Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1911)
- Date
- 1911-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448823--66541-2494708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11. Mat 1911 seminar in Scharen züströmt und die Jeschiboth verdorren läßt?! War denn der Weg, den die Entwicklung des Judentums in Deutschland vor etwa 100 Jahren einschlug, ein anderer? Und beweist nicht jeder Tag es, wie herrlich wett wirs dabei gebracht?! Aber Palästina ist das Land unserer Zukunft, unserer Hoffnung. Schon drohen den Reservoiren der Thora in den Jeschiboth Rußlands, Polens und Ungarns von außen und innen her schwere Gefahrenschon tönt auch von dorther die Klage, daß dem Lehrhause das Kind entflieht. Wer soll die Thora erhalten in Israel, wenn diese Stätten vereinsamen, und wenn auch in Palästina, ihrem Geburtslande und ibrer letzten Zuflucht, der Thora die Wurzeln abgeschnitten werden? Dürfen wir dem untätig zusehen und im Vertrauen auf das Prophetenwort, daß »die Worte Gottes nicht welchen werden aus Israels Munde für alle Ewigkeit" um die Erhaltung ihrer Stätten ohne Verteidigungsversuch resigniert dem Wunder überlaffen? Wir wollen wirklich nicht den Kampf. In mündlicher Unterredung haben wir der Leitung des Htlfsvereins bereits den Weg gezeigt, auf dem sie ihr Ziel, für den Orient die geeigneten Rabbiner heranzubtlden, zu erreichen vermag, ohne über Trümmer und Leichen zu schreiten. Es brauchte nur zur Vorbedingung der Aufnahme die unerläßliche Forderung gestellt zu werden, daß nur diejenigen zu den Vorlesungen zugelassen werden, die über eine abgeschlossene talmudische Ausbildung bereits verfügen und über deren Besitz sich durch ein Zeugnis (n*nin nn'n) anerkannter, talmudischer Autoritäten ausweisen können. Verlangt das Abendland von seinen Zöglingen bei der Aufnahme in ein Seminar den Nachweis einer abgeschlossenen höheren Schulbildung, so der Orient im gleichen Falle den gefesteten Besitz an Thorawissen. Der Vorschlag hat große Schwierigkeiten zu überwinden, aber er ist bei festem, gutem Willen durchführbar, und er ist der einzige, der die von uns im Vorstehenden skizzierten schweren Schäden vermeiden oder wenigstens auf ein Mindestmaß Herabdrücken läßt. Hoffen wir, daß unsere Darlegungen bei der Leitung des Hilfsvereins die gebührende Würdigung finden und, was uns wie ihr am Herzen liegt, dem Lande unserer Väter und unserer Zukunft schwere Erschütterungen erspart bleiben mögen! Der J-raettt Kvch«mt«§schcm. Der Sauberlehrling. Das Ereignis des Tages in der neuhebräische« Presse, bildet ein Artikel Achadhaams im letzten Hefte des nV^n, der sich gegen die bekannten Brennerschen Angriffe auf das Judentum richtet. Wir haben seinerzeit diese mit unerhörtem Zynismus unternommen Ausfälle gegen die jüdische Lehre zur Charakterisierung der jüdischen Umsturz- Presse in Palästina an dieser Stelle festgenagelt. Seitdem ist das Kapitel Brenner aus den Spalten der hebräischen Zeitungen nicht mehr gewichen. Wir waren nicht die einzigen, die von dem Himmelsstürmer hinweg auf einen Anderen und Größeren hinwiesen, auf Achadhaam, deffen Jdeengänge leicht als der natürliche Boden zu erkennen sind, auf dem Auswüchse solch empörender Art mit Notwendigkeit emporschießen mußten. Das will natürlich Achadhaam nicht wahr haben. Er will die Brennerschen Angriffe nicht als seiner eigenen Weisheit letzten Schluß anerkennen und sucht nun in seiner fein nüancierten und dialektisch meisterhaften Art seine Stellung zu diesem religiösen Nihilismus zu präzisieren. Darauf näher einzugehen, erübrigt sich für uns. Eingeweihten wird auch in diesem Artikel die Brücke, die von der philosophisch abgeklärten und in der Form höchst takt- und schonungsvollen m'BS des Achadhaam zu dem wilden antijüdischen Gebaren der junaen palästinensischen Schriftstellerschule direkt yinüberführt, deutlich genug gezeigt. Wenn Achadhaam den Glauben an Gott als an eine bloß historisch reale Kraft d. h. als subjektive Wirklichkeit eventualtter für genügend erachtet, um eine jüdischnationale Lebensauffaffung zu begründen, wenn er ferner dem Gefühlsjuden, deffen Glaubensbekenntnis lautete ttfinö 2«, dem überzeugten Juden des ''EKB vollberechtigt zur Seite stellt, wenn also