Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1911)
- Date
- 1911-05-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 4 Ät. 19 s. ■; k. I m W' f? htnüberspinnen. Darüber entstand große Entrüstung, auch in den Kreisen, die anfLnulich Stellung gegen Brenner genommen hatten. Man Arach vom palästinensischem Fanatismus und der Berleumdunqssucht der Orthodoxen. Achad haam, der Tieferblickende, denkt darüber etwas ruhiger und er meint: „Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß, wenn die englische M i s s.i o n von den Ideen, die diese jiidische Jugend in Palästina heute beherrschen, Kenntnis bekäme, sie diese voller Freude begrüßen würde, und in ihnen, ungeachtet aller nationalen Freigeisterei, mit der sie heute noch verbunden sind, einen wesentlichen Schritt zu ihrem Ziele erblicken würde. Sie würde die religiöse Verneinung gern übersehen, wenn sie zur Tilgung der Vorurteile gegen die chrifllicheLegende führen sollte. Es sind praktische erfahrene Männer, die Herren der Mission, und sie wissen genau, daß die bloße religiöse Verneinung nie von langer Tauer ist, daß sri'cher oder später ein positiver Glaube in dieser oder jener Gestalt sich in der Menschen Herz festsetzt. Woran ihnen gelegen ist, das ist, daß die Verneinung des Christentums, wie sie das jüdische Volk durch das Martyrium der Jahrhunderte bekundet hat, einmal einer anderen und positiveren Auffassung Platz macht; damit, hoffen sie, würden die Juden für die neue Lehre gewonnen sein, und das Ziel wäre erreicht. Ganz besonders in Palästina könnte ihrer Ansicht nach die nationale Erkenntnis selbst als Mittel zu diesem Zwecke dienen. Man weiß, daß es der englischen Mission auf die verschiedenen Nuancen innerhalb des Christentums gar nicht so sehr ankommt, und daß^ sie allen christlichen Sekten die gleiche Duldsamkeit entgegenbringt. Hauptsache für sie ist, den Kernpunkt des Christentums, die Anerkennung des Erlösers, zum Siege zu bringen." Wir glauben nicht einmal, daß es heute irgendwie „weite Kreise" in Palästina sind, auf die diese erschütternde Charakterisierung durch den Berufensten zutrifftes ist.'vorläufig nur eine dünne Schicht von ü'vys, die in jener Freigeisterei der Leidenschaft schwelgt, und deren geistiger Einfluß durch eine bewußte, von altjüdischen Prinzipien getragene Erziehungsarbeit nicht sehr schwer zu bekämpfen sein dürste. Aber daß nur durch Erziehungsarbeit, nur durch die bewußte Pflege der mit den Elementen der modernen Kultur vermählten nun etwas erreicht werden kann, nicht aber durch Beschwörungsformeln, wie sie Achadhaam an die Geister, die er rief, verzweifelnd richtet, das ist nicht zu bestreiten. R Das forgotKjiKtetttuitt. II. Es ist mithin ein gänzliches Verkennen der eigenartigen. Natur des nationalen Wesens des Judentums, wenn die heutigen jüdischen Nationalisten verschiedener Richtung für seine Erhaltung und Entwicklung die obenerwähnten Ve- Pietätlosigkeit nur zu geeignet, die judenfeindlichen Blätter zu verallgemeinernden Betrachtungen herauszufordern. Gerade als wir mit der Abfassung dieses Artikels beschäftigt waren, kam uns folgender Artikel aus einem jüdischen Blatte zu Gesicht, dem wir leider einen noch viel schlimmereü Fall von Chillul zur Seite zu setzen haben. Tas genannte Blatt schreibt: „Görlitz. (Tas Schicksal einer alten