunderttausende zwecklos bezw. gedankenlos weg. Soviel könnte doch jedweder begreifen, datz es einem denkenden Menschen heutzutage nicht mehr imponiert, wenn ihm nach der Hochzeit grotzhansig erzählt wird: So- und soviel Depeschen sind eingelaufen! Soll das die „Berühmtheit" des X. und A. beweisen? Ter simpelste Torstude |nt entlegenen Nest empfängt heutzutage auch Depeschen zur Hochzeit. Mit der Renommage ists also nichts. Und wie siehts mit der Sache selbst aus? Man kann sagen: 00 Proz. sind bestellte Ware oder auch „Geschästsdepeschen", 25 Proz. der Gewohnheit oder „konventionellem Zwang" zuzuschreiben und vielleicht 25 Proz. oder ttocfy weniger herzlich und aufrichtig gemeint. Sicher aber sind 75 Prozent gleichlautend und oft langweilend. Datz gegen Ende der Feier gar manche Telegramme überhaupt nicht mehr vorgelesen werden, gehört zur Tagesordnung. Ta lobe ich mir jenen Bekannten, der zur Trauung seiner Tochter recht viele Einladungen ergehen ließ, die aber sämtlich den Vermerk trugen: Telegramme durch die Post dankend abgelehnt. Ablösungstclegramme erwünscht! Ter Erfolg war ein schöner. Vor dem Brautpaare lag ein Stoß Depeschen, in denen viele für wenig Geld (5 Briefmarken!) ihrer Dichtkunst und schriftstellerischen Anlage Luft machen konnten, besser als auf der Post, aber auch Hunderte von Briefmarken, die ein nettes Sümmchen für Arme und wohltätige Zwecke abwarfen. Das ist jüdisch! Das war jüdischer „Seichel". Würden von ihm sich Tausende leiten lassen, in wenigen Jahren wären auf unauffällige Art und ohne besondere Opfer Millionen der jüdischen Wohltätigkeit gewonnen. Angesichts dieses erhabenen Zweckes sollten allenthalben Männer von Einfluß in ihrem Kreise das Äugenmerk auf beregte Sache richten. Fehlt es doch in den' meisten Fällen gerade an dieser persönlichen Anregung und Initiative. Ter geschriebene und gedruckte Buchstabe erreicht hier das Ziel nicht, wie so oft. Möchten darum am kommenden Lag-Boomer recht viele von der Einrichtung der sogenannten „Ablösungstelegramme" Gebrallch machen in dem Bewußtsein, damit ganz mühelos, ja oft sogar mit einer pekuniären Ersparnis dem jüdischen Gemeinwohl gehjent zu.hahcjj. M. (Chirurgen im alten Babylon.) Französische Forscher haben kürzlich bei den Ausgrabungen in Babylon eine sehr interessante Entdeckung gemacht. Tie Arbeiter haben nämlich Steine ans Licht gefördert, deren Inschriften ungefähr 3000 Jahre alt sind und bemerkenswerte Aufschlüsse über .die Verütungen geben, welche zu jener Zeit die Aerzte, insesondere die Chirurgen, erhielten. Die .Preise, die anscheinend von der Regierung festgesetzt worden waren, müssen recht mäßig genannt werden. So wurde z. B. eine Operation .„mit dem Messer" mit 12 Schekel Silber bewertet. Diese Münze ist aus der Bibel bekannt, und 12 Schekel betragen 12 Mark. Selbst wenn man den Wert des Geldes von damals in Betracht zieht, ist das keine hohe Bezahlung. Das Einrichten eines gebrochenen Beines kostete 6,80 Mk. Für das Ziehen eines Zahnes wurden 4 Silberschekel festgesetzt. Auf denselben Steinen ist zugleich eine Berfügung zu lesen, die uns heute sehr humoristisch berührt. Ter König hat nämlich im Anschluß an die Preisliste die Bestimmung getroffen, daß die Chirurgen nur für das Gelingen einer Operation bezahlt werden sollten. Gelang ihnen dagegen die Operation nicht, dann erhielten sie nicht nur keine Vergütung, sondern sie sollten sogar »roch bestraft werden. Wenn der Patient an der Operation starb, dann mußte hach der Regierungsverfügung der arme Operateur mit dem Verlust beider Hände bestraft werden, damit er nicht aufs neue in die Versuchung komme, andere Menschen durch feine schlechte Behandlung zum Tode zu befördern. Es sind auf. den Steinen noch eine Menge anderer Bestimmungen gefunden worden, die besagen, welche Medikamente die Aerzte benutzen dürfen, da anscheinend damals Apotheken noch nicht vorhanden gewesen sind.

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