die feste unerschütterliche Ueberzeugung von der Göttlichkeit der Thora als Grundlage für das Judentum ausscheidet und die ganze jüdische Lebensanschauung auf den schwanken Boden eines verschwommenen und immer mehr verblassenden Gefühls basiert wird, so darf es nicht verwundern, wenn ein Mann von dem Tempa- _«o. 19, «eite 8 ramente des Herrn Brenner, dem auch der letzte Rest von Liebe und Pietät zu den Heiligtümern seines Volkes abgeht, diesen Gedanken zu Ende denkt. Wenn er, die letzten Konsequenzen ziehend, zum Schluffe gelangt, daß auf jeden Fall auch noch eine andere aus der jüdischen Nation hervorgegangene Religionslehre den Glauben an die historisch doch nicht minder reale Kraft ihres Stifters für sich in Anspruch nehmen dürfe, und daß man daher als Nationaljude auch für diese Lehre „ein Gefühl der höchsten Verehrung" empfinden könne. Unter diesem Vorbehalt und ohne von unsrem Standpunkte abzuweichen, daß dieser Jdeengang, der heute den besonneneren Neuhebräern so sehr auf die Nerven fällt, nur als Ausfluß ihrer, der Neuhebräer, eigenen Anschauung und Auffassung' vom Judentum ist, dürfen wir doch einigen Auslaffungen Achadhaams eine weit über den Kernpunkt der Frage hinausgehende Bedeutung beimeffen, da sie ein Bild von der Verwüstungsarbeit jener in der Sonne der nationalen Reform großgezogenen jungen Stürmer im Lande unserer Väter entwerfen, wie dies in dieser anschaulichen konzentrierten Weise wohl noch nie geschehen ist. Achadhaam schreibt auf Seite 364 in Bezug auf die von der jungnationalen Bewegung in gewissen Kreisen Palästinas geschaffene geistige Atmosphäre: „ÄgentUch hätte der Aufwand an grausigen Worten, der Zynismus, mit dem man dort dem Judentum auf den Leib rückt, keine besondere Beachtung verdient, wenn nicht verschiedene Symptome darauf Hinweisen würden, daß es sich hier um ein in Palästina weit verbreitetes System handelt. Unreife Köpfe, die sich an Worten berauschen, kanten von der Diaspora dorthin und suchten dorthin die Phrasen zu verpflanzen, die ihnen in der Heimat geläufig waren. Sie wollen die kommende Generation in Palästina geistig becinfluffeu und sie nicht, nur frei von den Geboten der Thora heranziehen, sondern auch frei von allen Traditionen, die duxch Geschlechter das Volk Zusammenhalten. Und weigert sich jemand, an dieser „nationalen Arbeit" mitzutün, so holen sie aus dem Arsenal ihre Phrasen eine sichertötende Masse, der gegenüber niemand mehr standhalten kann: den großen Grundsatz der Toleranz und Redefreiheit. In Rußland pflegten in den wilden Jahren der Revolution solche Jünglinge die Synagoge zu erstürmen, und von der Kanzel des Rabbiners herab die jüdische Religion und ihre Einrichtungen zu. beschimpfen. In Palästina sind sie einen Schritt weiter gegangen: Nicht nur, daß mangewaltsam die positive Arbeit des Judentums mit roher Hand zerstört, nein, ein jeder muß bei dieser Zerstörungsarbeit gutwillig mittun, wenn er nicht anders in den Verdacht kommen will, die Grundbegriffe der Toleranz zu verletzen und Anhänger der Inquisition zu sein. Es ist kamn glaublich, und doch ist es so" — — Es ist seinerzeit von gesetzestreuer Seite in Jerusalem auf die Fäden hingewiesen worden, die sich von dieser Art der „nationalen" Arbeit zu der Agitationsarbeit der Judenmission gegenkommen, namentlich von weiten des. Herrn Prof. Tr. Sndhof und seines Assistenten Herrn Dr. Neustädte:. Tje jüdische Gruppe ist jyum Teil in der ägyptischen Gruppe untergebracht, zun, großen Teil jedoch in einem besonderen Raum, der durch die Sabbatstube charakterisiert ist. ^Fortsetzung folgt.) vas Schicksal der alten Synagogen. Wer einmal durch die Gassen eines früher von Juden bewohnt gelvesenen Torfes, oder einer kleinen Ltadt durchwandert, in deren Mauern einst jüdisches Leben pulsiert hat, bis der Umschwung der sozialen Verhältnisse, die uralten Plätze jüdischen Gemeindelebens entvölkert?, stößt öfter auf .einen Bau, der die untrüglichen Zeichen seiner einstigen Bestimmung noch an sich trägt. An manchen solcher Bauten erblickt man noch das Tavidsschild, eine Inschrift mit hebräischen Buchstaben, oder die Ueberreste von Steintafeln, wie sie die Zehngebotetafeln in ihrer äußeren Form darstellen. Es bedarf nicht erst langen