Synagoge.) Kürzlich erschien im „Berl. Tagebl." folgendes Inserat: „In Görlitz, Verpachtung einer Kirche. Tie bisherige jiidische Synagoge, ca. 500 Quadratmeter Fläche nebst großen Emporen, ist billig zu verpachten. Tas Grundstück liegt direkt im Zentrum der Stadt am Obermarkt. Tie Räume sind ganz besonders für Ausstellungen von Waren, Kinos, Rollschuhbahn, Reitbahn, Automobil- Garage oder znm Fabrikations- und Lagerraum geeignet. Näh. b. Bes. A. Richter, Görlitz, Berliner Straße 34." Tara»» hatte ein anderes Berliner Blatt »lnter Angriffen auf den Vorstand * der Synagogengemeinde Görlitz folgende, nicht unzutreffende Bemerkung geknüpft: „Synagoge und Kientopp! Eine alte Synagoge kann abgerissen werden, aber einen Kino oder eine Rollschuhbahn daraus zu machen, ist pietätlos." Wir haben ims infolge dessen uw Aufklärung des Sachverhalts an den Vorstand der Snnagogengcmrmde Görlitz gewendet und von demselben folgende Antwort erhalterr: „Im Jahre 1858 baute unsere Gemeinde auf fremdem Grundstück, jetzt Besitzer H. A. Richter, eine Synagoge, mit der Verpflichtung, daß nach Ablauf der Mietszeit, resp. bei Aufgabe der Pacht, alle ausgeführten Baulichkeiten dem Verpächter verbleiben. Dies erfolgt nun pom 1. April d. Js. ab, da wir eine neue Um Det Israelit. 11 Mat 1911 dtngungen für unerläßlich erachten und in ihrer Beschaffung die Aufgaben des nationalen Juden erblicken. Während diese Nationalisten neuester Formatton gegen die Assimtlisation sich in Wehr setzen, welche sie oft in harmlosem und so begreiflichem Patriotismus der jüdischen Bürger wittern, merken sie selbst nicht, daß sie selbst und ihr ganzes quasi nationales Bestreben unter dem Banne der Assimilation stehen. Sie wiederholen nur die uralte assimilatorische Losung 'Ml WvZ)N MfiLVvD D'"3D, gegen welche schon der Prophet Ezechiel sein donnernde K)rm ly royn idi d’hö’ik ona iLM ^nn a1? gerichtet hat. Beruhte denn nicht etwa der politische Zionismus mit seiner ephemeren Charterdiplomatie und ganz besonders das so moderne, nach Fasson anderer Nationen zugeschnittene Nationaljudentum mit seiner hausbackenen quasi jüdisch-nationalen Kunst und Literatur, beruhen sie nicht etwa aus einem völligen Verkennen des uretgentlichen Wesens des Judentums? Jedoch können uns mit dem Zionismus die prophetischen Verheißungen der messianischen Rüakehr, wenn auch von ihm falsch gedeutet, kann das im Herzen eines jeden wahrhaft religiösen Juden tatsächlich pulsierende Sehnen nach Zion, kann uns schließlich die in mancher Beziehung günstige erzieherische Wirkung der zionistischen Bewegung halbwegs aussöhnen. Die gar zu einseitige Betonung des nationalen Elements im Judentum vonseiten der Apostel des modernen jüdischen Nationalismus können wir zwar keineswegs billigen, aber wir begreifen ihn als eine Reaktion gegenüber jenen Asstmtlanten, welche, Civität mit Nationalität verwechselnd, sich als Urgermanen, resp. als Urpolen geriren und um diese Illusion zu vervollständigen, sich selbst- oder ihre Kinder taufen taffen, oder gern in eine Mischehe treten. Was uns aber auch völlig unbegreiflich erscheint, ist wie man das ganze Wesen des Judentums aus den unglückseligen Jargon der polnischen uud russischen Juden reduzieren und in diesem elenden Kauderwelsche die Bedingung seiner Erhaltung und Entwicklung erblicken kann! Wie unglaublich es auch klingen möge, so geschieht es doch von einem beträchtlichen Teil der jüdischen Preffe, welche mit einer Entschiedenheit und einer Energie, die wohl einer besseren Sache würdig wären, nicht aufyören, tagtäglich darzutun, daß von der Pflege des Jargons als jüdischer Nationalsprache, die ganze Zukunft der russischen und polnischen Judenheit, ja fast des Judentums bedingt wäre, weil mit der Vernachlässigung des Jargons und mit der Aneignung der Landessprache die Juden ohne weiteres nach und nach sich assimilieren und in ihre Umgebung werden aufgehen müssen. Wie man doch wohl darauf kommen kann? Ganz einfach. Die Religion Israels ist für die aufgeklärten Herrn Jargonisten, die meist aus dem Lager des „Bundes" stch rekrutieren, dem die Priorität der Entdeckung eines Jargon- Judentums gehört — wie Religion überhaupt ein Anachronismus,ein überwundener Standpuntt. Der politische Zionismus erscheint ihnen als ein unerreichbares, aber auch kaum wünschenswertes Ziel, gleich dem „Judenstaate" der Territorialisten. Für die großen jüdischen Nationaltugenden, für die heiligen unv herrlichen nationalen Güter Israels: Sprache, Literatur, Geschichte, die erhabene Ideale im Leben haben sie, da sie alle mit der Religion im innigen, unzertrennlichen Zusammenhang stehen, eben deswegen weder Verständnis noch Sympathie. Wenn dem so ist, was bleibt ihnen denn am ganzen Judentum mehr übrig als bedrückende Ausnahmegesetze und — Jargon? Da aber Ausnahmsgesetze als Konservierungsmittel recht unbequem sind, so bleibt dann nur der Jargon, als die jüdische Nationalsprache, als einziges Nationalgut und auch Rettungsanker des Judentums übrig. Daher müsse er um jeden Preis erhalten und kultiviert und über Alles gehegt und gepflegt werden. Nun aber hat der Genius unseres Volkes vor dieser O'yty nöttf, die einen großen Bruchteil unserer Nation so sehr verunglimpft und entstellt, gewiffermaßen eine Scheu, ja Abscheu empfunden, um seine ergiebige schöpferische Kraft in ihr zu manifestieren. Bis vor Kurzem hatte der Jargon außer einigen Uebersetzungen religiöser Schriften und einigen wenigen „Matffe-büchlach" keine Literatur. Da der Jargon nun urplötzlich als „Das Einzige und das Alles" des Judentums erklärt wurde, so rnußte schleunigst in ihm eine Literatur und Kunst, wie auf Bestellung, geschaffen werden. Und so wurde es auch. Auf dem Horizonte des Jargons erschienen ganz unerwartet eine ganze Plejade von Journalisten und Publizisten-Dichtern und Kritikern, Romanisten und Dramaturgen, Humoristen und Satirikern und eine Jargonbühne wurde geschaffen mit einem ganzen Staat von Mimen. Natürlich sind diese alle bald als große Talente, ja als Genies von ihren Parteigängern proklamiert worden. In kurzer Frist hat sich bei dem Jargonjudentum ein „embarras de richesse" von erstklassigen Kandidaten auf wochenlangen festlichen Jubilea, die bei uns gegenwärtig so sehr an der Tagesordnung sind, eingestellt, welche in aller Eile ihm eine nationale Literatur, eine nationale Kunst geschaffen, um derentwillen es sich wohl lohnt, um die nationale Selbsterhaltung zu kämpfen und als heroische Märtyrer zu dulden. Freilich, wenn man diese fabrikmäßig ange- Synagoge gebaut haben, welche Dank dem lieben Gott am 7. März eingeweiht wird. Wir bedauern das Inserat, .dasheilte erst durch