Nachsinnens, um in diesen (tzebänden ehemalige Synagogen zu Erkennen. Ihr Schicksalswandel erklärt sich von selber. Langsam oder auch rasch entvölkerte sich bas Dorf von feinen jüdischen Bewohnern, «ins vielen ebenfalls schon oft besprochenen Gründen. Tic kleine Gemeinschaft schmolz zusammen, das Minjan tvnrde immer knapper und reduzierte sich schließlich auf die hohen Festtage; endlich mußten die übriggebliebenen Juden der Nachbardörfer bald in diesem, bald in jenem Torfe gemeinsam sich zusammenfinden, um überhaupt noch einen öffentlichen Gottesdienst abhalten zu können, wobei die finanziellen Lasten immer schwerer für den Einzelnen wurden, bis schließlich der letzte der Tors- oder Kleinstadtjuden der Heimat den Rücken gelehrt hatte und dann die Gemeinde ausgelöst war. Damit war das Schicksal der Synagoge mitentschieden. Es liegt eine stille, einsame Tragik, wie eine stnminberedt- Resignation ans diesen von ihren Hüter!: verlassenen jüdischen Gotteshäusern. Wenn nicht in letzter Stunde, und, bevor der letzte der davonziehenden Juden mit pietätvollem Sinn ihrer Profanierung vorgebaut hat, dann dienen Jie schon nach kurzer Zeit als Ställe, Scheunen, Spritzenhäuser, Turnhallen, bestenfalls zu Schullokalen. Falls sie nur zu solchen Zwecken verwendet werden, haben sie denn doch noch ein besseres und würdigeres Los gefunden, als wenn sie erst noch Zwecken dienen müssen, die dem Geist, in dem sie einst errichtet worden sind, mehr als zuwiderlaufcn und wo man dann nur wünschen kann, sie wären besser von Grund aus abgerissen worden. Gewöhnlich liegt ein längeres Interregnum der Unbenutztheit zwischen der Schließung und einer anderwmtigen Nettbenutzung solcher Synagogen. ES scheint, als ob eine gewisse Scheu den letzten der die Türe für innncr abschlvß, davon abhalle, die ltzebetstätte, an der Vater und Mutter, die Großeltern, die Verlvandten und Nachbarn in ernsten und freudigen Stunden zusammengekvmmen waren, schutzlos fremden Händen zir überlassen. Tenn der,' der den Schlüssel zum letztenmal umdrehte, um nie wieder seinen Fuß dahineinzusetzen, mochte vielleicht ein Gefühl der Wehmut nicht unterdrückt haben, als er diese Stätte für immer verließ. Sobald aber kein schützendes Auge mehr über der Synagoge ruhte und vor mutnnlliger Zerstörung bewahrte, zerbrachen bald die Scheiben, der Zaun, der sie von der Straße trennte, stürzte bald um und rohe Hände zerstörten, was dauernden Angriffen nicht mehr zu korderstehen vermochte. Wer verkaufte schließlich den doch niemals. ganz wertlosen Bau? Wohin kam der Erlös dafür? Oder wer nahm die Synagoge unter seinen Schutz, wenn sie nicht veräußert werden konnte? Bishel haben diese Fragen offenbar niemals die volle Oeffentlichkeit beschäftigt, obzwar sie gerade in der tztegenwart eine aktuelle, jedenfalls mehr als theoretische Bedeutung gewonnen haben. Jedenfalls haben sich jüdische Zeitungen mit diesem Thema, das doch so viele von den kleineren in die größeren Ltädte ziehenden Juden beschäftigen und ernstlich interessieren müßte, nicht genügend mit dieser Materie besaßt. Auch juristisch sollte die oben altgeschnittenen Fragen beleuchtet werden, da zweifellos sich doch Landes- und Staatsgesetze mit diesem Objekt beschäs tigt haben: vielleicht auch mit Schntzverbindlichkeiten für die eingegangeneu Gemeinden. _ So beklagenswert nun schon an sich das Berschlvinden einer silbischen Tors- oder kleinen, einst bedeutend gewesenen Stadtgemeinden auch ist und, deutlicher als andere statistischen Arbeiten dartut, wie stark die deutsche Judenheit an kleinen Plätzen zusammenschmilzt, ohne durch das Einströmen in die Großstädte vermehrt zu werden, so erscheint das Schicksal solcher kleinen Synagogen auf Dörfern und zusannnenschrumpfenden Kleinstadtgemeinde,i noch immer nicht so bedauerlich, als die da, wo ein Neubau die bisherige Synagoge überflüssig macht.. WäS.aber dann außerdem noch die Mritif lwraussvrdert und nur allzusehr den schärfsten Tadel verdient, ist die wahllose Verwendung alter Synagogen in solchen jüdischen Gemeinden, die es sich hätten wohl leisten können, um den alten Bau vor der ärgsten Profanation zu schützen. Leider sind diese Fälle schon nicht mehr vereinzelt und mehr als irgend eine andere Art der