Ihre Sendung zu unserer Kenntnis gelangt, welches aber nun nach Zusage nicht wiederholt werden soll. Hochachtungsvoll Ter Vorstand. Em. Katz." — Ter gegenwärtige Vorstand ist demnach an dem gerügten Uebelstand schuldlos und er hat zu seiner Abschwächung getan, was er konnte. Mit der Abstellung der Insertion ist abrr die Profanierung des alten Synagogengebändes selbst nicht ans der Welt geschafft. Jedenfalls muß mau aus dem jetzigen bedauerlichen Vorkommnis die Lehre schöpfen, bei Abschluß etwaiger künftiger ähnlicher Mietsverträge in anderen Gemeinden solchen Eventualitäten vorznbeugen." Tie jüdische Gemeinde in Görlitz ist aber schon lange vorher von dcr jüdischen Synagogengemeinde in Bingen a. Rh. überflügelt worden. Bor, allerdings schon sehr langer Zeit, war die jüdische Gemeinde Bingen der Sitz einer Jeschiwä, an der hervorragende Männer und Leuchten des Judentums gelehrt hatten. Sehr häufig teilte die alte Gemeinde in» Mittelalter das Schicksal ihrer benachbarten Schwestergemeinden Mainz, Worms, Oppenheim, Kreuznach, Bacharach und Boppard. Man sollte nun meinen, daß in einer solchen alten Gemeinde, der Geist der Pietät und Würde auf lange Zeit hinaus nachwirke. Mio aber dieser Geist der Pietät in der heutigen Generation lebt, das kann nicht besser illtrstriert werden, als .durch die Tatsache, daß die frühere Synagoge in der Rheingasse die über 70 Jahre gottesdierrstlichen Zwecken diente, samt den nicht unbeträchtlichen Nebenbauten, als Mikwah, Beamtenwohnungen und Schullokal für 30 oder 35 Mark an .einen christlichen Unternehmer verkauft wurde, der alsbald ein Bergnügungsetablissement daraus »nachte. Und "gerade die alte Synagoge ist es, wo heute ein Tanzlokal, ein Konzert-» saal, eine Bierhalle, ein Kinematographentheater, nicht weniger als wie Tingeltangel und Kabarett den Zusammenkunftsort für Publikum Zweiten, dritten und weitern Ranges bildet. Sonntäglich soll es da etwas weniger als vornehm hergehen. Es ist an sich gleichgiltig, von welchem Gesichtspunkt aus man den jetzigen Verkehr in der ehen» a l i g e n Synagoge nach ästhetischen oder moralischen Gesichtspunkten einschätzt; ob es da etwas »vild und stürmisch oder etwas ruhiger und gesetzter hergeht und ob die jungen Techniker, die in Bingen studieren, dort n n r Bier trinken und n u r tanzen, oder was sonst noch. Es ist und bleibt eine Schande und Schmach, daß eine Gemeinde, die mit 'zu den wohlhabendsten am Rhein gehört, -eine Synagoge, auf eine derartige Weise entweihen läßt. Ob eine der dortigen christlichen Kirchen jemals bedingungslos für derartige oder ähnliche Zwecke verkauft würde? Es »st ganz überflüssig solche Fragen zu diskutieren. Wenn aber Gemeinden tvie Görlitz »»nd Bingen hunderttausende für eine neue Synagoge auszugeben imstande fiitb, so müssen sie auch in der Lage sein, ihre alten Gotteshäuser so lange in eigrier Hand behalten zu können, bis sich eine Gelegenheit findet, sie wiirdig zu verwenden. Warum konnten die Vorsteher dieser Gemeinden nicht etwa ein Mersheim für jüdische Beamten oder ein Refugium für erwerbsunfähige Beamtenwitweir errichten? In Bingen, wo die geographische Lage dazu ebenso geeignet gewesen wäre, wie auch der ganze Gebäuderomplex an sich schon, wären sicherlich von außen zu solchen Zwecken Gelder auszubringen gewesen uqd das atteKttvürdtge